Die Natur als geistige Lehrerin

2014-03-Natur1

Traumarbeit nach Ortrud Grön ist besonders für Kurzzeittherapien geeignet. Diese Arbeit mit den Träumen macht sehr genau den gegenwärtigen Konflikt des Träumers sichtbar und weist auf Lösungsschritte hin.
Wenn wir uns mit den bildhaften Inszenierungen und der Komplexität von Träumen tief genug auseinandersetzen, erkennen wir, wie in ihnen Naturwissenschaft, Philosophie, Religion und Psychologie zusammengeführt werden. Sie leiten uns zu einem tieferen Verständnis von Leben und seiner individuellen Gestaltungsmöglichkeit. Dabei entwickelt sich ein neuer Zugang zur Naturphilosophie, denn der Traum nutzt die Natur, um uns die Harmoniegesetze zu lehren.

fotolia©drubig-photoDazu greift der Traum auf alles zurück, was eine Botschaft über das Leben enthält. Wie uns die Träume durch ihre Gleichnissprache bewusst machen, ist der Mensch zugleich Blume, Dornbusch, Baum, Insekt, Fisch, Reptil, Vogel, Säugetier – die ganze Evolution aus dem Zusammenwirken von Erde, Wasser, Luft und Sonne spiegelt im Gleichnis seine geistige Entwicklung wider. Während aber eine Maus immer eine Maus bleibt und ein Falke immer ein Falke, hat der Mensch die geistige Wahl, Maus oder Falke zu sein. Die Bilder eines Traumes beschreiben die seelisch-geistigen Prozesse des Träumenden.

Träume sind daher in der Lage, uns einen tiefen Einblick in den Zusammenhang zwischen Natur und Mensch zu geben, vorausgesetzt, wir erkennen das Wesentliche eines Bildes auf der materiellen Ebene und transformieren dieses auf unsere geistige Situation. Dazu hörte ich im Traum:

„Es ist so, dass es keine Welt des Stofflichen gibt, die nicht ihre Entsprechung auf der spirituellen Ebene hat. Sie ist die eigentliche Ebene.“

Wir können dann aus dem Sichtbaren das Unsichtbare ableiten und dabei geht es um das Reine in den gedanklichen Prozessen. Das aber verlangt, Gedachtes mit den Gefühlen zu verbinden.

Die Gefühle sind die Brücke zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten. Sie locken uns, Schritt für Schritt zum Herzen des Lebens vorzudringen. Nur durch die intensive Suche, Unzufriedenheit in Zufriedenheit zu verwandeln, können wir in die Ordnung der geistigen Welt eindringen.

Die Natur zeigt uns im Traum die Kräfte, die wir dafür gewinnen müssen, in einer Gleichnissprache: Wenn im Traum Quellen sprudeln, Bäume Blätter treiben, Blüten aufbrechen und Früchte reifen, wenn Pferde weiden, Kühe wiederkäuen oder Löwen auf Jagd gehen, dann gedeiht unser Leben.

Wenn aber im Traum Blumen welken, Früchte faulen, Bäume blattlos sind und das Land vertrocknet, wenn Mäuse durch das Zimmer huschen, Hunde aggressiv werden und Katzen vor Hunger jammern, dann ist es Zeit, nachzuspüren und nachzudenken, was wir in unserem Leben ändern sollen.

Die Bilder der Träume weisen uns den Weg zur Befreiung, wenn wir verstehen, dass die Evolution im seelischen Bereich des Menschen der Evolution in der Natur entspricht. Die naturwissenschaftliche Geschichte der Menschwerdung zeigt, wie wir den ganzen evolutionären Prozess durchlaufen mussten, um zum Menschen werden zu können. Auf diesen Prozess greifen die Träume zurück.

Im Bild des Baumes erleben wir gleichnishaft, dass die elementaren Lebenskräfte, die den Baum nähren – Wasser, Luft, Sonne, Erde – auch der geistigen Struktur des Menschen entsprechen:

  • Die Sonnenenergie, die durch einen Harmonisierungsprozess in der Sonne entsteht, fordert uns täglich neu auf, nach Licht und Wärme in uns selbst zu suchen.
  • Im ständigen Reinigungsprozess des Wassers durch die Luft spiegeln sich die dafür notwendigen Klärungsprozesse der Gefühle, die wir Menschen brauchen, um aus Widersprüchen zwischen Unzufriedenheit und Zufriedenheit herauszufi nden.
  • Dazu benötigen wir den Sauerstoff der Luft, damit wir uns gedanklich mit den Widersprüchen auseinandersetzen können, indem wir zu neuen Erkenntnissen und Ideen finden.
  • Die Erde gleicht mit allen ihren Schätzen unserer schöpferischen Kraft, mit der wir unserem Leben die Gestaltung geben, die wir uns wünschen.

