Subjektives Zeitempfinden als Möglichkeit in der Therapie

2014-02-Zeit1

Manchmal, sei es in schönen oder unangenehmen Momenten, scheint die Zeit stillzustehen. Wer erinnert sich nicht an die erste Umarmung, den ersten Kuss, die erste gemeinsame Nacht, Sekunden, Minuten oder Stunden, in denen Zeitpunkt oder Zeitraum keine Rolle spielten. Entscheidend und allumfassend war das Hier und Jetzt. Wie lange kann eine Viertelstunde sein, wenn man auf den Partner warten muss, wie schnell vergeht die Zeit, bis man sich wieder verabschieden muss. Einzig und allein die Erinnerung bleibt.

fotolia©snaptitudeAber auch hier spielt das subjektive Zeitempfi nden eine oft paradoxe Rolle. Schöne Momente, die wir uns immer und immer wieder in Erinnerung gerufen haben, dehnen sich zu Minuten oder Stunden, auch wenn es nur Sekunden waren. Ebenso verhält es sich manchmal mit Traumata. Wenn sich ein Flashback ankündigt, werden die Sekunden bis zum Eintritt des Panikmomentes zu endlosen Augenblicken der Hilfs- und Orientierungslosigkeit, der Kontrollverlust lässt den Betroffenen in einem zeit- und grenzenlosen Raum taumeln. Es kann aber auch umgekehrt sein, dass eine Erinnerung so angenehm ist, dass man sich im Rückblick aufgehoben, geborgen, ja fast wie im Paradies fühlt. Beide Elemente sind in der Traumatherapie bzw. in dem Tool der Imaginationsreise auch als „Recall“ oder „sicherer Ort“ nicht unbekannt.

In vorliegenden Fall geht es um den „sicheren Ort“, das „innere Paradies“, als emotionale Erfahrung und darum dies in Verbindung zu bringen mit einer körperlichen Erfahrung, einer Wellnessmassage.

Die Klientin, eine junge Frau, 22 Jahre, Studentin, bat um einen Termin und eröffnete gleich im ersten Gespräch eine Missbrauchserfahrung, die sie im Alter von 13 Jahren durch ihren Onkel erleiden musste. Der Onkel war übergriffig geworden, ohne jedoch in die Klientin einzudringen. Erschwerend kam allerdings hinzu, dass es im Auto des Onkels geschah, als dieser die Nichte spätabends nach Hause bringen sollte. Dunkelheit, enger Raum ohne Fluchtmöglichkeit und Grenzverletzung durch ein enges Familienmitglied, eigentlich eine Vertrauensperson, waren die drei entscheidenden Trauma-Elemente.

Die Klientin klagte über Schlafstörungen und angstbesetzte Träume, außerdem spürte sie nachts des Öfteren jemanden in ihrer Nähe, was sich beim Aufwachen jedoch als Täuschung erwies. Sie glaubte, in diesem Jemand ihren Onkel wiederzuerkennen.

Nach zwei weiteren Sitzungen mit Gesprächen über ihre Familie, ihren soziokulturellen und religiösen Hintergrund (sie ist Muslima), erstellten wir eine vorläufige Angsthierarchie und beschlossen, mit dem am geringsten belastenden Teil zu beginnen. Drei intensive Durchgänge mit EMDR brachten den Belastungsgrad von „sieben“ auf „zwischen null und eins“.

Wir verabredeten eine Pause von zwei Wochen mit der Vereinbarung, dass sie sich sofort wieder melden könnte, wenn etwas Unvorhergesehenes eintreten sollte.

Nach zwei Wochen kam die Klientin zum vereinbarten Termin, wobei wir vorher vereinbarten, dass er zeitlich nicht begrenzt sein sollte.

Nach einem etwa dreißigminütigen Gespräch und der Suche nach einem Ort, einer Erfahrung oder einer Zeit, wo sich die Klientin „unendlich wohl und sicher“ gefühlt hatte, und diesen Ort, diese Erfahrung oder diesen Zeitraum zu ihrem „inneren Paradies“ machen wollte, induzierte ich eine Trance mit Rapport. Rapport war deswegen wichtig, damit die Klientin nach vielen Einzelheiten befragt werden konnte, die ich notierte. Dann folgte eine Ruhephase von ca. 20 Minuten.

