Flüchtlingsproblematik vs. Psychotherapie

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Persönliche Eindrücke von Markus Haberkorn

Zeitgleich zu meiner Ausbildung zum Heilpraktiker für Psychotherapie habe ich 2014/ 2015 für ein Bewachungsunternehmen gearbeitet. Meine Aufgabe bestand darin, im Auftrag der Stadt Stuttgart Flüchtlingswohnheime regelmäßig anzufahren, diese zu bestreifen und die Brandschutzeinrichtungen zu überwachen. Mir oblagen drei Reviertouren mit jeweils vier bis fünf Wohnheimen. In 12 Monaten habe ich etwa 13 Wohnheime in sieben Stuttgarter Stadtteilen betreut.

Die Stadt verfolgt das Ziel der dezentralen Unterbringung, d. h., die Flüchtlinge bzw. Asylsuchenden werden in angemieteten oder kommunalen Gebäuden in verschiedenen Stadtteilen untergebracht. Die Gebäude sind u. a. leer stehende oder ehemalige Schulen, Turnhallen, Krankenhäuser sowie Neubauten in Form einer sog. Systembauweise. Die Aufnahmekapazitäten der Unterkünfte reichen von 30 bis zu 270 Plätzen, die Systembauten beherbergen zwischen 156 und 248 Menschen.

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So unterschiedlich jede Unterkunft in Bezug auf Gebäudeart, Standort, Anzahl der Unterbringungsplätze ist, so verschieden ist auch die soziale Struktur eines jeden Wohnheims, abhängig von der Anzahl der ethnischen Gruppen, deren Größe und dem Grad der Durchmischung dieser Gruppen.

Teilweise erfolgte eine Aufteilung in den Gebäuden nach Stockwerken oder in Einzelgebäude für die religiösen oder ethnischen Gruppen. Genauso unterschiedlich geschah auch die Behandlung der Bausubstanz bzw. die Inneneinrichtung durch die verschiedenen ethnischen Gruppen. So war zu beobachten, dass Wohnbereiche, in denen z. B. afrikanische Asylsuchende untergebracht waren, sich nach kurzer Zeit in einem erheblich schlechteren Zustand befanden als die übrigen Wohnbereiche.

Dafür hat eine von mir angefahrene Unterkunft in zentraler Stuttgarter Lage nach kurzer Zeit ein interessantes Eigenleben entwickelt. Angefangen bei einer eigenen Form von Arbeitsmarkt, wobei nicht wirklich klar war, ob dieser den Behörden in dieser Form bekannt oder bewusst war, bis hin zu Formen von sexuellen Dienstleistungen. Als besorgniserregend ist hierbei vor allem die Tatsache zu betrachten, dass in diesem Konglomerat viele Kinder untergebracht sind und deren Interessen bzw. Schutz nicht von allen Bewohnern wirklich ernst genommen oder gar berücksichtigt werden. Hierbei ließ sich von einzelnen ethnischen Gruppen sogar eine ausgesprochen rücksichtslose Vorgehensweise beobachten.

Bei einem anderen Objekt fand ich einige wenige, dafür sehr engagierte Bewohner vor, die in Kooperation mit den caritativen Einrichtungen, die für die Betreuung der Bewohner zuständig sind, ehrenamtlichen oder geringfügig bezahlten Jobs innerhalb des Wohnheims nachgingen. Dieses Modell war aber eine der wenigen Ausnahmen in meinem Portfolio.

Ein pädagogisch fragwürdiges Engagement von hilfsbereiten Bürgern beobachtete ich in einem anderen Wohnheim in Form eines unkoordinierten Versorgens mit gebrauchten Fahrrädern. Die Folge dieser Überversorgung war, dass zunehmend Fahrräder demoliert waren und auf den Wohnheimdächern oder in den Gärten der benachbarten Grundstücke entsorgt wurden.

