Philosophie und Psychotherapie oder: Warum der Mensch tut, was er tut

2014-01-Philosophie1

Für den Psychotherapeuten, Berater oder Coach sollte es eigentlich kein Gut oder Böse und kein Richtig oder Falsch geben. Für ihn sollte es nur eine Skala geben, die von funktional bis dysfunktional reicht. Die Skalierung ist eine reine Graduierung, aber keine Bewertung im Sinne von gut oder böse, richtig oder falsch.

Trotzdem übersteigt das, was Klienten manchmal tun oder denken, oft den Menschen- und damit auch den Therapeutenverstand. Es mag in ihm Abscheu, Angst oder auch einfach Mitleid verursachen. Erst wenn er wieder ganz professionell Distanz gewonnen und seine erste Reaktion auf den Level der angemessenen Empathie tariert, kann er im Sinne einer Hypothesenbildung versuchen, eine adäquate Erklärung und einen Lösungsansatz für die Probleme des Klienten zu finden.

Oft sind die Dinge nicht so, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Sie können so sein, aber auch genau ihr Gegenteil oder auf der Skala im Sinne eines labilen Gleichgewichts mehr oder weniger stark um den Mittelpunkt schwanken.

Wenn es darum geht, was in Philosophie und Theologie das Böse genannt wird, es sich also aus psychologischer und psychotherapeutischer Sicht um selbstschädigendes oder sozialschädliches, destruktives und aggressives Denken und Handeln dreht, steht letztendlich die Frage nach der menschlichen Natur zur Diskussion.

Schutzengel, Helferin oder Mörderin? Illustration von Bara Prasilova, Philosphisches Magazin, Nr. 01, Dezember/Januar 2013Thomas Hobbes (1588-1679) gab zu seiner Zeit eine philosophische Antwort, indem er den Menschen als bestimmt vom Selbsterhaltungstrieb und dem Streben nach Macht, Anerkennung und Lust beschreibt. Ein Streben, das insbesondere auf Kosten der Mitmenschen gehe. Hobbes sah es als den animalischen Teil der Natur des Individuums an, der lediglich durch die Allmacht eines staatlichen Souveräns gebändigt werden könne. Sein Kernsatz ist noch heute bekannt, der Mensch sei dem Menschen ein Wolf (homo homini lupus).

Hobbes sieht somit die Herrschaft des Affekts über die Vernunft. Letztlich, so Hobbes, sei der Mensch doch bereit, und sei es nur aus Furcht vor seinem eigenen Tod durch den Nachbarn, eine Institution zu schaffen, die individuelle Aggression und rächende Gewalt in der Gesellschaft neutralisiert. Es ist der Leviathan, der allmächtige und absolute Herrscher, auf den in einem kollektiven Akt alle Gewalt übertragen wird.

Immanuel Kant (1724-1804) hingegen sieht den Menschen als vernunftbegabt und mit Freiheit ausgestattet und somit der individuellen Selbstverantwortung verpflichtet. Diese Freiheit des Individuums ist die Voraussetzung der Moral als Grundlage, sich entweder für das Gute oder das Böse entscheiden zu können. Wagt es der Mensch Gebrauch von seiner Vernunft zu machen (sapere aude), kommt er unweigerlich zu richtigen und guten Entscheidungen. In seiner Abhandlung „Über das radikale Böse in der menschlichen Natur“ kommt Kant dem Menschenbild der modernen humanistischen Psychotherapie und ihren Zielen sehr nahe.

„Man nennt (…) einen Menschen böse, nicht darum, weil er Handlungen ausübt, welche böse sind; sondern weil diese so beschaffen sind, dass sie auf böse Maximen in ihm schließen lassen“ (zitiert nach Flaßpöhler, a. a.O., S. 42).

Eine Maxime im Kant´schen Sinne übertragen auf die Begriffswelt der Psychotherapie kann als eine Leitlinie aufgefasst werden, die für alle Menschen gelten können muss. Es ist der allseits bekannte und vielzitierte und noch mehr strapazierte „Kategorische Imperativ“ („Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“) (ebd. S. 42).

Was die humanistische Individualpsychologie betrifft, könnte man eine solche Maxime im weiteren Sinne mit einer funktionalen Grundüberzeugung, einem positiven Glaubenssatz vergleichen.

Die Vergangenheit bleibt ein Teil des Individuums und beeinflusst sein gegenwärtiges und zukünftiges Denken und Handeln. Die Frage ist nur, in welchem Ausmaß der Mensch kontrolliert oder kontrolliert wird. (Illustration von Marie-Luise Müller in der Welt am Sonntag, 24.11.2013, S. 18)Hierbei muss jedoch bedacht werden, dass die Begriffe funktional und dysfunktional für den psychotherapeutischen Praktiker abhängig vom jeweiligen sozialen Kontext des Klienten sind. Die Gleichsetzung von Maxime und funktionalem Glaubenssatz gilt nur im Bereich der praktischen Psychologie, wie Therapie, Beratung und Coaching, nicht jedoch im ursprünglichen Rahmen der Philosophie.