Anschließend rief ich die Klientin zurück in den Rapport, was nicht ganz einfach war, da ich befürchtete, sie würde vollständig ins Hier und Jetzt zurückkehren.

Ich induzierte erneut bzw. verlängerte die Trance. Als Suggestion dienten die Aspekte, auch in der Reihenfolge, die mir die Klientin im Rapport mitteilte. Es wurden mir jeweils zwei Aspekte genannt, wonach der Hinweis des tieferen Eintauchens in die Entspannung folgte.

Die Klientin konnte solange in der Entspannung bleiben, wie sie wünschte. Nach etwas über fünfzig Minuten kam sie von selbst zurück und in der letzten halben Minute beendete ich die Trance mit der üblichen Aufforderung, sich nun wohl ausgeruht und gestärkt auszustrecken und alle Muskeln anzuspannen und zu entspannen.

Wiederum ließen wir zwei Wochen bis zur nächsten Sitzung vergehen, in der wir die Verbindung zwischen emotionaler und körperlicher Entspannung versuchen wollten.

Ein Problem ergab sich bei der Vorbereitung der Sitzungen. Die Klientin fragte, ob der „sichere Ort“ Teil ihrer Vergangenheit, ihrer Gegenwart oder ein Fantasieort im Irgendwo und Irgendwann der Zukunft sein sollte. Selbstverständlich blieb es ihr überlassen, glücklicherweise wählte sie etwas aus der Vergangenheit. Sie beschrieb einige Tage der Abschlussfahrt vor dem Abitur. Dort erlebte sie, fern von der sozialen Kontrolle durch Elternhaus und Nachbarschaft, ihre erste große Liebe.

Sie beschrieb die Tage: Wir waren „alleinzu-zweit“ in Gesellschaft des Kurses, die anderen nahmen wir überhaupt nicht wahr, fühlten uns trotzdem aufgehoben und geschützt und hatten jedes Gefühl für Zeit und Ort verloren, liefen immer nur den anderen hinterher oder mitten in der Gruppe.

Wir kamen uns auch körperlich näher, das heißt eigentlich nur Händchen halten, küssen und sich aneinander schmiegen. Ich empfand seine Berührungen als neu und aufregend, gleichzeitig als sehr angenehm und keinesfalls als bedrohlich oder gar übergriffig. Nur „ganz versehentlich“ streifte er mit seinem Unterarm meine Brust, wofür er sich gleich entschuldigte. Dies weckte in mir das Gefühl, dass ich mich bei ihm sicher und geborgen fühlen konnte. Abends saßen wir am See und schauten in den Sonnenuntergang, während die anderen die Grillparty vorbereiteten. Dieser Abend war unendlich schön und ich erlebte ihn auf zweifache Weise. Einmal ging der Abend viel zu schnell vorbei, denn die Jugendherberge schloss um Mitternacht die Eingangstür. Andererseits, während wir so zusammensaßen, schien die Zeit überhaupt keine Rolle zu spielen. Wir waren zwar in Gesellschaft, aber tatsächlich nur für uns.

Erstaunlich war, dass die Berührung ähnlich der war, wie der Onkel übergriffig wurde, er es dabei aber nicht beließ. Die Klientin konnte also sehr wohl zwischen körperlichen Annäherungsversuchen und den Zärtlichkeiten ihres Freundes und denen der übergriffi gen Art ihres Onkels unterscheiden. Ein Flashback oder eine stark affektiv getönte Abwehrreaktion fand nicht statt.

So konnte diese für die Klientin äußerst positive Erinnerung und Erfahrung durchaus als ein von ihr selbst gewählter „sicherer Ort“ genommen werden.

