Therapie-Notstand

2016 03 Therapie1

Landauf, landab wird zu Recht über den Pflegenotstand berichtet. Es sind aber nicht nur ältere Mitbürger und bettlägerige Patienten in Krankenhäusern von einem Notstand betroffen. Es gibt sehr viele Menschen, die einem so großen seelischen Leidensdruck ausgesetzt sind, dass sie verzweifelt einen qualifizierten Therapeuten suchen, der sie psychologisch oder psychotherapeutisch auf ihrem Leidensweg begleitet und ihnen hilft, auf neuen Pfaden in eine bessere Zukunft zu gehen.

fotolia©gpointstudioEs gibt vielfältige Gründe, warum heute immer mehr Menschen unter seelischem Druck, familiären Konflikten, Partnerschaftsproblemen und Stress leiden. Erschöpfungssyndrome und Depression sind zu Volkskrankheiten geworden und haben zahlenmäßig ein Ausmaß erreicht wie nie zuvor. Und immer weniger finden diejenigen, die so leiden, jemanden, mit dem sie über ihre Problematik sprechen und sich Rat holen können.

Gab es früher die Dreigenerationenfamilie und damit die Großeltern, auf deren Rat man vertrauen konnte, oder man hatte Geschwister und man konnte der älteren Schwester, dem älteren Bruder seine Sorgen, Probleme und seine Geheimnisse anvertrauen, so leben die Menschen heute vermehrt in Kleinfamilien oder in Alleinerzieherhaushalten.

Die alleinerziehende Person oszilliert in der Wahrnehmung des Kindes zwischen Freund oder Freundin und Vater oder Mutter. Das Kind erlebt die (hoffentlich) geliebte Person einerseits in der Hierarchie der traditionellen Familie, denn Erziehung muss sein. Und dazu gehört auch das Setzen von Grenzen.

Andererseits erlebt sich das Kind als Partner der erziehenden Person und kommuniziert mit ihr auf Augenhöhe. Im günstigsten Fall wird das Kind nur überfordert, im schlimmsten Fall wird das Kind parentifiziert, das heißt, das Kind hat die alleinerziehende Person so zu versorgen, als wäre es Vater oder Mutter.

Zwei dysfunktionale Beziehungen treten hier in einem fatalen Teufelskreis miteinander in Wechselwirkung und dynamisieren sich gegenseitig. Das Kind kann sich nie sicher sein, ob es nun in der Partnerrolle oder der des zu Erziehenden ist. Es entsteht ein hohes Maß an Unsicherheit sowohl in der Beziehung zu sich selbst als auch in der Beziehung zur Umwelt. Diese permanente Unsicherheit erschwert es dem Kind, seinen Platz in der Gesellschaft und damit auch sich selbst zu finden. Es hat nie richtig gelernt, angemessen mit Autoritäten umzugehen. Treten durch diese Belastungen Überforderung und Desorientierung ein, kommt es unweigerlich zu Kontaktschwierigkeiten im Umgang mit der altersgemäßen Umwelt und zu Misserfolgen in der Schule.

Ist es schon schwer genug für Erwachsene, an zwei Fronten zu kämpfen, so ist es für Kinder geradezu unmöglich und desaströs.

Diese Kinder treten dann bereits als Jugendliche und Heranwachsende als nicht funktionierende junge Erwachsene in eine Welt ein, die von Anfang an ihre volle Funktionsfähigkeit und volle Funktionstüchtigkeit erwartet und fordert. Aus belasteten Kindern und überforderten Jugendlichen und nicht voll entwickelten Heranwachsenden werden sie zu Auszubildenden, Studenten, Mitarbeitern und Beziehungspartnern, die ihre Ressourcen weder als Stärken noch als Schwächen in einem möglichst weiten Umfang austesten, erproben und erfahren konnten.

Persönliche Unsicherheit, mangelndes Selbstwertgefühl, wenig entwickelte und erprobte Kommunikationsfähigkeit zeichnen diese jungen Menschen dann aus. Schwierigkeiten in der weiteren persönlichen, sozialen und beruflichen Entwicklung sind somit vorgezeichnet. Wie hätten sie auch Widerstandsfähigkeit (Resilienz) und Durchsetzungsvermögen (Stamina) erlernen, erfahren und entwickeln können?

