MiniMax-Intervention

2015 01 Minimax1

Minimale Interventionen mit maximaler Wirkung

Nr. 1: In der Vergangenheit ... Bisher ...

fotolia©JanEngelIn fast jeder Therapiesitzung ist es von Zeit zu Zeit sinnvoll sicherzustellen, dass man den Patienten in dessen Sicht- und Erlebensweise des Problems oder Symptoms richtig verstanden hat. In der Regel tut man dies, indem man mit eigenen Worten oder denen des Patienten das wiederholt, was der Patient berichtet hat. Man bezeichnet das je nach therapeutischer Ausrichtung als „verstehen“, „paraphrasieren“, „spiegeln“, „pacing“ oder „ankoppeln“.

Der Patient schildert z. B., dass er oft unter Schuldgefühlen gegenüber seinen Eltern leide. Wenn man nun als Therapeut sein Verständnis des Problems mit dem kleinen Zusatz „Bisher ...“ oder „In der Vergangenheit ...“ versieht und formuliert: „In der Vergangenheit hatten Sie oft Schuldgefühle Ihren Eltern gegenüber ...“ so ist man etwas genauer als der Patient. Denn meistens bezieht man sich auf Vergangenes, wenn man von Schwächen, Problemen und Symptomen redet.

In der Zukunft kann und soll es ja anders sein. Der kleine Zusatz „in der Vergangenheit ...“ ist fast immer sinnvoll, wenn man mit dem Patienten über dessen Problem, Schwäche oder Symptom redet. Denn mit diesem kleinen Zusatz unterstreicht man die Präzision, mit der man den Patienten verstehen will: In der Vergangenheit litt der Patient oft unter ... – in Zukunft will er einen besseren Weg, eine Lösung, Heilung gefunden haben. So hilft dieser kleine Zusatz ihm, sich für künftige bessere Möglichkeiten und Lösungen zu öffnen.

Man hat den Wert dieser kleinen Wendung nicht immer erkannt. In der Vergangenheit wurde diese beiläufige Bemerkung selten gezielt im zukunfts- und lösungsorientierten Sprechen über Probleme eingesetzt.

Sprechen Sie über Schwächen oder Symptome eher in der Vergangenheitsform!

Nr. 3: „Sondern ...?“ „Was stattdessen?“

Wenn Menschen von einem Psychotherapeuten nach ihren Therapiezielen gefragt werden, wissen sie in der Regel sehr gut, was und wohin sie nicht wollen. Positiv zu sagen, was und wohin man will, ist oft jedoch sehr schwer. Ziele, die man kennt und benennen kann, sind aber sehr viel leichter zu erreichen als unbekannte und unbenannte Ziele. Für einen Psychotherapeuten ist es eine große Versuchung, dem Patienten die oft schwierige Arbeit des positiven Formulierens seiner Ziele zu sehr zu erleichtern.

Wenn der Therapeut vorschnell (nämlich schon dann, wenn der Patient nur gesagt hat, was er nicht will) meinte verstanden zu haben, was und wohin ein Patient will, dann findet er sich nicht selten unversehens wieder in dem Gefühl, dass er mit seinem „Kunden“ nicht mehr an einem Strang zieht. Oder er wundert sich, dass der Patient mehr als sonst „Ja, aber ...“ sagt. Dies lässt sich zum Teil dadurch vermeiden, dass man als Berater oder Therapeut dem Patienten vermittelt, dass man dessen Ziele in dessen eigenen positiven Worten formuliert wissen will. Dabei zeigt man durchaus Verständnis, wenn das schwierig sein sollte, man bittet den Patienten aber gleichwohl, sich dieser lohnenden Mühe zu unterziehen, da man dann besser gemeinsam an einem Strang in Richtung des gleichen Ziels ziehen kann.

