Plädoyer für Offenheit und Flexibilität

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Wenn man sich nur ein klein wenig mit der Geschichte der Psychologie und Psychotherapie beschäftigt, erkennt man oft mit Schrecken, wie sich im Laufe der vergangenen hundert Jahre die unterschiedlichen Schulen manchmal bekämpften.

fotolia©frentaMit etwas Abstand lässt sich jedoch ebenso klar erkennen, dass vieles lediglich Loslösungsprozesse, Selbstfindungs- und Selbstdefi nitionsversuche waren, wenn neue Aspekte oder neue Schwerpunkte durch praktische Erfahrung eine höhere Priorität gewannen als traditionelle und wohlbekannte Verfahren. In diesem Zusammenhang sei auf die „Trennung“ von Jung und Freud verwiesen. Es mutet von heute aus gesehen an wie die psychomentale Loslösung des Sohnes von seinem Vater, dem er eigentlich sehr viel, um nicht zu sagen fast alles, zu verdanken hat.

Ähnlich ist das Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaften sowie Philosophie und Psychologie.

War ursprünglich die Philosophie (zusammen mit der Theologie) die Königsdisziplin aller Wissenschaften, begann bereits mit der Renaissance und Leonardo da Vinci der Siegeszug der Naturwissenschaften und in deren Folge der Ingenieurwissenschaften, heute Technologie genannt.

Bekannt ist die berühmte Couch von Sigmund Freud als kennzeichnendes Setting der Psychoanalyse. Mit der Erforschung der Elektrizität und der Erkenntnis, dass auch im Hirn des Menschen elektrische Ströme fließen, war dem Einfluss naturwissenschaftlicher und ingenieurwissenschaftlicher Methoden und Verfahren Tür und Tor geöffnet. In diesem Zusammenhang sei auf den Gebrauch und Missbrauch der „Elektroschock“-Therapie verwiesen.

Wer deren Entwicklungs- und Anwendungsgeschichte verfolgt, wundert sich heute über die Polemiken und den schon fanatisch-fundamentalistischen Ton von Befürwortern und Gegnern.

Ergebnisse der Entwicklung sind heutzutage die Defibrillatoren, Einsatz der Elektrokrampftherapie und die auch heute noch diskussionswürdigen Anwendungen in der Verhaltenstherapie als Tool der Aversionstherapie.

Besondere Beachtung verdient auch der Fortschritt in der Pharmakologie. Das häufige Verschreiben von Antidepressiva zeigt, welch enorme Rolle Medikamente in der Psychologie und Psychotherapie heute spielen. Oft als Notlösung gesehen, oft aber auch eine Annehmlichkeit für medizinischen Psychotherapeuten oder die ökonomische Notwendigkeit einer Praxisführung, werden zwar Symptome behandelt, Leiden gelindert, wird den Ursachen des Leides und der Symptome aber nicht in ausreichendem Maße nachgegangen.

Einige meiner Klientinnen und Klienten suchten meine Praxis auf, weil sie sich in der Behandlung von ärztlichen und anderen approbierten Therapeuten nicht gut aufgehoben fühlten. Von einem psychologischen Berater oder Heilpraktiker für Psychotherapie erwartet man dann mehr. Er solle sich mehr Zeit nehmen, andere Verfahren anwenden und versuchen, „den Dingen auf den Grund zu gehen“.

Und schon kehrt man der Pharmakologie und der Instrumentenmedizin den Rücken und besinnt sich auf das ursprünglichste und in vielen Fällen probateste Mittel: den Kontakt und die Kommunikation von Mensch zu Mensch.

Es versteht sich von selbst, dass auch diesem Vorgehen Grenzen gesetzt sind, wenn auch innerhalb der Verfahren der humanistischen Psychologie und Psychotherapie das Denken in Kategorien des „multimodalen Therapierens“ selbstverständlich sein sollte. Wobei es außer Frage steht, dass jeder Therapeut durchaus seinen eigenen Schwerpunkt haben kann und soll. Wie wichtig aber ein Denken über den Tellerrand hinaus ist, zeigen ein Artikel in der Zeitschrift Der Spiegel, 8/2014, S. 124 bis 127) und ein Fallbeispiel aus meiner Praxis.

Kurz, worum geht es in dem Artikel? Der amerikanische Psychologe Charles Nelson untersuchte Waisenkinder in Rumänien kurz nach der Ermordung des damaligen Diktators Ceaucescu. Er fand dort Waisenhäuser vor, in denen Kleinkinder vernachlässigt und alleingelassen in ihren Bettchen vor sich hindämmerten. (Charles Nelson, et al.: Romania’s Abandoned Children. Harvard University Press, Cambridge.)

