Was das Leben wertvoll macht?!

2016 01 Leben1

Hand aufs Herz: Wann haben Sie das 2016 01 Leben2
letzte Mal darüber nachgedacht,
welche Werte Ihr Leben prägen,
Ihr Denken bestimmen und Ihre Hand-
lungsweisen leiten? Wenn Sie ehrlich
zu sich selbst sind, werden Sie ver-
mutlich feststellen, dass Sie es viel zu
selten getan haben. „Ja, warum sollte
ich auch?”, könnten Sie mir jetzt ent-
gegenhalten. Warum sollten Sie über
Werte nachdenken in einer Welt, in
der man den Eindruck haben könnte,
dass es gerade diese Werte sind, die
ihr immer mehr abhandenkommen.

Ein Blick in die Nachrichten genügt: Täglich erreichen uns Schreckensmeldungen über die Zustände in den Flüchtlingslagern, Bootsunglücke im Mittelmeer oder tote Flüchtlinge an den Stränden des Mittelmeers. Und den wenigen, denen die Flucht in ein sicheres und besseres Leben gelingt, begegnen wir nicht selten mit Intoleranz, Ablehnung und Fremdenfeindlichkeit.

Dabei sind es oft gut ausgebildete Menschen, die unseren Schutz und unsere Hilfe suchen. Menschen, die sich Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa machen, denen wir mit unserem Verhalten das verweigern, was wir uns selbst wünschen würden, sollten wir je in eine vergleichbare lebensund existenzbedrohliche Situation geraten. Immer mehr breitet sich in Deutschland eine laute, aggressive, aufgeheizte, populistische Stimmung aus, die vernünftige, hilfsbereite, tolerante und mitfühlende Menschen zunehmend in die Defensive drängt.

Nicht viel besser sieht es bei unserem oftmals seelenlosen, gefühlskalten Umgang mit Tieren aus: Denken Sie nur an den sinnlosen Tod des Löwen Cecil, der der Trophäenjagd eines Zahnarztes zum Opfer fiel und die Frage aufwirft: „Welchen Wert hat ein Leben für uns?“ Steht es uns überhaupt zu, über diesen Wert zu befinden? Steht es uns zu, darüber zu entscheiden, wann und wie ein Leben zu Ende geht? Und wenn wir es tun, wie lange wird es wohl dauern, bis wir die Schwelle überschreiten, von der aus es kein Zurück mehr geben wird?

Selten zuvor war es so zwingend wie heute, dass wir uns einer Wertedebatte stellen, die von all jenen angeführt werden muss, die es für eine Selbstverständlichkeit erachten, Werte wie Menschlichkeit, Toleranz, Mitgefühl und Zivilcourage wieder mit Leben zu füllen. Doch wollen wir hier wirklich ein Umdenken bewirken und zu einer Erneuerung beitragen, müssen wir zunächst bei uns selbst beginnen und uns fragen, welche Werte für uns im Leben wichtig sind, worauf unser Wertesystem, unser Glauben, unsere Ziele und Überzeugungen fußen.

Schließlich sind wir überzeugt, dass jenseits der materiellen Welt, jenseits von wirtschaftlichem Erfolg und medialer Selbstdarstellung etwas existiert. Und gerade deshalb suchen wir nach einem tragfähigen Fundament – nach etwas, das unser Leben auch und gerade dann lebenswert macht, wenn Erfolge ausbleiben, wenn unser Leben zu stagnieren scheint oder wir an einem Punkt angelangt sind, an dem wir nicht mehr weiterwissen.

Spätestens an diesem Punkt fragen wir uns: „Was tue ich hier eigentlich und warum?“ und „Was ist mir wirklich wichtig auf dieser Welt?“ Eine Antwort finden wir, wenn wir uns bewusst machen, was unser Leben wertvoll und sinnvoll macht, was es ist, das unser Denken, unser Tun und unser Streben leitet. Dazu möchte ich Ihnen meine ganz persönliche Geschichte erzählen:

Es muss Mitte der 1960er-Jahre gewesen sein, eine kalte Winternacht mit Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Mein damals noch sehr junger Vater tat erst seit Kurzem Dienst als Grenzsoldat auf seinem Posten in einem abgelegenen Abschnitt mitten in einem Waldstück im Nordwesten der DDR. Alles sprach dafür, dass es eine ruhige Nacht werden würde. Nichts deutete darauf hin, dass sich in jener Nacht sein Leben verändern würde.

Er lief Patrouille, als er plötzlich Geräusche hörte und einen jungen Mann bemerkte, der gerade dabei war, den Grenzzaun zu erklimmen. Die Waffe meines Vaters war zu diesem Zeitpunkt durchgeladen und griffbereit, doch er verharrte regungslos, bis ihn die schrille Stimme des Hauptmanns aus seinen Gedanken riss: „Stehen bleiben oder wir schießen!“ Unbeherrscht schrie er meinen Vater an: „Verdammt, sehen Sie das nicht? Schießen Sie!“

Doch der Befehl prallte an ihm ab. In Sekundenschnelle spulte er herunter, was er in seiner Ausbildung gelernt hatte: Man hatte ihm beigebracht, auf die Beine zu zielen. Wieder hörte er die sich überschlagende Stimme des Hauptmanns: „Verdammt noch mal, sind Sie taub? Fackeln Sie nicht lange! Halten Sie endlich drauf, der Grenzverletzer bleibt nicht stehen.“ Mein Vater blieb unbeeindruckt, ließ seine Waffe dort, wo sie war, und sagte: „Ich werde nicht auf einen Menschen schießen!“ Wenig später hatte der junge Mann die Zaunkrone mit dem Stacheldraht erklommen und ließ sich auf die andere Seite des Maschendrahtzauns fallen. Er lebte und war frei!

