Biografiearbeit - Gelebte Geschichte - Lebensgeschichte

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Das Leben folgt insofern einer klaren Linie, als dass es mit der Geburt bei A beginnt und mit dem Tod bei Z endet. Und wir haben meist das Bedürfnis, dass es sowohl in unserer Rückschau ein lebenswertes Leben war, dass alles so gut ist, wie es jetzt gerade ist, und dass die Perspektiven für die Zeit bis Z lohnenswert sind.

fotolia©FM2Geschichte ist das, was war; Geschichten erzählen wir aus der bereits für uns vergangenen Zeit und manchmal sogar aus der Zeit davor. Deshalb ist unsere Lebensgeschichte mehr als die Summe aller Teile, mehr als ein aus Fragmenten zusammengesetztes Puzzlespiel. Sie ist vielschichtig, oberflächlich und tiefgründig zugleich, sie ist „ich“, weil es eine persönliche Geschichte ist; sie ist „wir“, weil sie nicht nur uns betrifft, sondern auch andere Menschen bis hin zur gesamten Gesellschaft, auf die wir natürlich mit unserem Sein Einfluss nehmen, sei er vermeintlich auch noch so klein.

„Bios“ heißt Leben und „grapho“ ritzen, schreiben. „Biographie“ heißt folglich aus dem Griechischen übersetzt „das Leben beschreiben“. Dies kann nun auf unterschiedliche Weise geschehen. So kann das Leben zwar als eine Abfolge verschiedener Ereignisse im Strom der Zeit gesehen werden. Allein aber schon die Festlegung, welche Ereignisse relevant waren, objektiv genau so stattfanden oder subjektiv wahrgenommen ganz anders waren, dürfte schwerfallen.

Unsere Vorfahren schrieben wenig und erzählten viel. Abends am Feuer, bei Feiern, wenn das Horn kreiste, wurden die alten Geschichten erzählt, von Göttern und Helden, von Taten und von den Ahnen, die nicht mehr da waren, aber gleichsam so lange Teil der Gemeinschaft, wie man sich an sie erinnerte. Heute haben wir elektronische Medien und Geburtenregister gibt es schon lange. Wenn wir wegziehen, können wir dank der digitalen Kommunikationsmöglichkeiten leicht in Kontakt bleiben. Und dennoch: Wer von uns weiß viel über seine Urgroßeltern, Großeltern, Tanten und Onkel, die Kinder der Geschwister? Wie nahe sind wir uns noch? Nahe genug, um uns zu erinnern, Teil eines größeren Ganzen zu sein, und damit auch besser über uns selbst Bescheid zu wissen? Was wissen wir von unseren Eltern, über unsere Kinder wirklich?

Unser Leben – in der heutigen Zeit gestalten wir es ständig neu und was jeweils von Bedeutung ist bzw. sein soll, legen wir selber fest oder es liegt im Auge des jeweiligen Betrachters. So entwerfen wir unsere eigenen Biografien in unterschiedlichen Lebenssituationen, beim Bewerbungsgespräch, bei der Aufnahme persönlicher Beziehungen oder bei der eigenen Lebensrückschau, z. B. beim Arzt, Psychologen oder Psychiater. Wir stellen uns dar und mischen Fakten mit der Vorstellung von uns oder der Vorstellung, die jemand anderes von uns haben soll. Den eigenen Lebenslauf zu beschreiben, bedeutet deshalb auch stets eine nachträgliche Konstruktion des beschriebenen Lebens mit dem Bemühen, diesem eine bestimmte Sinnhaftigkeit zu geben. Diese soll möglichst positiv sein, ein positives Bild von uns geben, zumindest aber das Bild, von dem wir möchten, dass man es sich von uns macht.

Eine meiner Großmütter hat ein solches Buch über ihr Leben geschrieben. Sie war bereits 80 Jahre alt, als sie es schrieb – für ihre Familie und ihre Freunde. Sie schrieb es gewiss aber auch für sich und für die Erinnerung an sie. Sie schrieb es auch mit Bezug auf eine Zeit, die für die deutsche Geschichte schrecklich war. Und ohne urteilen zu wollen, sehe ich in diesem Buch meine Familie als Opfer dargestellt, pointiert viele Einzelheiten aus dem Familienleben und ihrem eigenen Leben beschrieben. Gleichwohl bleiben alle Personen Menschen ohne Eigenschaften, weich gespült, Opfer, nicht verantwortlich, blass.