Überhaupt ist die Müllentsorgung in den benachbarten Flächen aus meiner Beobachtung heraus in fast allen Einrichtungen ein ernst zu nehmendes Problem, denn es kann nicht tragbar sein, dass angrenzenden klein- oder mittelständischen Unternehmen daraus erhebliche Kosten- und Wettbewerbsprobleme zusätzlich entstehen. Hierbei darf nicht vergessen werden, dass mit deren Steuern und Arbeitsplätzen u. a. diese Aufnahmekapazitäten einer Kommune erst geschaffen werden können.

Auch private Vorgärten oder Schrebergärten waren sehr oft Ziel von unberechtigtem Betreten oder Müllentsorgung, was wiederum zu abnehmender Toleranz bei den Besitzern dieser Flächen führte. Ebenso fand in fast allen Einrichtungen die tageszeitliche Entwicklung des sozialen Lebens außerhalb der Wohnräume zum abnehmenden Verständnis auf der Seite der berufstätigen Anwohner bei. So wurde ich bei meinen Einsätzen teilweise sehr heftig mit Vorwürfen von Anwohnern – darunter viele selbst mit Migrationshintergrund – konfrontiert, die sich auf nächtliche Ruhestörung bezogen.

Tatsächlich habe ich bis ca. 11-12 Uhr in der Regel nur ein paar Kinder spielend auf dem Gelände erlebt, das eigentliche Leben begann mit dem Kochen um 12-13 Uhr, das sich jedoch vor allem in den Sommermonaten bis nachts um 3-4 Uhr erstreckte. Dies war auch vielen Mitarbeitern der offi ziellen caritativen Einrichtungen so nicht bekannt oder bewusst. Deren Mitarbeiter waren ehedem nicht in dem Maße bei den Objekten anzutreffen, wie ich das im Rahmen ihres Betreuungsauftrags erwartet hätte.

Bei dem teilweise doch fragwürdigen Zustand der Bausubstanz einzelner Altbestandsobjekte ist der Fairness halber zu erwähnen, dass aufgrund der unberechenbaren Flüchtlingszahlen jede Kommune mit ihrer jeweiligen personellen wie auch finanziellen Ausstattung bereits im Vorfeld überfordert sein muss. In Anbetracht der unbeaufsichtigt spielenden Kinder auf den Objektgeländen bin ich ebenso wie viele Nachbarn an die Grenzen meines Verständnisses in Bezug auf die Unfallverhütung und Bausubstanzerhaltung gestoßen.

Es war für mich teilweise nicht leicht zu verstehen, warum ich als Mitarbeiter eines externen Unternehmens so oft bei Kindern Erste Hilfe leisten musste – obwohl ich das gerne tat – dabei aber in der Regel keine Eltern bei ihren Kindern gesehen habe. Ich habe auch nur sehr selten beobachtet, dass Eltern zusammen mit ihren Kindern die Umgebung erkundet haben oder versucht haben, sich mit der Umgebung vertraut zu machen. Vielmehr sah ich die Kinder allzu oft sich selbst überlassen. Mag sein, dass ich mit meiner westlichen Kultur hierbei etwas fürsorglicher geprägt bin, dennoch bleiben bei mir gewisse Zweifel zurück.

Mit großer Besorgnis habe ich das häufig fehlende Verständnis für ein Miteinander zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen innerhalb eines Wohnheims wahrgenommen. Ich bin recht häufig zu Feueralarmen gerufen worden, die zu 90% auf überhitzte Küchenbereiche und die dort installierten Brandmelder zurückzuführen waren. Der Alarm dieser Brandmelder wurde zumeist durch unsachgemäße Nutzung der Kochstellen ausgelöst. So wurden sehr häufig Herdplatten nach der Nutzung gar nicht erst ausgeschaltet oder es wurden für einen einzigen Topf alle vier vorhandenen Herdplatten gleichzeitig eingesetzt – und dann wurden allzu oft und fatalerweise Herd und Kochgut alleine und unbeobachtet zurückgelassen – immer mit der Gefahr, dass sich vor allem Kinder jederzeit sehr heftig an diesen glühenden Herdplatten verletzen konnten.

