Kinder selbstbewusst begleiten

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Es ist noch gar nicht so lange her, da galten Kinder als unfertig und rechtlos. Sie hatten sich den Vorstellungen und Wünschen der Eltern bedingungslos zu unterwerfen und weder ihre Persönlichkeit noch ihre Bedürfnisse wurden ernst genommen, geschweige denn respektiert. Die Eltern hatten jegliches Recht, über das Kind zu bestimmen, es nach ihren Vorstellungen zu „formen“ und dazu auch Gewalt einzusetzen, wenn sie das für notwendig erachteten. Nicht nur in der Familie wurde körperlich „gezüchtigt“, sondern auch in der Schule – noch heute tragen viele Erwachsene und deren Kinder von dieser Behandlung Narben auf der Seele.

2016 03 Kinder2Als sich im Laufe des letzten Jahrhunderts die Gedanken des Kinderschutzes und der Rechte für Kinder entwickelten, nahm die körperliche Gewalt gegen Kinder zwar ab, doch auch heute noch werden Angaben von Statistiken zufolge in Deutschland jeden Tag viele Kinder geschlagen. Ende der 1960er- und in den 1970er-Jahren wurde das Gegenteil gelebt, die antiautoritäre Erziehung fand in vielen jungen Familien Anklang, dieser Erziehungsstil passte in die Flower-Power-Zeit. Abgesehen davon war es weniger aufwendig, Kinder einfach sich selbst zu überlassen. Berichte von erwachsenen antiautoritär erzogenen Menschen zeigten allerdings, dass aus vielen dieser „haltlosen“ Kinder Erwachsene geworden sind, die nicht mit ihrem Leben klarkommen, die nicht mit den Spielregeln der Gesellschaft zurechtkommen, die Probleme damit haben, Grenzen anzuerkennen und zu setzen.

Heute regieren Gott Konsum und Göttin Leistungsdruck mit harter Hand unsere Gesellschaft in jedem Lebensbereich. Die Emanzipation brachte den Frauen sowohl tatsächliche als auch trügerische Freiheit und zeigt sich unter anderem in dem erdrückenden Erbe der Dreifachbelastung vieler Frauen. Anstatt wie früher „Kinder, Küche, Kirche“ heißt es heute „Kinder, Küche, Karriere“ und in jedem dieser Lebensbereiche will frau perfekt sein. Den Männern geht es nicht viel besser. Früher war ihre Rolle klar definiert, sie brachten das Mammut und später den Mammon nach Hause. Heute sollen sie den Müll rausbringen, ins Fitnessstudio gehen, zuhören, massenhaft Geld verdienen und ein Frühbeet im Kindergarten anlegen. Darüber hinaus haben sie in den meisten Bereichen ernsthafte Konkurrenz bekommen. Frauen können Reifen wechseln, den Schlagbohrer bedienen, Finanzmanagerinnen sein, Flugzeuge fliegen, Tische hobeln und Bundeskanzlerin werden. Selbst die Befruchtung kann ohne den direkten Einfluss der Männer vonstattengehen.

fotolia©Robert KneschkeGesellschaftliche Umstände wirken auf Eltern und ihre Kinder ein, gleichgültig, ob beim Einzelnen ein Bewusstsein dafür besteht oder nicht. Die Entwicklung eines Kindes ist ein ganzheitlicher Prozess, bei dem die eigene Persönlichkeit, die Prägung durch die Eltern, durch das Familiensystem und die Umwelt zusammenwirken.

Die Vergangenheit zeigt also, dass weder ein zu einengender noch ein zu grenzenloser Erziehungsstil selbstbewusste und seelisch gesunde Menschen hervorbringt.

Erziehung soll in der Regel erreichen, dass ein Kind nach den Werten und Idealen der Eltern und deren gesellschaftlichem Umfeld heranwächst und die diesen Normen entsprechenden Verhaltensweisen an den Tag legt. Wenn man allerdings davon ausgeht, dass jeder Mensch ein Individuum ist und abgesehen von der Prägung durch das Familiensystem und die Gesellschaft auch eine eigene Persönlichkeit mitbringt, zeigt sich, dass die Werte und Ideale der Eltern nicht die des Kindes sein müssen. Viele junge Eltern sind überfordert, haben Angst, Fehler zu machen und den Anforderungen nicht zu genügen. Viele Eltern sind unsicher, wie sie sich verhalten sollen, wenn schwierige Situationen entstehen. Sie sind überfordert, haben selbst mit vielen Problemen zu kämpfen und sind daher nicht in der Lage, ihren Kindern genug Halt und Geborgenheit zu geben. Schwangerschafts- und Geburtsvorbereitungskurse sind heute Standard, doch Schulungen, in denen vermittelt wird, welche Faktoren wichtig sind, um ein Kind gut beim Heranwachsen zu begleiten, gibt es nicht.

