Können Psychotherapien auch schaden?

2014-02-Psycho1

Ein kritischer Bericht über die Fachtagung zum Thema: Manipulierte Erinnerung an sexuellen Missbrauch in „aufdeckenden“ Therapien.

fotolia©snaptitudeDie Arbeitsgemeinschaft falsche Missbrauchserinnerung, False Memory Deutschland e.V., veranstaltete am 2. April 2014 in Düsseldorf eine Tagung für Fachkreise, zu der auch Vertreter des VFP eingeladen waren. In bewegenden Worten schilderte eingangs ein betroffener Vater, der seine Kinder durch die Schwierigkeiten der Pubertät und die Mühen der Schulzeit und der Berufsausbildung begleitet hatte, wie eine seiner längst erwachsenen Töchter eines Tages jeglichen Kontakt zu ihm abbrach und er dazu nur die Info bekam, sie mache derzeit eine Psychotherapie und im Zuge dieser sei aufgedeckt worden, er habe sie in ihrer Kindheit sexuell missbraucht. – Man kann sich vorstellen, wie geschockt dieser Mann war. Er war sich keiner Schuld bewusst und konnte sich nicht an irgendwelche Vorfälle im Familienleben erinnern, die als sexueller Übergriff hätten verstanden werden können. Nicht genug damit, dass er als der Zerstörer der Familie und des Vertrauens dargestellt wurde, er musste sich sogar einem Strafverfahren stellen und bekam in diesem Rahmen Unterstützung vom Verein False Memory. Der sammelt seit einigen Jahren vergleichbare Fälle und schätzt ihre Zahl in Deutschland auf zwei- bis dreitausend.

Demgegenüber steht, dass mindestens 10% aller Frauen und 2% der Männer tatsächlich sexuell missbraucht worden sind, wie eine jüngste große Studie des Kriminologischen Instituts Niedersachen mit über 12 000 Befragten ergab. Die Zahl der Beschuldigungen aufgrund von Falscherinnerungen ist also vergleichsweise sehr gering, aber natürlich trotzdem tragisch für jeden ungerecht Getroffenen, dessen Familie und sein weiteres soziales Umfeld.

Auf der Tagung wurde nun aber die These vertreten, es seien in erster Linie bestimmte „aufdeckende“ Therapien, die manipulierte Erinnerungen an sexuellen Missbrauch produzieren würden. Und für einige Psychotherapeutinnen sei die Feststellung einer „posttraumatischen Belastungsstörung aufgrund sexuellen Missbrauchs in der Kindheit“ nicht nur ihre Lieblingsdiagnose, sondern geradezu der Universalschlüssel zum Verständnis so unterschiedlicher psychischer Störungen wie Ängste, Zwänge, Depressionen, Magersucht, Bulimie usw. geworden.

Die Psychologin Frau Prof. Dr. Renate Volbert vom Institut für forensische Psychiatrie (Charité Berlin) versuchte diese These in ihrem Vortrag zu untermauern, der sich der Frage widmete: „Wie entstehen Pseudoerinnerungen in Therapien und lassen sie sich von wahren Erinnerungen unterscheiden?“

Pseudoerinnerungen sind aus ihrer Sicht Projektionen aus der Gegenwart in die Vergangenheit. Sie entstünden über die Konstruktion mentaler Bilder nach dem Motto: „Was könnte damals geschehen sein?“ – insbesondere wenn so danach in der Therapie gefragt und geforscht werde. Diese Möglichkeitsbilder gewännen für die Patienten dann zunehmend an Glaubwürdigkeit, wenn sie von den Therapeuten darin unterstützt würden, sie (z. B. durch Imaginationsübungen/Hypnosetechniken usw.) immer weiter auszumalen und letztendlich als „wahre Erinnerung“ zu bewerten. Zusätzlich erfüllten sie oft noch die Funktion, eine scheinbar plausible Erklärung für bestimmte Lebensprobleme oder Symptome zu liefern.

Während diese Ausführungen für mich noch nachvollziehbar waren und auf eine Gefahr hinwiesen, die auch nicht unterschätzt werden sollte, weckten die weiteren Thesen von Frau Prof. Volbert, die auch als Gutachterin für die Glaubwürdigkeit von Angeklagten und Zeugen vor Gericht tätig ist, doch erhebliche Zweifel an der wissenschaftlichen Disziplin „Aussagepsychologie“. So vertrat sie die Ansicht, dass man sich an traumatische Erlebnisse auf jeden Fall erinnere, weil sie ja Ereignisse von großer Bedeutung seien – und solche blieben im Gedächtnis.

