Welche positiven Entwicklungen gibt es in scheinbar nur negativen Symptom- und Problemmustern?

2014 04 Entwicklungen1

Frau M. ist verzweifelt. Sie berichtet, dass sie mit ihren Beziehungen zu Männern einfach nicht auf einen grünen Zweig komme. Und bevor sie sich jetzt wieder mit jemandem einlasse und das dann wieder so schmerzhaft in die Hose ginge, wolle sie dem Rat ihrer Freunde folgen. Die sagten nämlich, dass das mit ihren Partnerbeziehungen doch schon immer schwierig gewesen sei und sie sich endlich mal fragen müsse, was hinter ihrem problematischen Muster in ihren Männerbeziehungen stecke.

fotolia©vegeEigentlich hätten ihre Freunde ja auch Recht. Angefangen habe das sehr wahrscheinlich mit ihrem Vater. Der war Alkoholiker, sehr gewalttätig, habe sie und auch ihre Mutter viel geschlagen und habe dann ihre Familie wegen einer anderen Frau verlassen. Ihr erster, für sie wirklich wichtiger Mann war auch Alkoholiker, der hat sie nach sechs Jahren „wegen einer anderen“ verlassen.

Ihr nächster Mann war zwar kein Alkoholiker, aber ein Kettenraucher und Choleriker, der sie häufig – wie ihr Vater - übelst beschimpft habe. Dieser habe sie dann auch verlassen und so sei das eigentlich immer weitergegangen. Sie wolle nun mit therapeutischer Hilfe dem auf den Grund gehen, was hinter ihrem problematischen Muster in ihren Beziehungen zu Männern stecke.

Dieser Fall beinhaltet mehrere Implikationen

  1. Es gibt ein problematisches Muster in ihren Beziehungen zu Männern.
  2. Dieses problematische Muster hat sich nicht verändert („so sei das eigentlich immer weitergegangen“).
  3. Dieses problematische Muster kann (nur) verändert werden, wenn man dem „Dahinterliegenden“ auf den Grund geht, sich fragt, was das mit einem selbst zu tun habe, was die eigenen Anteile an der Aufrechterhaltung dieses Muster sind. Dieses wiederum impliziert, dass man in irgendeiner Form ein (unbewusstes) Interesse an der Aufrechterhaltung dieser Muster hat.

Nach der ersten Schilderung der Klientin kann und wird man die Existenz eines problematischen Musters in ihren Beziehungen zu Männern nicht infrage stellen. Es ist unbestreitbar, dass Frau M. in ihren Beziehungen mit Männern viel Leid erfahren hat, nicht langfristig glücklich geworden ist und ihren Traum von einer glücklichen Familie mit zwei Kindern noch nicht verwirklichen konnte. Man kann und wird aber die Beschreibung des problematischen Musters ergänzen um die andere Seite, die Beschreibung der positiven Entwicklungen in diesem Muster. Durch die Exploration unter diesem Aspekt („Was war an Ihrem ersten Mann und Ihrer Beziehung zu ihm besser als an Ihrem Vater und Ihrer Beziehung zu Ihrem Vater?“, „Was war an Ihrem zweiten Mann und Ihrer Beziehung zu ihm besser als am ersten Mann?“ etc.) stellt sich heraus:

Ihr erster Mann war zwar wie ihr Vater Alkoholiker, aber nie körperlich gewalttätig. Ihr zweiter Mann, ein Kettenraucher, trank keinen oder kaum Alkohol und war zwar verbal, aber ebenfalls nie körperlich gewalttätig. Diese unbefriedigende Beziehung dauerte auch nicht mehr sechs Jahre, sondern nur noch drei Jahre. Ihr dritter Mann hat weder geraucht noch getrunken noch war er körperlich oder verbal aggressiv. Mit dem konnte man anders als mit ihren vorherigen Männern zeitweise beim Sport richtig Spaß haben (sie tanzten beide leidenschaftlich gern). Aber er war ihr nie richtig treu und als ihr das auffiel, hat sie nach knapp zwei Jahren die Beziehung beendet.

Neulich habe sie einen Mann kennengelernt, auf so einen wäre sie früher nach dem Motto „Augen zu – Arme auf“ geflogen. Ein bisschen sei das auch wieder so gewesen und sie sei mit ihm auch ins Bett gegangen und das sei auch sehr schön gewesen. Sie habe danach aber gemerkt, dass das nichts werden würde. Dieser Mann sei ein notorischer Junggeselle gewesen, der sich nie auf längere Frauenbeziehungen eingelassen habe und das entgegen seinen Beteuerungen auch nicht tun würde. Und irgendwie sei dann auch nicht mehr daraus geworden.

Unter dem Aspekt: „Was ist an den Männern und Ihren Beziehungen zu Ihnen besser geworden?“ ergibt sich die andere Seite der Beschreibung ihrer Beziehungsgeschichte(n):

  1. Die Dauer der unbefriedigenden Beziehungen wird kürzer – von sechs Jahren über drei und dann zwei Jahre bis hin zu einer sehr schönen Nacht.
  2. Die unangenehmen Seiten der Männerbeziehungen werden immer weniger und die erfreulichen Beziehungsaspekte immer mehr.
  3. Während der erste Mann sie verlassen hat, hat sie die dritte Beziehung beendet, nachdem sie gemerkt hat, dass der Partner nicht treu war. Und mit dem letzten Mann hat sie sich gar nicht erst auf eine längere Beziehung eingelassen.

Nach dieser Beschreibung erkennt Frau M., dass sie in zentralen Kategorien befriedigender Beziehungen mit Männern eine dramatische, geradezu atemberaubende Lern- und Besserungsgeschwindigkeit an den Tag gelegt hat. Dem verstehenden Herausfinden dessen, woran sie gemerkt hat, dass es mit dem letzten Mann nichts werden würde, schließt sich ganz natürlich die Erarbeitung des Profils an, das ein Mann haben und wie die Beziehung zwischen ihnen sein muss, damit sie mit ihm glücklich werden und eine Familie gründen kann. Die „Therapie“ wird danach zu einem begleitenden Coaching auf der Suche nach dem zu ihr passenden Mann, der „Stecknadel im Heuhaufen“.

Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die mit einer fragenden Fokussierung auf das, was das immergleiche Problematische an wiederholten leidvollen Erfahrungen ist, persönlich und in der Therapie gute Ergebnisse erzielt haben. Deswegen sollte man diese Explorationsform (z. B.: „Woran liegt es, dass Sie immer so unbefriedigende Männerbeziehungen haben?“) nicht vorschnell als kommunikativen Kunstfehler bezeichnen.

Ich habe aber von meinen Klienten gelernt, die generalisierenden Beschreibungen negativer Muster nur als vorläufig oder vordergründig anzusehen. Der wohlwollendskeptische Blick auf die vermeintlich nur negativen Muster lohnt sich. Und das bedächtige Suchen nach Antworten auf die Frage: „Welche positiven Entwicklungen gibt es in diesem Muster?“

Dr. phil. Dipl.-Psych. Manfred Prior
Dr. phil. Dipl.-Psych. Manfred Prior,
selbstständig in eigener Praxis als Therapeut,
Berater, Supervisor und Coach in Frankfurt/Main.


Er ist Autor dieser Bücher:

  • MiniMax-Interventionen –15 minimale Interventionen mit maximaler Wirkung.
  • Beratung und Therapie optimal vorbereiten – Informationen und Interventionen vor dem ersten Gespräch.