Ich habe in dem Buch viel erfahren und ich bin dankbar für das Buch. Nähergekommen bin ich durch das Lesen niemandem, auch nicht meiner Mutter, nicht ihrem Kummer und Schmerz, nicht ihren Ängsten und dem selbstzerstörerischen Umgang damit. Hätte sie mit einer objektiveren Biografi earbeit meiner Großmutter, mit einer ehrlicheren Darstellung des eigenen Lebens und der der Familie bessere Chancen auf ein zufriedenes Leben gehabt?

Letztens, ich war gerade dabei, für einen Flug nach Indien einzuchecken, rief mich meine Tochter an: „Mama, ich gehe morgen zum Osteopathen. Der möchte wissen, ob es in meiner Kindheit und Jugend besondere Erkrankungen, Verletzungen, Unfälle etc. gab. Kannst du mal gerade …?“ Peng. Da saß ich und wusste nichts. Mein Kopf war leer, Erinnerungen waren nicht da und ich fühlte mich wie die schlechteste aller Mütter. Waren Kindheit und Jugend meiner Tochter dermaßen spurlos an mir vorbeigezogen, dass ich nichts davon behalten hatte? Ich bekam beinahe Panik. Dann saß ich bei Gate „X“, drückte auf „Nachricht schreiben“ und begann einfach irgendwo, „SMS … senden … neue SMS“. Das war wie eine Spielkombination aus Memory und Puzzle zugleich. Der Flug wurde aufgerufen, ich ging zum Bus, Sitzplatz, neue SMS, senden … Platz einnehmen ... weitermachen. Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu schreiben.

Steinchen für Steinchen tauchte auf und ich schrieb, bis wir aufgefordert wurden, unsere Elektronik auszuschalten. Da war ich gerade fertig geworden. So weit zumindest. Und ich war glücklich, dass ich doch viel über meine Tochter wusste und es ihr mitteilen konnte. Ich muss gestehen, eine Bewertung dieser Erinnerungen für ein Positionieren der verschiedenen Ereignisse in einer Bedeutungsskala oder in der Erlebenswahrnehmung durch meine Tochter und mich hat nicht stattgefunden. Diese wäre aber durchaus bedeutsam, wenn es um Fragen von Beziehungen zu- und untereinander geht, aber auch, wenn medizinisch relevante Zusammenhänge erkannt werden wollen.

2016 01 Bio3Biografiearbeit ist heute ein geläufiger Begriff. Fast jeder Mensch, der in der Pflege oder im Heilberuf tätig ist, wird mit ihm konfrontiert werden. Dabei bezieht sich die Beschreibung der Biografie hier im Wesentlichen auf soziale Gerontologie, weniger auf Selbstreflexion oder Nutzen der Biografie für aktive künftige Lebensplanung und -gestaltung. Zum einen soll mithilfe biografischer Elemente auf spielerisch-künstlerische Art und Weise eine Vielzahl von Erfahrungen und Begegnungen, seien sie positiv oder negativ, gesammelt und untersucht werden, um einen möglichen Zusammenhang aller Ereignisse entdecken zu können und um im Umgang mit dem Pflege- oder Heilbedürftigen den adäquaten Weg zu finden. Ist der Pflegebedürftige bereits dement, wird das stringente Erinnerungsvermögen beeinträchtigt sein. Biografiearbeit ist dann ein Schlüssel zu noch vorhandenen Fähigkeiten, die es bewusst zu fördern gilt, um sie möglichst lange zu erhalten. War früher die Pflege darauf ausgerichtet, das, was der Mensch nicht mehr kann, von ihm fernzuhalten, ihn nicht damit zu belasten, liegt der Fokus heute auf dem, was noch da ist, auf dem, was der Mensch noch kann. Das gilt es zu erhalten und zu fördern. Nicht mehr der defizitäre Ansatz, sondern aktivierende Pflege und Betreuung stehen im Vordergrund. Deshalb werden möglichst vielfältige Informationen aus dem Leben, der Biografie eines zu pflegenden und betreuenden Menschen gesammelt, um methodisch einen Lebenslauf zu entwickeln. So ehren- und sinnvoll dieser Ansatz ist, bleiben doch Fragen:

  • Welches ist der greifbare Nutzen einer Beschäftigung mit der Lebensgeschichte eines Menschen, wenn er wie häufig weder für pflegerisches/medizinisches Personal noch für die betroffenen Personen durch eine Evaluation nachgewiesen wird? Ist die Nutzung der Biografieergebnisse dann sinnvoll?

  • Sind Ablauf, Setzen der Schwerpunkte und die fachgerechte Nutzung bzw. Umsetzung der Ergebnisse erarbeitet und gegeben?

  • Gibt es Qualitätsstandards, Qualitätssicherung?

  • Wie sind die Angaben des Betroffenen, aber auch die Informationen durch die Angehörigen überhaupt zu bewerten?

