Synästhesie und ihre Anwendung in psychologischen Heilberufen

2016 03 Syn1

Synästhesie mit ihren unterschiedlichen Ausprägungen ist zwar definierbar, aber doch so individuell, einzigartig und fast künstlerisch angehaucht, dass das Phänomen für Außenstehende kaum nachvollziehbar bzw. nachempfindbar beschrieben werden kann. Lassen Sie mich in das Phänomen der Synästhesie tiefer eintauchen, um einige Möglichkeiten, aber auch Begrenzungen der Synästhesie für die psychologische Beratung zu beleuchten, Leser für dieses Thema zu sensibilisieren und sie vielleicht sogar zu der tief greifenden Frage zu führen: Bin ich ein Synästhetiker?

fotolia©bittedankeschönSynästhesie, ihre Definition, Ursachen und Formen

„Synästhesie“ kommt aus dem Griechischen. Während „syn“ die Bedeutung „mit“ oder „zusammen“ hat, bezeichnet „aisthesis“ die „Wahrnehmung“ oder „Empfindung“. Synästhesie steht daher für die Verkoppelung von Sinneseindrücken und Empfindungen. Beispielhaft könnte man hier das Sehen einer Zahl (2) in Verbindung mit einer Farbgebung der Zahl (Gelb) nennen.

Ungefähr ab Mitte des 19. Jahrhunderts geriet die Synästhesie in den Forschungsmittelpunkt der Wissenschaftler und Ärzte, wobei sie noch bis ins 20. Jahrhundert als pathologischer Defekt eingestuft wurde, was gegenwärtig nicht mehr der Fall ist. Bis heute ist jedoch umstritten, wie Synästhesie entsteht und wie die gleichzeitigen Wahrnehmungsprozesse genau ablaufen. Die Forscher sind sich lediglich einig darüber, dass es kein zentrales Steuerungszentrum sinnlicher Daten gibt und bei jedem Gehirn dieselben Areale unterschiedliche Sinnesreize und Informationen verarbeiten können. Die Erregungszustände werden parallel verteilt und neuronal synchronisiert, was wahrscheinlich durch „Hyperbindungen“ oder „Cross-Verdrahtungen“ als Brücken im limbischen System des Gehirns möglich ist.

Die Synästhesie wird heute in zwei Formen unterschieden. Die „genuine“ oder „echte“ Synästhesie steht für die angeborene Syn- ästhesie. Hierbei sind die Sinneswahrnehmungen seit der Geburt vorhanden und unwillkürlich unveränderlich fest miteinander verkoppelt. Ihre Verbreitungszahl wird auf das Verhältnis von 1:20 bis 1:300 000 geschätzt, wobei eine genetisch bedingte familiäre Häufung auftritt und Frauen sechsmal häufiger betroffen sein sollen als Männer.

Die „abgeleitete“ Synästhesie dagegen bezeichnet eine Koppelung von Sinneseindrücken, die willkürlich, also auch veränderbar und steuerbar ablaufen kann.

Häufig sehen Synästhetiker, wenn sie Musik hören, Farben und geometrische Figuren, die „Chromästhesie“ oder „audition colorée“. Andere Synästhetiker verbinden mit Zahlen und Buchstaben Farben und Formen (auch als „Graphem-Farb-Synästhesie“ bezeichnet) oder schmecken Töne, wobei zahlreiche Varianten dieser Koppelungen möglich sind. Einige Verbindungen, wie das Riechen mit dem Gefühl des Ertastens oder die Form mit Geschmack bzw. Wörter mit Geschmackserregung („lexikalisch-gustatorische Synästhesie“), kommen nur selten vor.

Als Ausschlusskriterien für Synästhesie gelten Anfallsleiden wie Epilepsie und Migräne, das Charles-Bonnet-Syndrom und schizophreniebedingte oder drogeninduzierte Halluzinationen.

Eigene synästhetische Erfahrungen

Viele Synästhetiker wissen nicht, dass sie Synästhetiker sind, ebenso wenig der sie umgebende Personenkreis. Parallel hierzu glauben Synästhetiker oftmals, dass alle sie umgebenden Menschen dieselben Wahrnehmungen haben wie sie, was in den meisten Fällen nicht stimmt.

