Die Illusion der perfekten Kontrolle

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Wer zu viel in seinem Leben kontrollieren und überwachen möchte, erreicht häufig das Gegenteil dessen, was er sich wünscht: Das Leben wird nicht sicherer, sondern angstbesetzter. Birgit Weidt im Gespräch mit Dr. Bernd Sprenger: Warum manchmal weniger Kontrolle zu mehr Sicherheit im Leben führt – und wie dies gelingt.

2015 03 Illusion2Warum eigentlich möchten wir immer alles im Griff haben?

Der Wunsch nach Orientierung und Kontrolle ist ein psychologisches Grundbedürfnis: Ich möchte, soweit das irgendwie möglich ist, Akteur meiner eigenen Lebensgeschichte sein. Dabei ist die Spannbreite, was der Einzelne braucht, um sich wohlzufühlen, ganz individuell. Es gibt Menschen, die mit einem hohen Maß an Unsicherheit gut zurechtkommen, und es gibt andere, die schon bei der kleinsten Unwägbarkeit ängstlich reagieren und sich damit unwohl fühlen. Wir stecken in einem alltäglichen Dilemma: Einerseits wünschen wir uns möglichst viel Kontrolle, andererseits machen wir die Erfahrung, dass wir in vielen Bereichen, die uns unmittelbar betreffen, wenig wirkliche Kontrolle ausüben können.

Zum Beispiel?

Das fängt beim eigenen Erleben an: Nur etwa 5% dessen, was im Gehirn vor sich geht, erreicht das Bewusstsein. Zudem ist der gesamte Organismus ein Musterbeispiel hochkomplexer Selbstregulation. Stellen Sie sich vor, Sie müssten das, was in Ihnen alles gleichzeitig vorgeht, bewusst steuern – das könnte gar nicht funktionieren.

Ein anderes Beispiel: Denken Sie an die oft sehr danebenliegenden Prognosen der sog. Wirtschaftsweisen. Das Ritual der ökonomischen Prognostik wird unermüdlich wiederholt, obwohl die Empirie der letzten Jahre uns eigentlich gelehrt haben müsste, dass sich manche Gutachten über die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung auf dem Niveau von Lotteriewetten bewegen. Kurz: Vieles entzieht sich unserer Kontrolle.

Aber wo brauchen wir Kontrolle – und wo nicht?

Das lässt sich nicht allgemein beantworten, sondern hängt natürlich von der jeweiligen, konkreten Situation ab. Allgemein gilt: Je komplexer eine Sache ist, desto höher wird der Anteil des Nichtkontrollierbaren. Sich dessen bewusst zu sein, wäre schon hilfreich, denn so könnte man vermeiden, von vornherein zu viel Energie in den Versuch der perfekten Kontrolle zu stecken. Viele Abläufe sind zu komplex, als dass es uns irgendwie gelingen könnte, sie vollständig zu kontrollieren. Wenn Dinge unüberschaubar werden, sollte man sie auch so annehmen in ihrer Unüberschaubarkeit und keine Anstrengung darauf verwenden, alles bis ins letzte Detail verstehen und begreifen zu wollen. Als Hilfsmittel eignet sich dazu z. B. das Pareto-Prinzip, auch als 80-zu-20-Regel bekannt.

Was besagt das Pareto-Prinzip?

Es ist nach dem Ingenieur und Soziologen Vilfredo Federico Pareto benannt. Es besagt, dass mit 20% des Arbeitseinsatzes 80% der Arbeitsergebnisse erzielt werden können. Mit anderen Worten: Für die letzten 20%, die benötigt werden, um ein 100%iges Ergebnis zu erzielen, werden 80 % des Arbeitseinsatzes gebraucht. Wenn ich dieses Prinzip hier zitiere, so handelt es sich um eine Analogie, denn es wurde zur Beschreibung statistischer Phänomene in der Ökonomie entwickelt. Pareto fand bei einer seiner vielen Untersuchungen heraus, dass z. B. 20% der Bevölkerung 80 % des Vermögens besitzen.

