Die Behandlung einer Angststörung mit der Dynamischen Atemtherapie

2014-02-Atem1

Fallstudie: Frau A. lernte mich auf einer Lesung kennen, sie bat mich um meine Visitenkarte. Wenige Tage später rief sie in meiner Praxis an und erklärte unter teilweise heftigem Schluchzen, dass sie unter Angstanfällen leide und einen Termin bei mir haben möchte. Eine der 28 Geschichten meines Buches „Mauerlieben“ habe sie sehr berührt – und zwar die Geschichte, von der Tochter, die vor der Leiche ihrer Mutter steht und mit ihr in einen zwiespältigen inneren Dialog tritt. (Seite 224–230)

Frau A., 51 Jahre, wirkte auf den ersten Blick unauffällig. Sie kam mit dem Fahrrad und war verschwitzt, zog sich bei mir um und setzte sich mit einem Seufzer der Erleichterung. Als ich sie bat, von ihrer derzeitigen Befindlichkeit zu sprechen, weinte sie lautstark.

Die aktuelle Problematik

fotolia©Robert KneschkeIch erfuhr, dass sie seit dem Tod ihres Mannes vor fünf Jahren zeitweise und anfallsartig an Atemnot, Schweißausbrüchen, Herzrasen, Zittern, panischen Ängsten vor dem Alleinsein, innerer Unruhe und Übelkeit leidet, was sich im Laufe der Zeit gesteigert hatte. Seit dem Tod der Mutter vor zwei Jahren kamen noch Schlafstörungen dazu. Sie fühlte sich müde, abgespannt und „ausgelaugt“. Sie war seit einiger Zeit krankgeschrieben, da sie sich bei ihrer Arbeit mit pflegebedürftigen Menschen überfordert fühlte, ganz besonders bei einer Dame, die sie als sehr eigenwillig bezeichnete. Bei ihr hatte sie oft das Gefühl, als ob ihr der Hals zugedrückt werden würde. Wenn sie allein war, hatte sie panische Angst, dass etwas passiert. Auf Nachfragen, was denn passieren könnte, sagte sie unter Weinen, dass ihre Schwester verunglücken könnte oder sie selbst würde umfallen und keiner ist da, ihr zu helfen. Sie ist seit zwei Jahren bei einer Neurologin in Behandlung und wird mit Psychopharmaka versorgt. Ihre Angstzustände hätten sich jedoch soweit verschlimmert, dass sie befürchtete, keine Luft zu bekommen und ersticken zu müssen. Die Ärztin hätte ihr deshalb geraten, sich bei einer Atemtherapeutin mitbehandeln zu lassen.

Die Vorgeschichte

Frau A. kann sich erst ab dem siebten/achten Lebensjahr erinnern. Die Zeit davor kennt sie nur aus den Schilderungen ihrer zwei Jahre älteren Schwester. Zu dieser besteht ein enges Verhältnis.

Frau A. wurde mit einem Kaiserschnitt zur Welt gebracht. Während der Schwangerschaft wollte der Vater sich von ihrer Mutter trennen, da er sich in eine andere Frau verliebt hatte. Als ihre Mutter drohte, sich mit den Kindern umzubringen, blieb er. „Wie schätzen sie die Beziehung ihrer Eltern ein?“ „Meine Eltern hatten wenig Gemeinsames, sie gingen sich aus dem Weg. Ja, die Ehe war distanziert und wenig emotional.“

Die Mutter habe sich nun ihren Töchtern zugewandt. Frau A. erlebte nur Zärtlichkeit, wenn sie den Anforderungen ihrer Mutter genügte. „Ich bemühte mich, immer ein braves Kind zu sein und die Mutter nicht aufzuregen. Meine Mutter zog mich deshalb wahrscheinlich meiner Schwester vor.“

Aus der Biografie der Mutter erfuhr ich, dass diese, als junge Frau während der Flucht, traumatische Kriegserlebnisse gehabt hatte, wo Tod und Sterben alltäglich waren. Wenn sie immer wieder ihrer kleinen Tochter davon erzählte, tröstete sie ihre weinende Mutter. „Manchmal hat es dann nicht geklappt, das machte mich krank. Ich habe dann viel geweint.“

Frau A.: „Ich glaube, meine Mutter hat es nie überwunden, dass ihr Verlobter im Krieg gefallen war. Nach dem Krieg hat sie dann meinen Vater kennen gelernt. Er war auch Soldat und danach in russischer Gefangenschaft. Über diese Zeit sprach er nie. Er verstarb, als ich 13 Jahre alt war.“

Ihre eigene Ehe schilderte sie als zufriedenstellend und stabil. Sie arbeitete als Sozialarbeiterin in einem Krankenhaus, als sie ihren Mann kennen lernte. Sie war sehr glücklich, dass sich ihr Ehemann mit ihrer Mutter gut verstand, die sie immer mit in den Urlaub nahmen.

