Herausforderung Hochsensibilität

2016 03 HSP1

Wie Therapeuten Hochsensible treffsicher erkennen und von Patienten mit Persönlichkeitsstörungen unterscheiden können.

Ich war schon immer anders ... schüchtern ... zu sensibel ... besonders empfindlich für ...“

Diese typischen Aussagen Hochsensibler gehören zu den häufigsten Sätzen, die Psychotherapeuten und Berater hören. Warum es für einen Therapieerfolg wichtig ist, Hochsensible zu erkennen und welche Herausforderungen in der Praxis daraus entstehen, erklärt die Dipl.-Psychologin und Buchautorin Sylvia Harke im Interview. Sie ist Expertin für das Thema und selbst betroffen.

Wie sind Sie darauf gekommen, selbst hochsensibel zu sein?

Paradoxerweise habe ich erst in meinem 30. Lebensjahr von der Hochsensibilität erfahren, als ich ein Buch darüber las. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Endlich verstand ich, warum ich mich ein Leben lang als Außenseiter der Gesellschaft, ja sogar in meiner eigenen Berufsgruppe empfand. Während meines Studiums erfuhr ich nichts über Hochsensibilität. Wahrscheinlich geht es den meisten Psychologiestudenten heute genauso. Das Thema ließ mich nicht mehr los. So kam es, dass ich selbst zur HSP-Expertin geworden bin. Seit 2014 habe ich zwei Ratgeber veröffentlicht, die sowohl für Therapeuten als auch für Laien interessante Informationen und praktische Übungen vermitteln.

Ist Hochsensibilität eine Krankheit oder ein Persönlichkeitsmerkmal?

Diese weitverbreitete Annahme hält sich hartnäckig im öffentlichen Bewusstsein. Später werde ich noch auf die Unterscheidung von hochsensibler Veranlagung und psychischen Störungen eingehen. Zunächst muss klargestellt werden: Hochsensibilität ist eine Veranlagung der Persönlichkeit und keine Krankheit!

Ist das Phänomen wissenschaftlich erforscht oder eine Alltagsbeobachtung?

Dr. Elaine Aron, die Pionierin in der Hochsensibilitäts-Forschung aus den USA, konnte anhand statistischer Verfahren eindeutig belegen, dass es sich um ein Persönlichkeitsmerkmal handelt. 1997 legten Elaine und ihr Ehemann Arthur Aron ihre erste große Studie vor. Sie hatten zunächst Interviews mit Menschen durchgeführt und daraus einen Fragebogen mit 60 Fragen entwickelt. Diesen testeten sie an 905 Personen. Mithilfe von Faktorenanalysen und Item-Evaluierungsmethoden konnten die Forscher abschließend 27 Fragen herauskristallisieren, die zu der „HSP-Skala“ zusammengefasst wurden.

Der Fragebogen war konsistent und wies eine hohe interne Korrelation auf. (Cronbachs Alpha lag bei .64 und .75) Darüber hinaus stellten Aron und Aron fest, dass das Merkmal der Hochsensibilität unabhängig von der Veranlagung der „Introversion“ auftritt und nicht damit gleichzusetzen ist. Eine umfassende Darstellung dieser und anderer Studien finden Sie in dem lesenswerten Buch „Hochsensible Menschen in der Psychotherapie“ von Elaine Aron. Im September 2015 berichtete die „Psychologie heute“ im Artikel „feinfühlig“ informativ über den aktuellen Forschungsstand in Europa.

Welche Erkenntnisse aus der Forschung und der Praxis halten Sie für am wichtigsten für unsere Leser?

Man schätzt, dass ca. 15 bis 20 % der Bevölkerung hochsensibel sind. Auch bei Säugetieren fand man gleiche Verteilungen. Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen. Aufgrund ihres Gefühls, „falsch“ zu sein, und einer Anfälligkeit für Stresserkrankungen müssten Hochsensible einen erheblich höheren Anteil an Patienten in psychotherapeutischen Praxen darstellen. Deshalb ist die Kenntnis darüber für Psychotherapeuten wichtig. Hochsensible haben oft eine Vielzahl von Therapien ausprobiert. Sie werden häufig in Schubladen gesteckt, die nicht zu ihrem Beschwerdebild passen. Hochsensible haben die Angewohnheit, alles gründlich zu durchdenken. Sie beobachten ihr Umfeld intensiv und halten sich eher zurück, bevor sie aktiv werden Sie haben ein umfassendes empathisches Gespür dafür, wie es Menschen in ihrem Umfeld geht. Sie haben ein vielfältiges Gefühlsleben und werden intensiv durch Musik, Filme oder Naturerlebnisse emotional berührt. Hochsensible Männer haben Probleme damit, ihre Veranlagung anzuerkennen, da unsere Gesellschaft noch immer Klischees über Männlichkeit aufrechterhält, die mit Härte und Stärke assoziiert werden. Hochsensible zeigen eine erhöhte Reaktionsbereitschaft des vegetativen Nervensystems.

Daraus folgen u. a. diese Symptome: Prüfungsängste, leichte Erregbarkeit, Nervosität und Überreaktionen auf Stoffe wie Koffein. Sie sind überdurchschnittlich im Laufe ihrer Biografie von Burnout betroffen. Sie erleben Phasen von Weltschmerz, in denen sie sich von negativen Ereignissen der Weltgeschichte erdrückt fühlen. Hochsensible sind eher schmerzempfindlich, schreckhaft und neigen zu Überstimulation durch Umwelteinflüsse wie Licht, Lärm und Gerüche.

Sie haben ein starkes Rückzugsbedürfnis im Alltag, um die vielen Informationen zu verarbeiten, die täglich auf sie einströmen.