Das Prinzip wurde dann auf andere Bereichen übertragen, nehmen wir z. B. einen Großhändler – 80% seines Gesamtumsatzes werden durch nur 20% vom gesamten Sortiment erwirtschaftet. Man kann dieses Prinzip ebenso auf den Alltag anwenden. Wenn ich mir mein Regal im Büro ansehe, so ist es zu 80% aufgeräumt und gut sortiert. Zur perfekten Ordnung fehlen noch 20%, denn in einigen Kartons und Fächern sieht es chaotisch aus – ich aber fi nde mich zurecht. Um da auch noch Ordnung hineinzubringen, wäre ein Riesenaufwand nötig, bei dem die aufzuwendende Zeit – für meine Ansprüche – in keinem Verhältnis zum Resultat stehen würde. Mir reicht es auch so. Es stellt sich in solchen Fällen die Frage, ob die Energie, die man in die restlichen 20% stecken müsste, dann noch gerechtfertigt wäre. Denn arbeiten kann ich mit Fächern, die nicht vollständig aufgeräumt sind, ebenso gut wie mit einem zu 100% perfekt sortierten Regal.

Noch ein Beispiel: Die Bedienung des Schreibprogramms, mit dem ich einen Text verfasse. Ich habe es mir so angeeignet, dass ich damit 80% der Aufgaben erledigen kann. Wenn ich das Programm so gut beherrschen wollte, dass ich alle Schreib- und Formatierungsprobleme, die auftreten könnten, lösen wollte, müsste ich enorm viel Zeit in das Erlernen der Feinheiten des Programms investieren. Mit anderen Worten, ich passe im täglichen Leben meine Kontrollanstrengungen der tatsächlichen Notwendigkeit an und investiere nicht mehr Energie als unbedingt erforderlich, um mit dem Schreiben klarzukommen. Es gibt aber natürlich Bereiche, wo eine perfekte Kontrolle erstrebenswert ist, etwa bei der Flugsicherheit oder der Sicherung von Kernkraftwerken, aber das ist ein anderes Feld.

Das Problem bleibt natürlich, dass man von vornherein nie weiß, wie viel Kontrolle bei einer Sache notwendig und sinnvoll ist!

Das gilt es jeweils aufs Neue herauszufinden. Eine Methode wäre das „Lernen durch Tun“. Man geht in jedem Fall anders an eine Sache heran, wenn man von vornherein nicht der Illusion der perfekten Kontrolle erliegt. Anhand eines Beispiels, nämlich des Ampelsystems der Aufgabenerledigung, kann man die Paradoxie der Kontrolle verdeutlichen. Es geht dabei um Folgendes: Man nimmt zunächst drei Ablagekörbe in den Farben rot, gelb und grün.

Wenn eine Aufgabe eintrifft, kommt sie in die rote Ablage:

Rot heißt wichtig und dringend. Nach einem festgelegten Zeitschema, z. B. jeden Abend vor dem Verlassen des Büros, wird überprüft, ob der Vorgang immer noch den Status rot hat – dann muss er am folgenden Tag erledigt werden.

Wenn er nicht mehr so wichtig oder so dringend ist, kommt er in die gelbe Ablage.

Gelb heißt: wichtig, aber nicht dringend. Bei der gleichen Überprüfung werden die Vorgänge, die zum Zeitpunkt der Überprüfung weder wichtig noch dringend sind, in die grüne Ablage gelegt.

Grün signalisiert: das kann warten. Wenn bei den Überprüfungszyklen ein Vorgang mehrmals im grünen Körbchen bleibt, ohne dass dies eine Aktion zur Folge hat, kann man ihn getrost in den Papierkorb werfen. Klar ist dann ebenfalls: Die Vorgänge, die auch bei der zweiten Überprüfung noch im roten Körbchen bleiben, die müssen wirklich erledigt werden. Wenn ich das weiter hinauszögere, wird der Schreibtisch zu voll und ich gerate zwangsläufig in Schwierigkeiten, weil ich die wichtigen Dinge vor mir herschiebe – und aufschieben führt normalerweise früher oder später zum völligen Zusammenbruch jeder Kontrolle, weil dann das Leben mich lebt und nicht mehr ich das Leben.

Übrigens: Kollegen, die das Körbchen-System konsequent anwenden, berichteten mir erstaunt, dass bis zu einem Drittel aller Vorgänge, die als dringend und wichtig beginnen, später im Papierkorb landet, ohne dass es irgendeine Konsequenz hätte.