Vor zwei Jahren schenkte die Tochter meines Lebensgefährten ihm zu Weihnachten ein Buch: „Papa, erzähl doch mal“. Sie schenkte es ihm, weil sie, jetzt fast Mitte zwanzig, mehr wissen wollte von ihrem Vater, aber auch deshalb, weil er ihr mit seinen Mitte fünfzig vielleicht als ein älterer Herr erschien, dem das Pflegeheim nicht mehr allzu weit entfernt schon winkt. Da sowohl ihre Mutter, Großmutter und Tante im Pflegebereich arbeiten bzw. gearbeitet haben, war die rechtzeitige Auseinandersetzung mit Themen, für die es irgendwann zu spät sein könnte, für sie nur konsequent. Was aber passierte? Das Buch zog mit uns um und steht im neuen Bücherregal. Es ist bisher nie auch nur näher angesehen, geschweige denn bearbeitet worden. Mein Freund hat gesagt, dass er sich damit beschäftigen würde, wenn er Zeit hat, später. Vielleicht wird er es tun, ich wage es zu bezweifeln. Warum?

Ich habe mir das Buch angesehen. Akribisch wird dort nachgefragt, wie das Leben bisher war, die Vorlieben, die Abneigungen sollen dargelegt werden. Alle Lebensbereiche werden angesprochen und abgefragt. Wer das Buch ausgefüllt hat, hat sich „ausgezogen“ – wenn er es schafft, sich und den anderen durchgehend und zu 100% objektiv zu betrachten, und es erträgt, sich anzusehen bzw. „sich“ mit dem oder den anderen zu teilen.

Mein ehemaliger Ehemann, der als klassischer Homöopath viel Erfahrung mit umfangreicher Anamnese hat, berichtete mir einmal, dass es nicht die Homöopathie sei, die fehlerhaft sei. Vielmehr scheitere die Wahl des richtigen Mittels zum einen unter Umständen an den falschen Fragen zum falschen Zeitpunkt, an der subjektiv beeinflussten Wahrnehmung des „Falls“ durch den Behandelnden, aber auch am Unvermögen des Patienten, konkret zu sich selber zu werden. Allein schon die Frage: „Essen Sie lieber salzig oder süß?“ könne oft nicht beantwortet werden. Wenn es noch konkreter wird: „Erleben Sie eine Verschlimmerung eher morgens oder abends, bei kaltem oder warmen Wetter?“ müssten die meisten Patienten lange nachdenken, bevor sie, wenn überhaupt, eine Angabe machen können. Und diese Angabe sei dann eventuell subjektiv gefärbt, und zwar in einer Weise, dass der Umgang damit kontraproduktiv sein könne.

Im Rahmen meines Umzugs Ende letzten Jahres wohnte ich eine Woche lang bei meinen Schwiegereltern. Ich war plötzlich wieder Kind, ein altes Kind zwar, nichts- destotrotz gefiel es mir besser als erwartet. Am Ende der Woche bat ich um „Adoption“. Ich durfte einmal noch erleben, wie es ist, wenn man nach Hause kommt, das Essen fertig auf dem nett gedeckten Tisch steht, morgens Heinzelmännchen Brote fertig bereitet haben und man abends zusammensitzt und sich unterhält. Wir redeten miteinander, auch über uns. Und während es für mich schön war, aus dem Leben meiner Schwiegermutter zu erfahren, von ihren Kindern, den Kriegszeiten, ihrer Beziehung zu ihrem Mann, blühte sie im Erzählen auf; es war, als sei eine beinahe versiegte Quelle wieder zum Sprudeln gebracht worden.

Ich erfuhr viel über sie und ihre Familie, auch über ihre Vergangenheit, ihre Gefühle, die Familienzusammenhänge. Ich erkannte meinen Partner in seinen Eltern wieder und konnte mir vorstellen, wie er wohl in 20 bis 30 Jahren sein könnte. Ich habe allerdings auch erfahren, dass die Wiedergabe bestimmter Ereignisse oder Vorlieben, eigene oder die des Ehepartners, in der Erzählung durch meine Schwiegermutter anders klang, als sie z. B. früher einmal den Kindern erzählt wurden oder aber wie sie früher von den Kindern wahrgenommen worden waren. Denn als ich von einigen Erzählungen berichtete, sagte mein Freund einmal spontan: „Blödsinn, das war doch ganz anders.“ Nur, wie war es wirklich?