Meine Synästhesie war mir sehr lange unbekannt. Seit meiner Kindheit sehe ich Zahlen und Buchstaben vor meinem inneren Auge automatisch in feststehenden Farben, jedes Datum, auch Länder und Sprachen haben eine eigene Farbe oder Farbkombination. Hinzu kommt die Erzeugung von Farbkombinationen im Gehirn, wenn ich einem Menschen gegenüberstehe. Jeder Mensch hat für mich eine Ausstrahlung, die sich aus einer Hauptausstrahlung (die wichtigste Fähigkeit oder Neigung), Nebenausstrahlungen (vorhandene, aber weniger wichtige Fähigkeiten und Neigungen) und Hintergrundausstrahlung (Durchsetzungsvermögen, Eigenenergie) zusammensetzt. Diese Ausstrahlung entspricht in meinem Fall nicht der Ausstrahlung von Chakren-Farben oder Auren, die mit den Augen gesehen werden. Es handelt sich vielmehr um eine Generierung im Gehirn in Form einer Farbleiste vor meinem inneren Auge.

Die Hauptausstrahlung befindet sich dabei in der Mitte, rechts und links davon die Nebenausstrahlungen und hinter dieser Leiste die Hintergrundausstrahlung eines Menschen. Eine Trefferquote von ca. 80 % erreiche ich bei der Interpretation dieser Farben und ihrer Verbindung mit der derzeitigen Lebenssituation des Menschen. Menschen mit einer starken Grünausstrahlung im hellgrünen gelblich beeinflussten Bereich haben z. B. in meiner Empfindung häufig eine tiefere Affinität zur Natur oder einen naturnahen Beruf. Allein ein Grünton hat viele Schattierungen und weitere Farbeinflüsse (z. B. helles und dunkles Olivgrün, Flaschengrün oder Wiesengrün) und damit wechselt auch der Eindruck des Menschen, den er auf mich macht. Hinzu kommt die Wahrnehmung von wie ich sie nenne, „gedeckelten“ Farben (Farben, die ein Mensch nicht ausspielt, aber innehat), „geschwächten“ Farben (bei niedriger Energie), Pastellfarben (bei introvertierten Menschen) oder weißlichen oder gräulichen Einschlägen bei Krankheit.

Für mich ist es wichtig, diesen Eindruck meinem Gegenüber nicht überzustülpen, sondern die Situation und die Eigenschaften eines Menschen immer vorsichtig abzufragen, die Inhalte zu überprüfen und eine mögliche Kongruenz zu meinem Eindruck zu erwägen. Dennoch hilft mir diese Farbwahrnehmung von einem Klienten für den ersten Eindruck in vielen Fällen weiter und prägt sich in mein Gedächtnis ein. Die mögliche Individualität von Synästhesie ist mir bewusst, denn ich weiß, dass der Farbeindruck bei Zahlen z. B. nicht bei allen Synästhetikern gleich ist. Dennoch hat die Farbausstrahlung von Menschen sehr häufig etwas mit dem Menschen zu tun, während mir die Farbigkeit von Zahlen individueller erscheint.

Als Kind habe ich Bewegungen, Signale, Dinge oder Bilder zudem innerlich (ohne Hören durch die Ohren) als Ton oder Melodie wahrgenommen und eigene Substantive und Verben daraus gebildet und geäußert. Das führte zu einer Sprache des emotionalen Ausdrucks, die in der deutschen Sprache nicht vorkam. Möglicherweise spielte die Synästhesie in der Sprachentwicklung des Menschen neben der Gehirnentwicklung durch den Gebrauch von Werkzeugen und anderen Einflüssen eine Rolle, sodass sich die Evolution darin „wiederholt“.

Die Synästhesie hat jedoch nicht nur Vorteile, sondern bringt auch einige Nachteile mit sich, wie Farbkombinationen, die wehtun, oder ein Overflow von Eindrücken in einem Einkaufszentrum voller Menschen. Nicht selten tritt auch Dyskalkulie auf, da oftmals die Farblogik der Zahlen überwunden werden muss, um die kalkulatorische Logik anzuwenden. Die Rechnung 2 (Gelb) + 2 (Gelb) = 4 (Hellblau) entspricht der kalkulatorischen Logik, jedoch nicht der Farblogik der Zahlen, denn wenn man Gelb und Gelb mischt, wird man niemals Hellblau daraus gewinnen.

