introvertiert – extravertiert

2015 01 Intro1

Introvertiert erfolgreich!

Auch leise Menschen wollen und können erfolgreich sein. Es fällt ihnen nur schwerer, sichtbar zu werden. Doch es gibt Möglichkeiten von innen aufzublühen – ohne extravertiert werden zu müssen.

Leise Menschen …

Was sind leise Menschen? Die Begriffe introvertiert und extravertiert sind heute jedem geläufig ... C. G. Jung prägte die Begriffe und unternahm damit den Versuch, Menschen mit unterschiedlichen Persönlichkeitsmerkmalen, vor allem in der Art und Weise, wie sie nach außen in Erscheinung treten bzw. von außen wahrgenommen werden, zu beschreiben.

Das hat in der Gesellschaft zu einem gewissen Schwarz-Weiß-Denken geführt und zu Klischees wie z. B., dass Introvertierte einfach schüchtern sind und Extrovertierte laut und polternd. Man vermutet Introvertierte hauptsächlich in der Computerbranche, wo sie sich hinter ihren Bildschirmen verstecken, mit niemandem reden und sich von Pizza vom Bringdienst ernähren. Extrovertierte schiebt man gern in die Schublade „erfolgreich und in Führungspositionen“.

Doch was verbirgt sich tatsächlich hinter den Begriffen introvertiert und extravertiert?

Vor allem sollte man mit dem Schwarz-Weiß-Denken aufräumen. Kein Mensch ist nur introvertiert oder nur extravertiert. Vielmehr hat jeder Mensch sowohl introvertierte als auch extravertierte Anteile und Merkmale und tendiert lediglich auf der Bandbreite der Verhaltens- und Ausdrucksmöglichkeiten mehr oder weniger in die eine oder andere Richtung.

Die Auswertung der maßgeblichen Literatur, aber vor allem auch mein umfangreicher Erfahrungsaustausch mit eher introvertierten Menschen, weisen deutlich darauf hin, dass unsere Gesellschaft viel mehr auf extravertierte Menschen ausgerichtet ist und diese es – sowohl in ihrem privaten Leben als auch oder vor allem in ihrer beruflichen Laufbahn – viel einfacher haben. Das liegt gewissermaßen in der Natur der Sache, denn sie treten sichtbarer in Erscheinung, stehen deutlicher für ihre Bedürfnisse ein und bleiben eher in Erinnerung.

Introvertierte Menschen haben es da oft schwerer. Und ein genauer Blick offenbart häufig einen enormen inneren Leidensdruck dieser Menschen. Diesen Leidensdruck beschreibt meines Erachtens am besten der Begriff „Schöpfungsstau“.

Es ist nämlich keineswegs so, dass leise (introvertierte) Menschen weniger Fähigkeiten haben oder in weniger Bereichen erfolgreich sein können. Oft ist genau das Gegenteil der Fall. Sie eignen sich aufgrund ihres hohen Anspruchs an sich selbst und ihres Hanges zum Perfektionismus sehr viel Fachwissen, Kenntnisse und Erfahrungen an, haben aber eine ausgeprägte Hemmung, mit ihrem Können und Wissen sichtbar zu werden, damit „an die Öffentlichkeit“ zu treten. Sie harren daher häufig in Jobs und Lebenssituationen aus, die weit unter ihren Möglichkeiten liegen. Sie haben Ziele, Zukunftspläne, Ideen und Visionen, treten aber meist wie erstarrt auf der Stelle.

Als Trainerin einer Introvertierten-Gruppe in einer Online-Coaching-Community mit über hundert Mitgliedern habe ich tiefe, berührende Einsichten in das Denken, Fühlen und Handeln introvertierter Menschen bekommen. Für diesen Austausch bin ich sehr dankbar, da auch ich mich eher zu den introvertierten Menschen zähle und lange Zeit dachte, mit mir stimme etwas nicht.

Heute weiß ich, dass Introversion und Extraversion keine Qualitätsmerkmale sind und keine Wertigkeit besitzen. Extravertierte Menschen sind nicht besser und nicht schlechter als introvertierte – und introvertiert sein bedeutet nicht, weniger wert sein oder weniger Fähigkeiten und Qualitäten zu besitzen. Es sind einfach nur Menschen, die jeweils anders ticken.

Allein schon diese Erkenntnis kann den Wendepunkt bedeuten und den ersten – aber entscheidenden – Schritt hin zur Selbstakzeptanz und Selbstliebe. Dies ist unabdingbar, um zu dem Erfolg zu gelangen, den man sich eigentlich wünscht und für den man befähigt und qualifiziert ist.