Warum hat sich mir diese Szene so tief ins Gedächtnis gebrannt? Bis heute hat mein Vater nie über die Einzelheiten gesprochen, die sich damals zugetragen haben. Und doch habe ich oft über das nachgedacht, was er getan hatte: Er hat einem Menschen das Leben gerettet! Dadurch verinnerlichte ich einen wichtigen ethischen Grundsatz, einen Wert, an dem ich auch heute noch mein Leben ausrichte: Dass es Menschen braucht, die mutig und couragiert genug sind und sich – um das Leben anderer Menschen zu retten – über Gesetze und Befehle hinwegsetzen, Menschen, die etwas riskieren und die Zivilcourage zeigen.

Mein Vater hatte diesen Mut, verweigerte als Grenzsoldat den Schießbefehl und rettete so das Leben eines „Republikflüchtigen“. Er selbst verbrachte dafür einige Jahre im Zuchthaus, bereute es jedoch keine Sekunde. Für seine Unerschrockenheit, sein beherztes Handeln und sein zutiefst menschliches Verhalten bewundere ich ihn sehr und er ist ein Vorbild für mich. Er vermittelte mir Werte wie Menschlichkeit, Empathie, Mitgefühl, Geradlinigkeit, Aufrichtigkeit und Mut, die auch meinen Weg durchs Leben leiten. Es sind meine Werte, für die es sich zu kämpfen lohnt und die ich unbedingt brauche, um zufrieden und glücklich zu sein.

Wenn Sie wissen wollen, was Ihre Werte sind, stellen Sie sich genau diese Fragen: „Was ist in meinem Leben existenziell wichtig?“, „Was ist es, für das ich kämpfen würde?“, „Wofür brenne ich?“, „Was brauche ich, um zufrieden und glücklich zu sein?“ Machen Sie sich bewusst, dass es Ihre Werte sind, die Ihnen dabei helfen, grundlegende Entscheidungen in Ihrem Leben zu treffen. Sie geben Ihnen einen inneren Kompass und helfen Ihnen, die richtigen Entscheidungen zu treffen – denn eine Entscheidung, die im Einklang mit Ihren Werten steht, kann niemals falsch sein!

Pater Anselm Grün verglich die Bedeutung von Werten einmal mit einem Haus: Es geht darum, ein Haus zu bauen, in dem wir uns zu Hause, verstanden und angenommen fühlen. Denn „das Wichtigste, das Menschen brauchen, ist eine Ermutigung, eine Bestärkung ...“.1 Etwas, das ihrem Leben Sinn verleiht. Grund genug für mich, mich einmal auf die Suche nach dem zu begeben, was es wohl ist, dass das Leben der meisten Menschen in unserem Land heute wertvoll macht.

Das Ergebnis der nicht repräsentativen Facebook-Umfrage „Wofür stehst du?“ ist beeindruckend. Die Mehrzahl der Facebook- Nutzer/-innen beantwortete sie mit Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, Respekt, Wertschätzung und Selbstachtung, Liebe, Hilfsbereitschaft, Vertrauen, Treue, Gerechtigkeit, Toleranz und Empathie. So weit, so gut. Erstaunlich war für mich jedoch, dass es Werte wie Gewaltfreiheit, Nächstenliebe, Freiheit und Mut nicht in die Top Ten geschafft hatten, sondern nur auf den hinteren Plätzen landeten.

2016 01 Leben3

Natürlich muss jeder von uns für sich selbst die Werte finden, die sein Leben ausmachen. Und doch meine ich, dass es vor allem Werte sind, die etwas mit Menschlichkeit, mit dem menschlichen Miteinander zu tun haben, die am wichtigsten und nachhaltigsten für unser Glück sind.

Denn spätestens dann, wenn wir in ein schweres Fahrwasser kommen, wenn wir unter Druck stehen, sich vieles gegen uns wendet, wir Leid erfahren, uns lebensbedrohliche Krankheiten ereilen oder wir schwere Krisen durchleben, werden wir gerade diese Werte zu schätzen wissen und dankbar sein, wenn es Menschen gibt, die sich um uns kümmern, Menschen, die mitfühlen, die zuhören, für uns da sind und uns annehmen, so wie wir sind.

1 Pater Anselm Grün im Interview, managerSeminare, 13.07.2011

Dr. Sandra Maxeiner Dr. Sandra Maxeiner
promovierte Politik- und Sozialwissenschaftlerin, Heilpraktikerin für Psychotherapie, ehrenamtliche Hospizhelferin
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!