Bei den Mathematikhausaufgaben habe ich als Kind die Entdeckung gemacht, dass ich besser rechnen kann, wenn ich nebenbei eine frei erfundene Melodie (ohne Worte) leise singe. Wie ist dies möglich? Die Aktivierung der Zahlenfarben wird meiner Meinung nach beim Singen durch Cross-Verdrahtungen, z. B. mit dem Temporallappen (Hören), gedämpft und buchstäblich anderweitig beschäftigt. Dadurch kann die Farblogik beim Rechnen schneller überwunden und die eigentliche kalkulatorische Logik angewendet werden.

Synästhesie in der psychologischen Beratung

Für die Anwendung von Synästhesie während der psychologischen Beratung möchte ich Ihnen ein Beispiel geben.

Der gestresste Manager mit einer hellblauen gedeckelten Note in der Hauptausstrahlung und niedrigem Energielevel (gedämpfte Farbgebung in Neben- und Hintergrundausstrahlungen) und filmähnlichen Weißanteilen versucht, eine Lösung zu finden, um mit seiner Energie besser hauszuhalten und sich Energiequellen zu erschließen. Die Art des Hellblau verrät mir z. B. eine Affinität zum Meer in Verbindung zu Sport, die Suche nach Leichtigkeit, Schnelligkeit und einem freien Horizont, der auch für das Atmen steht. Die im Magazin „Freie Psychotherapie“, 03.2015 von mir beschriebene „Emotionale Bildanalyse im Dialog“, bei der mittels Abbildungen von Kunstwerken eine bildhafte und damit genauere Wahrnehmung eines Problems sowie neue Lösungsansätze erarbeitet werden, ergibt, dass er sich beruflich eingeengt und unter Druck fühlt, buchstäblich nicht atmen kann.

Im weiteren Gespräch kann geklärt werden, ob er in der Lage ist, Aufgaben auch zu delegieren oder unter Auslassung unwichtigerer Dinge effizienter zu arbeiten. Als seine persönliche Energiequelle kommt nach meinem Vorwissen seines ersten Farbeindrucks und auf mein vorsichtiges Nachfragen heraus, dass er gern ans Meer zum Segeln fährt und früher oft in Frankreich war. Nach meiner Wahrnehmung wäre das gedeckelte Hellblau ein Anzeichen für seine nicht ausgelebte Affinität zum Meer, zum Segeln und zu Frankreich gewesen. An diesem Ort kann er seine Energiereserven schneller auffüllen als z. B. in den Bergen. Die Farbwahrnehmung hat den Vorteil, sehr schnell sehr tief in das Gespräch einsteigen zu können und das Vertrauen zu mir als Beratender zu fördern.

Allgemein habe ich über viele Jahre der Beobachtung hinweg die Erfahrung gemacht, dass Menschen ihre eigene Farbausstrahlung oftmals stärken und ausleben müssen, bevor sie weitere Farben aufnehmen können. Dies geht mit einer seelischen Stärkung einher. Die Bestrebung, das eigene Farbspektrum von außen zu erweitern, zeigt sich z. B. in der Affinität zu bestimmten Orten oder bei Partnerschaften. Oftmals finden sich Partner, die gegenteilige Farbausstrahlungen haben (der eine Grün, der andere Rot als Hauptausstrahlung), oder beide Partner haben eine ähnliche Hauptausstrahlung in unterschiedlichen Nuancen (helles Wiesengrün und dunkleres Waldgrün), aber unterschiedliche Nebenausstrahlungen in Dunkelrot und Hellblau. Zu viel Ähnlichkeit in der Farbgebung ist dagegen oftmals problematisch, weil zu wenige (Farb-)Impulse in die Partnerschaft gebracht werden.

Diese Farbergänzungen von außen habe ich mir damit erklärt, dass die Menschen zwar der Ausstrahlung des Lichts nicht gleichkommen können, jedoch jeder für sich ein Farbspektrum des Lichts „aussendet“ und gleichzeitig versucht, einerseits die Eigenenergien zu stärken und sie andererseits zu optimieren, indem danach weitere Farben aufgenommen werden.

Farb- und Lichtbeobachtungen beim Tod tibetischer Mönche, deren Leben durch das Streben nach Einheit, Erkenntnis und Erleuchtung geprägt war, überliefert übrigens auch Sogyal Rinpoche in seinem Buch: „Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben“.

