Konrad ist nicht faul! Förderansätze für Kinder mit muskelhypotoner Haltung

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Fortsetzung aus der Freien Psychotherapie 02.2015

fotolia©rimmdreamHypotone Kinder werden als antriebsschwach und faul bezeichnet. In der Erziehung sind sie nicht einfach, es ist schwer, sie zu motivieren, ihre Ausdauer ist gering, sie haben umfangreiche Vermeidungsstrategien entwickelt, die nicht selten charakterliche Besonderheiten auslösen. Im 1. Teil von „Konrad ist nicht faul!“, habe ich die Lebensrealität des Kindes dargestellt. Konrad steht beispielhaft für die Kinder, deren Störung medizinisch nicht so auffällig ist, als dass die Hypotonie und die Folgen für die kindliche Entwicklung ohne umfangreiche Beobachtung herausgefunden werden können. Im Folgenden möchte ich nun praxisorientiert aufzeigen, wie eine Wahrnehmungs-, Spiel- und Lernförderung den betroffenen Kindern und Eltern helfen kann.

Neben der Förderung in meiner Lernpraxis erhielt Konrad 20 Stunden Ergotherapie im Vorschulalter und Krankengymnastik, die von einem Orthopäden verordnet wurde. Ich begleitete Konrad insgesamt drei Jahre mit einigen Unterbrechungen. Konrad konnte nicht alle Probleme überwinden, doch mittlerweile geht er in die 4. Klasse seiner Grundschule und hat durchschnittliche bis gute Leistungsbewertungen. Konrad ist selbstsicherer geworden und geht mit seinen Grenzen oftmals humorvoll um. Eine Ganztagsbetreuung kommt für die Eltern momentan nicht infrage. Konrad braucht den Nachmittag, um sich zu entspannen, sich mit Freunden zu treffen und seinen Hobbys nachzugehen.2016 02 Konrad3

Seine Aufmerksamkeitsspanne ist auch weiterhin begrenzt, doch gelingt es ihm zunehmend, sich längere Zeit zu konzentrieren. Somit sind viele Erfolge zu verzeichnen, nicht zuletzt durch das Verständnis und das Engagement seiner Eltern, die dankbar waren, Erklärungen für Konrads Probleme zu erhalten und ihm die notwendige Unterstützung zu bieten.

Um einen Einblick in die praxisorientierte Förderung sensorisch auffälliger Kinder zu gewähren, fasse ich hier die Angebote für Konrad in verschiedenen Abschnitten zusammen. Die beschriebenen Phasen sind in sich nicht abgeschlossen, zeigen nur auf, wie sich die Entwicklung von Förderhilfen den Problemen des Kindes anpasst. Der Umgang mit der Schwerkraft, die Tiefensensibilität und die Gleichgewichtsreaktionen bilden dabei die Basisfunktionen, damit andere Wahrnehmungsbereiche ausreifen können. Deshalb stehen diese am Anfang der Förderung.

Konrad kommt in meine Praxis

Kurz vor seinem 5. Geburtstag meldete die Mutter Konrad zur Fördergruppe für Vorschulkinder an. Er und zwei weitere Kinder, die Probleme mit Gleichgewichtsreaktionen, der sprachlichen Entwicklung, der Grob- und Feinmotorik hatten, bildeten die Gruppe. Die Vorschulgruppen finden 2 x wöchentlich 1,5 Stunden statt und verstehen sich nicht als „Therapie“. Es sollen Basiskompetenzen des Lernens gefördert werden, um Kindern den Schuleinstieg zu erleichtern. Dabei handelt es sich primär um Wahrnehmungsfunktionen, die spielerisch trainiert und verbessert werden.

Phase 1: Förderung von Körperschema und Tiefensensibilität

2016 02 Konrad4In seinen Bewegungsabläufen schien Konrad unkoordiniert, sein Gang war plump und laut. Beim Treppensteigen hielt er sich auffällig am Treppengeländer fest. Konrad konnte seine Körperteile nur unter visueller Kontrolle zeigen, mit geschlossenen Augen fiel ihm schon das Stehen schwer, er musste sich bei der Übung an der Wand anlehnen. Die mangelnde Kraftdosierung der Muskulatur fiel in der Grob- und Feinmotorik auf, der hypotone Muskelzustand führte zu mangelnder Wurf- und Ziehkraft, er konnte Dinge nicht oder nur schwer öffnen, überhaupt schienen ihn selbst kleine Tätigkeiten, wie das Wegräumen von Gegenständen, extrem anzustrengen.