Was also ist wahr? Wenn Kinder im Pflegeheim erzählen, dass ihre Mutter Gemüse immer sehr weich gekocht hat und deshalb kein „hartes“ Gemüse mag, dann kann das stimmen oder eben absolut nicht. Vielleicht hatte sie in dieser Form immer nur dem Mann zuliebe gekocht und hasste in Wirklichkeit weiches Gemüse. Vielleicht hat sie überhaupt immer hervorragend und viel gekocht, weswegen sie in der Wohngruppe jetzt zu genau diesen Tätigkeiten ermuntert wird, in der Hoffnung, positive Anregungen und Reize zu geben. Das mag gut sein, aber vielleicht hatte sie jahrzehntelang immer nur gekocht, weil es von ihr erwartet worden war. Dann kann es sein, dass die erneute Küchenarbeit als reine „Folter“ erlebt wird.

Um zurückzukommen auf das Biografietagebuch. Mein Partner hat nicht hineingeschaut, weil es anstrengend und zeitaufwendig ist, dieses zu bearbeiten, aber auch, weil es ihm ein Alter vor Augen hält, mit dem er sich jetzt noch nicht auseinandersetzen möchte. Es ist ihm zudem auch klar, dass alle Angaben, die er machen würde, nur bedingt wahr sind, und zwar an der Oberfläche. Ginge er tiefer, sähe vielleicht alles ganz anders aus.

Heißt das nun, Biografiearbeit ist unsinnig und obsolet? Nein, ganz gewiss nicht. Sie bedarf nur, wie jede andere Beschäftigung mit Behandlungs- oder Pflegekonzepten, einer grundsätzlichen und umfassenden sowie individuellen Auseinandersetzung mit der Thematik. Standardisierungen im Sinne von „Konzept nach …“ sind nur so gut wie die Bereitschaft, das Konzept dem Menschen anzupassen. Wichtig ist, genau zu wissen, warum man Biografiearbeit für sich oder andere tun möchte. Was genau soll das zu erreichende Ziel sein? Welchen Weg beschreite ich dafür?

Biografiearbeit ist stets rückschauende Arbeit. Diese Rückschau kann nützliche Aufschlüsse geben, und zwar zu Gewohnheiten, Vorlieben und Abneigungen, noch vorhandenen Fähigkeiten oder auch zu bislang brachliegendem Potenzial.

Biografiearbeit kann Selbstvertrauen geben, aber auch verborgene Ängste ans Tageslicht bringen. Sie kann helfen, sich mit der Situation des Älterwerdens auseinanderzusetzen und dieses positiv in die Lebensperspektive einzubauen.

Das Sichauseinandersetzen mit sich selbst, eine Beurteilung der eigenen erlebten Vergangenheit aus nachträglicher Sicht kann zu einer Verringerung von Diskrepanzen (Wollen vs. Lebenslauf) und zu einer Integration, einer Vollständigkeit der eigenen Biografie führen.

Das Stärken autobiografischer Kompetenzen, die Rekonstruktion der eigenen Lebensgeschichte, deren Integration in das Hier und Jetzt können das Finden und die Nutzung von Ressourcen für die Zukunft ermöglichen. Dabei kann es sich dann darum handeln, einem pflegebedürftigen Menschen zu helfen, sein Leben angenehmer zu leben, indem seine Möglichkeiten in das alltägliche Leben integriert werden (können), aber auch darum, die eigene aktive Lebensbewältigung und Zukunftsplanung in den Vordergrund zu stellen.

Biografiearbeit ist auch dann sinnvoll, wenn diese Lebensbewältigung Angehörige betrifft. Im Gespräch mit meinen Schwiegereltern habe ich gemerkt, wie wichtig es ist, miteinander zu reden, einander zuzuhören, aber durchaus auch, zu hinterfragen.

Biografiearbeit durchzuführen, kann nach verschiedenen Methoden geschehen, abhängig davon, welches das Ziel der jeweiligen Arbeit sein soll und mit wem für wen sie geschieht. Grundsätzlich gibt es jedoch zwei Ansätze:

  1. den aktivitätsorientierten Ansatz (z. B. gemeinsames Singen, Basteln, Erledigen alltäglicher Aufgaben mit anschließendem Gespräch)

  2. den gesprächsorientierten Ansatz (z. B. systemischer Ansatz, personenzentrierte Gesprächsführung, Interviews)

Biografiearbeit wird auch in der Psychotherapie eingesetzt. Bezieht jede Befassung mit Seelenzuständen ohnehin auch immer Situationen und Ereignisse aus der Vergangenheit mit ein, so ist die klassische Biografiearbeit dennoch selbst keine Psychotherapie, kann aber im therapeutischen Kontext zur Anwendung kommen. Liegt der Fokus therapeutischer Arbeit auf einer Rückschau, kann diese biografische Selbstrefl exion eine Möglichkeit zur Unterstützung der Identitätsfindung darstellen. Ziel: Das Verstehen der eigenen Lebensgeschichte ermöglicht das Annehmen der eigenen Person und kann Raum geben zur persönlichen Weiterentwicklung. Krisen oder Wendepunkte im Leben können eine Rückschau erfordern.