Ich schaltete eine Zwischenphase ein, in der die Klientin sich vor eine Leinwand (Steckrahmen) setzte, auf der eine Folie haftete mit einer Landschaft, die der Schilderung des „sicheren Ortes“ entsprach. Hinter dem Steckrahmen stand eine einfache 2000-Watt-Halogen-Bauleuchte, die ausreichend stark war, sowohl Leinwand als auch Folie klar erstrahlen zu lassen.

Die Klientin sollte einfach das Bild in sich aufnehmen, ihre Empfi ndungen feststellen und deren Entwicklung oder Veränderungen beobachten und wahrnehmen. Dies auch in ihrem Körper verorten.

Dann wiederholte die Klientin einige Achtsamkeits- und Konzentrationsübungen (Atmen, Gehen, Stehen auf einem Bein und Gleichgewichtsübung auf dem Balance Board), um sich dann auf eine Liege zu begeben, auf der eine HHP-Massageliege befestigt war. Eine Fleece-Decke gab ihr zusätzlich ein Gefühl der Sicherheit. Bevor die Massageliege eingeschaltet wurde, erklang eine Entspannungsmusik, die etwas lauter gestellt werden musste, da die Liege selbst später Eigengeräusche entwickelte. Auch die Position des Therapeuten musste entsprechend ausgerichtet werden, da die Klientin in Trance im Rapport bleiben sollte und eine Verständigung bei der Geräuschentwicklung der Liege nicht einfach gewesen wäre.

Zunächst gab es eine einfache Induktion, der Rapport wurde hergestellt und man ging auf die Reise zurück in der Zeit, zurück an den See, zurück ins Paradies. Sie beschrieb viele Einzelheiten und ich legte bei meinen Fragen den Schwerpunkt auf die Gefühle und deren Verbindung und Verortung im Körper der Klientin.

Ich ließ sie eine Bewertung von 0 bis 10 vornehmen (0=neutral, 10=sehr angenehm). Sie befand sich zwischen 9 und 10.

In der Trance ging sie dann auf einen Spaziergang, wobei es sich bei ihren Schilderungen um eine Umgebung handelte, die wir zuvor in einer Achtsamkeitsübung in dem Bild benutzten.

Ich führte sie etwas vom See weg an einen Waldrand und fragte, wenn sie jetzt ihren Onkel dort sähe, in welche Gestalt sie ihn verwandeln würde. Es dauerte eine Weile, bis sie sagte, es könnte ein Felsen sein, der verwittert und voll mit Moos aus dem Sand ragte und einen langen, schmalen Schatten werfen würde. Ich fragte, ob sie sich stark genug fühlte, auf diesen Stein zugehen zu können und zu wollen, sie habe ja den sicheren Ort direkt in ihrer Nähe und dahin reiche der Schatten der Gestalt nicht. Ich suggerierte ihr, ob sie sähe, dass mit jedem Schritt näher die Gestalt kleiner und kleiner würde. Nach kurzem Überlegen bejahte sie. Nun bat ich sie, langsam Schritt für Schritt auf die Gestalt zuzugehen und wahrzunehmen, wie die Gestalt kleiner und kleiner werden würde. Sie solle sich Zeit lassen. Wenn sie die größtmögliche Nähe erreicht hätte und die Gestalt so klein wie möglich sei, solle sie einfach „Ja“ sagen. Im Hintergrund lief dabei immer noch die Entspannungsmusik.

Es dauerte eine Weile, bis sie Ja sagte.

Ich bat sie dann, einfach mit dem Fuß auf das zu einem Stein gewordene Felsstück zu treten oder aus der Ferne mit einem kräftigen Stück Holz darauf einzuschlagen und zu sagen, was mit dem Stein geschehe.

Auch zu diesem Schritt musste sich die Klientin erst entschließen. Ein heftiges Zucken in ihrem rechten Arm deutete aber auf eine Aktion ihrerseits hin. Ich fragte, was sie getan habe. Sie antwortete, sie habe mit einem langen Ast auf den Stein eingeschlagen und dieser sei ganz einfach zu Staub zerbröselt.