Die Kinder durchliefen ein Ratespiel. Ihnen wurden im Liegen mit geschlossenen Augen drei Sandsäckchen auf den Körper gelegt, später sollten sie bei einem anderen Kind zeigen, wo die Säckchen auf ihrem Körper gelegen hatten. Konrad konnte keine der Stellen auf seinen Schultern und seinem Rücken ausmachen. Zeichen, die sich die Kinder gegenseitig auf den Rücken malten, erkannte er nicht, meistens fiel es ihm bereits schwer die Aufgabenstellung überhaupt nachzuvollziehen.

Ein Barfußparcours im Garten machte ihm besondere Schwierigkeiten, er klammerte sich an mich, sein Gesicht verzerrt, der Körper aus dem Gleichgewicht, so überschritt er Blätter, Baumrinden, Kieselsteine, Moosteppich, Matsche und eine Wassereinlage. „Das ist genauso schlimm, als wenn ich in den Wald muss!“, gab Konrad von sich und es wurde klar, weshalb er den Waldtag mit dem Kindergarten ablehnte. Die Unebenheiten des Waldbodens waren eine echte Herausforderung für sein unausgereiftes propriozeptives und vestibuläres System (Tiefenwahrnehmung und Gleichgewicht).

Während der gesamten Förderung fügte ich gezielte Übungen zur Körperwahrnehmung und Kraftdosierung ein. Damit neuronale Verbindungen über die Rezeptoren angeregt werden, ist Wiederholung unbedingt notwendig. Übungen im Therapiekreisel, an der Sprossenwand, auf der Rutsche, Fantasiereisen mit Elementen der Progressiven Muskelentspannung nach Edmund Jacobson, taktile Anregungen über verschiedene Materialien in der kreativen Arbeit, im Bällebad, mit Bohnentüchern, Massagen, die sich die Kinder gegenseitig gaben, „Sandwichspiele“ und andere Körpererfahrungen verteilten sich über die gesamte Förderzeit, denn die Selbstwahrnehmung ist ein wichtiges Element für die seelische Entwicklung des Kindes und die Reifung anderer Wahrnehmungsfunktionen.

Während einer Einzelstunde traute sich Konrad schließlich aufs Trampolin. Er wirkte unsicher, konnte sich selbst kaum Schwung geben. Ich hielt ihn an beiden Händen fest, seine Beine schienen zittrig, doch er versuchte unbeholfen und verkrampft zu springen. „Wir machen das wieder Konrad, du wirst sehen, es wird dir immer besser gelingen.“

Ich konnte den Druck an meinen Händen noch lange Zeit später spüren, so krampfhaft hatte er sich an mir festgehalten. Auch das Hüpfen auf festem Boden fiel Konrad schwer. Den Eltern riet ich zu einem Schwimmkurs, es würde bestimmt Schwierigkeiten geben, aber es wäre für Konrad eine gute Sportart. Man wies ihn aus einem Schwimmkurs für Kinder wieder aus, weil er sich nicht in der Hocke halten konnte und dauerhaft Angst hatte. Doch der DLRG nahm Konrad auf und heute ist er ein guter und schneller Schwimmer!

Phase 2: Stabilisierung des Gleichgewichts

2016 02 Konrad5Konrad vermied Schaukeln und Karussellfahrten berichtete die Mutter. Auch Kletteraktionen auf Spielplätzen führte er nur mit Hilfestellung aus. Er glitt kleinere Rutschen herunter, es durften aber keine anderen Kinder in der Nähe sein, und er brauchte Hilfe beim Hinaufsteigen. Das Fahren mit einem Roller und anderen Fahrgeräten war zudem eine Schwierigkeit für ihn. Erst spät lernte er das Fahrradfahren und hat bis heute nicht so viel Freude daran. Das Sitzen auf einem Stuhl ist ebenfalls eine große Herausforderung an sein Gleichgewichtsgefühl. Zudem hängen viele visuelle Fähigkeiten, z. B. das Verfolgen eines Gegenstandes oder Wortes (Lesen!) mit dem Gleichgewicht zusammen. Die Kinder verlieren leicht die Zeile, wenn sie etwas von der Tafel abschreiben oder lesen sollen. Die Hand-Auge-Koordination ist ebenfalls betroffen.