Die Pflanzen, die das Sonnenlicht in der Fotosynthese aufnehmen, zeigen im Traum den differenzierten Weg der Bewusstwerdungsvorgänge zur Selbstgestaltung.

Die Tiere und ihre besonderen Eigenschaften veranschaulichen die emotionalen Verhaltensweisen des Menschen. In einem Traum hieß es zu der Gleichnisbedeutung der Naturbilder:

Die Welt ist das Bilderbuch,
in dem die Menschen lesen lernen können,
um den Geist Gottes zu suchen.

fotolia©kantver

 

 


Und nun noch einige Träume dazu

 

 

Traum: Krokodil – Ameise

Eine Frau, die durch Fleiß und Perfektionismus ihre Lebensfreude unterdrückte, träumte nach einer Bergwanderung:

Ich bin in einem kleinen Zimmer mit meiner Mutter zusammen, um das Zimmer aufzuräumen. Plötzlich setzt sich ein weißer Faden in Bewegung und ich sehe eine Ameise, die ihn transportiert. Ich jage das Gespann und trete die Ameise tot.

Zu meinem Erstaunen ist nun der Faden ein hellgrünes Krokodil von ca. 40 cm Länge, das sich befreit aufrichtet, auf seinen hinteren Schenkeln steht, die Vorderbeine seitlich ausstreckt und einen ganz glücklichen und befreiten Gesichtsausdruck hat. Ich sage zu meiner Mutter: „So etwas habe ich noch nie gesehen.“

Sie träumte diese Bilder, nachdem sie eines Tages endlich ihren erlernten freudlosen Perfektionismus zornig abreagierte und einen glücklichen Tag in den Bergen verbrachte. Der Traum belohnte die Tat der Träumerin, weil sie ihr altes Verhaltensmuster verlassen konnte. Wenn ein Traum spontan so viel „Beifall spendet“, will er dem Träumenden Mut machen, auch weiterhin seinem Freiheitsverlangen zu folgen.

Das erste Bild zeigt ihr die Mutter, durch die sie auf Perfektion und Fleiß verpflichtet wurde. Im zweiten Bild zertritt sie erregt ihren Ameisenfleiß. Das dritte Bild beschreibt dann die heilende Aggression gegen ihren Putzdrang als „Geburt“ eines kleinen glücklichen Krokodiles, das sich auf die Hinterbeine stellt und spürt, dass es die Welt vor Freude umarmen möchte.

Traum: Hund

Wenn im Traum ein Hund auftritt, schildert er die Liebe und Treue, die wir zu uns selbst haben. Das Wesen des Hundes ist seine Liebe und Treue zum Menschen. Ist der Hund verletzt, verletzen wir uns selbst. Wird er aggressiv, zeigt er, wie wir die Aggression gegen uns selbst hegen.

Wenden wir uns nunmehr einem Traum zu, in dem der Hund schildert, dass die Träumerin ihre Freude am Leben endlich wiedergefunden hat. Es ist der Traum einer Frau, die als außereheliches Kind in ihrer Familie unter dem Gefühl, unerwünscht zu sein, sehr gelitten hat. Dieses Gefühl hat sie mit in ihr Erwachsenenleben genommen. Träume halfen ihr, ihr Selbstvertrauen zu suchen und wiederzufinden. Da träumte sie:

In einer kleinen Kapelle auf Stelzen findet eine Trauung statt. Die ganze Hochzeitsgesellschaft ist in der Kirche. Die Tür ist geschlossen. Vor der Türe liegt ein großer Hund, er sieht aus wie ein Bernhardiner und hat ein krauses, rosafarbenes Fell. Dieser Hund ist der Bräutigam. Ich rede mit ihm und kraule ihn zärtlich, dabei spüre ich viel Liebe.

Der Traum zeigt, dass sie dabei ist, die Liebe und Treue zu sich selbst zu „heiraten“. Zeit ihres Lebens hatte sie darunter gelitten, unerwünscht zu sein und abgelehnt zu werden. Schuldängste plagten sie, den Frieden der Familie durch ihre Außerehelichkeit zu stören. Und die Schamangst, nicht zu genügen. Da wählte sie als Kind den Notausgang, sich unwichtig zu machen, denn die Schuld- und Schamängste verschütteten ihr Freiheitsgefühl. Nun entdeckte sie, wie schön es ist, sich selbst lieben zu dürfen. Das Rosa des Hundefells ist die Farbe ihrer beginnenden Gefühlskräfte und sie spürt, wie sie durch ihre Liebe für sich selbst in einen zärtlichen Kontakt mit sich selbst kam.

