Der sicherste Weg ist, Geborgenheit aus uns selbst zu schöpfen

2016 02 Weg1

Geborgenheit – ein Wort, das vor einigen Jahren vom Deutschen Sprachrat und dem Goethe-Institut zum zweitschönsten Wort der deutschen Sprache gekürt wurde (1. Platz: Habseligkeit).

fotolia©drubig-photoBirgit Weidt im Gespräch mit dem Psychologen Prof. Dr. Hans Mogel über das Gefühl der Geborgenheit, nach dem wir uns alle sehnen.

Herr Prof. Mogel, seit 20 Jahren forschen Sie zum Thema Geborgenheit und haben in 16 Ländern über 3 000 Menschen dazu befragt. Was ist Ihre Erkenntnis?

Geborgenheit ist eine Sehnsucht, die uns Menschen, egal, wo wir wohnen, welchen Beruf wir ausüben, welcher Religion wir angehören, antreibt – es ist ein Gefühl, das wir ein Leben lang suchen. Geborgenheit ist ein fundamentales Lebenssystem, es wirkt sich förderlich auf unser Erleben, unser Dasein, unsere Persönlichkeitsentwicklung aus und schließt mehrere positive Gefühle ein: Behaglichkeit, Wohlbefinden, Wärme, Zuneigung, Nähe, Liebe, Akzeptanz, Verständnis, Schutz, innere Ruhe sowie das Streben nach Sicherheit. Sicherheit ist das innere Zentrum der Geborgenheit, denn wer geborgen sein möchte, muss Sicherheit erfahren, sie ist das allerwichtigste und universelle Merkmal, bei allen Menschen, in jedem Land und in jeder Kultur. Nur wer sich in diesem Sinne aufgehoben fühlt, kann die Gegenwart gestalten und fühlt sich wohl dabei. Ich würde dieses Phänomen auch als Gastlichkeit des Lebens auf Erden bezeichnen – in diesem Zusammenhang fällt mir das Wort Gastwirtschaft ein. Warum geht man denn in ein Wirtshaus, in die Kneipe oder ein Café? Dort, wo doch Schnitzel, Bier und Kaffee teurer sind als zu Hause? Man möchte nicht nur essen und trinken, sondern sich auch gut aufgehoben fühlen. Auch die Redewendung: „Zum Wohl“ oder „wohl bekomms!“ ist kein Zufall, sondern sozusagen Geborgenheitspflege. Der Wirt ist für den Gast da und der Gast wiederum sorgt für das ökonomische Wohlbefinden des Wirts, indem er eben isst und trinkt.

Geborgenheit ist sozusagen das emotionale Dach über unserem Kopf, das schützt und wärmt?

Ja, denn Sicherheit und Wohlbefi nden brauchen wir alle. Wenn man Menschen nach ihrem Verständnis von Geborgenheit fragt, können sie ihre Vorstellungen meist präzise mitteilen und wissen genau, was ihnen guttut. In unseren Erhebungen zu diesem Thema deckten sich die Aussagen: Freundschaft, Familie, Partnerschaft, eine Umarmung, Kuscheln, Verständnis, Trost, ein warmes Zuhause, in der Natur sein – all das verband die Mehrheit der von uns befragten Personen mit dem Gefühl des „Gutaufgehoben- Seins“. Die Griechen bezeichnen Geborgenheit übrigens als „Oikos“, gleichzusetzen mit unserem Wort „Haus“, es bedeutet: bei sich zu Hause sein, Halt finden und ein sicheres, bergendes Dach über sich zu wissen. Wer sich, wo auch immer, zu Hause fühlt, erlebt sich zugleich geborgen. Nicht umsonst unternehmen viele Menschen gewaltige Anstrengungen und tragen große finanzielle Lasten, um ein eigenes Haus zu bauen und ein schönes Zuhause zu schaffen. Riesige Industriezweige rund um die Bauwirtschaft leben vom Geborgenheitsmotiv! Doch Geborgenheit ist mehr als nur das Dach überm Kopf, sie ist jene innere Sicherheit, die durch Schutz, Wärme und Sichwohlfühlen zustande kommt und ein Gefühl von Angenommensein, Nähe und Zuwendung erzeugt.

Warum ist Sicherheit so wichtig, um sich zu Hause, zu fühlen?