Wie kommt das?

Wir haben es beim Ampelsystem mit einer gut ausgeklügelten Kombination von Kontrolle und Loslassen zu tun. Der Kontrollaspekt besteht darin, dass durch die Zyklen, in denen die drei Ablagekörbe durchgeschaut werden, kein Vorgang verschlampt wird und auch ein unwichtiger nicht zu viel Zeit in Anspruch nimmt. In der Realität erledigen sich tatsächlich manchmal Dinge scheinbar von selbst oder bedürfen keiner weiteren Aufmerksamkeit, weil viele Abläufe, mit denen wir es zu tun haben, unüberschaubar komplex sind. Da hat sich vielleicht ein Aspekt eines bestimmten Vorgangs geändert, weil es eine neue Gesetzesverordnung gibt, oder da wechselt ein wichtiger Geschäftspartner in eine andere Position oder es ergeben sich für die eigene Tätigkeit neue Prioritäten. All das wird indirekt im Ampelsystem berücksichtigt, ohne dass man das Gefühl haben muss, etwas Wesentliches aus dem Blick verloren zu haben. Eines wird deutlich: Es geht um die schwierige Kunst, Dinge miteinander zu verbinden, statt sie als Gegensätze aufzufassen. Kontrolle und Vertrauen, naturwissenschaftliche Gesetze und Gotteserfahrung, Chronos und Kairos, logisches Denken und Intuition, Planung und Geschehen-Lassen – wir brauchen stets beide Pole, um ausgewogen zu leben und zu arbeiten. Wir werden jeden Tag neu herausgefordert, der verschiedenen und manchmal gegensätzlichen Aspekte des Lebens gewahr zu werden, und wir müssen lernen, sie klug zusammenzuführen.

Wann beginnen wir entwicklungspsychologisch gesehen damit, die Kontrolle über unser Leben auszuüben?

Kinder können erst dann beginnen, etwas zu kontrollieren, wenn sie wissen, was sie umgibt, und wenn sie sich in der Welt in gewisser Weise adäquat orientieren können. Das ist auch der Grund, warum Eltern ihren Kindern etwas vorschreiben. Ein zweijähriges Kind muss an die Hand genommen werden, weil es nicht überblickt, was passiert, wenn es einfach auf der Straße rennt. Man geht davon aus, dass die psychische Entwicklung erst am Ende der Pubertät ausgereift ist und die Jugendlichen dann endlich in der Lage sind, ihr Leben selbst in den Griff zu bekommen.

Dabei spielt auch die Erziehung eine große Rolle, denn Kinder bekommen sehr wohl mit, wie Eltern mit dem Thema Kontrolle umgehen – da gibt es Mütter und Väter, die bei jeder Kleinigkeit übervorsichtig reagieren, also extreme Kontrolle ausüben, und dann gibt es Eltern, die sich zu wenig kümmern und das Kind ist sich selbst überlassen. Gut ist ein Mittelweg, nicht zu viel, nicht zu wenig überprüfen, denn Kinder bekommen es vorgelebt, wie viel Kontrolle notwendig ist. In der Psychopathologie haben übrigens zu viel Kontrolle und Überbehütung ganz ähnliche Folgen wie Vernachlässigung: In beiden Fällen bekommt das Kind keine optimale Anleitung, um eine gesunde Ich-Struktur zu entwickeln.

Spielt neben dem entwicklungspsychologischen Aspekt und der Erziehung auch der gesellschaftliche Umgang eine Rolle?

Es gibt Kontrollstandards, die kulturabhängig sind. Doch merkwürdigerweise: Je sicherer und kontrollierter eine Gesellschaft ist, desto stärker ist auch das Bedürfnis, alles im Griff und im Überblick haben zu wollen. Es ist, als wenn jemand anfängt Meerwasser zu trinken, aber immer mehr Durst bekommt und dann ständig noch mehr trinken muss. Mit dem Phänomen der Kontrolle ist es auch so – wir in Deutschland leben objektiv in einer der bestgesichertsten Umgebungen, die es je in der Menschheitsgeschichte gab, aber gleichzeitig ist das Bedürfnis, alles kontrollieren zu wollen, extrem gestiegen. Die berühmte „German-Angst“ ist schon sprichwörtlich geworden.

