Homöopathie für Skeptiker

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„Hart aber fair“: Der Name der ARD-Sendung ist Programm. Nun kann man fair natürlich unterschiedlich defi nieren. Die geladenen Gäste von Plasbergs Diskussionsrunde boten denn auch gleich verschiedene Varianten an. Der Moderator selbst erhielt von einem seiner Gäste schon zu Beginn die rote Karte, weil er berichtete, dass seine Frau dem kleinen Sohn nach einem heftigen Sturz homöopathische Arnica-Globuli gegeben habe – damit mache er das Kind ja abhängig!

Die Homöopathie sei ein „Ausdruck des Irrationalen“, warf ein zweiter Gast ein. Und ein Dritter: „Diese Prinzipien können nicht zusammengehen. Sie treten die Wissenschaft mit Füßen.“ Der Kabarettist Dr. Eckart von Hirschhausen brachte das Niveau der Talkrunde schließlich auf den Punkt: „Bei der Diskussion um Homöopathie geht es immer um Ideologie – und nicht um Wahrheit.“ Doch Letztere scheut sich, aufzutauchen, vermutlich verschreckt von der Vehemenz, mit der die Debatte seit jeher geführt wird. „Das ist vielleicht der Schatten Hahnemanns, der bis in die Gegenwart reicht“, sagt Dr. med. Irene Schlingensiepen,“ ... dass er keine andere Meinung außer seiner zuließ. Genau das gilt es heute zu überwinden.“

Nach 10 Minuten war klar: Nicht die Homöopathie selbst ist Ausdruck des Irrationalen, sondern die Art und Weise, wie die unterschiedlichen Standpunkte seit Jahrhunderten ausgefochten werden – oft zum Schaden der Patienten.

Der Beginn einer neuen Debatte

Die Pionierarbeit, die Dr. Irene Schlingensiepen auf dem Gebiet der Homöopathie zu leisten gewillt ist, erinnert an Dr. Elisabeth Kübler-Ross (1926–2004), die dem Unaussprechlichen einen Namen gab und dafür ihre ganze wissenschaftliche Vehemenz in die Waagschale warf: Sterbeforschung! Die war damals in etwa so geliebt in der klassischen Medizin wie heute die Homöopathie. Entsprechend blies der Gegenwind der schweizerischamerikanischen Psychiaterin des Öfteren mit Stärke 12 entgegen. Ihr täglich Brot waren über einen langen Zeitraum Zweifel, Verunglimpfung und Verhöhnung durch die Ärzteschaft. Ihr Ziel, das ihr zunächst so viel Häme eintrug, war es, von Sterbenden zu lernen, wie man mit Sterbenden umgeht. Ein Ansatz, der so naheliegt, dass es schon fast beschämt. Die Metapher liegt auf der Hand. Was in der Homöopathie u. a. massiv angegriffen wird, ist die Zeit, die sich Homöopathen für ihre kranken Patienten nehmen, um besser zu verstehen, wie sich ein Krankheitsgeschehen entwickelt hat und welche Arznei er oder sie genau braucht. Ein Anspruch, der in unserer herkömmlichen 8-Minuten-Medizin unmöglich zu erfüllen ist. So gerieten Homöopathen in den Verdacht, dass nicht das – zudem auch noch hoch verdünnte – Mittel die Wirkung tue, sondern sie selbst: der inzwischen berüchtigte Placebo-Effekt. Seine Zusammensetzung kann die Wissenschaft genauso wenig erklären wie die Homöopathie. Was dazu führt, dass beide gern in einen Topf geworfen werden.

Schlingensiepen, Co-Autorin von „Homöopathie für Skeptiker“, spielte den Ball in der aufgebrachten Plasberg-Runde mit vergleichbarer innerer Gewissheit zurück wie sie die unbeirrbare Kübler-Ross einst an den Tag legte.

2014-03-Skeptiker2Der Buchanstoss kam von Mark-Alexander Brysch

Es ist erst der Anfang einer Sisyphos-Aufgabe. Und zugleich ist es genau dies, was der Homöopathie so dringend fehlt: die Synthese von Wirksamkeit und Wirkmechanismus auf der Grundlage von unerschrockener Forschung.