Ziel seines Projekts war, herauszufinden, welche Veränderungen es bei den Heimkindern gab und wie sich die unmittelbar erkennbaren Defizite beheben lassen könnten. Er ging von Versuchen mit Rhesusäffchen aus, von denen ein Teil den Müttern eine Woche nach der Geburt entrissen wurden, einige einen Monat später und einige durften als Vergleichsgruppe bei ihren Müttern bleiben.

„Der Effekt war drastisch, und er hing maßgeblich vom Zeitpunkt der Trennung ab. Wurden die Kleinen ihren Müttern schon eine Woche nach ihrer Geburt weggenommen, so wuchsen sie quasi als Autisten heran: Desinteressiert an ihren Artgenossen, kauerten sie fernab von diesen in einer Ecke des Käfigs. Ein völlig anderes Verhalten zeigten dagegen jene Äffchen, die erst nach einem Monat von ihren Müttern getrennt worden waren. Sie suchten geradezu zwanghaft Kontakt, doch waren sie dabei wahllos. Unterschiedslos klammerten sie sich an andere Mitglieder der Horde. Nur allein sein, das wollten sie nicht.“ So die Schilderung im Spiegel.

Um es kurz zu machen, Ähnliches fanden die Forscher um Nelson auch bei den Kindern.

Was in Rahmen dieses Artikels am wichtigsten ist, sind die Methoden, mit denen Nelson und seine Kollegen organische Veränderungen herausfanden. Konnten bei den jüngeren noch rasche Fortschritte in der Entwicklung beobachtet werden, schienen bei den älteren Kindern viele Defizite unabänderlich zu sein.

Nelson erklärt es wie folgt: „In den ersten zwei Jahren werden die Schaltkreise angelegt, die Grundlage der späteren Intelligenz sind. In dieser Phase hungert das Gehirn nach Reizen, die seine Entwicklung stimulieren. Es braucht Erfahrungen – genauso wie Sauerstoff.“

Eine Kernspintomografie zeigte Bilder der Gehirnstrukturen der Kinder. Die Gehirne der vernachlässigten Kinder waren unterentwickelt und zeigten weniger graue Substanz, die aus den Zellkörpern der Nervenzellen des Gehirns gebildet wird. Das hatten sie mit den Kindern gemein, die früh in Pflegefamilien kamen. Letztere hatten aber ein weitaus größeres Volumen an weißer Substanz, die aus den Leitungsbahnen der Nervenzellen gebildet wird. Der Mangel an Denkzellen (graue Substanz) wird durch die frühe Aufnahme in eine Pflegefamilie zum großen Teil kompensiert durch erhöhte Austauschmöglichkeit der Zellen mittels erhöhter Zahl von Leitungsbahnen.

Dass dieses Wissen nun auch naturwissenschaftliches Faktenwissen ist und nicht nur geisteswissenschaftliche Spekulation oder wohlbegründete Vermutung, also Hypothese, ist der modernen Medizintechnologie zu verdanken. In der Folge können Therapeuten nun auch mögliche Grenzen ihrer Therapie und der ihrer Klienten erkennen.

Symptome, die sich hieraus ergaben, listet Nelson wie folgt auf: verarmtes Gefühlsleben, können weder Freude noch Begeisterung ausdrücken oder bei anderen erkennen, Depressionen, Angst- und Aufmerksamkeitsstörungen, Quasi-Autismus, unfähig, Beziehungen zu knüpfen, begierig nach menschlichem Kontakt, Distanzlosigkeit, Unbekümmertheit.

Hieraus ergeben sich klar und eindeutig Konsequenzen für den Therapeuten und Berater. Alle aufgelisteten Symptome sind alltäglich Dinge in der Praxis. Geht man z. B. im Rahmen der Schematherapie von den Symptomen zurück auf Ursachen (Modus – Schema), erkennt man, dass vieles bereits in der postnatalen Phase des Klienten liegen kann. Schemata können so tief „eingebrannt“ sein, dass wiederholte Versuche der Auflösung scheitern und der Therapeut aufgeben möchte bzw. der Klient die Erfahrung macht, „schon wieder eine Therapie umsonst, also ist mir ja doch nicht mehr zu helfen“. Und der Teufelskreis dreht sich weiter und entwickelt sich zur Todesspirale.

