Ich hasse diesen ganzen Psychotherapie-Schwindel

2015 04 Schwindel1

... schnaubte eine junge Dame ganz aggressiv, nachdem ich erwähnt hatte, dass ich Psychotherapie ausübe.

fotolia©pathdocDaraufhin sagte ich ganz einfach: „Sie wissen: Was wir denken, beeinflusst unsere Stimmung, denn unser Gehirn denkt immer, auch wenn wir schlafen, wie wir ja an unseren Träumen bemerken können.“

Tagsüber denken wir – bedingt durch unsere Arbeit – zweckgerichtet und unsere Stimmung ist entsprechend. Aber wenn unsere Tagesaufgaben das nicht erfordern, geht das Denken trotzdem weiter und färbt oder bestimmt sogar unsere Stimmung. Das kann zu schlechter Laune oder auch zu guter Laune führen – je nachdem, wie wir denken, aber unser Denken als solches ist nicht Ursache für unsere Stimmung.

Wenn wir aber bewusst unsere Gedanken mit etwas Erfreulichem beschäftigen, dann färbt oder bestimmt unser Denken unsere Stimmung natürlich in Richtung Zufriedenheit, Freude oder gar Fröhlichkeit. Und wenn wir das des Öfteren tun, dann wird das leichter gehen und vielleicht nach einiger Zeit automatisch zu einer Eigenschaft unseres Lebensgefühls.

Wir alle kennen Menschen, die man Frohnatur nennt, und andere, die als griesgrämig bezeichnet werden, vielleicht mit einem anderen Wort, aber mit der gleichen Bedeutung. Wir können also selbst etwas dazu tun, dass wir uns besser fühlen und damit unser Leben bereichern, und das sollten wir auch, denn es lohnt sich wirklich!

Manchmal im Leben aber hat jeder Mensch so etwas wie ein Stimmungstief, mal kommt es ganz allmählich, mal aber auch ganz plötzlich. Und wenn es nicht vorübergeht und man so gar nicht damit zurechtkommt, hilft oft ein Gespräch mit einem Familienangehörigen oder Freund – leider aber nicht immer.

Dann könnte man Hilfe aus der Psychotherapie gewinnen, wäre da nicht die verständliche und weitverbreitete Scheu. Die Silbe „Psycho“ lässt ja nun auch wirklich jeden sofort an „Psychiatrie“ denken und „Therapie“ natürlich an Krankheit.

Als ich meiner Enkelin einmal aus der Klemme helfen sollte, sagte sie zu mir: „Mutti hat mir gesagt, dass du gelernt hast, aus traurigen Menschen fröhliche zu machen.“

Würde dieses nützliche Fachgebiet ohne Vorurteile gesehen, würden viele Menschen völlig selbstverständlich mit großem persönlichen Gewinn Psychotherapie für sich nutzen und das nicht als Bankrotterklärung für sich betrachten, sondern als ganz rationale Nutzung einer Hilfe, genauso wie man sich auch bei einer Steuererklärung von einem Fachmann helfen lässt, ohne sich für sein Unwissen im Steuerrecht zu schämen.

Schließlich beruht der gesamte Fortschritt der Menschheit auf Spezialisierung. Der eine Bauer konnte besser Holzschuhe machen und der andere besser schlachten. Darum ließ der eine von seinem Nachbarn die Holzschuhe für sich schnitzen und übernahm dafür dann bei ihm das Schlachten. So entstand die Arbeitsteilung – und dann natürlich auch die Vielzahl der Berufe. Und nur ein einziger davon ist der des Psychotherapeuten.

Resultat: Die junge Dame will jetzt eine Psychoanalyse machen.

Peter Bernhard Peter Bernhard
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