Die konkrete Ableitung der Kant`schen Auffassung führt zum Phänomen der Reflexion, insbesondere zur Fähigkeit des Individuums der kritischen Selbstreflexion, wodurch sich das vernunftbegabte Individuum vor allen anderen Lebewesen auszeichnet.

Die Entstehung und die Entwicklung einer dysfunktionalen Kognition oder eines dysfunktionalen Glaubenssatzes, der allmählich die Herrschaft über das Denken und Handeln eines Individuums übernimmt, lässt sich vergleichen mit dem Verlauf einer Drogenabhängigkeit.

Bei der ersten Einnahme sendet der Körper seine Warnsignale. Werden diese verstanden, heißt es für den Konsumenten: Stopp! Werden die Signale missachtet oder verdrängt, ist der erste Schritt in den Teufelskreis getan. Der Mensch übergeht den Stopp-Modus und begibt sich bewusst und willentlich oder schleichend und fahrlässig in den Go-Modus. Mit jedem weiteren Versuch und Konsum gewöhnt sich der Konsument an den Stoff, ist sich der Gefahr zwar noch immer mehr oder weniger bewusst, aber dieses Gefahrenbewusstsein nimmt in dem Maße ab, wie der Konsum in Dosis und Häufigkeit steigt. Er schaltet das Element der kritischen Selbstreflexion aus oder vermeidet die Konfrontation mit sich selbst. Letztlich verinnerlicht der Konsument sein Tun und das Verhalten automatisiert sich, wodurch feste, nahezu unveränderliche Repräsentationen im Gehirn entstehen und diese das weitere Verhalten prägen und bestimmen.

Es kommt zu einer zweiten Krise, wenn der Konsum zu einer physisch oder psychisch existenziellen Bedrohung wird. Viele Therapeuten und Berater wissen aus Erfahrung, dass Alkoholkranke sich durchaus an ihren point of no return erinnern können. Wenn in dieser zweiten kritischen Phase der Klient sowieso psychisch instabil und in seiner Entscheidungsfähigkeit geschwächt ist, kann er seiner Selbstverantwortung nicht mehr gerecht werden. Um in den Stopp- Modus gelangen zu können, braucht er Hilfe und Unterstützung von außen, durch das soziale Umfeld, einen therapeutischen Begleiter oder geistlichen Beistand. Durch Spiegelung übernimmt der Therapeut hilfsund übergangsweise die Aufgabe, die der Patient, Klient oder Coachee zu leisten nicht mehr in der Lage ist.

Nur all zu leicht gibt ein Mensch, der bereits eine hohe Toleranzschwelle den Drogen gegenüber besitzt, kein stabiles Umfeld mehr hat und vielleicht bereits sozial isoliert und vereinsamt ist, auch seiner Trägheit nach; er kann weder einen Sinn in seinem Leben sehen noch dem Leben einen Sinn oder eine Perspektive geben. Jede diesbezügliche Anstrengung scheint ohne Wert zu sein und wenn eine solche Anstrengung unternommen wird, scheitert sie zumeist und verstärkt die negative Einstellung und somit die dysfunktionale Überzeugung des Klienten.

Dieses Muster lässt sich durchaus auch auf andere Problemsituationen übertragen. Erfährt z. B. ein Junge in der Familie Fälle von Gewaltanwendung von Männern gegen Frauen, sieht er zunächst, dass die Frauen darunter leiden und ist emotional berührt. Ist es aber innerhalb der Familie und des erweiterten sozialen Umfeldes ein durchaus übliches und wiederkehrendes Mittel der Konfliktlösung, gewöhnt sich der junge Mensch daran und lernt im Sinne eines Model Learning (Lernen am und durch das Vorbild) auf gleiche oder ähnliche Weise seine Konflikte zu lösen, ohne dass er ein schlechtes Gewissen bekommt. Seine dysfunktionale Kognition, sein Glaubenssatz ist zur Kant`schen bösen Maxime geworden („Alle Männer tun es“).

Was bedeutet das nun konkret für den Therapeuten, Berater und Coach?

Handelt es sich z. B. um den Fall einer Paartherapie, so zeigt die Erfahrung, dass es meist die Frauen sind, die den gemeinsamen Besuch eines Eheberaters oder Paartherapeuten vorschlagen. Der männliche Teil ist anfangs schwer zugänglich und zeigt ein eher geringes Maß an Compliance. Gelingt es dem Therapeuten auf dem Weg eines sokratischen Gesprächs oder Maßnahmen der Reflektierenden Methode, die Maxime, die dysfunktionale Kognition des verbal, psychisch oder physisch Gewaltbereiten und Gewalttätigen zu erschüttern oder gar zu zerstören, und kann er so die Bereitschaft wecken, mit ihm eine funktionale Kognition zu erarbeiten, ergibt sich zunächst eine Entlastung für den leidenden Partner, aber auch die Notwendigkeit der Hilfestellung für den bisherigen Täter. Denn dieser ist nun verunsichert, er kann die Situation nicht mehr kontrollieren, besitzt aber noch keine alternative Strategie, um mit den neuen Kräfte verhältnissen klarzukommen (Kontrollverlust mit gleichzeitiger Abwesenheit adäquater Coping-Strategien). Die Statik der Beziehung hat sich grundlegend verändert, in den Augen des Täters droht sie zusammenzubrechen, er braucht Hilfe und Sicherheit.

