Perspektivenwechsel – Vielfalt als Chance

2016 03 Perspektive1

Sind Sie deutsch? Ich bin deutsch. Sind Sie in Deutschland geboren? Ich nicht. Ich komme aus Brasilien und arbeite neben meiner Tätigkeit als Heilpraktikerin für Psychotherapie seit über zehn Jahren in einem Wohlfahrtsverband in der Beratung von Menschen mit Migrationshintergrund sowie Asylsuchenden.

fotolia©VegeDurch meine berufliche Erfahrung habe ich feststellen können, dass jede Person eine individuelle Auffassung der eigenen Kultur und Religion besitzt. Ich erlebe die Begegnung mit dieser Vielfalt als Bereicherung. Die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen und Religionen ist eine Herausforderung, die mir die Reflexion meiner eigenen kulturellen Werte ermöglicht. Trotz gleicher Staatsangehörigkeit können unterschiedliche kulturelle Hintergründe vorliegen. So ist es auch bei Flüchtlingen.

Anlass für diesen Artikel sind meine Erfahrungen mit Menschen, die dazu tendieren, Flüchtlinge als eine homogene Gruppe wahrzunehmen. Obwohl ich mehr Menschen kenne, die sich für das Wohl von Geflüchteten engagieren, bestätigt sich hin und wieder mein Eindruck, dass teilweise ein falsches Bild vorherrscht. Die Bezeichnung Flüchtling ist heutzutage eine Beschriftung, ein Etikett, das weit mehr angibt als den aktuellen Aufenthaltsstatus in Deutschland. Dahinter verbirgt sich jedoch eine Vielzahl an Menschen mit unterschiedlicher Lebensgeschichte, Herkunft, Einstellung und Glaube. Sie verbindet, dass sie aus vielen unterschiedlichen Gründen ihre Heimat verlassen und ihr altes Leben zurückgelassen haben.

Den meisten ist diese Entscheidung nicht leichtgefallen. Sein ganzes Leben und seine Familie zurückzulassen und in einem fremden Land ein neues Leben zu beginnen, benötigt viel Kraft und einen starken Antrieb, wie z. B. die Hoffnung darauf, sich und seiner Familie ein besseres und sicheres Leben zu ermöglichen. Viele dieser Menschen wären lieber in ihrer Heimat geblieben, wenn sie die Möglichkeit dazu gehabt hätten. Der Weg nach Deutschland ist oftmals geprägt von Gewalterfahrungen und Verlusten.

Der Kontrast zwischen den Erwartungen an die Flüchtlinge und den Erfahrungen von Menschen, denen die Flucht gelungen ist, ist geradezu grotesk. Ich habe Mütter betreut, die gezwungen wurden, ihre toten Babys wegen der Seuchengefahr über Bord zu werfen, oder Menschen, die bis heute nach Angehörigen suchen, die sie bei der Flucht verloren haben. Nach solchen Schicksalsschlägen wäre vermutlich kaum jemand in der psychischen Verfassung, die Herausforderungen in einem neuen Land zu bewältigen.

Vielmehr brauchen diese Menschen eine psychotherapeutische Begleitung, was in der Regel durch mangelnde Vergütung seitens der Krankenkassen nicht möglich ist. Obwohl so viele Hindernisse einer Integration in die Gesellschaft im Weg stehen, finde ich es bewundernswert, dass die meisten Asylsuchenden sich sehr bemühen, diese Herausforderung zu meistern.

Integration ist unsere Bedingung für die Akzeptanz von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland.

Aber was ist Integration eigentlich?

Integration ist vielfach komplexer als das bloße Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen. Integration ist nicht gleichzusetzen mit Assimilation, d. h. mit einer Anpassung an die Werte der neuen Heimat. Integration bedeutet auch nicht, wie vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge vorgesehen, einen Arbeitsplatz und Deutschkenntnisse zu besitzen. Integration ist viel mehr als das.

Das Wort Integration stammt vom lateinischen Begriff „integratio“ und bedeutet Fortentwicklung eines Ganzen. Integration betrifft demnach nicht nur die Menschen mit Migrationshintergrund selbst, sondern die Gesellschaft insgesamt. Ein Mensch mit Migrationshintergrund bringt sich mit seiner eigenen kulturellen Identität ein und bereichert somit die Gesellschaft.

Nicht jeder, der keine Deutschkenntnisse besitzt, ist unwillig sich zu integrieren. Seine Heimat zu verlassen und in einem neuen Land zu leben, bedeutet nicht nur einen Ortswechsel, sondern vielmehr eine neue Identitätsfindung. Diese Veränderung ist noch stärker, wenn man sein Land nicht freiwillig, sondern aus Gründen wie Krieg und Armut verlassen muss. Allerdings ist Armut nach aktueller Gesetzgebung kein zulässiger Grund, um in Deutschland eine Aufenthaltsperspektive zu bekommen.

Vielen dieser Menschen und ihren Familien bleibt keine andere Alternative, als den ganzen Tag in der Unterkunft zu verbringen mit nur eingeschränktem Zugang zur deutschen Gesellschaft. Natürlich ist das Erlernen der deutschen Sprache ein wichtiger Aspekt der Integration und vereinfacht diese.

Eine Sprachbarriere sollte aber keine Rechtfertigung sein, nicht auf diese Menschen zuzugehen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Sie brauchen nicht unser Mitleid, sondern unsere Akzeptanz und unser Interesse an ihrer Person. Integration passiert von Mensch zu Mensch. Das bedeutet, dass beide Seiten sich bemühen sollten.

Alle Begegnungen sollten auf der Basis von gegenseitigem Respekt stattfinden. Nicht nur sie können von uns lernen, sondern auch wir von ihnen. Und wir brauchen diese Vielfalt. Langfristig gesehen ist sie die große Chance, die Defizite in unserem Land zu verbessern und zu einer Weiterentwicklung der Gesellschaft beizutragen.

Respekt und Interesse an seinem Gegenüber sind außerdem notwendige Voraussetzungen für eine gute psychotherapeutische Arbeit. Als Heilpraktikerin für Psychotherapie muss ich meinen Patienten und ihrem Lebenswerk Verständnis entgegenbringen sowie Vertrauen entwickeln, weil das die Basis für jede Beziehung ist.

Sandra Soares-DederichsSandra Soares-Dederichs
Heilpraktikerin für Psychotherapie, Dipl.-Sozialarbeiterin, Supervisorin (DGSv)

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