Sicherheit ist weltweit die größte Sehnsucht der Menschen. Dass dem so ist, kann man an seinem eigenen Lebensgefühl, seiner persönlichen Befindlichkeit nachvollziehen. Wer „selbst-sicher“ ist, sprich: sich seiner selbst sicher ist, hat es leichter. Und wer sich in seinen eigenen Lebensverhältnissen sicher fühlen kann, fühlt sich eher wohl als jemand in verunsichernd erlebten Situationen. Den Zusammenhang zwischen Sicherheitsgefühl und subjektivem Wohlbefinden hat auch die Geschäftswelt erkannt: Versicherungen und Autokonzerne werben seit Langem vorrangig mit dem Sicherheitsaspekt ihrer Produkte. Für Flaschen gibt es Sicherheitsverschlüsse und Sicherheitsschlösser sollen uns vor Einbrechern schützen. Wenn Politiker Wahlen gewinnen wollen, versprechen sie alles Mögliche, vor allem aber Sicherheit. Und wenn Wissenschaftlern die Argumente ausgehen, sagen sie, dass „ein Sachverhalt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ sich so verhalte, wie sie ihn darstellen. Mit anderen Worten: Sicherheit ist eine der wichtigsten Voraussetzungen, um Geborgenheit zu erleben, im Beruf, in der Partnerschaft, in allen Lebensbereichen.

In Krisenzeiten wächst der Wunsch nach Geborgenheit. Warum sehnen wir uns gerade jetzt so sehr nach diesem Gefühl, wo es doch eher darum geht, etwas Neues zu wagen, Risiken einzugehen, Unsicherheit in Kauf zu nehmen?

Schwierige Zeiten, wie jetzt die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung, oder Unwägbarkeiten im eigenen Leben verunsichern stark. Existenzangst greift um sich, wenn die ökonomische Basis fehlt. Wer seine Arbeit verliert, dem bricht ein wichtiges Stück materielle Sicherheit, manchmal sogar die existenzielle Lebensgrundlage weg. Gerade in solchen Phasen sucht man umso mehr Halt. Und versucht häufig auch zu verdrängen, so gut es geht – viele Menschen wollen das aufkommende finanzielle Beklemmungsgefühl kompensieren, z. B., indem sie teure Urlaubsreisen antreten oder neue Möbel kaufen, unter dem Motto: „Ich kann mir das leisten“, obwohl es nicht der Wirklichkeit und nicht ihrem Kontostand entspricht. Es ist eine hektische Aktivität, die schnelles Glück verspricht, aber langfristig in die Ungeborgenheit führt. In allen Krisensituationen sollte man sich fragen, wie man selbst in angespannten Situationen noch positive Ziele erreichen kann, denn Krisen können auch einen Neuanfang bringen, allerdings unter erschwerten Bedingungen.

Was kann in uns Geborgenheit auslösen?

Einen universellen Weg gibt es nicht, aber es gibt drei Hauptrichtungen, die sich aufzeigen lassen: Erstens, man kann sich in der Umwelt geborgen fühlen, zweitens, man kann sich durch andere aufgehoben fühlen und drittens ist es möglich, in sich selbst Sicherheit zu finden. Dazu muss man aktiv werden, denn Wohlbefi nden stellt sich nicht von allein ein, es ist also nicht mit passivem Abwarten getan, sondern ist vielmehr auch eine Frage des persönlichen Engagements. Es gilt: Hoffen ist gut, tun ist besser. Die vorhandene Sehnsucht kann man stillen, indem man zielgerichtet nach Wegen sucht und sie aktiv verfolgt, so lange, bis sich das erhoffte Geborgenheitsgefühl einstellt.

Welches wären denn Wege, um sich in der Umwelt geborgen zu fühlen?

Es gibt z. B. Räume, die wir als geborgen erleben. Unsere individuelle Persönlichkeitsstruktur spielt dabei eine große Rolle. Es gibt Menschen, die fühlen sich sehr wohl mit warmen Farben und schönen Möbeln. Andere brauchen das nicht, sondern fühlen sich in eher kahlen Zimmern wohl, in denen vielleicht ein schönes Bild hängt und ihre Lieblingsmusik läuft. Wiederum andere fühlen sich gut aufgehoben in ihrer Stammkneipe oder beim Yogakurs.

Für die meisten von uns ist sicherlich die eigene Wohnung der absolute persönliche Schutzraum. Es gibt aber auch Orte von emotionaler Bedeutung, die mit der eigenen Biografie zu tun haben, dort wo sich ein ganz bestimmtes Gefühl, ein Gefühl von Heimat einstellt – z. B., wenn man an seinen Geburtsort zurückkehrt oder an einen Lieblingsort fährt. So etwas kann in uns Erinnerungen an früher erfahrene Geborgenheit auslösen. Bei mir ist das immer der Strand, verbunden mit dem Geruch des Meeres. Da spielt vieles mit rein: eine typische Sprache, das Geräusch der Wellen oder der Anblick von Palmen oder von Schiffen, die auf dem Wasser gleiten.

Aber auch Alltagsrituale können ein Gefühl von Geborgenheit vermitteln – warum ist das so?