Das Ehepaar bekam eine Tochter und vier Jahre später einen Sohn, der als Frühchen mit einem Kaiserschnitt geholt werden musste. In dieser Schwangerschaft ging es Frau A. nicht gut. In einem Krankenhaus musste sie vier Wochen lang in einem verdunkelten Raum liegen. „Um mich kümmerte sich niemand, das war wie eine Folter, aber ich habe auch das überstanden.“

„Die Kinder waren 11 und 13 Jahre alt, als man bei einer Darmspiegelung bei meinem Mann Krebs im Endstadium feststellte. Drei Jahre hatte ich immer die Hoffnung, dass er gesunden könnte. Es ging mir sehr schlecht, ich habe alle Kraft aufgebracht, für meine Kinder da zu sein und meinen Mann zu trösten. Als alle Maßnahmen aussichtslos waren, verlangte er von mir, dass ich mit ihm in den Tod gehen solle.“

Sie lebte nun in der ständigen Angst, er könnte beim Autofahren einen Unfall vortäuschen. Sie fuhr nur noch mit ihm, wenn sie selbst am Steuer saß. Sein Verhalten veränderte sich zunehmend in aggressiven Äußerungen. Er warf ihr vor: „Nach mir hast du bald einen anderen Mann. Dann bringst du mein Geld durch.“

Auch wollte er seine Ersparnisse dem Sohn überschreiben, damit seine Frau nichts erben könne. Sie konnte ihn jedoch davon abhalten. Die letzten Tage seines Lebens wich sie nicht von seiner Seite. „Ich konnte einfach nicht mehr, ich konnte es ihm auch nicht sagen. Ich war psychisch am Ende. Meine Mutter war mir in dieser Zeit eine große Hilfe, sonst hätte ich das nicht überlebt.“

Ein knappes Jahr nach seinem Tod verliebte sich Frau A. und fühlte sich anfangs befreit und glücklich. Die Kinder mochten jedoch den neuen Mann nicht. Sie konnte verstehen, dass die Kinder den Tod ihres Vaters nicht überwunden hatten. Sie nahm ihre Mutter bei sich auf. „Ich wollte jetzt den Vater für meine Kinder ersetzen, kümmerte mich sehr um sie und ganz besonders um meine Mutter, die bald krebskrank wurde.“

„Meine Schwester und ich erfüllten den Wunsch unserer Mutter, neben ihr zu liegen, wenn sie endgültig aus dem Leben scheidet. Wir erfüllten auch ihren Wunsch, in Holland eingeäschert zu werden, danach Mutters Asche zur Hälfte im Grab meines Mannes beisetzen zu lassen, weil sie ihn so mochte. Die restliche Asche sollten wir am Geburtshaus meiner Mutter, im heutigen Polen, verstreuen. Diese Hälfte steht noch in meinem Schlafzimmer.“

Die Befunde

Frau A. wirkte äußerlich modern und gut gekleidet, konnte sich gut artikulieren und hielt Blickkontakt zu mir. Während ihrer Schilderungen weinte sie, entschuldigte sich dafür, äußerte die Befürchtung, dass sie verrückt werden könnte. Sie war bewusstseinsklar und gut orientiert. Seit zwei Jahren war sie wegen dieser Angststörung in psychiatrischer Behandlung und medikamentöser Therapie. Ihre Erkrankung wurde als phobische Störung (F 40) eingestuft. Ihr war bewusst, dass der Ursprung ihrer Krankheit in ihrer Familiengeschichte liegen könnte.

Ich machte mit ihr eine atemtherapeutische Diagnose, die in meinem Fachbuch „Dynamische Atemtherapie für ein dynamisches Leben“ auf den Seiten 59 bis 68 ausführlich dargestellt wird. Ihr Atemmuster war wenig ergiebig, es war kurzatmig, stockend, die Dynamik im Bauchraum und an den Flanken gering. Die Muskulatur im Schulterund Nackenbereich fühlte sich wie ein Panzer an. Sie hatte enormen Leidensdruck.