Am einfachsten lässt sich all dies durch das Wörtchen „sondern ...?“ ausdrücken: „Sie wollen also nicht mehr ..., „sondern ...?“ Man lässt den Satz offen und schaut den Patienten freundlich interessiert und fragend an. Wenn der Patient daraufhin eine weitere Variation dessen artikuliert, was er nicht will, lohnt es sich erneut freundlich und interessiert zu fragen: „Hm, ja, Sie wollen also nicht mehr ..., sondern ...?“

Auch in einer anderen typischen Therapiesituation ist das mit freundliche Wörtchen „sondern ...?“ ein kleines Zauberwort. Nämlich dann, wenn der Patient berichtet, dass es nicht mehr das alte problematische Verhalten oder Erleben gab: Patient: „Letzte Woche haben wir uns gar nicht so häufig gestritten ...“ Therapeut: „Sondern was haben Sie gemacht? Wie sind Sie miteinander umgegangen?“

Oder der Patient sagt: „Seit unserem letzten Gespräch ist es mir gar nicht so schlecht gegangen, ich war mehr nicht so depressiv und schlapp ...“ Therapeut: „Hm, es ging Ihnen in der letzten Woche also nicht so schlecht, sondern wie ging es Ihnen?“

Hier öffnet das Wörtchen „sondern...?“ die Tür für ein Gespräch, das positive Ausnahmen zur Regel machen hilft.

Besonders wichtig ist das auch bei guten Zahnärzten, deren Patienten zuweilen verwundert und etwas irritiert am Ende der Behandlung feststellen: „Komisch ..., das war heute trotz Spritze und Bohren gar nicht so schlimm wie sonst ...“. Hier sollte man als Zahnarzt freundlich und interessiert nachfragen: „So schlimm war es heute nicht, sondern wie war es?“ Der Patient sagt dann nach längerem Überlegen vielleicht: „Fast wollte ich sagen: Ich habe mich wohl bei Ihnen gefühlt. So ein bisschen nach dem Motto: Der muss jetzt arbeiten und ich darf daliegen und es mir gut gehen lassen.“

Das ist dann möglicherweise das erste Mal, dass ein von Zahnärzten traumatisierter Patient „Zahnarzt“ und „sich wohlfühlen“ als Erfahrung zusammenbringt.

Gleichzeitig entwickelt er durch das Formulieren ein Konzept, das auch künftig gute Erfahrungen erleichtert. Möglicherweise wollen Sie nach der Lektüre dieser Zeilen künftig nicht mehr so oft dem Patienten die nötige Mühe des Formulierens seiner Ziele und seiner positiven Erfahrungen abnehmen, sondern ... ?

Nr. 4: „Immer“ stimmt in Verbindung mit einem Problem oder Symptom „nie“!

Bei der Schilderung ihres Leidens benutzen die Menschen gerne das Wort „immer“. Sie sagen z. B.:

„Ich habe immer so Kopfweh“.

„Ich bin immer so depressiv“.

„Wir streiten uns immer so“.

Solche Beschreibungen mithilfe des Wörtchens „immer“ sind durchaus sinnvoll, wenn man einen Eindruck vermitteln oder einen ersten groben Überblick über das Problem geben will. Sie haben allerdings den Nachteil, dass durch eine solche Beschreibung das Problem vergrößert erscheint.

Kopfschmerzen, die man „immer“ hat, erlebt man als gravierender und sie sind schwieriger zu therapieren als solche, die in Abständen von 4 bis 6 Wochen bevorzugt an Wochenenden für 1 bis 2 Tage auftreten. „Immer so depressiv“ zu sein ist schlimmer, als sich vornehmlich an Wochenenden, und da vor allem am Sonntagabend, depressiv zu fühlen. Auch Streit, den man „immer“ hat, ist schlimmer als Streit zu bestimmten Zeiten bei bestimmten Themen.

Das Wörtchen „immer“ macht das Problem also schlimmer, als es in Wirklichkeit ist, weil es behauptet, dass das Problem in der Vergangenheit „immer“ aufgetreten sei. Darüber hinaus bedeutet ein Problem „immer“ zu haben, dass man es nicht nur in der Vergangenheit „immer“ gehabt hat, sondern es auch gegenwärtig und in Zukunft „immer“ haben wird. Vor allem bezüglich dieser Implikation, mit der zukünftige Lösungen oder Besserungen durch das „immer“ ausgeschlossen werden, sollte der Therapeut achtsam sein. Seine Aufgabe ist es, einen Beitrag dazu zu leisten, dass sich das Problem in Zukunft ändert.

