Seelsorgerliche Beratung beim Ringen um die sexuelle Orientierung

2016 04 Seel1

Fallbeispiel

Ein männlicher Klient meldet sich bei mir per E-Mail, zunächst ohne weitere
persönliche Angaben. Er bittet um ein Beratungsgespräch, weil er „Probleme
mit seiner sexuellen Orientierung“ habe. Näheres erfahre ich zunächst
nicht, ein Termin wird angesetzt.

fotolia©alexlmxIn der Begegnung lerne ich Andreas (Name und weitere Angaben geändert) kennen. Er stellt sich als 27-jähriger Student der Architektur vor und berichtet zuerst aus seiner Vergangenheit. Aufgewachsen als Einzelkind, spricht er von großem elterlichen Behütetsein. Seine Eltern sind seit zwei Jahren geschieden, stehen aber in gutem, freundschaftlichem Kontakt. Er lebt seit vier Jahren in einer eigenen Wohnung, die sozialen Kontakte sind eher gering, nur mit einigen Kommilitonen trifft er sich ab und zu abends. Die Schule hat er problemlos bewältigt, der Studienwunsch war recht bald klar. Hobbys sind Musizieren und der Glaube.

Andreas berichtet, dass er in einer evangelikal orientierten Umgebung aufgewachsen sei. Seine Eltern gehören ebenso wie er einer freikirchlichen Gemeinde mit starker Bibelzentrierung an. Er selbst gehe dort regelmäßig in den Gottesdienst, erlebe aber seit einiger Zeit, wie schwer er es mit den Gedanken habe, die dort verkündet werden. Besonders befeuert werde dieser innere Konflikt mit der von ihm bewusst seit zweieinhalb Jahren wahrgenommenen Zuneigung zu Männern. Er berichtet, sexuell gesehen sei er ein „Spätzünder“ gewesen, erste Kontakte zu Mädchen habe er erst als über Zwanzigjähriger gehabt, aber bald gespürt, dass er dabei keine Liebe geben könne.

Nachdem ihm klar geworden sei, dass er möglicherweise homosexuell ist, sei er in ein tiefes Loch gefallen. Aus der Kirche wisse er, dass es Sünde sei, schwul zu leben. Er empfinde eine große Schuld und habe auch schon nach Konversionstherapien und ähnlichen Verfahren recherchiert, die die sexuelle Orientierung verändern sollen.

Der Leidensdruck habe nun derart zugenommen, dass er sich Hilfe holen möchte. Er wisse nicht, was er eigentlich wolle. Er brauche dringend Unterstützung, weil er völlig verwirrt sei. Und es müsse jemanden zum Zuhören geben, der seine Situation versteht.

Daraufhin besprechen wir in der zweiten Sitzung zunächst die Möglichkeiten, die eine Beratung aufzeigen kann. Ich verweise darauf, dass ich reparative Therapien nicht anbiete, und artikuliere meine ernsthaften Zweifel und Befürchtungen vor Gefahren dieser Methodik. Ich unterstreiche, dass ich es ablehne, unter Zwang eine Homosexualität hin zu einer Heterosexualität zu bearbeiten. Viel eher formuliere ich meinen Anspruch auf eine ergebnisoffene Beratung, die in erster Linie den Sinn hat, durch Gedankenimpulse, Gespräche und Angebote eventuell als Wegweisung die momentane Unzufriedenheit zu lindern. Andreas willigt dieser Zielsetzung ein.

So nähern wir uns in der dritten Stunde der eigentlichen Thematik. Mein Klient berichtet, welche Botschaften in seiner Gemeinde zur Homosexualität ausgesandt werden. Dabei tauchen immer wieder ein schlägige Verse aus der Hl. Schrift auf, die wir gemeinsam im Zusammenhang ganzer Kapitel lesen und daraufhin besprechen.

Im Mittelpunkt gesellschaftlicher Diskussion steht dabei stets Levitikus 18 und 20, angeblich wird hier der Beischlaf von Männern verurteilt. Betrachtet man die hebräischen Ursprungstexte genau, die ich mit Andreas durchgehe, scheint hier aber eher vom „Knaben“ gesprochen zu werden, der nicht neben einer Frau liegen soll, erkläre ich ihm. Ich erläutere die hebräischen Übersetzungen und wie es zur möglichen Diskrepanz der Transkriptionen kommt, die dazu führen, dass solche Passagen in der Argumentation kontra Homosexualität verwendet werden.

Wir befassen uns auch mit Genesis 19, der Erzählung von Sodom und Gomorrha, bei der wir etwas vom Vorwurf einer Vergewaltigung lesen, von einvernehmlichem Sex ist hier keine Rede, viel eher von Verführung und Sodomie, erarbeite ich mit meinem Klienten. Und wer gar auf 1. und 2. Samuel abzielt, findet viel eher Fürspra che für die Natürlichkeit einer Liebe unter Männern – zwischen David und „seinem“ Jonathan, bringe ich Andreas nahe, der beeindruckt scheint von der anderen Sicht weise der biblischen Texte. Und so bin ich froh, dass ihm die Aufklärung nach seinen eigenen Worten „sehr viel gebracht“ habe.