Der Therapeut kann mit ihm einen Sicheren Ort etablieren und Schritt für Schritt über z. B. Hypnosetherapie, Meditation oder Imaginationsverfahren (Aufsuchen des Inneren Ratgebers) neue Verhaltensmuster aufbauen, woraus sich wieder durch Übung und Wiederholung auch neue neuronale Repräsentationen entwickeln.

Ein neuer Paarvertrag mit Vereinbarungen über bestimmte Verhaltensweisen im Konfliktfall hat sich ebenfalls als sehr nützlich erwiesen. Jeder noch so kleine Fortschritt soll dokumentiert und anerkennend kommentiert werden. Meditations- und Achtsamkeitsübungen gemeinsam geübt und ausgeführt, können die Partner dabei unterstützen, die jeweiligen Fähigkeiten zur Affekt- und Impulskontrolle zu steigern. Auch andere Maßnahmen oder Tools außerhalb der kognitiven Verhaltenstherapie können geeignete Mittel der Wahl sein.

In einem weiteren Teil des Dossiers der Zeitschrift beschreibt Franz M. Wuketits die menschliche Natur aus evolutionsbiologischer Sicht. Für das Grundverhalten des Menschen wählt er den Begriff des reziproken Altruismus und umschreibt ihn mit dem Grundsatz: „Wie du mir, so ich dir“. Dies aber nicht im Sinne von Thomas Hobbes als Element der Affektdominanz, sondern als notwendiges Mindestmaß an kooperativem Verhalten (S. 47). Es war das Maß, das unsere Vorfahren zum Überleben der Art praktizierten. Aber auch hier ist der wahre Hintergrund ein funktionaler Egoismus, wenn Wuketits eine weitere Umschreibung des reziproken Altruismus anbietet, nämlich: „Eine Hand wäscht die andere“ (S. 47). Der Egoismus erscheint als Altruismus, der Altruismus ist in Wahrheit Egoismus. Beide Haltungen begrenzen sich gegenseitig und bleiben so in der Regel funktional.

Aber was hier als einfache Feststellung oder wertneutrale Beschreibung erscheint, ist wiederum von doppelter Natur. Wuketits sieht den reziproken Altruismus oder funktionalen Egoismus als Kooperation innerhalb einer Gruppe oder Sippe gegeben. Der funktionale Egoismus wandelt sich aber in einen dysfunktionalen Gruppenegoismus und zur Aggression nach außen, wenn es um Lebensgrundlagen oder Ressourcen geht. Wuketits spricht hier indirekt eine zweite Kategorie an. Es ist das Verhältnis, die Beziehung von innen und außen, wo sich Verhaltensweisen wiederum in ihr jeweiliges Gegenteil verkehren, wo aus funktional dysfunktional wird.

In der Diskussion zwischen Joe Bausch, Gefängnisarzt und in der Rolle des Gerichtsmediziners im „Tatort“, und Rüdiger Safranski, bekannt aus dem „Philosophischen Quartett“, wird dieser Aspekt noch einmal problematisiert.

Wichtig ist, so eine der Schlussfolgerungen, was man getan oder unterlassen hat, nicht was einem vorher oder nachher widerfahren ist. Wichtig ist, dass man das, was man getan oder unterlassen hat, als Tatsache akzeptiert, in sein Leben integriert und eine stimmige, an der Wirklichkeit überprüfbare und funktionale Bewertung vornimmt.

Dies mag im Einzelfall sehr schwer sein, insbesondere dann, wenn der Patient, Klient oder Coachee bereits sozial isoliert, depressiv oder unter drogenbedingter Labilität leidet. Nur allzu leicht entledigt er sich der Anstrengung, der Krise zu entkommen, und gerät oder verbleibt im Teufelskreis des Eskapismus oder sich verfestigender Vermeidungsverhalten.

Diese Strategien werden durch dysfunktionale Kognitionen postrationalisiert, d. h. nachträglich wahrheitswidrig begründet, um sich selbst zu entlasten.

Letztlich bilden sich auch hier durch Wiederholung und Automatisierung feste neuronale Repräsentationen und Strukturen, dysfunktionale Kognitionen, die nur durch therapeutische Maßnahmen neutralisiert oder gelöscht werden können.

Walter Lenz, Ph. D. Walter Lenz, Ph. D.
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