Auf der anderen Seite gibt es die Kinder, die als Einzelkind in einem (scheinbar) funktionalen Familiensystem groß werden oder groß geworden sind. Hier gibt es ähnliche Risiken, die aber meist als Kräfte im Hinterund Untergrund wirken. Im komplexen und vielschichtigen Beziehungsgeflecht eines Familiensystems nennt man diese Kräfte auch Undercurrents, also Strudel und Strömungen. Oft liegen alle Hoffnungen und Erwartungen der Familie auf diesem einzigen Kind. Vater und Mutter, womöglich auch noch die Großeltern, projizieren ihren ganzen Ehrgeiz auf das Kind und dieses hat all die Erwartungen zu erfüllen, die von außen an es herangetragen werden.

Die Fremdbestimmung wird zum dominierenden Faktor der Erziehung. Heteronomie statt Autonomie. Das Kind, der Jugendliche oder Heranwachsende wird gehätschelt und gepampert, aber nicht um seiner selbst willen, sondern hauptsächlich im Interesse und gemäß den Erwartungen der Eltern und Großeltern.

Die Kinder werden vom familieneigenen Shuttleservice von Verein zu Verein, von Kurs zu Kurs gefahren und es bleibt wenig Zeit, in der sie über sich selbst nachdenken und ihre Fantasien und Visionen für ihr eigenes Leben entwickeln können. Bleiben im öffentlichen Schulsystem die erwarteten Erfolge aus, werden Hilfe und Unterstützung im Bereich des privaten Schulsystems gesucht. Wenn nicht sogar von Anfang an das Kind auf eine private Schule geschickt oder gebracht wird, um ihm die Erfahrung eines Leistungsversagens zu ersparen.

Wie soll sich in einem solchen Umfeld Widerstandskraft, Durchsetzungsvermögen und persönliche Reife entwickeln können? Sicher ist es nicht die absolute Mehrheit der Kinder, Jugendlichen und Heranwachsenden, die ihren Entwicklungs-, Reifeund Menschwerdungsprozess auf diese Art und Weise hinter sich zu bringen haben. Es werden aber erkennbar immer mehr. Und somit treten immer mehr Menschen mit offensichtlichen Defiziten und dysfunktionalen Verhaltensweisen ins Erwachsenenleben, ins Berufsleben und in Partnerschaftsbeziehungen ein. Sie selbst sind sich ihrer Defizite oft nicht bewusst und treffen auf andere Menschen, die unter Umständen ebenfalls bewusst oder unbewusst unter ähnlichen Defiziten leiden.

So treffen zwei Individuen aufeinander, die sowohl in ihrer Beziehung zu sich selbst als auch in der Beziehung zu ihrer Umwelt nicht voll funktionsfähig sind. Die Konflikte, negative Erfahrungen verbunden mit Frustrationen und Aggressionen sind die höchstwahrscheinlichen Folgen.

Treten die Aggressionen nach außen, sind Konflikte im privaten, sozialen und beruflichen Umfeld vorgezeichnet. Wenden sich die Aggressionen nach innen (Autoaggression), sind Depression und letztlich selbstzerstörerisches Verhalten (Alkoholismus, Drogenabusus) die quasi schon „natürlichen“ Folgen.

Zunächst werden die Probleme nicht ernst genommen und erst wenn der Leidensdruck zu groß geworden ist, sucht man den Hausarzt auf. Oft ist dann aber bereits eine Chronifizierung eingetreten und der Hausarzt kann bereits nach einem kurzen Gespräch und einer vorläufigen Anamnese eine Verdachtsdiagnose (z. B. F 43.2) oder eine bereits gesicherte Diagnose (z. B. F 43.2 G) erstellen.

Auch wenn der Hausarzt lediglich die erste Verdachtsdiagnose erstellt, eine Überweisung für notwendig hält und einen entsprechenden Dringlichkeitsvermerk auf dem Schein formuliert, ist es insbesondere am Rande der Großstädte kaum möglich, in einem angemessenen Zeitraum Hilfe zu finden. Wenn die Betroffenen Glück haben, finden sie jemanden, der vorerst zu einem Erstgespräch bereit ist, aber keinen Therapieplatz anbieten kann. Wartezeiten von drei Monaten und länger sind der Normalfall und keineswegs die Ausnahme. Und hier könnten und sollten sach- und fachkundige Heilpraktiker für Psychotherapie auf den Plan treten.