In ihrem gemeinsamen Buch haben Schlingensiepen und Mark-Alexander Brysch, Historiker, Journalist und im Gesamtprojekt federführend, aktuelle Studien ins Visier genommen, z. B. solche wie die Berner: Sie konnte die Wirksamkeit der Homöopathie bei ADHS Aufruhr erregend belegen. Oder neue Studien wie die des Physikers Stephan Baumgartner, die sich insbesondere mit der Informationsübertragung von homöopathischen Arzneien befassen – an so unverdächtigen Objekten wie Wasserlinsen und Weizenkeimen. Fazit: Da geschieht was! Die Pflanzenversuche zeigen eine informationsübertragende Kommunikation, die das Verständnis von den Wirkmechanismen der Homöopathie um ein neues Denkmodell bereichert. Diesen Faden zu verfolgen, die Homöopathie in ihrer ganzen Breite und Tiefe zu verstehen und sie insgesamt gleichberechtigt in die Medizin zu implementieren, ist Irene Schlingensiepens wichtigstes Anliegen.

Auf welchen Wegen beeinflusst uns die Seele?

Die Medizinerin, Wissenschaftlerin und Homöopathin wurde von Jugend an von ihren Eltern, einem Diplomatenehepaar, und später von ihrem Doktorvater, dem Neurophysiologen Otto Creutzfeldt am Max-Planck-Institut auf kritisches Hinterfragen tief geprägt. „Creutzfeldt ist als junger Mann angetreten, mit der Frage, ob sich Geist, das Bewusstsein oder vielleicht gar die Seele finden lassen. Das war und ist die spannende Frage hinter der Hirnforschung, die auch mich bewegt hat. Erst nach und nach wurde im letzten Jahrhundert während der Forschungen auf der zellulären Ebene klar, dass wir sie dort nicht finden werden. Aber wo dann?“ Das, was man mit den herkömmlichen Untersuchungsmethoden nicht finden kann, was aber dennoch ganz unzweifelhaft da ist – so wie die Wirksamkeit der Homöopathie – sollte ihr Leben in Zukunft bestimmen. Schlingensiepen ist keine von denen, die sich mit dem Paracelsus-Satz „Wer heilt, hat recht“ zufrieden gibt. Ihr Ansatz lautet eher: „Und nun erforschen wir mal genau, wodurch die homöopathische Heilung ausgelöst wird …“

Wissenschaftlerin ja – aber auch Mutter

Sie wurde Zeuge, einer solchen bei ihrem jüngsten Sohn, der an Asthma der schwersten Stufe litt. Trotz der Batterie an schulmedizinischen Medikamenten verschlechterte sich sein Zustand kontinuierlich. Erst sah sie Tage, dann eine Woche hilflos seiner Luftnot zu. Es war ein befreundeter Kollege, der ihr Globuli in die Hand drückte und sagte: „Versuch es doch wenigstens ... es gibt doch nichts zu verlieren.“ Sie akzeptierte die Kügelchen leicht unwirsch, um nicht unhöflich zu erscheinen. Dann kam der Tag, an dem die Luftnot unerträglich wurde. Sie gab ihrem Kind die Globuli aus der gleichen Art von Verzweiflung heraus, aus der zu allen Zeiten seit Hahnemann „austherapierte“ Patienten zum letzten Strohhalm Homöopathie greifen. Die Atmung des Kindes beruhigte sich in Minuten. Das Asthma ging und kam, bis es nach wiederholten Gaben nicht wieder auftrat.

An dieser Stelle der Geschichte rufen Plasbergs Gäste „Zufall“ und „Einzelfall“ und wie der zum Beweis nicht tauge. Schlingensiepen gibt ihnen lächelnd Recht. „Genau aus diesem Grund haben Mark-Alexander und ich die Berliner Konferenz „Science Meets Homeopathy“ ins Leben gerufen. Es ist im Interesse der Homöopathie, herauszufinden, was genau da passiert.“ Das Autorenteam lädt Topexperten ein zum Diskurs, der auch für interessierte Laien gut verständlich ist. Das nächste Mal wieder in die Urania in Berlin vom 12. bis 14. Februar 2015. Denn was die Gegner oft vergessen ist, dass solche Einzel- und Zufälle zigtausendfach rund um den Erdball dokumentiert sind, beginnend mit Hahnemann selbst. Und sie sind es auch, die der Homöopathie ihren guten Weltruf eingetragen haben.