Zusätzlich wende ich während der „Emotionalen Bildanalyse im Dialog“ bei der Betrachtung von Gemälden mein Klangempfinden für bildliche Darstellungen an. In dem Moment, in dem der Klient sein Empfinden bei den von ihm ausgesuchten Bildern schildert, kann ich die Klangfarben eines Bildes in meinem Kopf beliebig (entsprechend der abgeleiteten Synästhesie) ändern (z. B. hört sich ein bedrohlicher Wald anders an als ein Wald, der Schutz bietet). Das Hören der Gemälde erleichtert mir den emotionalen Zugang zum Klienten. Buchstäblich wie bei einem Saiteninstrument ermöglicht mir dies, mich auf die emotionale Wellenlänge des Klienten einzuschwingen und dennoch den innerlichen Abstand als Beraterin zu behalten, denn von den Gemälden kann ich jederzeit aufsehen, Stimmungsveränderungen beim Klienten wahrnehmen, das Gefühl verbal abstimmen, einordnen und das Problem nach der Betrachtung der Bilder im weiteren Gespräch gemeinsam einer rationalen, für ihn machbaren Lösung zuführen.

Sehr oft habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Farbausstrahlung des Klienten nach einer Sitzung intensiver ist und auch bis zur zweiten Sitzung anhält. Wird dies durch ein neues Denken und Verhalten im Alltag unterstützt, ist die eigene Farbausstrahlung so gestärkt, dass weitere Farben durch neue Interessen oder Offenheit für einen neuen Personenkreis aufgenommen werden können.

Weitere Möglichkeiten der Anwendung von Synästhesie

In der Annahme, dass günstigenfalls jeder 20. Mensch ein Synästhetiker ist, ergeben sich viele weitere Möglichkeiten der Nutzung dieser Fähigkeiten bei Beratern, Heilpraktikern, Psychologen und Therapeuten. Hierfür bieten sich vor allem Verfahren und Therapien an, die den künstlerischen Ausdruck von Emotionen (Malen, Musizieren, Tanzen etc.) in Verbindung mit Sinneswahrnehmungen (Hören, Riechen, Schmecken, Tasten, Sehen) fördern. Dabei können seitens der Patienten einerseits abgeleitete synästhetische Wahrnehmungen geschult werden, indem z. B. im Rahmen einer Maltherapie zu Musik Formen und Farben gemalt, während einer aktiv-animativen Musiktherapie Farben auf Instrumenten gespielt werden oder in einer Tanztherapie Geschmack getanzt wird. Das Sprechen über Empfindung von Musik kann auch bei einer rein rezeptiven Musiktherapie die Introspektion und Selbstwahrnehmung fördern.

Andererseits können synästhetische Heilpraktiker und Psychologen ihre eigenen Fähigkeiten auf weitere individuelle Arten nutzen, indem sie z. B. einen Klang für Bewegungsabläufe hören, ihn beim Patienten optimieren und den akustischen Eindruck in allgemeine Sprache übersetzt mit dem Patienten besprechen können. Es ist auch nicht auszuschließen, dass ein genuiner und/ oder abgeleiteter synästhetischer Patient oder Klient auf einen genuinen und/oder abgeleiteten synästhetischen Therapeuten oder Berater trifft. Hier eröffnen sich Kommunikationsmöglichkeiten über ein zu lösendes Problem, die neben der Sprache auch die Medien von Farben, Tönen oder Bewegungen bieten. Metaphern und Vergleiche erleichtern zudem die Darstellung eines Problems. Ein Klient fühlt sich z. B. „wie in einem Schraubstock“ oder ein Beruf schmeckt fade und trocken „wie ein Löffel Haferflocken ohne Milch und Früchte“.

Nach Gesprächen mit Beratern und Therapeuten sowohl im psychischen wie auch im somatischen Bereich habe ich den Eindruck, dass synästhetische Fähigkeiten nicht selten sind – mögen sie nun auf der tatsächlichen Wahrnehmung durch Sinnesorgane beruhen (manche Menschen scheinen zusätzliche Farben in Form einer Aura tatsächlich mit den Augen zu sehen) oder auf einer automatischen Projektion im Gehirn (wie in meinem Fall).

Vielerorts wird dieses Wissen insgeheim nicht nur bei der Wahrnehmung und Behandlung von Menschen, sondern auch von Tieren oder Pflanzen genutzt.

Es wird wirklich Zeit, dass diese Fähigkeiten nicht mehr als „Verrücktheiten“ angesehen werden, sondern dass das Wissen darüber besser verbreitet, anerkannt und genutzt wird.

Ines TäuberInes Täuber
Kunsthistorikerin, Historikerin, Romanistin, Kulturmanagerin, Psychologische Beraterin in Ausbildung

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