Wachsen solche sozial und psychisch vernachlässigten und verwahrlosten Kinder heran, sind sie häufig bindungsunfähig oder entwickeln eine Form der Zwangsabhängigkeit. Sie klammern sich an den „Nächstbesten“, der, wenn er dazu veranlagt ist, seine Macht über den Partner erkennt und ihn unter Umständen missbraucht, in welchem Sinn auch immer. Die vernachlässigten und verwahrlosten Jugendlichen oder jungen Erwachsenen leiden unter Verlustangst und eben diese Erfahrung des Alleingelassen- und Verlassen werdens treibt sie weiter in die Isolation, Depression und schließlich in die Sucht als die langsamste Form des Suizids.

Ich habe vor vielen Jahren im Rahmen meiner Zertifi zierungsarbeit zum geprüften Psychologischen Berater (VFP) von einem solchen Fall berichtet. Ein Mädchen wird einige Zeit nach ihrer Geburt von ihrer Mutter kaum beachtet, eine Schwester wird geboren, die Eltern trennen sich, die jüngere Schwester erhält fast ausschließlich die Zuwendung und Aufmerksamkeit der Mutter, ein gerade erwachsenes Familienmitglied wird gegenüber der nun 15-jährigen Klientin sexuell übergriffig, sie erfährt keinerlei Unterstützung durch die Mutter, hat dann wiederholte sexuelle Erfahrungen mit verschiedenen jungen Männern, wird einmal, als sie betrunken und nicht mehr steuerungsfähig war, unter Zeugen von ihrem damaligen „Freund“ sexuell genötigt und fühlt sich von da an als „Dorfschlampe“. Dies wird ein solch fester Glaubenssatz, dass sie in ihren zukünftigen, teilweise auch längerfristigen Beziehungen den „Partnern“ immer dankbar ist, weil diese sich mit ihr „trotzdem“ einlassen.

Alle Beteuerungen der Partner, dass es für sie keine Rolle spielt und sie die junge Frau um ihrer selbst willen lieben, kann sie nicht glauben. Ihr stetiges Misstrauen und ihre beständige Forderung nach Bestätigung ihrer Liebe belasten ihre Partner in einem solchen Maß, dass sie sich von ihr trennen. Der Teufelskreis hat sie so „heruntergezogen“, dass sie selbst eines Abends bei mir vorbeischaute, mit Selbstmord drohte („Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr, heute mach ich Schluss“). Sie stimmte nach einem langen Gespräch zu, dass ich sie in die zuständige Psychiatrie brachte, wo sie durch Selbsteinweisung auch sofort aufgenommen wurde.

Zwei Aufenthalte schlossen sich an. Heute, zwei Jahre danach, bezeichnet sie sich selbst als „ziemlich stabil“, möchte aber seit über einem Jahr keine feste Beziehung mehr eingehen.

Sie hat die Therapie bei mir ohne Angabe von Gründen abgebrochen, wir sind aber immer noch von Zeit zu Zeit in Kontakt, wodurch ich zwar ganz oberflächlich, aber immerhin doch noch über ihr Befinden informiert bin. Beruflich ist sie ihren Weg gegangen und hat noch einiges vor, manches schon angefangen, vieles aber auch abgebrochen.

So kommt man in der Diagnose von den Symptomen zu den möglichen Ursachen, was trotz aller Kriterienkataloge letztlich, geisteswissenschaftlich gesehen, Spekulation oder hypothetisch bleibt. Für den hier geschilderten Fall aus meiner Praxis reichen die Kenntnisse als Grundlage einer Therapie sicherlich aus.

Im Bereich der Forensik würde so etwas nicht ausreichen. Eine Untersuchung mit bildgebenden Verfahren könnte das Ausmaß der Spekulation, des Hypothetischen, erheblich verkleinern, den Bereich des faktischen Wissens auch im Sinne einer möglichen Kausalität und darüber hinaus im Bereich der Prognose und der Therapierbarkeit erheblich erweitern.

Geistes- und Naturwissenschaft ergänzen sich. Wissen untermauert Gewissheit, Erfahrung und wohlbegründete Annahmen.

Kooperation statt Konfrontation.

Walter Lenz, Ph. D. Walter Lenz, Ph. D.
Privatpraxis für Psychologie & Psychotherapie (nach dem Heilpraktikergesetz)
Hasslocher Straße 73, 65428 Rüsselsheim
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