Doch oft ist es bis zu diesem Punkt der Erkenntnis und Selbstakzeptanz ein weiter Weg. Denn introvertierte Menschen haben häufig ein niedriges Selbstwertgefühl, tun sich schwer damit, ihre – oft beachtlichen – Leistungen anzuerkennen.

Auch für mich war dieser Weg lang und leidvoll

Mein Ziel ist es daher, mit introvertierten Menschen zu arbeiten und ihnen Wege in ein erfolgreiches und erfülltes Leben aufzuzeigen. Denn es ist meine feste Überzeugung, dass dies möglich ist.

Chris Wolf spricht in ihrem Buch „Leise überzeugen“ von unterschiedlichen Präferenzen. Es gibt Menschen mit einer Präferenz zu eher introvertiertem Verhalten und Menschen mit einer Präferenz zu eher extravertiertem Verhalten. Sie beschreibt deren Hauptcharakteristiken (aus Kahnweiler, 2009), s. Tabelle.

fotolia©klickerminth

Bereits aus diesen wenigen Unterscheidungsmerkmalen wird deutlich, dass die Präferenz zur Introversion viele positive Eigenschaften und Stärken in sich birgt:

  • Konzentration
  • Dranbleiben können
  • Gründlichkeit
  • gerne Denken und reflektieren
  • gute Beobachtungsgabe
  • Blick für das Detail
  • überlegt und besonnen sein

Dennoch tun sich viele Introvertierte schwer, diese Stärken zu leben

Schuld sind oft tief in unserem Unbewussten verankerte Glaubenssätze, die man z. B. von den Eltern oder anderen Bezugspersonen oft gehört und dann verinnerlicht hat, wie „Das schaffst du nicht“, „Das ist nichts für dich“, „Du kannst aber auch gar nichts“ etc.

Daraus entstehen Minderwertigkeitsfühle und Überzeugungen, z.B. „Ich bin nichts wert“, “Ich verdiene das nicht“ usw.

Auch innere Antreiber, wie sie die Transaktionsanalyse definiert, spielen eine große Rolle. Vor allem die Antreiber „Sei perfekt“, „Sei stark“, „Mach es allen recht“.

Diese unbewusst wirkenden Mechanismen aufzudecken, positive Affi rmationen zu formulieren sowie die bereits oben erwähnte Selbstakzeptanz und Selbstliebe sind meiner Meinung nach der Schlüssel zur Veränderung hin zu einem erfolgreichen und erfüllten Leben.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass der eigene Leidensweg die spätere Richtung für therapeutisches Arbeiten und die Hauptquelle der Motivation ist. Im Falle von introvertierten Menschen scheint das „Problem“ aber tatsächlich systemimmanent zu bleiben.

Es gibt kaum (deutsche) Literatur zu diesem Thema, die drei (relevanten) Bücher, die alle sehr zu empfehlen sind, wurden sämtlich in den letzten drei bis vier Jahren veröffentlicht (s. Literatur). Alle stammen von Frauen und die Verfasserinnen bezeichnen sich als introvertiert.

Die Ursache liegt wohl darin, dass eher introvertierte Persönlichkeiten sehr wohl in der Lage sind, ihren Alltag zu meistern. Sie entwickeln eigene Strategien, um in ihrer Familie und ihrem Arbeitsumfeld gut zu funktionieren, sodass nach außen hin, alles „normal“ wirkt. Das dieses „Normalwirken“ aber für viele eine große Anstrengung bedeutet, die manchmal nur schwer zu meistern ist, entgeht der Außenwelt.

Auch sind Kommunikationskurse und Kurse für mehr Selbstbewusstsein nicht auf die individuellen Bedürfnisse von Introvertierten zugeschnitten. Sie fühlen sich in solchen Kursen und Seminaren oft fehl am Platz. Die dort angebotenen Techniken passen eher zu extravertierten Menschen und sind auf deren Ausdrucks- und Handlungsweise zugeschnitten.

Bei introvertierten Menschen geht es aber darum, authentisch sein zu dürfen, sich nicht verstellen zu müssen und trotzdem zu lernen, sich zu zeigen und mit all ihrer Kompetenz und Kraft wahrgenommen zu werden.

Literatur

  • Natalie Schnak: Leise überzeugen, 2014
  • Sylvia Löhken: Leise Menschen – Starke Wirkung, 2012
  • Chris Wolf: Überzeugend leise, 2013

Anemone Alischer Anemone Alischer
Heilpraktikerin für Psychotherapie, Mediatorin und Coach (vorerst im Nebenerwerb)

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