Was, wenn nicht alle Schwäne weiß sind?

Schon als Kind brachte Mark-Alexander Brysch, der ältere Sohn von Irene Schlingensiepen, mitunter Lehrer aus dem Konzept, indem er Karl Poppers Wissenschaftstheorie zitierte: dass alle Schwäne nur so lange weiß sind, bis ein erster schwarzer vorbeischwimmt. Sie beruht auf einer Lebenseinstellung, „die zugibt, dass ich mich irren kann, dass du Recht haben kannst und dass wir zusammen vielleicht der Wahrheit auf die Spur kommen werden“ (Zitat Wikipedia). Ein Ansatz, der den Fürsprechern und Kontrahenten der Homöopathie ausgesprochen guttun würde. „War Homöopathie das dominierende Thema an ihrem Familientisch?“, frage ich ihn. Er schüttelt den Kopf. „Nein, ganz und gar nicht. Uns alle hat viel mehr die kritische Auseinandersetzung interessiert … Behauptungen zu hinterfragen und auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu untersuchen.“

Mit ähnlich stringentem Denkansatz untersuchte Brysch die berühmt-berüchtigte Shang- Studie: „Sie führte 2005 dazu, dass „The Lancet“, eine der angesehensten Fachzeitschriften der Welt, die Homöopathie für tot erklärte.“ „The Lancet“ distanzierte sich übrigens später vom Ergebnis ihres methodisch mehr als zweifelhaften Studiendesigns. Doch da war der Schaden am Ansehen der Homöopathie bereits immens.

„Studie“ mit Langzeitschaden

Genauso exakt zitiert der Historiker andererseits all die spannenden, gut durchgeführten Studien zur Wirksamkeit der Homöopathie, die mehr Aufmerksamkeit verdienen, locker aus dem Gedächtnis. „Es ist klar“, sagt Brysch, „dass Homöopathie nicht auf der materiellen Ebene wirkt, sondern auf der Ebene der Informationsübertragung. Was ich an wirklich großen Forschern so bewundere, ist die Neugier, der ungeheure Mut, auszusprechen, was sich mit neuen Forschungsansätzen mitunter zeigt, auch wenn es dem bis dato geltenden Wissensstand und der allgemeinen Meinung zunächst widerspricht.“ Schlingensiepen ist entschlossen, in die Unklarheit der Wirkungsweise Klarheit zu bringen – auf der Basis von Forschungsmethoden, wie sie vor 10, 50 oder geschweige denn vor 100 Jahren nicht zur Verfügung standen. „Wir wissen heute z. B. viel mehr darüber, wie Informationsübertragung jenseits der molekularen Ebene funktioniert. Und das in einem Ausmaß, wie wir es uns vor ein paar Jahrzehnten noch nicht hätten vorstellen können.“ Auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, nutzen wir diese physikalischen Naturgesetze längst im Alltag – immer wenn wir z. B. ein Handy, W-LAN oder ein Faxgerät einsetzen.

An das intuitive Wissen des Patienten anknüpfen

„Auf der Suche nach der Quelle schwerer Erkrankungen weiß der Patient oft mehr als jeder Arzt“, sagt die Ärztin. Sie arbeitet entsprechend nach der Methode der Quellenhomöopathie. Die wirkt oft so frappierend gut, so unerwartet durchschlagend, wo alles andere versagt hat, dass die Versuchung, sich auf der Seite der Erfahrungsmedizin auszuruhen, verführerisch ist. Für Irene Schlingensiepen ist die Erfahrung der Wirkung jedoch eher Anreiz als Beruhigung. „Es braucht auch die andere Komponente der objektivierbaren Forschung, die den Erfolg verständlich und reproduzierbar macht.“