In drei Sitzungen nähern wir uns den Schriftstellen an und analysieren sie. Die Exegese erbringt Überraschendes für meinen Klienten. Er erkundigt sich, weshalb dann z. B. Kirchen wie seine die Bibel derart einseitig für ihre Zwecke nutzten. Wir debattieren über Machtansprüche, Historie und traditionelle Dogmen, ehe ich in der nächsten Stunde andere Bibelverse entgegen stelle, die ich Andreas für seine Überlegungen mitgeben möchte. Neben dem universellen Liebesgebot aus 1. Johannes 4,16, das keine Einschränkungen darüber macht, wer von Gott angenommen wird – homo- oder heterosexuell –, ist es auch der Abschnitt aus dem Schöpfungsbericht, in welchem Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf. „Es war gut“, so sagte er, und meinte damit auch Mann und Frau, „geschaffen nach seinem Bilde“, mit allen Eigenschaften. Einen größeren Beweis der Annahme könne es nicht geben, erläutere ich Andreas, der erstmals deutlich gelöster wirkt und sich die Bibelzeilen umgehend aufschreibt.

In der darauffolgenden Stunde nehmen wir uns der Frage an, ob Homosexualität überhaupt veränderbar ist. Andreas berichtet, dass er gelesen habe, wie ein Mann erst „hetero“ gewesen sei und plötzlich „schwul“ wurde. Wir diskutieren daraufhin einerseits über genetische Veranlagungen und biologische Prozessvorgänge, aber vor allem auch über psychische Faktoren. Dabei beschreibe ich meinem Klienten unter anderem das Erklärungsmuster von Sigmund Freud, aber auch meine persönliche Meinung.

Dass mir dabei meine eigene Homosexualität zugutekommt, von der Andreas zu diesem Zeitpunkt bereits weiß, macht sich an den Parallelen deutlich, die er später zwischen seiner und meiner Geschichte wiederfindet: Vor allem ein emotional eher schwacher Vater bei einer gleichzeitig stabilen Mutter fordert das Kind nicht selten zur inneren Übernahme der väterlichen Rolle auf, um das Fehlen von Sensibilität zu kompensieren. Oftmals dominiert das „Über-Ich“, dem das Kind zum Ausgleich ein verstärktes „Es“ entgegensetzt. Und nicht selten bleibt diese Funktion auch weit bis in das Erwachsenenalter hinein erhalten. Nicht umsonst werden schwule und lesbische Menschen gern als besonders feinfühlig wahrgenommen. Sie stellen das Pendant zum eher burschikos auftretenden weiblichen Gegenüber dar, was sich bei Andreas in verschiedener Weise bestätigt: Nicht nur die Mutter ist so, sondern auch seine erste Freundin, vor der er zurückgeschreckt sei, erzählt Andreas, könne man entsprechend beschreiben. Bei ihr habe er ganz besonders gespürt, dass er sich abgrenzen wolle. Ich erachte diese Feststellung als elementar, ist dieses Erklärungsmuster für meinen Klienten doch deshalb so wichtig, weil es verdeutlicht, dass es vollkommen „normal“ sein kann, auch als Mann eine gefühlsbetonte Persönlichkeit zu verkörpern.

Natürlich gebe es einige Berichte über sog. Konversionen, erzähle ich Andreas. Auch ich habe bereits Menschen getroffen, die von der Homosexualität in die Heterosexualität zurück „wechselten“. Dass dabei aber massive Einwirkungen auf Körper und Seele nötig sind und dauerhafte Folgen bestehen bleiben können, verschweige ich meinem Klienten nicht. Viel eher interessiert mich, welche konkreten Gründe ihn veranlassen, darüber nachzudenken, nicht mehr homosexuell sein zu wollen.

Neben den deutlichen Aussagen in der Gemeinde habe er bisher keine schlechten Erfahrungen gemacht. Seine Freunde wüssten, wie er denn so „liebe“. Und dann überrascht mich Andreas: Mit unseren Ausarbeitungen über die Bibel sei er zu seinen Eltern gegangen und habe ihnen erst dieser Tage offenbart, dass er schwul ist. Solch einen mutigen Schritt hatte ich ihm nicht zugetraut – und er beginnt plötzlich zu lachen. „Es war gar nicht schlimm. Die haben das schon vermutet. Und sie geben nicht viel darauf, was der Pastor sagt. Aber das, was wir besprochen haben, hat auch sie fasziniert“.

Ob solch eine Rückendeckung ihn nicht auch zum Zweifeln bringe, ob die Ängste vor der eigenen Homosexualität denn nötig sind, will ich noch wissen.