Es gibt offensichtlich ein menschliches Bedürfnis, das bei ansteigender Sicherheit nicht befriedigt wird, sondern versucht, immer mehr Kontrolle ausüben zu wollen?

Nehmen wir den Bereich der Medizin: Hier versucht man ja, das Unkontrollierbare, nämlich die Krankheiten, in den Griff zu bekommen. Doch da scheinen wir an einem Punkt angekommen zu sein, wo das Kontrollbedürfnis ins Gegenteil umgeschlagen ist, wo es nicht mehr einen Zugewinn an Kontrolle und Sicherheit gibt, sondern wir stärker verunsichert sind.

Gerade wenn wir z. B. versuchen, so etwas Komplexes wie den menschlichen Organismus zu kontrollieren – da fängt das Dilemma an. Nehmen wir einmal gewisse medizinische Vorsorgeuntersuchungen. Die bringen manchmal mehr Schaden, als wenn man mit dem Risiko lebt, vielleicht einmal krank zu werden.

Als eine neue Pille zur Verhütung in England eingesetzt wurde, gab es die Mitteilung, dass sich damit die Zahl der tödlichen Thrombosen verdoppelt hat. Daraufhin setzten viele Frauen die Pille ab und dadurch gab es schätzungsweise etwa 14 000 Abtreibungen mehr. Fakt ist, dass nun nicht eine Frau von 7 000, sondern zwei Frauen von 7 000 an einer tödlichen Thrombose erkrankten, was eine Steigerung um 100% darstellt. Absolut gesehen ist bei der nun höheren Zahl von Abtreibungen mehr passiert, es gab viel mehr Zwischenfälle, auch wenn die meisten gut verlaufen sind. In dem Fall wäre es besser gewesen, die Pille weiterhin zu nehmen und mit dem relativ geringen Thromboserisiko zu leben, als sich der weitaus größeren Gefahr einer Abtreibung auszusetzen.

Zu viel Überprüfung kann also auch genau das Gegenteil bewirken von dem, was man eigentlich erreichen wollte?

Die Balance zu halten zwischen Kontrolle und Geschehen-Lassen, das zu lernen ist wichtig. In einer Partnerschaft z. B. braucht man ein bestimmtes Maß an Kontrolle und Absprachen, muss sich über Grenzen und Regeln einig sein – eine davon wäre z. B. nicht fremdzugehen. Wenn jedoch einer von beiden anfängt, dem anderen hinterherzuspionieren, dann kommt Gift in die Beziehung. Wenn ich mich aber gar nicht dafür interessiere, wo der andere gerade ist, was er tut, ist es ebenfalls nicht gut. Auch hier gilt es, das Optimum herauszufi nden. Oder: Es ist idiotisch, Auto zu fahren und sozusagen ein Handtuch über das Armaturenbrett zu legen, um nicht zu sehen, wie schnell man fährt. Denn es ist wichtig zu wissen, wie hoch die Geschwindigkeit ist. Wenn ich allerdings nur noch auf das Armaturenbrett starre, fahre ich möglicherweise an den nächsten Baum.

Wie kann man Balance halten zwischen Zuviel und Zuwenig?

Das gelingt, wenn man seiner Intuition folgt. Wir müssen in unserer überkontrollierten und supertechnisierten Welt unserem Bauchgefühl mehr Raum zugestehen, und das ist letztendlich auch ein spirituelles Thema. Denn das Gegenteil von Kontrolle ist nicht, nichts tun, sondern das Gegenteil von Kontrolle ist Vertrauen. Vertrauen worin? Zum Beispiel in den eigenen Körper.

Es gibt sehr viele Leute, die nicht mehr auf ihren Körper hören, wenn sie müde sind oder Hunger haben. Das sieht man bei Burnout-Patienten, die dann völlig ausgebrannt sind, weil sie ihren Grundbedürfnissen nicht mehr gefolgt sind. Sie haben diese so sehr vernachlässigt, dass sie darüber krank wurden. Solche Menschen müssen wieder lernen, nicht alles im Griff haben zu wollen und dafür mehr ihrem Organismus zu vertrauen. Vertrauen in die eigene Person und Vertrauen in andere hat mit der Bereitschaft zu tun, mit sich selbst in Kontakt zu bleiben und darüber hinaus in emotionale Beziehungen mit anderen Menschen zu treten.