Wir empfinden Wiederholungen spezieller Abläufe als angenehm, wie den Einkauf im gleichen Bioladen oder das Lesen einer bestimmten Zeitung. Das erleben wir als wohltuend, weil es den Tagesablauf ein Stück berechenbarer macht und uns eine gewisse Sicherheit gibt. Es sind die durch Erfahrung abgesicherten Geborgenheitserlebnisse, die dazu dienen, dem Tag positiv entgegenzutreten.

Geborgenheit erleben wir an vertrauten Orten, innerhalb der Familie oder mit Freunden. Wie gelingt es aber, dass wir uns in uns selbst geborgen fühlen?

Dies ist auch eine Frage der inneren Einstellung. Sie steht uns manchmal im Wege, denn es gibt eben Zeiten, wo die Lebensumstände wie Unwetter wirken und ein kalter Wind weht. Dann muss man seine eigene Sichtweise verändern, versuchen, die Gegenwart positiver zu sehen und sich auf das zu konzentrieren, was tatsächlich gut für einen ist. Die Menge an positiven Gefühlen, die ein Mensch hat, steht in direktem Zusammenhang damit, ob er im Leben aufblüht oder dahindümpelt. Oft klammern wir uns regelrecht an negative Erlebnisse und Gedanken aus der Vergangenheit und verhindern dadurch, die Zukunft aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Dazu ist es wichtig, aus der negativen Einstellung zu Personen oder Geschehnissen herauszutreten.

Methoden wie autogenes Training, Meditation oder Ausdauersport und der Versuch aktiver Selbstreflexion können dabei helfen. Sich aufgehoben zu fühlen bedeutet nicht, dass man sich zurückzieht. Ich rate: Fechten Sie grundlos negative Gefühle bei sich selbst und in Bezug auf andere an, ähnlich wie ein Anwalt vor Gericht. Analysieren Sie die Fakten. Ein einfaches Beispiel: Nur weil man möglicherweise beim Schreiben eines Buchs ein paar Kapitel hinter Plan ist, heißt das noch lange nicht, dass das Buch nicht erscheinen und der Verlag klagen wird. Man muss unbedingt die Tretminen bei sich selbst herausfinden und entschärfen: aufhören zu grübeln, stattdessen die eigenen Stärken gezielt nutzen. Außerdem Freundschaften und Beziehungen pfl egen, denn gute Gefühle sind keine Soloprojekte. Und insgesamt besser entspannen. Und, klingt vielleicht überraschend, aber hilft: mehr spielen, allein und mit anderen.

Inwiefern kann das helfen?

Wenn man Kinder beim Spielen beobachtet, sieht man, wie versunken sie sind. Vielleicht ist das Spiel überhaupt eine Lebensform, die dazu beiträgt, nicht nur etwas zu lernen, sondern sich auch in sich selbst geborgen zu fühlen. Jedenfalls ist es etwas, was wir uns von selbst aussuchen, ohne dass äußere Zwecke einen Einfluss darauf ausüben. Während des Spielens haben wir – bei allen unterschiedlichen Gefühlen, die dabei auftreten können – ein insgesamt gutes Gefühl, nämlich etwas Sinnvolles für uns zu tun. Spielen befriedigt, wirkt ausgleichend, erhöht die innere Ruhe und Gelassenheit. Und es ist frei von den Sorgen des Alltags. Übrigens hat mich die Beschäftigung mit dem Spielen bei Kindern erst auf die Idee gebracht, mich mit dem Phänomen der Geborgenheit wissenschaftlich und aus psychologischer Sicht zu beschäftigen. Denn freies Spielen setzt Geborgensein voraus. Nur unter dieser Voraussetzung ist es überhaupt erst möglich, sich dem hinzugeben. Wie die Geborgenheit, so ist auch das Spiel ein fundamentales Lebenssystem.

Gibt es eigentlich kulturelle Unterschiede, wie Menschen sich geborgen fühlen?

Ja, nehmen wir z. B. Thailand. Da sagte mir ein Mann: „Für mich ist es wichtig, dass die Schreiner Arbeit haben – dann hätten sie genug Geld, um bei mir einzukaufen. Und das gäbe mir Sicherheit!“ In Europa würde man eher sagen: „Für mich wäre es gut, wenn ich meine Arbeit behalte, das würde mir Sicherheit geben.“

Neben den kulturellen Besonderheiten spielt die individuelle Persönlichkeitsentwicklung eine wichtige Rolle. Und manchmal ist allein das Klima, die Wetterlage ausschlaggebend. In Wüstenregionen erlebte ich ein großes Hallo und aufkommende Freude bei den Einwohnern, als es anfing, wie aus Kannen zu schütten, ewig lang. Das Gegenteil erlebt man in europäischen Ländern, in denen Menschen bei andauernden Regenfällen eher unter zunehmenden Ungeborgenheitsgefühlen leiden. Aber einige Merkmale der Geborgenheitssehnsucht sind überall gleich – wir alle wollen Sicherheit, Wohlbefinden und zwischenmenschliche Wärme.