Meine Tochter konnte die von mir erbetenen Informationen zu Krankheits- und Gesundungszuständen in ihrer Kindheit und Jugend weitergeben. Das lag daran, dass sie sich in Teilen erinnerte und sie jemanden (mich) hatte, den sie fragen und der sich erinnern konnte. Dass diese Informationen letztendlich nicht geholfen haben, die osteopathische Behandlung erfolgreich werden zu lassen, hat mit Sicherheit zahlreiche Gründe. Vielleicht hat selektive Erinnerungswahrnehmung dazu beigetragen, vielleicht fehlte nur ein Puzzleteilchen, vielleicht hat der Osteopath die Informationen ebenso subjektiv verarbeitet, wie ich sie erinnert habe und meine Tochter sie aufgenommen und weitergegeben hat, vielleicht gab es gar keine wirkmächtigen Zusammenhänge. Aber unabhängig von allem hat der Austausch zwischen meiner Tochter und mir das Band zwischen uns gefestigt.

Mein nächstes Ziel ist, mit ihr eine Erinnerungsreise zu Orten und noch lebenden Personen zu machen. Wer aus der Familie hat wann wo gelebt, welche Ahnen können wir finden, Verbindungen feststellen, Geschichten erzählen, uns unseren Platz suchen, unsere persönlichen Wurzeln schlagen.

Diese Vorgehensweise vereint durchaus schamanische Aspekte mit modernen Therapieansätzen sowie Aspekten der Epigenetik. Diese diskutiert als Spezialgebiet der Biologie die Frage des Einflusses bestimmter (oft traumatischer) Aktivitäten auf die Aktivität eines Gens und die Entwicklung von Zellen sowie die Vererbung daraus resultierender Festlegungen. Sollte es solche Festlegungen geben, können sie nicht aus dem eigenen aktiven Erinnern heraus bearbeitet oder integriert werden. Es bedarf dann einer aktiven und weitgreifenden Biografi earbeit, um auf Spurensuche zu gehen.

Spurensuche. Es gab einmal einen Schlager, dessen Refrain klang in etwa so: Deine Spuren im Sand, die ich gestern noch fand, ... was ist mir nur geblieben ...?

Anfang dieses Jahres bin ich zurück nach Lübeck gezogen. Viele Jahre hatte ich hier immer nur Gastspiele gegeben. Nun wollte ich zurück. Doch wenn man mich fragte: „Warum bist du damals weggegangen? Wer waren deine Freunde, wo lebte deine Familie?“, konnte ich keine konkreten Antworten geben. Alles war irgendwie im Nebel der Zeit verschwunden. Jetzt bin ich zurück, lebe hier, arbeite hier. Viele der alten Freunde sind noch da, ebenso manche der mittlerweile alten Verwandten. Ich gehe Straßen entlang, biege um Ecken, spreche mit Menschen. Und immer öfter gibt es dann Momente, in denen ich innehalte und mich plötzlich erinnere, an dieses oder jenes, an Begebenheiten, freudige und nicht so schöne. Und mit der Erinnerung kommen Erkenntnisse, bei manchen Lebensfragen komme ich Antworten näher und ich verstehe mich besser und erhalte gleichermaßen Handlungskonzepte für mich. Und wenn man mich heute fragte, ob ich – zum Beispiel – Angst in oder vor der Dunkelheit habe, könnte ich eine richtige Antwort geben.

Eines ist mir durch gelebte und praktizierte Biografiearbeit klar geworden. Ganz gleich, ob sie ganz pragmatisch die Bewältigung des alltäglichen Lebens, des eigenen oder des Lebens anderer, vereinfachen oder verbessern soll, ob die eigene Biografie besser verstanden werden soll, um Handlungskonzepte für die Gegenwart oder Zukunft zu erhalten, ob Brüche im Leben aufzudecken sind: Am Anfang stehen der Wille, wirklich etwas vom anderen (oder sich selbst) wissen zu wollen, sowie die Bereitschaft zuzuhören bzw. offen zu sein, auch für unerwartete Ergebnisse.

Carola Seeler Carola Seeler
Heilpraktikerin für Psychotherapie, zertifizierte Psychologische Beraterin (VFP), Betriebswirtin, Trainerin/Coach, Buchautorin

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