Sie bestritt damit viele Ergebnisse der neurowissenschaftlichen Forschung und der Traumatologie, die z. B. PD Dr. Martin Sack in seinem Buch „Schonende Traumatherapie“ (Schattauer-Verlag) hervorragend und verständlich dargestellt hat. Danach gibt es mehrere wesentliche Gründe dafür, dass Kinder und Jugendliche sexuelle Gewalterlebnisse verdrängen und dissoziieren:

Schock, Schreck, Angst und Schmerz sind im Moment des Erlebens so groß, dass die Regie im Gehirn von den Amygdalae (Mandelkernen im limbischen System) und den Überlebensrefl exen im Stammhirnbereich übernommen wird – der Neocortex mit seinen bewussten Möglichkeiten des Begreifens, des Bilderspeicherns und Erinnerns aber mehr oder weniger ausgeschaltet ist. Das führt dann oft dazu, dass die Patientinnen zwar Teilerinnerungen haben, es manchmal aber selbst als quälend erleben, keine detaillierten Erinnerungsbilder in sich wachrufen zu können. Sie bleiben dadurch trotz aller ihrer körperlichen und seelischen Symptome in Selbstzweifeln gefangen und brauchen eine schonend aufdeckende Psychotherapie, um in ihrer persönlichen Verarbeitung überhaupt weiterkommen zu können.

Diese Selbstschutzmechanismen des Organismus greifen vor allem auch deshalb, weil die körperliche Gewalt und der Schmerz der Wahrheit, des Missbrauchs durch eine meist ja vertraute Person, des Geborgenheitsverlustes in den familiären oder anderen engen Beziehungen einfach zu groß sind, als dass sie ertragen werden könnten. Insofern werden sie verdrängt, dissoziiert, abgespalten – aus dem Erinnerungsspeicher gelöscht: „Wenn ich so tue, als wäre nichts geschehen, als wäre alles gar nicht wahr, kann ich es aushalten, wird meine Familie nicht zerstört …“ Hier greift eine „Psycho-Logik“, die ja auch manche Täter in gleicher Weise für sich nutzen, um ihre Taten vor sich selbst und anderen zu verleugnen.

In mehr als 99% der Fälle sind es nicht die Lieblingshypothesen der Therapeutinnen, aktuelle psychische und psychosomatische Beschwerden auf „sexuellen Missbrauch in der Kindheit“ zurückzuführen und dann bei ihren Patientinnen entsprechende Pseudoerinnerungen zu suggerieren. Die viel mächtigeren Suggestionen werden nach meiner über zwanzigjährigen therapeutischen Erfahrung vielmehr von den Tätern selber induziert, z. B.: „Spüre nicht, was du fühlst!“, „Ich bin doch lieb zu dir, sei du auch lieb zu mir und mach alles mit, was ich dir sage!“, „Nimm nicht wahr, was gerade geschieht!“, „Denke nicht darüber nach!“, „Es ist nicht das, was du glaubst und empfindest!“, „Wehe du sagst irgendjemand ein Wort darüber, dann bringe ich dich um!“

Diese Bedrohungen und Einschüchterungen, Wahrnehmungsverbote und Schweigegebote sind es meiner klinischen Beobachtung nach, die für die mentale Verwirrung und Verdrängung ins Unterbewusste sorgen, die Gedächtnisblockaden und Erinnerungsschwächen, Selbstzweifel und Offenbarungsängste hervorrufen – und das oft bis ins Erwachsenenalter hinein! Das ist die Grundlage für die Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung und viele andere psychische Symptome, nicht nur ein unfreiwillig erlittener Geschlechtsverkehr allein. Und das macht es in der Traumapsychotherapie oft auch so schwierig, die wahren, d. h. erlebnisbasierten Erinnerungen ans Licht zu bringen.

Auf diese Zusammenhänge gingen die Vortragenden auf der Fachtagung in Düsseldorf jedoch leider nicht ein. Gleichwohl: Als Denkanstoß war diese Tagung wertvoll.

Literatur

  • Renate Volbert, Klaus-Peter Dahle: Forensisch- psychologische Diagnostik im Strafverfahren, Hogrefe-Verlag, ISBN 3801714608
  • Martin Sack, Ulrich Sachsse: Schonende Traumatherapie: Ressourcenorientierte Behandlung von Traumafolgestörungen, Schattauer-Verlag, ISBN 3794526481

Dr. paed. Werner Weishaupt

 

Dr. paed. Werner Weishaupt
Dozent für Psychotherapie