Starter-Übung für Paartherapie

2014-03-Paar1

In diesem Artikel möchte ich eine besondere Art der Arbeit mit der inneren Welt von Paaren vorstellen. Es ist eine Mischung aus Aufstellungs-, Teile- und Lösungsarbeit. Je nach Bedürfnis und Fähigkeit der Partner, sich einzulassen, dauert die Übung zwischen 5 und 30 Minuten. Mit ihrer Mischung aus gleichzeitigem Erleben und Reflektieren fördert sie eine das jeweilige Ich stärkende, integrierende Paarentwicklung. Ich mache diese Übung gerne zu Beginn einer Sitzung oder, wie im Beispiel unten, als Starter für eine ganze Paartherapie. Dieses Vorgehen hat folgende Vorteile:

  • Der Therapeut strukturiert den ersten Teil der Sitzung und schafft dadurch, dass er die Verantwortung für die Dichte der Atmosphäre übernimmt, schnell einen abwehrarmen Raum.
  • Inhaltliche Themen mit den dazugehörigen ungelösten Streitritualen bleiben zunächst im Hintergrund. Die Partner bekommen so von Anfang an die Möglichkeit, sich außerhalb ihrer „Streit-Trance“ zu erleben und zu erkennen.
  • Der Therapeut erlebt das Paar in der Interaktion und erhält so umfangreiche Informationen über die aktuelle Beziehungsdynamik und die jeweiligen psychischen Binnenstrukturen.
  • Menschen sind es gewohnt, im Sitzen miteinander zu sprechen
  • die Übung erweitert durch die bildliche/räumliche Darstellung schon zu Beginn der Therapie den Kommunikationskanal des Paares.
  • Das „Darüber-Sprechen“ wird erschwert. Die Gefühle werden körpernah und sinnlich vermittelt – seien es die eigenen oder die vom Partner vermuteten oder erlebten.

Anhand eines verdichteten Beispiels zeige ich eine der Möglichkeiten dieses Vorgehens auf. Gleichzeitig erhalten Sie eine mögliche Anleitung der einzelnen Übungsabschnitte. Sie können, je nach Fähigkeit des Paares, sich einzulassen, auch nur einzelne Teile der Übung anbieten oder die Übung verkürzen.

Ist-Zustand

1) Therapeut: Guten Tag, Frau Müller, guten Tag, Herr Mayer. Herzlich willkommen. Kommen Sie bitte in diesen Raum hier.

2) Frau Müller: Vielen Dank.

3) Therapeut: Wollen Sie sich setzen oder wollen Sie gerne im Stehen auf eine ganz andere Art mit der Paartherapie beginnen?

4) Herr Mayer: (guckt zu seiner Frau, spricht zögerlich) Ja, warum nicht – was meinst du, Schatz? (Hier bekomme ich als Therapeut einen Hinweis auf ein evtl. Selbstwertproblem des Mannes innerhalb der Ehe.)

5) Frau Müller: (guckt fragend zum Th. spricht dann mit leicht schiefem Kopf zu ihrem Mann) Ja, wenn dir das recht ist. Du hast doch mehr Angst vor Therapie als ich. (Hier erscheint die Frau fürsorglich, vielleicht ist sie auch nur froh, dass ihr Mann sich auf diese Sitzung einlässt. Sie scheint schon Therapieerfahrung zu haben.)

6) Therapeut: Gut, ich möchte gerne im Stehen mit Ihnen drei kleine Bilder erstellen, zum einen, wie Sie jeweils Ihre Beziehung gerade erleben, zum Zweiten, wie Sie es gerne hätten, wenn alles (wieder oder endlich) gut ist, und zum Dritten, was denken Sie, können wir heute realistisch erreichen.

7) Frau Müller und Herr Mayer (nicken, gucken fragend)

8) Therapeut: Wer von Ihnen möchte denn gerne anfangen?

9) Herr Mayer (zu seiner Frau, etwas befehlend): Fang du an.