Bernhardiner sind Such- und Rettungshunde, die Menschen das Leben retten, wenn sie verschüttet wurden. Sie sind klug und gutmütig – welch schönes Bild für die Hochzeit mit sich selbst. Noch ist die Kirchentüre verschlossen, doch die in der, Kirche versammelten Menschen spiegeln schon die Fülle an Freunden, die sie inzwischen gewonnen hat und die sie freudig erwarten.

Traum: Paprika - Erde

Häufig neigen Menschen dazu, sich selbst abzuwerten. Ein Kameramann wurde durch einen lustigen Traum provoziert. Nachdem er auf der Jagd nach schönsten Einstellungen für einen Film gewesen war, fing er plötzlich an, an sich zu zweifeln – und das nach vielen Jahren erfüllter Arbeit. Da träumte er:

Ich habe wundervolle, knackige, grüne, rote und gelbe Paprikaschoten mit ihren Stielen in lockere Erde gepflanzt.

Dieser Traum lässt uns schmunzeln. Denn hätte es irgendeinen Sinn, die würzigen, knackigen, reifen Früchte seiner Arbeit nochmals in die Erde zu pflanzen? Die Früchte waren doch ausgereift. Seine Arbeit hatte er in schöpferischer Weise in schöner Farbigkeit gestaltet. Ich denke, liebevoller konnte der Traum ihm nicht seine quälenden Zweifel nehmen.

Traum: Sonne

Eine Patientin war durch schwere seelische Verletzungen gegangen und aus Angst, erneut verletzt zu werden, wies sie die Liebe eines Mannes immer wieder ab, obgleich sie zu ihm eine tiefe Zuneigung empfand.

In erneuten Auseinandersetzungen mit ihren Träumen gewann sie nach und nach wieder das Vertrauen zu sich selbst und konnte nach langer Zeit des Rückzugs endlich wagen, sich auf ihre Liebe einzulassen – eine Liebe, die alles beinhaltete, was sich zwei Menschen schenken können. Da träumte sie:

Ich stehe am Steg eines Sees, es ist ganz früh am Morgen. Langsam geht die Sonne auf und zwar mir gegenüber im Westen. Ich steige den Berg hoch und bin zutiefst unsicher, weil die Sonne im Westen aufgeht, und drehe mich in Richtung Osten. Da sehe ich, dass dort hinter einem Berg eine andere Sonne aufgeht. Der Himmel ist ganz klar. Und beide Sonnen stehen sich in einer Bahn gegenüber. Langsam nähern sie sich einander an. Ich frage mich, was geschieht, wenn sie zusammenstoßen würden. Ich denke an eine Explosion. Als beide Sonnen aufeinandertreffen, verschmelzen sie zu einer Sonne, die nun im Zenit steht.

Welch glückliches Miteinandersein!

Die Sonne, die im Westen aufgeht, weist die Träumerin darauf hin, dass ihr die seinerzeit untergegangene Liebe zu sich selbst (Westen) nach all der Dunkelheit wieder Licht und Wärme schenkt. Noch fühlt sie sich unsicher in diesem neuen Vertrauen zu sich selbst. Die Sonne, die im Osten aufgeht, symbolisiert die Liebe des Mannes, der sich ihr nun erwartungsvoll zuwandte, als er spürte, wie sie sich ihm öffnete. Und dann sehen wir, wie zwei Sonnen wie zwei Herzen miteinander verschmelzen. Schöner lässt sich Liebe nicht in Worte fassen.

Literatur

  • Ortrud Grön: Pflück dir den Traum vom Baum der Erkenntnis. Träume im Spiegel der Naturgesetze, Lehr- und Arbeitsbuch, ehp Verlag, Köln, 2007
  • Ortrud Grön: Leben ist eine Kuh, die dauernd ihr Euter füllt. Weisheiten aus Träumen, ehp Verlag, 2008
  • Ortrud Grön: Der Sündenfall – Eine andere Sichtweise auf Naturgleichnisse der Bibel, Verlag Komplett-Media, Mai 2014
  • Ortrud Grön, Christoph Amend, Tillmann Prüfer: Ich habe einen Traum – was hat er zu bedeuten? Reihe Ludwig, 2009

Ortrud Grön Ortrud Grön
(Jg. 1925) hat jahrzehntelang psychotherapeutisch gearbeitet und umfangreiche interdisziplinäre Studien zum Thema Traum durchgeführt. Sie ist Gründerin der Klinik Lauterbacher Mühle am Ostersee,
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