Viele Kinder zeigen früh auffälliges Verhalten in Bezug auf ihr Essverhalten, im sozialen Umgang, sie rauchen und trinken. Bei zahlreichen Jugendlichen gibt es psychische Auffälligkeiten wie Ängste, Zwänge, Depressionen oder Störungen im sozialen Kontakt die Letzteren oft dem übermäßigen Medienkonsum geschuldet.

Kinder laufen neben den Berufen der Eltern mit, Geld und Besitz sind wichtiger als miteinander verbrachte Zeit und gemeinsame Unternehmungen. Viele Kinder gehen ohne Frühstück und ohne Pausenbrote aus dem Haus, sie müssen selbstständig für ihr Mittagessen sorgen, oft gibt es nicht einmal am Abend ein gemeinsames Familienessen, geschweige denn andere Familienrituale, die Austausch, Zusammenhalt und das Gefühl von Geborgenheit fördern.

Das andere Extrem erfahren Kinder, die übermäßig beeltert werden. Diesen Kindern wird jeder Handgriff abgenommen, sie werden behandelt wie ein Luxusgut und haben keine Gelegenheit, ihrem Alter entsprechende Herausforderungen zu erleben, selbstständig Probleme zu lösen und aus diesen Erfahrungen heraus ein gesundes Selbstvertrauen zu entwickeln.

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Ja – und wie macht man es „richtig“?

Kinder brauchen Grenzen, Kinder brauchen Regeln, Kinder brauchen Liebe, Kinder brauchen Freiheit, Kinder brauchen, brauchen und brauchen. Bis sie eines Tages von jetzt auf gleich beschließen, erst mal keine Eltern mehr zu brauchen, auf und davon rennen und Vater und Mutter mit dem Leeren-Nest-Syndrom zurücklassen.

Wenn ein Kind mit körperlicher oder seelischer Auffälligkeit reagiert, ist das meistens eine Reaktion auf die nächsthöhere Ebene im Familiensystem, also die Eltern. Treten Probleme mit einem Kind auf, braucht es in vielen Fällen zunächst eine Veränderung im Verhalten der Erwachsenen im Umgang mit dem Kind. Eltern geraten an ihre Grenzen, wenn und weil sie ihre eigenen Reaktionen nicht verstehen und oft auch nicht kontrollieren können. Sie sind unbewusst in Verhaltensmustern und Prägungen verstrickt. In problematischen Situationen wird auf Erziehungs- und Verhaltensmuster zurückgegriffen, die aus der eigenen Kindheit stammen, oder es wird vorsichtshalber alles ganz anders gemacht, als es die eigenen Eltern getan haben, was nicht unbedingt besser sein muss. Eltern reagieren aus den Gefühlen ihres eigenen verletzten inneren Kindes heraus.

Das Wichtigste für ein Kind ist emotionale Geborgenheit und das Gefühl, dass die eigene Persönlichkeit von den Eltern anerkannt wird. Eltern müssen die Gedanken, Gefühle, Motivationen und Absichten des Kindes erfassen können und bereit sein, diese entsprechend zu unterstützen und zu fördern. Kinder solcher Eltern finden sich am besten im Leben zurecht, ganz unabhängig davon, in welcher gesellschaftlichen Schicht sie sich bewegen oder aus welchen materiellen Verhältnissen sie kommen.

Die Voraussetzung, dass Eltern diese Leistungen erbringen können, ist in erster Linie, dass sie sich mit ihrer eigenen seelischen Verfassung und ihren Mustern beschäftigen und sich von ihrem unbewusst agierenden Ego lösen. Eltern müssen sich ihrer selbst bewusst sein, müssen so viel wie möglich von dem unteren Teil des Eisbergs des Unbewussten erforschen und Verborgenes ans Licht bringen.