10) Frau Müller: Wie immer – ich soll vorlegen und du darfst ja oder nein dazu sagen. (Hier bekommt der Therapeut einen Hinweis auf einen versteckten Machtkampf.)

11) Therapeut: Wer anfängt, hat den Vorteil, dass er oder sie noch nicht beeinflusst ist von den Bildern des anderen. Der Zweite hat es schwerer, bei seinen eigenen Erlebnissen und Bedürfnissen zu bleiben.

12) Herr Mayer: Na gut, dann fange ich an.

13) Therapeut: Sehr schön. Der Vorteil dieser Art, im Stehen anzufangen, ist, dass Sie erst einmal nicht so viel sprechen. Bitte stellen Sie Ihre Frau jetzt irgendwo in den Raum, etwa so weit weg, wie Sie sie innerlich zurzeit im Alltag erleben. Wenn Ihr Alltag eigentlich ganz ok ist, es hier in der Paartherapie eher um spezielle Situationen gehen soll, dann können Sie sich aussuchen, ob Sie den „Alltags-Abstand“ oder den „Spezielle-Situationen-Abstand“ darstellen wollen. Geben Sie jetzt Ihrer Frau Anweisungen, welche Haltung und Ausstrahlung sie einnehmen soll. Ist sie zugewandt oder abgewandt? Ist Sie angespannt? Ist sie offen oder verschlossen? Ist sie glücklich oder unglücklich? Was ist noch wichtig (Therapeut lässt Zeit)?

Stellen Sie sich dann im Raum dazu, so wie Sie es darstellen wollen. Nehmen Sie auch die entsprechende Ausstrahlung und Haltung ein – so wie Sie sich in der Situation fühlen. Schauen Sie noch einmal ob das so alles stimmt. Sollte es wichtige Dinge geben, die auch in dieses Bild müssen, so können Sie diese mit einem Kissen o. Ä. darstellen.

So oder ähnlich beginne ich viele meiner ersten Sitzungen mit Paaren. Die allermeisten bleiben gerne stehen und schwingen sich auf die Übung ein. So könnte es weitergehen:

14) Therapeut: Frau Müller, versuchen Sie bitte, sich in die Beschreibung Ihres Mannes einzufühlen. Es kann sein, dass Sie das gar nicht nachvollziehen können und die Dinge ganz anders sehen und andere Gefühle haben. Aber jetzt geht es darum, dass Sie versuchen, sich in diese Frau einzufühlen, die Ihr Mann erlebt. So können Sie von innen heraus verstehen, was Ihr Mann mit Ihnen erlebt. Vielleicht wird Ihnen dadurch schon einiges an seinen Reaktionen verständlicher.

15) Herr Mayer: Bitte stelle dich dort drüben neben den Sessel, drehe dich nicht ganz zu mir und sieh knapp an mir vorbei. Du bist eine Mischung aus angespannt und hochnäsig. Dir geht es nicht so gut, aber du versuchst das zu überspielen.

16) Frau Müller stellt sich dorthin und versucht die beschriebene Haltung einzunehmen

17) Therapeut: Herr Mayer, ist das ausreichend genau so, wie Sie Ihre Frau erleben?

18) Herr Mayer: Du könntest noch ein wenig mehr den Rücken durchdrücken – (seine Frau korrigiert) – Ja genau, so bist du immer, wenn ich nicht mehr weiterweiß und Angst habe, dass unsere Liebe zu Ende ist.

19) Therapeut: Wenn Ihre Frau jetzt genau genug die Haltung darstellt, stellen Sie sich doch bitte in den gefühlten Abstand (er sucht seinen Platz). Wie stehen Sie dort zu Ihrer Frau? Sehen Sie zu ihr oder auch an ihr vorbei? Lassen Sie sich Zeit und korrigieren Sie so lange, bis es für Sie stimmt (er sucht seine Form).

