Die Bedeutung palliativer Versorgung in der Debatte um aktive Sterbehilfe

2014 04 Bedeutung1

Denken wir an unseren eigenen Tod, entstehen bei den meisten Menschen Ängste. Es ist oft nicht die Angst vor dem Tod, sondern vor dem Sterben. Die Angst vor dem Weg, der zum Tod führt, ist getränkt von Unsicherheiten. Keiner weiß, wie sein letztes Stück Lebensweg aussehen wird.

fotolia©freshideeaDie Aussicht auf einen schnellen, selbstbestimmten Tod im Falle einer unheilbaren Krankheit ist daher für viele Menschen ein Gedanke, der zunächst beruhigt und Ängste um das eigene Ende ausklammert und weit von sich schiebt. Fragt man gesunde Menschen, ob sie sich im Falle einer unheilbaren Krankheit die Chance wünschen, selbst ihr Ende zu bestimmen, antworten fast alle mit „ja“.

Meine Erfahrung als Psychoonkologin einer Pallativstation ist, dass sich nach entsprechender palliativmedizinischer Aufklärung, diese Menschen für eine palliative, ganzheitliche Versorgung bis zu ihrem Tod entscheiden.

Ich erlebe täglich, dass jeder Mensch seine eigenen Prozesse bis zum Lebensende sehr individuell durchläuft. Der Sterbende benötigt einen Wandlungsprozess, in dem er reifen und sich loslösen kann.

Die Tatsache, dass nicht alles aufgelöst werden kann, führt manchmal zu Verbitterung und Unruhe. Aber auch hier handelt es sich um eine dynamische, individuelle Lebensenergie, die das palliative Team mit dem Patienten tragen kann.

Selbst bei Menschen, die bereits einen langen Leidensweg hinter sich haben, erlebe ich immer wieder den starken Willen zum Leben. Wenn die Patienten zu uns auf die Palliativstation kommen, haben sie bereits diesen langen Krankheitsweg hinter sich und einige fragen nach „der tödlichen Spritze“, weil sie sehr erschöpft und ohne Hoffnung sind.

Mit guter Schmerzeinstellung und palliativer Komplextherapie auf allen Ebenen, erfährt der Schwerkranke eine Form der ganzheitlichen Begleitung und wir als Palliativ-Team erleben immer wieder eine unglaubliche Wandlung der primär aussichtslosen Patientensituation. Die nun geschaffene palliative Einbettung des Patienten gibt den Raum für eine biografische Lebensbilanz mit Abrundungen und Auflösungen.

Oft formuliert der Patient noch persönliche Ziele, z. B. bestimmte Ereignisse oder Familienfeste, die noch erlebt werden wollen. Der Patient wird als Individuum gesehen, seine Bedürfnisse und auch die Sorgen der Angehörigen werden angesprochen. Der Schwerkranke und sein familiäres System erfahren professionelle Zuwendung in Kombination mit Menschlichkeit in dieser schweren Lebensphase.

Die palliative ganzheitliche Versorgung beinhaltet ein komplexes multiprofessionelles Team aus Ärzten, Pflegekräften, Physiotherapeuten, Sozialarbeitern, Ernährungsberatern, Kunsttherapeuten, Seelsorgern und Psychoonkologen. Die tägliche Interaktion (Erfahrungsaustausch) zwischen den einzelnen Fachdisziplinen ist hierbei die entscheidende Basis für die ganzheitliche Sicht auf den Patienten in seiner letzten Lebensphase und im Sterbeprozess.

Ich möchte drei einzelne „Bausteine“ des „palliativen Mosaiks“ näher erörtern:

1. Die ärztliche Begleitung durch Palliativmediziner, die offen und ehrlich im Gespräch sind und die Themen „Tod“ und „Sterben“ sicher integrieren können, beinhaltet auch die fachliche Konsequenz, keine lebensverlängernden Maßnahmen durchzuführen, wenn diese vom Patienten nicht gewünscht sind, bisherige Behandlungen und Medikamente abzusetzen, wenn dies dem Patientenwillen entspricht.

Die ärztliche Versorgung beinhaltet eine adäquate Schmerztherapie und die Möglichkeit zur palliativen Sedierung. Mit diesem Begriff (oder auch terminaler Sedierung) ist die Verabreichung starker Beruhigungsmittel gemeint, die ein schwerkranker Patient auf eigenen Wunsch erhält, wenn er sein Leiden als unerträglich empfi ndet (Quelle: www.pflegewiki.de).