Wie viele Gegenstände der Inneneinrichtung – seien es z. B. Elektrogeräte oder Heizkörper – regelmäßig von der Kommune auszutauschen oder durch Neugeräte zu ersetzen sind, weil diese mittlerweile zerstört oder abmontiert und weiterverkauft wurden, kann sicherlich nur die für diese Objekte verantwortliche Liegenschaftsabteilung der Behörden einschätzen.

Dürfen wir hier nicht im Gegenzug einen anderen Umgang mit den bereitgestellten Unterkünften erwarten? Oder muss die jeweilige Kommune auf die Gepflogenheiten jeder ethnischen Gruppe noch spezifischer eingehen und kann sie das leisten? Vor allem für welchen Zeitraum? Dürfen wir wirklich nicht mehr Disziplin und Respekt auch von dieser Seite einfordern?

Vielleich sollte auch ermittelt werden, welche gesellschaftlichen Gruppen in den Flüchtlinge aufnehmenden Staaten den Hauptanteil an finanziellem wie organisatorischem Aufwand tragen und was sie wirklich leisten? Was die sprachliche Integrationsbereitschaft betrifft, so habe ich nur wenig wirkliche Eigeninitiative zum Lernen angetroffen. Persönlich ist mir nur ein junger Familienvater aus Afghanistan beim Lernen mit einem deutschen Vokabelheft aufgefallen. Hier war es für mich eine Selbstverständlichkeit, mich mit ihm in meinen kurzen Pausen zum Lernen zusammenzusetzen.

Wie viele Heimbewohner wirklich an Deutschkursen teilnehmen bzw. teilgenommen haben, kann ich nicht beurteilen. Es mögen sicherlich mehr Asylsuchende an entsprechenden Unterrichten teilnehmen, als dies von außen sichtbar ist. Nachdenklich stimmt mich, dass ich lediglich eine einzige Person mit einem Lehrbuch außerhalb des organisierten Unterrichts angetroffen habe.

Es ist sicherlich nicht einfach, sein eigenes soziales Umfeld, den eigenen Kulturkreis und die gewohnte Heimat aufzugeben, um dann viele Monate der Ungewissheit zusammengewürfelt mit anderen Religionsoder Kulturkreisen auf wenige Quadratmeter Wohnraum zusammengepresst verbringen zu müssen. Was eine solche Situation den betroffenen Menschen psychisch wirklich abverlangt, wird nur von den wenigsten unter den Einheimischen nachvollziehbar sein. Dennoch darf auch nicht vergessen werden, was vonseiten der Kommunen und der aufnehmenden Gesellschaftsgruppen, wie Nachbarn, ehrenamtlichen Helfern, caritative Einrichtungen und externen Dienstleister, an Aufwand geleistet wird.

Erst die nächsten Monate und Jahre werden zeigen, wie intensiv und umfangreich dieser gesellschaftliche Worst Case auf die Beteiligten beider Seiten einwirkt und wie groß der Bedarf an psychotherapeutischer Nachbehandlung tatsächlich sein wird. Wie kann diese Nachbehandlung auch auf andere Kulturen, in denen diese Art der therapeutischen Versorgung noch nicht etabliert bzw. gesellschaftlich akzeptiert ist, angewandt werden? Dies zu klären, wird die nächste große Herausforderung sein.

Nur eines muss klar werden: Diese psychotherapeutische Begleitung wird zunehmend ein wesentlicher Bestandteil einer erfolgreichen Integration werden bzw. werden müssen – auch wenn zurzeit noch andere Maßnahmen gesellschaftlich favorisiert werden. Eine erfolgreiche und effiziente Integration wird langfristig nur durch zusätzlichen Abbau von kulturell bedingten Missverständnissen und den aus diesem Prozess bedingten Ängsten sein – auf beiden Seiten!

Markus Haberkorn Markus Haberkorn
Heilpraktiker, in der Ausbildung zum Heilpraktiker für Psychotherapie

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