20) Therapeut: Wenn Sie jetzt zufrieden sind, wie Ihre Frau steht und wie Sie stehen, schließen Sie bitte beide die Augen und versuchen Sie, sich in die beschriebenen Gefühle körperlich hineinzubegeben. Achten Sie dabei auf Ihre Atmung: Wie würden Sie atmen, wenn Sie sich fühlten, wie Ihr Mann Sie beschrieben hat? (kleine Pause) Wie würden Ihre Füße dann auf dem Boden stehen? Lauschen Sie in sich, wie Ihr Körper ist, wenn Sie sich so fühlen (Therapeut lässt Zeit).

21) Therapeut: Wenn Sie sich jetzt einigermaßen in diese Situation eingefühlt haben, versuchen Sie mit geschlossenen Augen Ihren Partner/Ihre Partnerin zu spüren. Die meisten Menschen können das, jemand Andern im Raum spüren. Vielleicht gibt es da eine Art Anziehungskraft oder Sie fühlen sich eher abgestoßen (Therapeut lässt Zeit).

22) Therapeut: Wenn Sie jetzt innerlich bei Ihrem Partner sind, gehen Sie nun wieder ganz zu sich zurück nach innen – vergessen Sie Ihren Partner eine Weile. Spüren Sie wieder Ihre Atmung und Ihre Füße auf dem Boden. Bemerken Sie, wie Sie bei sich sind. Und wie das ist, bei sich zu sein (Therapeut lässt Zeit).

23) Therapeut: Jetzt möchte ich, dass Sie ein paarmal innerlich hin und her gehen zwischen Ihrem Partner und Ihnen selbst. Beobachten Sie den Unterschied, wenn Sie ganz bei sich sind und wenn Sie im Beziehungsmodus bei Ihrem Partner sind. Gehen Sie ein paarmal innerlich hin und her (Therapeut lässt Zeit).

24) Therapeut: Machen Sie jetzt bitte die Augen wieder auf. Was haben Sie erlebt? Konnten Sie sich gut einfühlen, Frau Müller, oder ist Ihnen das sehr schwergefallen? Stimmte Ihre Darstellung so ausreichend oder ist Ihnen noch ein wichtiges Detail eingefallen?

In 14) bis 19) versucht das Paar, sich in das Beziehungsbild des Mannes einzufinden. In 20) macht der Therapeut eine kleine Trance-Induktion. Abhängig davon, wie gut Paar und Therapeut schon zusammenpassen, nimmt das Paar diese kleine Trance an. Normalerweise gehen sie in der Rückrunde tiefer.

In 21) bis 23) üben die Partner, sich zu verbinden und wieder loszulassen. Durch die Verlangsamung erleben sie sich in ihren eigenen Handlungen und erweitern ihre Fähigkeit, bei sich zu bleiben, obwohl der Partner anwesend ist. Dieses Bei-sich-Sein ist eine zentrale Voraussetzung, eingefahrene Muster hinterfragen und verändern zu können. In 24) löst der Therapeut die kleine Trance auf und holt eine kurze Rückkoppelung ein. Ich versuche, diese Rückkoppelung kurz zu halten und darauf zu achten, dass das Paar nicht in ein „Darüber-Reden“ gerät. Manchmal sind nach dieser kurzen Sequenz schon so viele Affekte und Assoziationen aufgetaucht, dass ein längerer Einschub nötig ist oder die Übung ganz beendet werden muss. Es könnte sein, dass einer weint, erstarrt oder wütend ist oder dass manche Erlebnisse darauf drängen, ausgesprochen zu werden.