Eines ist klar: Zu viel Kontrolle hat immer auch mit Angstreduktion zu tun. Das liegt daran, dass unkontrollierte Situationen potentiell Angst auslösen können. Wenn ich z. B. in völlig unbekanntem Terrain unterwegs bin, ist die Aufmerksamkeit deutlich geschärft – und eben auch die Angstbereitschaft. Angst ist ja ein wichtiges natürliches Signal, das uns vor möglichen Gefahren rechtzeitig warnt.

Wenn ich jetzt das Unbekannte – und der größte Teil meines zukünftigen Lebens ist naturgemäß unbekannt – kontrollieren kann, reduziert das die Angst. Daher steht die Kontrolle so hoch im Kurs, auch wenn es sich dabei um eine Illusion handelt; es spielt nämlich keine Rolle, ob ich tatsächlich die Kontrolle habe oder nur davon überzeugt bin, dass ich sie habe, auch wenn dem gar nicht so ist. Für die eigene Psyche ist die Kontrollüberzeugung ausschlaggebend, nicht das tatsächliche Maß der Kontrolle.

Wie kann weniger Kontrolle zu mehr Sicherheit im Leben führen, wie könnte das gelingen?

Man kann das an einem einfachen Beispiel verdeutlichen, etwa dem Radfahren oder dem Inlineskaten. Beim Radfahren oder Skaten lernen ist es sehr anstrengend, sich ständig klar zu machen, wie man stehen und sich bewegen muss, damit man nicht stürzt. Man ist unsicher und versucht am Anfang relativ verzweifelt, die verflixten Räder unter Kontrolle zu bringen. Wenn man die Technik jedoch beherrscht, ist es wunderbar, einfach so dahinzugleiten – man verschwendet keinen Gedanken mehr an die Art und Weise des Fahrens, sondern vertraut auf die durch den Lernprozess automatisierten Abläufe. Man vertraut schließlich auf seine Fähigkeit, einfach zu rollen und zu fahren.

Wenn man dieses Beispiel verallgemeinert, wird klar, dass Naturwissenschaft und Spiritualität die beiden Pole sind, um die es beim Thema Kontrolle geht: Die Wissenschaft will verstehen und ergründen, wie die Dinge zusammenhängen, um mit dieser technischen Erkenntnis dann die Natur zu kontrollieren. Spiritualität ist in gewisser Weise der Gegenpol: Ich meine nicht Religiosität im Sinne von „Glauben an etwas“, sondern im Erspüren, dass man etwas erlebt, wo es sich lohnt, zu vertrauen.

Wer dem Leben vertraut, hat die Erfahrung gemacht, dass es Kräfte gibt, die größer sind als wir. Wenn wir zu dieser Ebene der Welterfahrung einen Zugang haben, können wir dort, wo die Wissenschaft nicht hinreicht, uns vertrauensvoll auf das Leben einlassen, ohne dass die Nicht-Kontrolle Angst verursacht.

Ich empfinde auf der spirituellen Ebene ein Aufgehobensein, das der Kontrolle gar nicht bedarf.

Im Grunde geht es um eine Paradoxie: Die beiden Pole scheinen sich gegenseitig auszuschließen und in der Geschichte gab es ja auch viele Kämpfe zwischen Religion und Wissenschaft; tatsächlich aber ergänzen sie einander.

Dr. med. Bernd Sprenger Dr. med. Bernd Sprenger
Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Facharzt für Allgemeinmedizin, 15 Jahre Chefarzt von psychosomatischen Kliniken, seit 2009 betreibt er eine psychosomatisch/psychotherapeutische Privatpraxis in Berlin, Coach mit dem Schwerpunkt Burnout- Prophylaxe, Supervisor und Berater für Organisationsentwicklungen in Kliniken, Behörden und Firmen
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Birgit Weidt Birgit Weidt
Autorin, Journalistin

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