In der Praxis zeigte sich, dass Konrad nicht auf einem Bein stehen, an einer Linie entlang laufen oder einige Minuten im Stand ausharren konnte. Es kostete ihn viel Kraft, längere Zeit zu sitzen und zuzuhören. Kein Wunder, dass er im Stuhlkreis unaufmerksam war. Eventuell kam noch eine Hörverarbeitungsstörung hinzu, denn Konrad sprach immer noch viele Wörter falsch aus (Dyslalie).

Mit der Hängematte, dem Therapiekreisel und der Rutsche wagten wir uns ans Gleichgewicht heran. Auf mein Anraten bekam er eine eigene Schaukel in den Garten seiner Eltern, weil er sich so im eigenen Tempo ans Schaukeln herantasten konnte. Es dauerte nicht lange, da schaukelte Konrad leidenschaftlich! Spiele mit dem Rollbrett, Bewegungsübungen mit Musik und Koordinationsübungen zeigten recht schnell Erfolge. Konrads Leidenschaft, in Sand und Matsch zu wühlen und sich auf der Erde zu bewegen, sollte angeregt werden. Die Eltern nutzten alle Möglichkeiten, Konrad bekam eine Buddelhose und durfte sich so schmutzig machen, wie er wollte.

Phase 3: Training der Hand-Auge-Koordination

Die liegende Acht aus der Kinesiologie wurde regelmäßig in die Übungsstunden integriert. Eine Holzacht mit Murmel wurde von Konrad bewegt und die Murmel dabei mit den Augen verfolgt. Ähnlich verlief die Übung, indem ich einen Gegenstand vor seinen Augen bewegte oder von ihm selbst eine liegende Acht mit den Armen oder malend an der Tafel vollzogen wurde. Weitere Überkreuzbewegungen wurden spielerisch integriert. Ball- und Wurfspiele, Kegeln im Garten, Krocket und andere Spiele trainierten die Hand-Auge-Koordination. Die Kinder bekamen zudem in einer späteren Förderphase Übungsblätter mit Labyrinthen und Ausmalaufgaben. Dadurch sollte zugleich eine Gewöhnung an Stift und Papier geschehen.

Phase 4: Förderung der auditiven Wahrnehmung (Hörverarbeitung)

Die Kinder wurden bereits in ihrer auditiven Wahrnehmung gefördert, indem sie von Anfang an Aufgabenstellungen nachvollziehen und sich merken mussten. Das aufmerksame Zuhören in einer kleineren Gruppe zu trainieren, ist für viele Kinder eine gute Vorübung für den Schulunterricht. Konrads Merkfähigkeit war äußerst gering, Aufträge konnten ihm nur „portionsweise“ vermittelt werden. Das spielerische Zuordnen von Anlauten viel ihm schwer, er wurde beim Vorlesen einer Geschichte schnell unaufmerksam, merkte sich Inhalte kaum. Während ihm das Zuhören in reizarmer Umgebung noch gelang, bekam er kaum noch etwas mit, wenn die anderen Kinder lauter waren. Er war sehr schnell gereizt und ablenkbar oder träumte sich aus der Situation.

Ich nutzte Programme und Übungen, um die Aufmerksamkeit beim Zuhören zu fördern, und gab visuelle Hilfestellungen, um Geschichten zu erinnern. Reime, Spiele mit Anlauten, Lauschspiele zur akustischen Differenzierung, Sprachspiele, rhythmische Übungen mit Orff-Instrumenten machten den Kindern nicht nur Freude, sondern Konrads Aussprache verbesserte sich zudem und er konnte am Ende der Vorschulförderung viele Inhalte von Gesprochenem behalten. Den Eltern riet ich, Konrad kurze Geschichten vorzulesen, ihm zwischendurch Fragen zu stellen oder über den Inhalt zu sprechen. Das Vorlesen wurde zum Abendritual, an dem die Familie Freude fand und das sie bis heute beibehalten hat!

