Nahtoderfahrungen

2015 01 Nahtod1

Johanna K. war 28 Jahre alt und lag nach einer lebensgefährlichen Operation mit schweren inneren Blutungen im Krankenhaus auf der Intensivstation. Die Ärzte sagten ihrem Mann, dass es fraglich sei, ob sie die Nacht überlebt. In dieser Nacht, so berichtete Johanna später, geschah etwas Eigenartiges:

fotolia©styleuneedPlötzlich spürte sie eine zuvor nie gefühlte Leichtigkeit, sie hatte das Gefühl, aus ihrem Körper zu treten und über ihrem Bett zu schweben. Dabei sah sie sich im Bett liegen, sah wie die Ärzte und Schwestern ins Zimmer kamen und sie versorgten. Jedes Wort, das gesprochen wurde, war für sie klar verständlich, wie bei einem Zuschauer im Film. Sie hörte, wie sich die Ärzte kritisch über ihren Zustand äußerten, über die Dosierung der Medikamente diskutierten, und wunderte sich über die ganze Hektik, die die Szenerie begleitete.

Dann nahm sie ein gleißendes, helles Licht wahr, wie sie es vorher noch nie gesehen hatte. Es überstrahlte alles, ohne unangenehm zu sein. Die Quelle dieses Lichts befand sich in einem dunklen Tunnel, der sie magisch anzog, und es fiel ihr schwer, dieser Anziehungskraft zu widerstehen. Trotzdem hielt sie irgendetwas davon ab, dem Licht zu folgen. In dem Moment kam ihr ihre Mutter, die gestorben war, als sie noch ein Kleinkind war, aus dem Tunnel entgegen.

Sie war ganz in Weiß gekleidet und sprach mit sanfter Stimme zu ihr, sie solle keine Angst haben und ihr folgen. Sie bringe sie dorthin, wo es keinen Schmerz mehr gibt, und sie wären dann endlich wieder zusammen. Noch heute erzählt Johanna, dass sie nur der Gedanke an ihre eigenen drei kleinen Kinder davon abhielt, nachzugeben, obwohl der Wunsch, bei ihrer Mutter zu sein, sie ein Leben lang begleitet hatte.

Dieses Erlebnis war und ist für sie bis heute, 30 Jahre nach der Operation, dass, was ihr am allermeisten von der langen Zeit im Krankenhaus in Erinnerung blieb.

Sogenannte Nahtoderlebnisse werden häufig beschrieben. Dr. Raymond A. Moody, der sich seit 20 Jahren mit diesem Thema beschäftigt, schreibt in seinem Buch „Das Licht von drüben“, dass etwa jeder 20. Amerikaner betroffen ist. Nahtoderlebnisse können bei schweren Erkrankungen, bei Operationen, nach Unfällen, bei Herzinfarkt, starkem Blutverlust usw. vorkommen. Und dabei ist keinesfalls nur eine bestimmte, besonders sensible oder esoterisch angehauchte Personengruppe betroffen.

Auch bis dato nüchterne Realisten sind nach solch einem Erlebnis geradezu beeindruckt von einem Phänomen, das sich die Wissenschaft bis heute nicht ausreichend erklären kann.

So auch Dr. Eben Alexander, Neurochirurg. Sein Buch „Blick in die Ewigkeit“ stand wochenlang auf den Bestsellerlisten. Er tat Nahtoderlebnisse bis zu seiner schweren Hirnhautentzündung als Fantasien ab. Nachdem er sieben Tage im Koma lag und selbst die Erfahrung des Nahtodes gemacht hatte, änderte er seine Meinung grundlegend. Er berichtet sehr eindrucksvoll von seiner Zeit im Koma und wie sich seine Sicht auf die Welt dadurch grundlegend verändert hat.

Prof. Dr. Dr. Wilfried Kuhn von der Neurologischen Klinik am Leopoldina-Krankenhaus in Schweinfurt widmet sich in seinen Vorträgen der Frage, ob dieses Geschehen nun ein Hirngespinst ist oder mit wissenschaftlichen Argumenten widerlegt werden kann.

So wird unter anderem argumentiert, dass dieses Phänomen Halluzinationen entspricht oder der Ausschüttung von Endorphinen bei Blutverlust.

Seine Gegenargumente sind aber, dass nicht jeder mit Nahtoderfahrung an Blutverlust litt. Weiter beschreibt er, dass Halluzinationen nie ein tatsächlicher Sinnesreiz zugrunde liegt, sondern sie eine Sinnestäuschung darstellen. Dagegen hat bei der Nahtoderfahrung das Erlebte, wie etwa die Gespräche unter Ärzten oder die Szenerie im Krankenzimmer, nachweislich so stattgefunden.

Nach einem Vortrag von Prof. Kuhn berichtete ein Vater von zwei Ereignissen nach operativen Eingriffen seiner damals vier- und achtjährigen Tochter. Jedes Mal nach dem Eingriff beschrieb sie ihrer Mutter, was die Ärzte am Wochenende gemacht hätten. Sie berichtete über einen Grillabend bei einem der Ärzte und über Gespräche während der Operation. Die Mutter wollte wissen, wo sie das denn gehört hätte. Darauf antwortete das Mädchen, dass sich das die Ärzte erzählt hätten, und sie selbst während der Operation von oben zugeschaut hätte. Die Mutter befragte nun wiederum das OP-Personal, welches die Aussage des Kindes bestätigte.

Egal ob man nun an ein Leben nach dem Tod glaubt oder nicht, diese Erlebnisse werden in allen Kulturen beschrieben. Besonders häufig werden dabei identische Erlebnisse geschildert, wie z. B. das Verlassen des Körpers, das Gefühl von Frieden und Schmerzfreiheit, genaue Wahrnehmungen der augenblicklichen Situation, Lichterscheinungen, Tunnelerlebnis, Begegnung mit Verstorbenen ...

Und eines ist allen Betroffenen gemein: Das Leben nach der Nahtoderfahrung ist nie mehr so, wie es vorher war.

Johanna K. sagt: „Wissen Sie, ich weiß jetzt, wie es ist zu sterben, ich habe absolut keine Angst mehr davor. Ich weiß, dass ich erwartet werde. Aber eines hat mir dieses Erlebnis auch gezeigt. Wir sollten unsere Zeit hier nutzen, das Schöne in uns aufnehmen und schätzen, was wir haben, nicht nur sehen, was wir haben wollen.“

Wahrscheinlich kann das Phänomen der Nahtoderfahrung nie ganz geklärt werden. Faszinierend und erstaunlich ist es aber allemal und es wird wohl auch in Zukunft die Gemüter beschäftigen.

Literatur

  • Dr. med. Eben Alexander: Blick in die Ewigkeit
  • Dr. Raymond A. Moody: Das Licht von drüben
  • Pim van Bommel: Endloses Bewusstsein

Gabriele Kemmer Gabriele Kemmer
Heilpraktikerin für Psychotherapie, Psychologische und Systemische Beraterin, eigene Praxis in Tauberbischofsheim

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