Der Verlauf

Frau A. erfuhr sich mit Körperübungen aus der Dynamischen Atemtherapie. Sie lernte ihr derzeitiges biografisches Atemmuster kennen und akzeptieren. Durch die Arbeit am Atem drang sie zu den tiefen Schichten ihrer Persönlichkeit vor, dem Zusammenspiel zwischen Atmung und Bewegung, Gedanken und Gefühlen, Muskeln und dem Stoffwechsel. Die Wirkung der Übungen berührte sie im Innersten und sie konnte sich auf ihre Empfindungen einlassen, die sie in ihrem Leben weitgehend verdrängt hatte. Sie lernte, den Schmerz, die Wut, die Angst und die Trauer anzunehmen, mit ihnen umzugehen, um sie loszulassen. Langsam wurden die Angstanfälle geringer und kürzer.

Die verdrängten Gefühle wie Wut und Trauer wurden mit der Methode des „Psychodramas nach Moreno“ erlebbar. In der Rolle ihres Mannes sprach sie: „Ich möchte dich nicht allein lassen, ich möchte, dass du mit mir stirbst. Stirb mit mir. Ich würde es auch für dich tun, wenn du an meiner Stelle wärst.“ Frau A.: „Mir wird auf einmal bewusst, dass ich immer nur für andere da war, für meine Mutter, für meine Kinder und meinen Mann.“

Als er ihr vorwarf: „Du liebst mich nicht richtig, sonst könntest du es tun“, gestand sie weinend, dass sie es getan hätte, wenn die Kinder nicht da gewesen wären. Ihre Kinder hätten ihr Leben gerettet, meinte sie. Ihr wurde jetzt deutlich, dass sie ihre Kinder aus Dankbarkeit finanziell in unangemessener Weise unterstützte und sich dadurch einschränkte. Ihre tiefsitzenden Schuldgefühle konnte sie jetzt hinterfragen und auflösen. Der Tod und die damit verbundenen Ängste spürte sie körperlich wie ein bösartiges Geschwür. Die Atmung wurde tiefer und ergiebiger, die muskulären Verspannungen lösten sich, wobei Rückfälle immer wieder zu verzeichnen waren. Die medikamentöse Therapie setzte die Neurologin ab.

Frau A. lernte, anderen Grenzen zu setzen und sich vor überzogenen Forderungen anderer zu schützen. Sie zog zu ihrem Freund und konnte wieder arbeiten.

Die Therapie gestaltete sich aus stützenden Verfahren, wie Gesprächstherapie, dem Psychodrama und hauptsächlich der Dynamischen Atemtherapie in Ruhe, in Bewegung und mit der Stimme. Das Atemgespräch (Seite 51), als Abschluss jeder Sitzung, brachte sie in eine tiefe Bauchatmung. Sie arbeitete immer aktiv mit und singt seit einiger Zeit in einer Gospel-Gruppe.

Gemeinsam mit der Schwester wurde die Asche der Mutter in deren Heimat gebracht, auf dem ehemaligen Grundstück verstreut und mit einer symbolischen Zeremonie verabschiedet. In einem Zeitraum von zwei Jahren hat es Frau A. geschafft, ihre Vergangenheit mit ihren Gefühlen zu reflektieren und diese Gefühle zuzulassen und zu spüren. Frau A. hatte dadurch die Möglichkeit, sich über Lernprozesse mit ihren Gefühlen auseinanderzusetzen.

Literatur

  • Mathilde Zeidler: Mauerlieben – 28 Berliner Liebesgeschichten vom Mauerbau bis Mauerfall, Fischer & Fischer Medien, Frankfurt/Main, ISBN 978-3-8301-1353-9
  • Mathilde Zeidler: Dynamische Atemtherapie für ein dynamisches Leben, ML Verlag, Uelzen, 2014, ISBN 978-3-944002-26-2

Ausbildungen in der Dynamischen Atemtherapie werden an diesen Paracelsus Schulen durchgeführt:

  • Hannover, ab 22.08.2014
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  • Hamburg, ab 29.08.2014
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  • Jena, ab 29.08.2014
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Mathilde Zeidler Mathilde Zeidler
Diplom-Pädagogin, Heilpraktikerin, Heilpraktikerin für Psychotherapie,
Entspannungs- und Atemtherapeutin, Autorin
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