Andreas bestätigt, dass es eine kaum definierbare Furcht sei. Er habe keine Bedenken, diskriminiert oder ausgegrenzt zu werden. Viel eher sei es die Unsicherheit darüber, anders zu sein. Im Sinne eines kognitiven Ansatzes bringe ich ihm daraufhin Zahlen näher, wonach bis zu 10 % der Bevölkerung als homosexuell veranlagt wahrgenommen werden. Er wisse ja, sagt Andreas, dass es schon viele Schwule und Lesben gebe, aber warum er auch dazugehören müsse, verstehe er nicht. Wieder taucht die Frage an ihn auf, welche Nachteile das denn habe.

Mein Klient zögert. Kinder wollte er eigentlich nie haben – und man könne ja auch mit einem Mann glücklich werden. Vielleicht sehe man es ihm aber an? Und selbst wenn, so frage ich zurück. Er kenne das eben nur aus der Schule, da sei „Schwuchtel“ und „Homo“ immer ein Schimpfwort gewesen. Was das für Schulkollegen gewesen seien, die so etwas gesagt hätten. „Die waren schon echt unterbemittelt“, meint Andreas. Würde man darauf heute noch Acht geben, was sie sagen? Er schüttelt den Kopf. „Sie stellen so viele Fragen, da fällt irgendwie mein Kartenhaus gerade zusammen …“, beginnt er – und ich setze fort „… das du dir über Jahre deiner Sorgen so aufgebaut hast.“ „Ja, richtig“, sagt Andreas fast ein bisschen beschämt.

In der vorletzten Stunde geht es erneut um Selbstfindung. Ich habe ein großes Blatt in die Mitte des Raums gelegt.

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steht auf buntem Papier. Drumherum viele kleine Zettel, die noch unbeschrieben sind. Ich bitte Andreas, seine Assoziationen aufzuschreiben, die ihm einfallen, wenn er diesen Satz liest. Recht schnell wird ein Großteil der Zettel von ihm ausgefüllt.

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Schreibt mein Klient. Erneut hinterfrage ich, um welche Furcht es genau geht. Nochmals gebe ich ihm etwas kleinere Zettel, die er umgehend beschriftet. Und es tauchen gleich eine ganze Menge an Fragen auf:

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sind ausgewählte Beschriftungen. Nun bitte ich Andreas, sich nacheinander auf die Karten zu stellen. Zunächst ermutige ich ihn, für sich zu überprüfen, was gegen eine positive Antwort sprechen könnte. Bei der Angelegenheit einer Beziehung spricht für ihn nach eigenen Angaben vor allem seine unzureichende sexuelle Erfahrung dafür, dass er alleine bleiben wird. Ich fordere meinen Klienten auf, daraus einen Vorteil zu formulieren.

Es dauert einige Minuten. „Vielleicht gibt es andere, die auch noch unerfahren sind. Das würde sich dann ja gut ergänzen.“ In Bezug auf seine Eltern überlegt Andreas nicht so lange. Aus seiner Frage wird ein „Ich lasse noch nicht zu, ihr Wohlwollen an mich heranzulassen“. Letztlich ist es nur seine Kirchengemeinde, bei der ein ausgiebiges Schweigen zurückbleibt. Recht unerwartet antwortet Andreas mit einer Gegenfrage, die ihn wohl schon öfter umgetrieben hat: „Will ich eigentlich noch dazugehören?“ Wir lassen diese Anmerkungen zunächst stehen und ich will die Szene in der letzten Sitzung nochmals auflegen.

Doch das ist nicht nötig, denn er habe sich entschieden, dass er in seiner Gemeinde keinen Platz mehr für sich sehe, will Andreas mir zum Abschluss unserer Beratung ganz eilig mitteilen. Wohin es nun gehen könne, will ich im Resümee wissen. Es brauche noch Zeit, bis er sich endgültig eingestanden habe, dass er schwul sei. Doch er habe nun viel Rüstzeug aus unserem Coaching mitgenommen, mit dem er sich zutraue, diese Wirklichkeit für sich anzuerkennen. Ein Bedürfnis nach einer veränderten sexuellen Orientierung habe er nicht mehr. Lediglich fehlten ihm noch Ansatzpunkte, wie er mehr Kontakt zu anderen Homosexuellen bekommen könne.

Die Information zum Geleit meinerseits beinhaltet deshalb eine Adressenliste mit weitergehenden Beratungsstellen, aber vor allem auch zu entsprechenden Clubs, Lokalen und Selbsthilfegruppen für Schwule und Lesben, die auf Wunsch von Andreas nicht „szenelastig“ sein sollen. Bezüglich seiner Gemeinde rate ich ihm andere evangelische Kirchen und Seelsorger an, auch ein Netzwerk an Homosexuellen, die sich mit der Frage nach Schwulsein und religiösem Bekenntnis befassen. Und als Ansprechpartner biete ich mich Andreas auch weiterhin an, bis heute pflegen wir einen regelmäßigen Kontakt, ich habe ihn sogar schon auf einem Christopher Street Day getroffen …

Dennis RiehleDennis Riehle
Psychologischer Berater (VFP), Personal Coach, Seelsorge (BFU), Konstanz

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