Welche typischen Probleme möchten Hochsensible in der Psychotherapie bearbeiten?

Die meisten Hochsensiblen kämpfen ihr Leben lang mit dem Gefühl, nicht richtig zu sein. Deshalb stehen Selbstwertprobleme immer im Vordergrund. Ein wesentlicher Therapieerfolg ist dann erreicht, wenn der hochsensible Patient erkennt, dass mit ihm alles in Ordnung ist. Auch wenn er bestimmte Probleme im Alltag hat, ist er in seiner Grundpersönlichkeit liebenswert, richtig, gesund und wertvoll. Die meisten Hochsensiblen haben in der Vergangenheit versucht, sich durch Überanpassung und Selbstverleugnung Anerkennung in der Gesellschaft zu erkämpfen. Doch der Preis dafür ist hoch. Durch die bedingungslose Selbstakzeptanz und das Erkennen der eigenen Stärken und Schwächen kann ein Hochsensibler seinen Platz im Leben finden. Plötzlich klärt sich die Frage nach dem richtigen Beruf oder der passenden Beziehung. Deshalb ist es wichtig, in der Therapie oder Beratung mit hochsensiblen Klienten über ihre natürlichen Bedürfnisse und Grenzen zu sprechen. Die Erkenntnis, dass Hochsensibilität eine Veranlagung und keine Krankheit ist, sollte unbedingt beim Betroffenen ankommen. Hochsensibilität lässt sich nicht wegtherapieren und das ist auch gar nicht notwendig.

Ein weiterer Klassiker ist das Thema Abgrenzung. Hochsensible haben Mühe damit, sich von anderen Menschen abzugrenzen. Sie empfinden Konflikte und emotionale Ausbrüche als unangenehm und streben nach Harmonie. In meinen Beratungen habe ich für mich und meine Klienten den Begriff des „entgrenzten Ichs“ geprägt. Hochsensible haben großes Mitgefühl für Notleidende. Daraus ergibt sich eine zu große Toleranzschwelle für Beziehungen, in denen sie ausgenutzt werden. Hochsensible werden schnell zum Kummerkasten der Familie, Nachbarschaft und Gemeinde. Sie brauchen Unterstützung dabei, zu erkennen, dass sie ein Recht darauf haben, Nein zu sagen. Ein wesentlicher Bestandteil der Therapie sollte darin liegen, Strategien zu entwickeln, sich den Bedürfnissen und Forderungen der Umwelt selbstbewusst entgegenzustellen, ohne ein quälendes schlechtes Gewissen zu haben. Die durchlässigen Grenzen der hochsensiblen Identität bedürfen einer Festigung, um den eigenen Standpunkt im Leben zu finden.

Wie lassen sich Hochsensibilität und psychische Erkrankungen bei Patienten unterscheiden?

Es gibt immer wieder Ratsuchende, die sich als hochsensibel bezeichnen, jedoch unter einer Persönlichkeitsstörung oder einem nicht behandelten Trauma leiden. Für sie ist es besonders hart zu erfahren, dass sie nicht einfach nur „hochsensibel“ sind, sondern größere Probleme haben. Laien verwechseln die Symptome Hochsensibler häufig mit Traumafolgen. Gern gebe ich dafür einige Beispiele im Bereich der Emotionen.

Traumatische Kindheitserlebnisse, sexuelle Gewalt und Missbrauchsbeziehungen geben wichtige Hinweise, um Persönlichkeitsstörungen wie z. B. Borderline oder Narzissmus zu erkennen. Eine Verwechslung mit Hochsensibilität wäre hier fatal, weil den Betroffenen damit nicht geholfen ist. Hinweise auf diese Störungen sind z. B.: selbstverletzendes Verhalten, Beziehungsstörungen, Bindungsängste, Essstörungen, Suizidversuche, Drogenkonsum, emotionale Extreme und Dissoziation. Ein übermächtiger „Innerer Kritiker“ oder „Innerer Zerstörer“ wird den Therapieerfolg immer wieder in den Boden stampfen. Viele Patienten mit Persönlichkeits- und Traumafolgestörungen wehren sich mit Händen und Füßen gegen derartige Diagnosen. Sie möchten nicht abgestempelt und als krank klassifiziert werden. Dennoch brauchen sie kompetente Psychotherapeuten, die sich auf die Behandlung dieser Fälle spezialisiert haben. Ich persönlich sehe große Chancen in Methoden wie der „hypnosystemschen Therapie“, der „hypnoanalytischen Teilearbeit“ nach Jochen Peichl oder der „Schematherapie“.

Welche Tipps können Sie hochsensiblen Therapeuten geben?

Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass Hochsensible einfühlsame Therapeuten und Berater sind. Sie haben ein überdurchschnittliches Gespür für ihre Klienten. Dies macht sie zu exzellenten Experten, die scheinbar hellfühlig ihr Gegenüber erfassen. Hochsensible Therapeuten, die frühzeitig ihre eigenen Belastungsgrenzen erkennen, werden eine größere Lebenszufriedenheit entwickeln, wenn sie maßgeschneiderte Arbeitsmodelle verwirklichen. Dazu gehören vor allem Teilzeitarbeit, die Spezialisierung auf ein passendes Fachgebiet, das Sabbatjahr und die Ausübung von unterschiedlichen Berufen: Denn Therapie am Fließband ist ihnen auf die Dauer ein Graus.

Sylvia HarkeSylvia Harke
freiberufliche Dipl.-Psychologin, Autorin und Coach für Hochsensible, sie lebt bei Freiburg im Breisgau

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