Phase 5: feinmotorische Prozesse und Alltagswissen fördern

Während der Vorschulförderung erarbeiteten die Kinder Wissensbereiche und führten mittels Zeichnungen Dokumentationen durch. Im genannten Zeitraum besuchte eine Katze regelmäßig die Praxis und wurde von den Kindern gefüttert. Die Kinder beschrieben die Katze in ihrem Aussehen, ihren Bewegungen und hielten fest, was sie besonders gerne fraß. Wir schauten uns die Pfoten näher an und ein Katzenbuch vermittelte wichtiges Wissen.

Im Frühjahr richteten wir ein Kaulquappenaquarium ein und dokumentierten die Veränderungen in gemalten Lerntagebüchern. Konrad hatte Freude am Beobachten und war sehr interessiert. Das Erlernen der Jahreszeiten und Wochentage viel ihm sehr schwer. Auch im Kindergarten hatte er sich immer noch nicht an gleichbleibende Abläufe gewöhnt.

Auf dem Programm standen zudem Übungen, um Gewichte zu unterscheiden, zur Mengen- und Raumwahrnehmung, Form- und Farberkennung, Gestaltungsaktionen mit zahlreichen Materialien wie Ton, Pappmaschee, Filz usw., feinmotorische Übungen zur Stifthaltung, Fingerwahrnehmung, das Schließen von Knöpfen, Schuhbändern und Reißverschlüssen, Einfädeln von Perlen und Stecken von Mustern. Konrad war unglücklich, dass er viele Dinge nur ungeschickt ausführen konnte.

Erfolge in der anschließenden Einzelförderung

Bei Konrads Einzelförderung, die während der ersten Jahre seiner Grundschulzeit 2 x wöchentlich stattfand, wurden weiterhin beschriebene Wahrnehmungsfunktion nun in Kombination mit Lehrinhalten des Grundschulunterrichts gefördert.

Am Ende der Förderung war Konrad in seiner Schule angekommen. Mit „guten Noten“ und Zeugnissen kommt er bis heute in meiner Praxis vorbei oder ruft mich an, um seine Freude darüber zu teilen. Auch wenn sich nicht alle Probleme beseitigen ließen, Konrad ist motiviert, sehr viel fröhlicher geworden und kann sich in der sozialen Gruppe behaupten. In der letzten Förderstunde nahm er seine Stabpuppe „Konrad“ mit, die er früher gebaut hatte. Er blickte sie an und sagte: „Das ist doch eigentlich ein toller Kerl!“, und grinste mich an. „Und was für ein toller Kerl das ist, der wird noch viel erleben und vieles schaffen!“, gab ich zurück und legte meine Hand auf seine Schulter.

Wer Kinder mit hypotoner Haltung fördert, braucht neben einer medizinischen Abklärung Auskünfte über mögliche Traumatisierungen, seelische Erkrankungen in der Familie und Entwicklungsbedingungen des Kindes. Es können vielfältige Ursachen sein, die Kinder kraftlos machen und ihnen die Orientierung in der Umwelt nehmen. Die Unterstützung der Wahrnehmungsfunktionen ist jedoch in jedem Fall wichtig, um Erfolge für diese Kinder zu verzeichnen, die andernfalls Gefahr laufen, psychische Fehlentwicklungen und schulisches Versagen zu erleiden.

Konrad hat Glück, in einer ihn annehmenden und fördernden Umwelt aufzuwachsen. Ich wünsche anderen Kindern mit sensorischen Störungen ebenfalls diese Unterstützung.

Literatur

  • Seiler, Christiane: Chancen für Kinder mit Muskelhypotonie und Entwicklungsverzögerung: Ein Ratgeber für Eltern und Therapeuten, Books on Demand; ISBN 978-3-837-08935-6
  • Ayres, Jean: Bausteine der kindlichen Entwicklung: Die Bedeutung der Integration der Sinne für die Entwicklung des Kindes, Verlag Springer, ISBN 978-3-642-30176-6

Bettina Papenmeier Bettina Papenmeier
Dipl.-Soz.-Pädagogin, Dipl.-Soz.-Arbeiterin, dipl. Legasthenietrainerin, Lehrerin für AT und PME, Geprüfte Psychologische Beraterin (VFP), Dozentin an der Paracelsus Schule Bielefeld
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