Die gesetzlichen Krankenkassen lehnen zum Teil aus grundsätzlichen Erwägungen die Behandlung durch Heilpraktiker für Psychotherapie ab – dies in vielen Fällen zu Unrecht. Zumindest für eine Übergangszeit können Heilpraktiker für Psychotherapie von großem Nutzen sein, vorausgesetzt, sie können die fachliche Qualifikation nachweisen. Die Prüfung beim Amtsarzt soll nur klarstellen, dass von dem Betroffenen keine Gefahr oder Gefährdung für die öffentliche Gesundheit ausgeht. Eine Garantie für eine fach- und sachgerechte Behandlung ist damit aber noch nicht gegeben. Überhaupt kann kein Mitglied der helfenden Berufe den Patienten und Klienten diese Garantie geben. Zu groß ist die Zahl der Fehldiagnosen und Behandlungsfehler bis zu ärztlichen Kunstfehlern. Welche Voraussetzungen sollten Heilpraktiker für Psychotherapie aber mitbringen, um den Sach- und Fachkundenachweis für Klienten, Patienten und gesetzliche Krankenkassen zu dokumentieren?

Da wäre zunächst die Ausbildung an einem zertifizierten Institut (z. B. den Paracelsus Schulen, die AZAV-qualifiziert und -zertifiziert sind). Die theoretische Ausbildung sollte von einem dokumentierten Praktikum begleitet werden. Den Abschluss müsste eine Prüfung bilden, bestehend aus einem theoretischen und einem praktischen Teil. Außerdem sollte der Kandidat eine schriftliche Arbeit zu einem von ihm bearbeiteten Fall erstellen und den vor einem Fachgremium präsentieren und zur Diskussion stellen.

Neu hinzukommen muss aber meiner Meinung nach noch ein weiterer Schritt, nämlich der Besuch der Fortbildung zur Psychosomatischen Grundversorgung nach den Richtlinien der jeweiligen Landesärztekammer. Hier muss der Teilnehmer in jedem der drei Blöcke zu jeweils 30 Stunden drei dokumentierte Fälle aus seiner Praxis vorstellen und sich den unterschiedlichen Ansichten von Allgemein- und Fachärzten stellen. Diese haben ebenso jeweils drei dokumentierte Fälle aus ihrer beruflichen Praxis zu präsentieren und zur Diskussion zu stellen. Diese Fortbildung zur Psychosomatischen Grundversorgung schließt acht Sitzungen in einer Balint-Gruppe ein und erstreckt sich über einen Zeitraum von sechs Monaten. Crashkurse sind aus verständlichen Gründen nicht erlaubt.

Es handelt sich hier um ein umfassendes Konzept aus Theorie und Praxis unter der Anleitung eines von der Landesärztekammer ermächtigten Facharztes für Psychosomatische Medizin, Psychotherapie und Psychoanalyse. Wer diese Ausbildung absolviert hat, dem sollte auch eine gesetzliche Krankenkasse zutrauen, zumindest für die Übergangszeit angemessene und fach- und sachgerechte therapeutische Maßnahmen durchführen zu können. Es geht schließlich um die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Versicherten.

Und diese sollten bei ihrer Versicherung mit entsprechendem Nachdruck die Leistung einfordern, wenn der Leidensdruck zu groß und die Wartezeiten zu lang sind. Es ist hilfreicher und kostengünstiger, die Hilfestellung gleich zu gewähren, als die langfristigen Nachteile und Folgen später mit intensiveren und langwierigeren Verfahren wiedergutzumachen.

Es ist und bleibt schlicht und einfach eine Frage des gesunden Menschenverstandes und der fachlichen Qualifikation des Therapeuten.

Walter Lenz, Ph. D.Walter Lenz, Ph. D.
Heilpraktiker für Psychotherapie, Geprüfter Psychologischer Berater (VFP), Lösungsorientierte Kurzzeittherapie, Psychosomatische Grundversorgung (n. d. Richtlinien d. Landesärztekammer Hessen), Privatpraxis für Psychologie & Psychotherapie (n. d. Heilpraktikergesetz), Rüsselsheim
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