Ich bat sie, sich diesen Staubhaufen näher anzusehen und ihn dann in einen herumliegenden Beutel zu schaufeln, den Beutel fest zu verschließen und ihn in ein Boot zu bringen, das am Ufer des Sees lag. Sie solle nun dieses Boot auf den See hinausschieben und beobachten, wie es sich vom Ufer entfernte und sich dem Sonnenuntergang näherte und dabei kleiner und kleiner wurde und zum Schluss ganz von der rotglühenden Sonne aufgesogen wurde.

Ich bat sie nun, am See entlang zurückzugehen und genau hinzuschauen, ob sie jemanden sehe. Es war ihr Freund, der sie erwartete. Da sie immer noch im Rapport war, bat ich sie, näher zu beschreiben, was nun geschähe und was sie dabei empfände. Sie fühle sich enorm erleichtert und sei genauso glücklich an der Hand ihres Freundes, wie sie einige Jahre zuvor auf ihrer Abschlussfahrt gewesen sei. Als ich sie fragte, ob sie sich noch einmal umdrehen wolle, verweigerte sie dies. „Wir haben Besseres zu tun“, war ihre Reaktion.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die Abschlussfrage wirklich sehr geschickt war, die Antwort sagte mir jedoch, dass die Klientin diesen Teil ihrer Vergangenheit nun hinter sich gelassen hat.

Auch in den folgenden Sitzungen, in denen noch einige kleinere Dinge besprochen wurden, berichtete sie, dass sie zwar weiterhin träume, aber niemand mehr in ihrem Zimmer auftauche.

Die kurzen Augenblicke der traumatischen Erfahrung, die sich zu einer Endloskette an Erinnerungen und Wiederverletzungen aneinanderreihten, wurden durch die Erfahrung einer paradiesischen Zeit von einigen Tagen, die sich in einem Bild verdichteten, aufgefangen und gelöscht. Dieser in der Erinnerung verdichtete Zeitraum wurde in der Trance erweitert und so vergrößert, dass er die lange Kette der kurzen Momente auf ein Häufchen Staub reduzierte und als Sandkorn im großen See verschwinden ließ.

Es bleibt nachzutragen, dass noch zwei Sitzungen folgten, in denen jeweils eine andere Angstvorstellung mittels EMDR therapiert wurde. Dies war sehr einfach, da die Klientin aufgrund ihrer vorherigen positiven Erfahrung mit Hypnose sehr offen und bereit war, sich auf diese Form der Therapie einzulassen. Die Klientin kam auf Empfehlung einer Studienkollegin, welche ich längere Zeit wegen einer ähnlich gelagerten Problematik psychologisch begleitet hatte.

Nach neun rein gesprächstherapeutischen Sitzungen à 90 Minuten war die Klientin- Therapeut-Beziehung so stabil und vertrauensvoll, dass sich diese junge Erwachsene auch über den Bereich ihrer traumatischen Erfahrung äußern konnte. Zunächst zögernd, dann zunehmend befreiender und befreiter. Die Klientin der hier geschilderten Fallstudie kam zunächst mit ihrer Studienkollegin, doch bereits in der ersten Sitzung gab es eine hinreichend stabile Grundlage, die Therapie so zu beginnen und durchzuführen wie geschildert.

Es bleibt an dieser Stelle aber nachdrücklich darauf hinzuweisen, dass es zwischen religiös ungebundenen, glaubensfernen und gläubigen Klientinnen große Unterschiede gibt. Rücksichtsvolles und äußerst zurückhaltendes Vorgehen ist Voraussetzung im Umgang mit Klientinnen mit Migrationshintergrund, insbesondere dann, wenn es sich um Muslima handelt.

Der Therapeut sollte nur immer so weit fragen und Dinge thematisieren, die die Klientin bereit ist anzusprechen. Forsches, ironisierendes oder in Ton und Wortwahl zu lockeres Vorgehen kann die Beziehung sehr schnell zerstören.

Walter Lenz, Ph.D. Walter Lenz, Ph.D.
Privatpraxis für Psychologie & Psychotherapie (nach dem Heilpraktikergesetz)
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