Es braucht ihn umso mehr, als herkömmliche Methoden wie Antibiotika bei bakteriellen Infektionen zunehmend versagen und in einer extrem kurzen Zeitspanne überhaupt nicht mehr wirksam sein werden. Das Risiko, mit einer Krankheit in eine Klinik zu müssen und dort mit einer anderen infiziert zu werden, die weitaus gefährlicher und tödlicher ist als die Ursprungskrankheit, wächst überproportional. Inzwischen schätzen Experten, dass sich in Deutschland pro Jahr fast eine Million Menschen im Krankenhaus mit dort gezüchteten Problemkeimen infi zieren. Immer mehr Menschen sterben daran. „Die vorhandenen medizinischen Alternativen, die sich ja schon unzählige Male bewährt haben, in der Tiefe zu beforschen, ist schon allein deshalb immens wichtig.“ Ganz pragmatische Wissenschaftlerin geht sie noch einen Schritt weiter: „Wenn ich auf dem Weg etwas finde, was noch besser wirkt als ganz exakt und punktgenau gegebene Homöopathie, dann beschäftige ich mich ab morgen damit.“

Katrin Reichelt
GLOBULiX/Reichelt Publications


Was für die einen reiner Hokuspokus ist, ist für andere eine ernstzunehmende Therapieform. Die Meinung zur Homöopathie teilt die Nation. 50 % der Deutschen haben schon einmal homöopathische Mittel eingenommen, 25 % gehen regelmäßig zum Homöopathen.

2014-03-Skeptiker3Erstmalig bietet „Homöopathie für Skeptiker“ einen fundierten Einstieg in die Homöopathie und die wissenschaftliche Erkenntnis der Grundlagenforschung. So werden Möglichkeiten und Grenzen der Hahnemannschen Methode aufgezeigt. Alle skeptischen Zeitgenossen, die Homöopathie und Globuli bisher für reine Placebos gehalten haben, finden hier spannende Belege für die ganzheitliche und hochwirksame Therapie. Interessante Fälle aus der Praxis zeigen exemplarisch, welchen Stellenwert die Homöopathie in einem Gesundheitswesen einnehmen kann, das Heilung im Zusammenspiel der Disziplinen sucht. Auch wer homöopathische Mittel in seine psychotherapeutische Praxis mit einbeziehen möchte, was dem Heilpraktiker für Psychotherapie in immerhin 11 der 16 Bundesländer erlaubt ist (nämlich: Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg- Vorpommern, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein) findet hier zahlreiche wissenschaftliche Belege, die klar zeigen, dass die Wirkung der Homöopathika eben mehr ist als der Glaube an ein Placebo.

Selbst die Überblicks-Studie aus der britischen Zeitschrift „The Lancet“, die vor ein paar Jahren zu einem vernichtenden Urteil über die Homöopathie kam, wird durch neue Studien und leicht nachzuvollziehende wissenschaftliche Argumente eindeutig widerlegt. Skeptiker haben es nach der Lektüre dieses Buches deutlich schwerer, die Homöopathie einfach in Bausch und Bogen abzulehnen. Und die Krankenkassen, die mittlerweile diese Arzneimittel in der Regel erstatten, jedenfalls dann, wenn sie von einem homöopathisch ausgebildeten Arzt verschrieben werden, tun dies nicht allein aus dem Grund, weil ihre Versicherten daran glauben, sondern weil sie erkannt und berechnet haben, wie viel Kosten sie dadurch sparen.

„Homöopathie für Skeptiker“ ist ein anregend geschriebenes, leicht verständliches Update zum wissenschaftlichen Stand in der Homöopathie. In ihrem Buch stellen die Ärztin und Wissenschaftlerin Dr. med. Irene Schlingensiepen und Mark-Alexander Brysch die Geschichte und die Anwendungsmöglichkeiten der Homöopathie erfrischend lebendig dar. Sie organisieren auch seit einigen Jahren den Kongress „Science Meets Homeopathy“, der die wissenschaftlichen Grundlagen und praktischen Möglichkeiten dieser Heilkunde weiter erforscht und veröffentlicht.

Rezension: Dr. paed. Werner Weishaupt, Heilpraktiker für Psychotherapie

Dr. Irene Schlingensiepen/Mark-Alexander Brysch: Homöopathie für Skeptiker, O.W. Barth Verlag, 192 Seiten, ISBN: 978-3-4262-9225-9