Die Indikation zur palliativen Sedierung ist individuell gegeben bei unerträglichen Schmerzen, Angstzuständen, Erstickungsgefühlen und unstillbarem Erbrechen.

Die ärztliche Aufklärung findet ausführlich und mehrzeitig statt, sowohl für den Patienten als auch für seine Angehörigen. Es ist für den Patienten eine konkrete und bewusste Form der Selbstbestimmung mit Respekt und Würde.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass von den vielen Patienten, die initial nach „der tödlichen Spritze“ gefragt haben, in den Jahren meiner Tätigkeit auf der Palliativstation, lediglich 4 Patienten am Lebensende eine palliative Sedierungen eingefordert haben.

2. Die Bedeutung der palliativen Pflege ist umfangreich und durch mehrere Besonderheiten gekennzeichnet. Die Besonderheiten bestehen in einem erhöhten Personalschlüssel und einem erweiterten Zeitmanagement. Die Schwestern und Pfleger, die sich auf die palliative Versorgung spezialisiert haben, pflegen in einem anderen Rhythmus und mit individueller Zuwendung. Die Möglichkeit zur Anwendung komplementärer Therapieverfahren, wie z. B. Aromapflege, Wickel und Auflagen, sind für die Pflegekräfte eine wirksame Methode, sich auch den seelischen Bedürfnissen des Patienten mit intensiven Gesprächen zu nähern.

3. Zu den psychoonkologischen Aufgaben gehört es, das Sterben als einen von vielen Lebensprozessen in unseren Gesamtlebensweg zu integrieren. Dies bedeutet, dass sehr wohl der Blick auf das Stück Leben gelenkt wird, welches der Patient noch vor sich hat. Hierzu gehört die bereits erwähnte Umsetzung von privaten Zielen genauso wie von Wünschen der Kontaktaufnahme zu verlorenen Personen auf dem Lebensweg des Patienten, bei denen meine Hilfe als Brücke erbeten ist. Wichtig ist hierbei mein authentischer Umgang mit dem Patienten. Die zeitlichen Begrenzungen und individuellen Ängste werden offen benannt.

Im Rahmen der realistischen Möglichkeiten erarbeite ich mit dem Patienten seine Ressourcen, um den Sterbeprozess annehmen zu können. Psychoonkologische Begleitung heißt außerdem, dem Patienten die Krankheitsverarbeitung professionell zu ermöglichen und in der Lebensbilanzierung Trauerprozesse zu integrieren und auszugleichen. Die Integration seiner Angehörigen in all diese Prozesse ist ebenfalls von immenser Bedeutung.

Aus psychologischer Sicht sollten wir uns den Gedanken erlauben, inwiefern unser Leben verschiedenste Prozesse von uns abverlangt. Ob nicht jede Phase unseres Lebens zu uns gehört und gelebt werden will. Ob das Sterben, wenn wir die Zuversicht einer guten körperlichen Symptomkontrolle erhalten, nicht auch integriert werden sollte, um auf ein abgerundetes Leben zurückblicken zu können.

Zusammenfassung

Alle im Bereich der Palliativmedizin Arbeitenden sind speziell ausgebildete Fachkräfte, die den palliativen Gedanken leben und verbreiten. Was alle innehaben, ist der Respekt vor dem Patienten, ihn mit seinen Wünschen und in seinem Willen zu begleiten. Ich plädiere für eine Erweiterung der bisherigen gesetzlichen Bestimmungen, damit Patienten mit nicht malignen, aber palliativen Erkrankungen wie ALS, MS und Demenz ebenfalls eine ganzheitliche, palliative Versorgung erhalten.

Auch in unserem Jahrtausend gehört der Tod zum Leben! Ein Umdenken in der Gesellschaft ist erforderlich. Ziel dieses Umdenkens sollte sein, alle Patienten im Sterbeprozess palliativ so zu versorgen, dass das Vertrauen des Patienten in die ganzheitliche Versorgung gestärkt wird und er den letzten Abschnitt seines Lebens in Geborgenheit heilsam empfinden kann.

Jessica Dietrich Jessica Dietrich
Diplom-Psychologin, Psychoonkologin BSc(Hons),
Heilpraktikerin für Psychotherapie,
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