Resilienz – die unterschätzte Kraftquelle in Patientengesprächen

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Die Fähigkeit, psychologisch und physiologisch schwierige Lebenssituationen und Krisen zu überstehen und stabil zu bleiben, ohne das positive Selbstwertgefühl zu verlieren. So könnte die Definition zur Resilienz lauten.

fotolia©bluedesignDiese Widerstandskraft (Überlebenstrieb) wird im Laufe des Lebens geprägt. Sie ist wiederholt notwendig, um schwierige Situationen zu überstehen, an vielfältigsten Rückschlägen zu lernen und daran zu wachsen. Arbeitslosigkeit, Scheidung, langwierige Heilungsverläufe oder endgültige Diagnosen mit schlechter Prognose, Todesfälle, Pflegebedürftigkeit könnten Beispiele dafür sein, warum die in Bildern gespeicherte Resilienz Kraft zum Weiterleben in sich birgt. Früh im Leben werden in Zeitphasen die Grundlagen dafür gelegt (nach Pamela Lewin):

Die Kraft zu sein! Ich habe das Recht, hier zu sein. Bis 6 Monate

Die Kraft des Tuns! Ich habe die Kraft, zu handeln. 6 bis18 Monate

Die Kraft des Denkens! Ich besitze die Fähigkeit, selbstständig zu denken. 18 Monate bis 3 Jahre

Die Kraft der Identität! Ich kann meine eigene Identität entwickeln. 3 bis 6 Jahre

Die Kraft zur Geschicklichkeit! Ich kann Fähigkeiten entwickeln, die ich brauche. 6 bis 12 Jahre

Die Kraft zur Erneuerung! Ich kann in Liebe gehen. 12 bis 19 Jahre

Die Kraft zum Recycling! Jetzt ist meine Zeit. Beginnt mit dem 19. Jahr, ruft innere Bilder hervor, die geprägte Entwicklungskräfte bereithalten.

Jeder Mensch verfügt über reichhaltige, positive, innere Bilder. Prof. Hüther, Hirnforscher: „Diese Ressourcen müssen nur durch Imagination (unabhängig von Alter, Geschlecht und Kultur) berührt werden, um aktiv nutzbar zu sein.“

Prof. Dr. med. Luise Reddemann: „Die Achtsamkeit, wie sie Kabbat Zinn befürwortet, Bewusstheit, die Fritz Perls bedacht und angeregt hat, die Fähigkeit zur Imagination, die Milton Erikson entwickeln konnte, ebenso die Nutzung aller Sinne, die durch NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren) bekannt wurde, sind einige Beispiele, um zu verstehen, wie Resilienzressourcen nutzbar gemacht werden können. Die Kunst ist, die Individualität des Einzelnen zu berücksichtigen, weil jeder Mensch sein eigenes Potenzial im Kontext mit Zeitbedarf, Auffassungsgabe, Mut, Empathie, Erfahrung, Umfeldfaktoren, Familiensituation, Selbstwertgefühl, Veränderungsbereitschaft, Leidensdruck, Alter und Einsichtsfähigkeit oder/und ein bereits vorliegendes Krankheitsbild mitbringt. Naturgemäß sind Auswirkungen unterschiedlich. Ein erkrankter Musiker kann sehr wohl noch ein Instrument spielen, hingegen ein Sänger, der seine Stimme verliert, kann nicht mehr auftreten, ist gar berufsunfähig. Stellen Sie sich vor, welch unterschiedlicher Ausdruck bei diesen Betroffenen bei ihren inneren Bildern zutage träten wenn sie ihre Situation bildlich (kreativ, ganzheitlich, beidhirnig) ausdrücken würden. Die mythischen, mystischen, rationalen, symbolischen und kollektiven Energien der Bilder könnten stabilisieren und biogrfhische Erlebnisse versöhnen helfen, Entscheidungen begleiten und einen Weg weisen, ohne sich guter Ratschläge (verbal) erwehren zu müssen. Das authentische Evidenzgefühl ist die auslösende Erkenntnis zum Loslassen, Durchhalten, neu Orientieren, Verzeihen, Hoffnungschöpfen, Motivieren, Vertrauen als die Elemente elementarer Anforderungen in Lebenskrisen.“

Dazu braucht es Ermutigung: Alfred Adler, Individualpsychologe und Arzt: „In Phasen der Verunsicherung und der Bemühung um Verbesserung erschwerter und belasteter Lebenssituationen liegt der Schlüssel, wie so oft, in der viel beschriebenen Kommunikation. Eine unabdingbare Fähigkeit zum Rapport (Kontakt) des Betroffenen. Nicht immer bestehen die eigenen Fähigkeiten, wie Prof. Carl Rogers sie beschrieben hat, indem er die Eigenverantwortlichkeit des Klienten als Hauptkompetenz anspricht.“

Kommunikation ist ein unfreiwilliger, psycho- sozialer Eingriff in ein autonom, archetypisch, hormonell, immunologisch, sich selbstständig änderndes, multikomplexes, vegetatives System, welches in ständigem „Denken in Bildern“ geschieht (ca. 9 000 pro Tag – 3 Millionen pro Jahr).

Das heißt

  • Drei Worte eines Chefs am Telefon: „Sie sind entlassen.“ Sie lösen etwas aus, ob der Chef will oder nicht. Herzklopfen, Schweiß auf der Stirn, nasse Hände, Schluckreflex, Angst, Unsicherheit, Ärger, Wut, Verzweiflung oder auch Erleichterung usw.
  • Eine Frau sieht sich mit einem klugen, aufrecht und echt gemeinten Kompliment beglückt und während sie lächelt, errötet sie heftig. Obwohl sie es bemerkt, ist ihr willentlich nicht möglich das Erröten zu vermeiden, woraufhin ihre Reaktion noch heftiger ausfallen könnte.