Wenn Eltern sich nicht scheuen, diesen Weg des Bewusstwerdens zu gehen, ist das ein Gewinn auf ganzer Linie. Die eigenen Blockaden und Verletzungen werden reflektiert und können heilen, das Kind profitiert in seiner Entwicklung.

Wer Kinder stark für ihr eigenes Leben machen will, kommt nicht daran vorbei, sich seiner selbst bewusst zu werden und seine eigenen Themen anzuschauen. Das ist eine schwierige und manchmal schmerzhafte Arbeit, die sich jedoch vielfach auszahlt. Was ist erfüllender, als sein Kind selbstbewusst und sicher in die Welt gehen lassen zu können? Abgesehen davon ist es Wellness für die eigene Seele, ohne Altlasten durch das Leben zu gehen.

Bereits der Schweizer Psychiater C. G. Jung stellte fest, dass das ungelebte Leben der Eltern einen unermesslich starken Einfluss auf das Seelenleben eines Kindes hat. Eltern, die ihre eigene Vergangenheit bewältigt und verarbeitet haben, deren inneres Kind, der empfindlichste Teil der Seele, geheilt ist, die ihre blinden Flecken und ihre Ängste kennen, können ihrem Begleitauftrag am besten nachkommen.

Probleme entstehen meistens, weil wir die wahren Bedürfnisse und Beweggründe unserer Kinder nicht erkennen und somit auch nicht darauf eingehen können. Jedes Kind ist eine eigenständige Persönlichkeit und braucht individuelle Unterstützung und Begleitung. Selbst Geschwisterkinder brauchen unterschiedliche Begleitung, denn jeder Mensch hat seine eigene Prägung, die ihn einzigartig macht, sogar wenn es sich um eineiige Zwillinge handelt.

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Jedes Kind hat ein Recht auf individuelle Anleitung, damit es sich in seiner Welt zurechtfindet. Durch diese Anleitung kreieren Eltern dem Kind einen Rahmen, in dem es sich frei entwickeln kann. Das genetische Muster, welches das Kind mitbringt, ist eine Sache, darüber hinaus muss es positive Vorbilder und Anregungen von den Eltern geben und dies setzt die Eigenreflexion der Leitbilder voraus. Kinder ahmen und leben das nach, was Eltern ihnen vorleben. Es macht keinen Sinn, Kindern bestimmte Verhaltensweisen einzutrainieren, wenn man diese selbst nicht lebt. Wer ab dem Frühstück das Fernsehgerät als Hintergrundberieselung anstellt und keine Mahlzeit einnimmt, ohne ständig das Handy zu kontrollieren, braucht den Sprössling nicht anzumaulen, dass er zu viel Zeit in sozialen Netzwerken verbringt.

Unsere Kinder brauchen keine perfekten Erwachsenen, die verzweifelt versuchen, alles richtig zu machen, und am Ende einzig und allein Überforderung auf beiden Seiten dabei herauskommt. Kinder brauchen Eltern, die auch Fehler machen können und diese eingestehen. Gerade die Angst, Fehler zu machen, lässt Erziehung oft gefühllos und steril werden, was Kinder wiederum provoziert, Konflikte herauszulocken. Denn für Kinder ist es bedrohlich, nicht fühlen zu können, woran sie sind. Es ist nicht einfach für Eltern, das Gleichgewicht zwischen den seelischen Bedürfnissen, den physischen Bedürfnissen nach Sicherheit und Ordnung und dem Bedürfnis nach sozialer Anpassung zu finden. Ein guter Vater oder eine gute Mutter zu sein, bedeutet nicht, gängige Normen zu erfüllen, sondern ganz genau das zu tun, was gut und richtig für dieses Kind und diese Mutter oder diesen Vater ist. Wer versucht, zu gut, zu perfekt zu sein, erreicht meistens das Gegenteil. Der erste Schritt zu einer liebevollen, stärkenden Begleitung von Kindern ist die Reflexion des eigenen Ich.

Literatur

  • Wieland, Ursula Yngra: Kinder selbstbewusst begleiten. Wie Eltern die Copy-Paste-Falle vermeiden können, Franzius Verlag, 2016

Ursula Yngra WielandUrsula Yngra Wieland
Heilpraktikerin für Psychotherapie, zertifizierte Psychologische Beraterin (VfP), Dozentin, Buchautorin, eigene Praxis in Heimstetten bei München
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