Idealbild

Im zweiten Teil bittet der Therapeut den aufstellenden Partner, darzustellen, wie er und seine Frau zueinander stehen werden, wenn alles so ist, wie er das möchte. Das Vorgehen ist ansonsten dasselbe wie in 14) bis 23). Hier geht es mir darum, dass seine persönliche, vielleicht idealisierte Vorstellung möglichst ungefiltert von innerem Wenn und Aber sicht- und fühlbar wird. Ich benutze dazu Formulierungen wie: „Wenn jetzt alles so geht, wie Sie das möchten – Ihre Frau wird jetzt genau das tun und fühlen, was Sie möchten – wie soll es dann sein, damit alles gut ist?“ Die meisten beginnen an dieser Stelle zu ahnen, wie es hinter ihren idealisierten und vereinfachten Wünschen wirklich gehen könnte.

Realbild

fotolia©Peter KöglIm Realbild stellt der aufstellende Partner dar, wie beide zueinander stehen und sich jeweils fühlen werden, wenn sie sich in dieser Sitzung optimal im Sinne seines Lösungsbildes entwickeln. Das Vorgehen ist dasselbe wie in 14) bis 23). Ich benutze Sätze wie: „Was denken Sie, können wir in 90 Minuten davon wirklich schaffen?“ – „Wie werden Sie und Ihr Partner sich in 90 Minuten fühlen, wenn wir hier alles in die richtige Richtung lenken können?“ An dieser Stelle verabschiedet sich der Aufstellende normalerweise von seinen idealisierten Vorstellungen und entwirft ein Bild, in dem er die eigenen und die Fähigkeiten des Partners realistisch einschätzt. Sollte dies jetzt immer noch schwerfallen, ist dies ein Hinweis auf eine strukturelle Schwäche des Aufstellenden.

In der Rückrunde gehe ich genauso vor. Anstelle des gefühlten Abstandes können auch andere Beziehungsparameter dargestellt werden, wie Liebe, Offenheit oder sexuelle Anziehung. Es können auch Skalierungsfragen verwendet werden, um den Prozess zu unterstützen. Bei den Aufstellungsbildern achte ich auf folgende Kriterien: Abstand, Winkel zueinander, Blickkontakt, Körperkontakt, Körperspannung (auch Beckenboden), Körperhaltung, emotionale Spannung, Atmung, aussprechen lassen und was ist der Unterschied zu einer evtl. Sitzung davor. Wichtig ist, wie immer, dem Paar wirklich ausreichend Zeit zu lassen sich in die Gefühle hineinzuversetzten.

Je besser es mir gelingt, einen sicheren und selbstverständlichen Raum für innere Wahrnehmung zu schaffen, desto tiefer lassen sich die Paare ein.

Lösungsbild

fotolia©Peter KöglSind die Partner in der Lage, die Übung anzunehmen, lasse ich sie als Abschluss ein gemeinsames Bild entwickeln, wie sie zueinander stehen und sich fühlen werden, wenn die Krise überwunden ist und sie sicher und zugewandt miteinander sein werden. Das Lösungsbild wird meiner Erfahrung nach leichter und vollständiger, wenn das Paar zuvor durch die sechs Schritte dieser Übung gegangen ist. Die Wirkung der einzelnen Phasen addiert sich: die Partner kommen immer sicherer in ihre Innenwelten, die Sichtweisen werden realistischer, die affektive Unabhängigkeit wächst, die Tiefe ihrer Verbundenheit wird spürbarer. Die Probleme zwischen den Partnern verwandeln sich in Fragen, die sie gemeinsam lösen können.

Ein Mann fragte mich einmal erstaunt am Ende der Übung: „Wie heißt der Zustand in dem ich jetzt bin? Und wie kann ich ihn aufrechterhalten?“

Hinweis: Der Autor ist Referent beim Psychotherapie-Symposium in Stuttgart

Fabian Lenné Fabian Lenné
geb. 1960. Heilpraktiker für Psychotherapie, seit 1997 Einzel-, Paar- und Gruppentherapie in eigener Praxis. Ausbildung in Tiefenpsychologischer Körpertherapie und Bewusstseinszentrierter Körpertherapie.
Praxis für Heilkundliche Psychotherapie Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz Heimstraße 24a, 10965 Berlin
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