Das Wort „immer“ in Verbindung mit einem Problem oder Symptom macht es also immer schlimmer.

Das „immer“ übertreibt die tatsächliche Größe des Problems. Da ein schlimmes und großes Problem schwieriger zu lösen ist als ein weniger schlimmes und kleines, ist dem Therapeuten daran gelegen, alles zu tun, damit ein Problem als möglichst klein erlebt wird. Will der Therapeut ein Problem auf seine tatsächliche Größe reduzieren und die Tür für Problemlösungen in der Zukunft öffnen, so empfiehlt es sich, auf Problembeschreibungen, die das Wörtchen „immer“ enthalten, mit Differenzierungen zu reagieren.

Man kann dies z. B. tun durch bedacht formuliertes Verständnis und durch Fragen, die das „immer“ auf seine tatsächliche Größe zurückschrauben: „In der Vergangenheit hatten Sie oft schreckliche Kopfschmerzen. Wann hatten Sie Kopfschmerzen und wann nicht?“

Das Wort „immer“ wird also durch „in der Vergangenheit“ (s. MiniMax-Intervention Nr. 1: „In der Vergangenheit ...“) und „oft“ ersetzt und die objektive Leidenszeit durch Fragen weiter eingegrenzt. Das macht Probleme kleiner und damit leichter lösbar.

Es lohnt sich also nicht nur, das subjektiv schreckliche Leiden zu verstehen, sondern auch, verstehen zu wollen, wann dieses Leiden in der Vergangenheit aufgetreten ist und wann nicht.

Manchmal beharrt der Patient bei solchen therapeutischen Bemühungen um Differenzierung sehr darauf, dass sein Symptom „immer“ da sei. Dann lohnt es sich zunächst zu fragen, ob der Patient sich vom Therapeuten in seinem Leid nicht ernst genommen fühlt und vielleicht deswegen die Größe und Schwere seines Leidens unterstreicht („Damit der Therapeut endlich kapiert, wie schlecht es mir geht!“). Auch spielen paradoxerweise manchmal beim Beharren auf dem „immer“ nicht genügend gewürdigte Vorteile des Symptoms eine Rolle.

Wenn es aber tatsächlich so ist, dass man ein Symptom immer hat, sollte man sich damit auseinandersetzen, dass es ein unveränderbares, auch mit therapeutischer Hilfe nicht beeinfl ussbares Symptom sein könnte. Dann empfi ehlt es sich, nach Wegen zu suchen, wie man mit diesem unveränderbaren Symptom möglichst gut leben kann.

Seien Sie also aufmerksam, wenn ein Patient in Verbindung mit seinem Symptom das Wort „immer“ benutzt. Denn „immer“ stimmt in Verbindung mit einem Symptom nie! Verhindern Sie, dass ein Symptom durch den Zusatz „immer“ schlimmer wird. Halten Sie die Tür für künftige Veränderungen offen. Unterscheiden Sie durch Ihre Fragen, wann das Symptom auftrat und wann nicht: „Wann hatten Sie dieses Problem?“ und vor allem: „Wann hatten Sie es weniger oder gar nicht?“

Eröffnen Sie auf diese Art und Weise Möglichkeiten für problemreduzierende und lösungsfördernde Fragen.

Dr. phil., Dipl.-Psych. Manfred Prior Dr. phil., Dipl.-Psych. Manfred Prior
Therapeut, Berater, Supervisor und Coach in eigener Praxis, Frankfurt/Main

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Der Text ist aus seinem Buch MiniMax-Interventionen – 15 minimale Interventionen mit maximaler Wirkung, Carl Auer Verlag, Heidelberg, ISBN 978-3-8497-0073-7