Hashtags, Rente, Zukunftsängste: Ältere Menschen fühlen sich zunehmend abgekoppelt

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Die Gesellschaft verändert sich. Das ist nichts Neues! Heilpraktiker für Psychotherapie und Psychologische Berater gehören zu den Ersten, die die Folgen gesellschaftlicher Veränderungen wahrnehmen. Lange bevor „Burnout“ zum Modewort wurde, haben die Mitglieder des VFP in ihren Praxen dieses Phänomen des „Lebens-Stresses“ erkannt und mit ihrer Arbeit entscheidend dazu beigetragen, dem Burnout-Syndrom zu einer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz zu verhelfen. Die Beobachtungen des VFP und seiner mehr als 9 000 Mitglieder sind also eine Art Frühwarnsystem, auf das Gesellschaft und Politik mit einer gewissen Verzögerung reagieren.

fotolia©damatoDerzeit scheint sich auf breiter Front eine neue Entwicklung abzuzeichnen: Immer mehr ältere Menschen leiden unter Ängsten, Zukunftssorgen und fühlen sich vom „wahren Leben“ abgekoppelt. Die Entwicklung gerade im Bereich der Kommunikation und der Medien wird als (zu) rasant, verwirrend und überfordernd empfunden.

Selbst eher konservative Sendungen wie etwa das Morgenmagazin von ARD und ZDF kommen ohne „Hashtag“ (#), „twittern“ und „bloggen“ nicht mehr aus. Brauchte man für dergleichen vor wenigen Jahren noch einen Computer, genügen inzwischen Smartphone und Tablet.

Beängstigend scheinen dabei weniger Begriffswirrwarr und Fremdwörter, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der „alles“ davon durchdrungen scheint. Wer sich nicht auskennt, verliert buchstäblich den Anschluss. In Verbindung mit ohnehin vorhandenen Sorgen – Wie weit komme ich wirklich mit meiner Rente, heute und in fünf Jahren? Kann ich mir Pflege im Alter leisten? Was lässt mir der Staat von dem, was ich mir aufgebaut habe? – entwickelt sich bei vielen Menschen ein bedrohliches, diffuses Gefühl tiefer Unsicherheit.

„Die Familie“, die unterstützt und notfalls auffängt, gibt es ohnehin (fast) nicht mehr, das Angebot von Renten-, Pflege- und sonstigen Zusatzversicherungen ist unüberschaubar und steckt voller Fallstricke. Nichts scheint einfach, nichts klar oder sicher.

Handel und Dienstleistungen haben ältere Menschen als relevante Kundenschicht erkannt. „Best Ager“ und „Silver Surfer“ sind in der Werbung allgegenwärtig. Mit gebleichten Zähnen und schicker Frisur stehen sie mitten im Leben. Wer sich aus dieser Generation darin nicht wiedererkennt, bei dem verstärkt die Marketing-Ansprache seiner Altersgruppe aber noch das Gefühl der Unzulänglichkeit. Dieses Gefühl stellt sich nicht erst bei Senioren jenseits der 75 ein, sondern oft schon viel früher, teilweise schon mit Mitte 50.

Ängste können krank machen und sie betreffen nicht nur den Menschen selbst, sondern auch sein Umfeld. VFP-Mitglieder berichten beispielsweise von unter hohem Druck stehenden alleinerziehenden Müttern, die zwar – auch dank staatlicher Unterstützungsversuche – Beruf, Kindererziehung und Privatleben (in dieser Reihenfolge) halbwegs unter einen Hut bekommen, aber sich mit Blick auf Vater oder Mutter unter großem Druck fühlen und in einer (mindestens moralischen, oft auch finanziellen) Verantwortung sehen.

Vertraut man dem Gespür und der Einschätzung vieler VFP-Mitglieder, steht die Gesellschaft vor einer erheblichen, auch finanziellen Belastung, die bislang kaum beachtet wird. Um effektiv helfen zu können und sich unter Umständen eine neue Klientengruppe zu erschließen, müssen Fachleute wie Heilpraktiker für Psychotherapie, Freie Psychotherapeuten und Psychologische Berater die ältere Generation aber zunächst erreichen. Das ist erfahrungsgemäß schwieriger als bei jüngeren Menschen, bei denen persönlicher Unterstützungsbedarf im seelisch-psychischen Bereich viel eher akzeptiert ist. Wer bereits mit den Kindern oder Enkeln arbeitet, dem bietet sich damit ein Ansatzpunkt.

Vielversprechend ist auch die Kooperation mit den Familien- und Seniorenbüros der Kommunen oder auch mit kirchlichen Gemeindezentren. Dort ist in der Regel zwar einiges an Kompetenz gebündelt, doch steht man spezifischer Unterstützung häufig aufgeschlossen gegenüber, und über die kommunale Schiene lässt sich auch ein Bewusstsein für die Situation vieler älterer Menschen schaffen.

Gerade im ländlichen Raum, der mit Vorträgen und Angeboten noch nicht überfrachtet ist, können auch eigene Veranstaltungen ein interessanter Weg sein – unter Umständen zusammen mit einem Gastreferenten, der fit im Umgang mit den neuen Medien ist und die technischen Hintergründe erläutern kann.

Jens Heckmann Jens Heckmann
Selbstständig im Bereich Unternehmenskommunikation, Autor von Büchern und Fachveröffentlichungen

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