Erleben wir in Deutschland generell weniger Geborgenheit?

Wir halten oft an den negativen Dingen fest und verhindern somit, optimistisch zu sein. In anderen Ländern wie z. B. in Asien haben die Menschen eine andere, gesündere Einstellung zum Leben als wir. Sie sind mehr mit dem Hier und Jetzt beschäftigt. Wir fragen immer: Was für Ziele habe ich, welche Ressourcen kann ich mobilisieren, um sie zu erreichen? Dabei spannen wir oft den Bogen aus der Vergangenheit in die Zukunft, vergessen dabei die Gegenwart und machen uns so das gegenwärtig mögliche Geborgenheitserlebnis kaputt. Auch dadurch, dass wir uns zu sehr voneinander isolieren.

Großfamilien z. B. sind ein Grund dafür, dass sich Menschen geborgen fühlen. Diese Form des Zusammenlebens funktioniert tatsächlich wie ein sozial- und psychotherapeutisches Auffangsystem. Man weiß, dass jemand da ist. Das gibt es in unserer Gesellschaft leider recht selten. Wir haben es vielmehr mit einem Pluralismus von verschiedenen Formen des familiären Zusammenlebens zu tun. Das senkt die soziale Sicherheit und entsprechend häufig auch das Geborgenheitserleben. Die Gefahr des Gefühls von Ungeborgenheit ist größer in sozialer Isolation und Einsamkeit.

Dennoch, was können wir tun?

Wir können uns Geborgenheits-Institutionen aufbauen, um den Mangel zu kompensieren. Eine WG gründen oder einem Verein beitreten. Oder Nachbarschaften pflegen – das gibt übrigens vielen Menschen auch Halt und Sicherheit. Und wenn es nur ab und zu ein Plausch über den Gartenzaun ist. Aber es gibt dieses Gefühl, für den anderen da zu sein, wenn man ihn braucht. Das ist wohltuend. Manche Menschen suchen sich auch Dinge, die ihnen Halt geben, wie einen Ring oder ein Armband als Kompensation dafür, dass es den Menschen, bei dem sie sicher sind, im Moment nicht gibt oder sie diesen Halt nicht in sich selbst finden. Langfristig jedoch ist es immer wichtig, sich ein festes soziales Netz aufzubauen, das uns auffängt, wenn wir uns schwach fühlen. Und wichtig bleibt, das Vertrauen in sich selbst zu stärken.

Inwiefern hängt Selbstvertrauen mit Geborgenheit zusammen?

Wenn man es schafft, sich auch selbst zu loben und sich von sich aus höher zu bewerten, dann ist man zumindest schon an der Eingangstür zum Haus der eigenen Geborgenheit. Das hat auch damit zu tun, dass wir weder die Vergangenheit herabmindern noch die Zukunft schwarzmalen dürfen. Man muss es einfach lernen, die Fixierung auf negative Erinnerungen abzublocken, damit sie nicht mehr störend sind. Ich weiß nicht, wie viele Menschen nachts schlafl os daliegen, weil sie an Vergangenes denken, und tagsüber hektisch werden, weil sie von einer ungewissen Zukunft getrieben sind.

Es ist immer sinnvoll zu sagen: Heute ist der Tag, Folgendes steht jetzt an – aufstehen, gemütlich Kaffee trinken, Zeitung lesen, dann ran an die Arbeit und abends sich etwas Schönes vornehmen. Das kann man einplanen, so viel lässt unsere knappe Zeit schon zu. Es ist so wichtig, denn wir erleben nur einmal die Gegenwart und den jetzigen Moment. Außerdem habe ich den Eindruck, dass wir zu stark in Bezug auf das Haben denken, was uns stark vom Geborgenheitsgefühl ablenkt – denn eine zu starke materielle Ausrichtung kostet zu viel Energie und verhindert, dass wir die einfachen Dinge genießen. Denn eines ist sicher: Wohlstand hat nicht automatisch etwas mit Wohlbefinden zu tun.

Prof. Dr. Hans MogelProf. Dr. Hans Mogel
Leiter des Lehrstuhls für Psychologie an der Universität Passau, Autor der Bücher „Geborgenheit. Psychologie eines Lebensgefühls“ und „Psychologie des Kinderspiels“

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Birgit Weidt Birgit Weidt
Autorin, Journalistin

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