Dieser unbewusste kommunikative Eingriff in das System einer anderen Person, wird besonders deutlich bei der Befragung von Patienten, die unmittelbar nach einer Krebsdiagnose vor der Tür des Sprechzimmers nach eben derselben befragt wurden. Sie konnten die Diagnose Minuten nach deren Bekanntgabe nicht erinnern (unbewusster Verdrängungsprozess).

  • Eine Lehrerin sagt zu einer elfjährigen Schülerin: „Wenn deine Eltern Akademiker wären, hätte aus dir echt etwas werden können.“ Die Schülerin wird möglicherweise die Kränkung nicht überwinden und von da an „mittelmäßige“ Leistungen erbringen. So können Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen nachhaltig geschwächt werden, ohne dass die Lehrerin sich dessen bewusst sein muss. Schließlich tut sie ihre Pflicht im politisch geprägten Schulsystem. Die Schülerin wird sich anstrengen bis zum Burnout. (Burnout wird oft in der Kindheit begründet: Schulze, Stressforschungsinstitut, Zürich)

Was müsste also im Heilpraktiker-Patienten-Gespräch geschehen, um die Ressourcen der Resilienz durch die inneren Bilder z. B. bei einem chronisch Kranken (metabolisches Syndrom) oder bei jemandem, der depressiv verstimmt ist, zu stimulieren? Offensichtlich haben hier bisherige verbale Ermahnungen, gute Ratschläge, Untersuchungsbefunde, wiederholte Erkrankungen nicht das gewünschte Ergebnis gebracht.

Zwei Beispiele: Die Nutzung eines Traums, der wunderbar bildhaft auf eine Verbesserung hindeutet und das Bild eines Arbeitslosen. Anhand der Bilder (visueller Sinneskanal) können durch offene, sinnbezogene und wertfreie Fragen vertiefte Gespräche verantwortlich gesteuert werden, frei von Vermutungen und Behauptungen.

Fall 1: Meine Patientin: Frau M., 54 Jahre, Schlafstörungen, chronisch rezidivierende Bronchitis, Adipositas, Diabetes, (HbA1c bei 11.5), Arthritis, Bluthochdruck.

Sie träumt seit fünf Jahren denselben Traum – er beschäftig sie, aber sie versteht ihn nicht. Ihr Arzt ermahnt sie, sich dringend einer Kur zu unterziehen, die sie verweigert.

Ihr Traum: „Ich muss durch einen dunklen Tunnel, am Ende sehe ich ein Licht. Hinter mir ein unbekannter Mann im weißen Kittel. Am Ende steht ein Tisch mit einer Schale mit Erdbeeren und mehreren kleinen Schälchen. Mein Partner schaut interessiert.“
Wiederkehrende Träume sind existenziell (C. G. Jung). Wir besprechen den Traum.

Zum zweiten Gespräch bringt sie Erdbeeren mit in die Praxis.

Vier Männer, der Arzt im weißen Kittel, ihr Partner und der Therapeut zeigen ihr, was zu tun ist. Ihr ewiges Zögern (Anima) steht in einem Gegensatz zur fehlenden Entscheidungsfähigkeit (Animus), endlich eigene Verantwortung zu übernehmen. Sie versteht jetzt, dass sie ihre eigene Männlichkeit entwickeln darf. Die Angst vor dem Mann im Tunnel schwindet. Es ist der Arzt, der sie zur Kur begleitet und auch in der Kur begleiten wird. Die Visualisierung des Traumbildes löst ihre Handlung aus.

Fall 2: Herr A., 56 Jahre, seit 13 Monaten arbeitslos. Er geht wie immer morgens aus dem Haus und tut, als ob alles wie früher wäre. Er fühlt sich wertlos, schläft schlecht, ist häufig infektiös, mutlos und ohne Aktivität. Er kann sich nicht mehr freuen. Seine Kinder weinen oft und seine Frau ist angespannt und nörgelt. Die Ehe scheint gefährdet. Seine Freunde haben den Kontakt verringert. Er hat bereits zwanzig Sitzungen Gesprächstherapie hinter sich.

Verstandeslogisch ist ihm jegliches Argument realistischer Lageeinschätzung zugänglich, es geht ihm aber nicht besser.

Nachdem er sein „inneres“ Bild visualisiert hat – paddelt vergebens in einem Wasserloch – ist ein neuer Kontakt zu Ressourcen und Resilienzfaktoren möglich. Wetterlagen vergehen und die Sonne kommt wieder, außerdem ist er ein guter Schwimmer. In der Ferne warten schon Menschen auf dem Weg zum Regenbogen. Er nimmt Tage danach Kontakt zu Kollegen auf, um mit anderen Firmen in Kontakt zu kommen; öffnet sich seiner Frau, mit der er oft Sonnenuntergänge beobachtet hat. Das Leben ist ein lebendiger Prozess von Auf und Ab und es besteht aus Begegnungen, auf die bereits die sichtbaren Spuren hinweisen.

Die inneren Bilder in uns gleichen einer Grundmelodie des Lebens, egal ob sie in Dur oder Moll angelegt ist. Es geht darum, sich damit in Resonanz zu begeben und intuitiv zu erspüren. Albert Einstein hat es folgendermaßen ausgedrückt: „Ein Freund ist jemand, der die Melodie deiner Seele kennt und sie dir vorspielt, wenn du sie vergessen hast.“ So gelänge ein professionelles und ermutigendes Patientengespräch in der Heilpraktikerpraxis mit der Wiederbelebung schlummernder Resilienzkräfte.

Dieter Loboda Dieter Loboda
Counselor grad., Dozent, Buchautor, Medical Journalist
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