Ist die Pflege ein Pflegefall?

2014-01-Pflege1

Pflegeberufe – eine ganze Branche steht vor dem Kollaps! Schwere Arbeit für wenig Geld, Schichtarbeit, hohe Verantwortung und durchgetaktete Zeitvorgaben für die Dienste am Menschen: Strümpfe anziehen – 1 Minute, füttern – 5 Minuten ... Die Arbeitsbelastung in Pflegeberufen steigt in den kommenden Jahren weiterhin an, parallel dazu der Frustrationsgrad und Krankheitsstand des Pflegepersonals.

Das Statistische Bundesamt geht davon aus, dass 2030 die Zahl der Pflegebedürftigen um fast die Hälfte gestiegen sein wird, d. h. auf knapp dreieinhalb Millionen; rund eine halbe Million Vollzeitkräfte fehlen dann im Pflegesektor, so die Schätzungen. Wenn nichts passiert, steht Deutschland vor einem massiven Versorgungsproblem.

Die Pflege wird zum Pflegefall.

 Judith EggersUmso wichtiger ist es, gesunde und motivierte Mitarbeiter zu halten. Aber wie kann dies trotz der hohen Belastungen gelingen? Judith Eggers, Coach aus Hannover, begleitet Pflegeeinrichtungen bei Veränderungsprozessen und in der Teamentwicklung und hat als Expertin einige Lösungsansätze.

Mit den Führungskräften arbeitet sie am persönlichen Zeitmanagement und an Strategien für eine erfolgreiche Mitarbeiterführung. Es geht um pragmatische und wirksame Lösungen für organisatorische Fragen, die Bewältigung von Konflikten und neue Wege, um die Pflegekräfte langfristig an das Unternehmen zu binden. Im Fokus stehen dabei Einrichtungen der Altenpflege sowie ambulante Pflegedienste.

Frau Eggers, wie nehmen Sie persönlich die Situation in den Pflegeeinrichtungen wahr - ist die Pflege noch zu retten?

Die Pflege ist aus meiner Sicht zu retten, wenn wir für eine angemessene Bezahlung und gesellschaftliche Anerkennung der Pflegeberufe sorgen. Das ist der Auftrag an unsere Gesellschaft. Die Pflegeeinrichtungen stehen vor der Aufgabe, über neue Schichtmodelle nachzudenken. Arbeitszeiten müssen verlässlich werden, d. h., der geplante freie Tag muss auch wirklich frei sein und nicht zum Feuerwehreinsatz missbraucht werden. Außerdem ist es aus meiner Sicht nötig, dass die Führungskräfte in der Pflege pfleglich mit ihrem Personal umgehen. Ich bin manchmal erschüttert, wie wenig wertschätzend Führungskräfte von ihren Mitarbeitern sprechen.

Was sind die größten Belastungen in Pflegeberufen?

fotolia©Sandor KacsoGroßer Stress entsteht durch die wechselnden und nicht verlässlichen Arbeitszeiten. Dazu kommen die körperlichen Belastungen. Aber es sind auch Konflikte mit den Pflegebedürftigen und deren Angehörigen sowie der Zeitdruck in der Pflege selbst. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben auch Schwierigkeiten, abzuschalten oder eine gesunde Distanz zu den Pflegebedürftigen aufrechtzuerhalten.

Welche innere Haltung sollten Pflegekräfte entwickeln?

Sie sollten sich immer wieder bewusst machen, dass sie eine wirklich wichtige Rolle in unserer Gesellschaft haben. Wir werden immer älter und sind daher auf gut ausgebildete Pflegekräfte angewiesen. Niemand muss sich verstecken, wenn er/sie alte Menschen pflegt. Pflegekräfte sollten auch an sich und ihre Gesundheit denken und sich nicht voll und ganz für die Pflegebedürftigen aufopfern. Sicher wachsen sie ihnen ans Herz, aber sie können auch nur für die Zeit Verantwortung übernehmen, die sie vor Ort sind.

Welche besonderen Fähigkeiten brauchen Führungskräfte in der Pflege?

Jemand, der eine Führungsaufgabe in diesem Umfeld annimmt, muss mit einem guten Maß an Lösungsfindungskompetenz, vor allem aber Improvisationsvermögen ausgestattet sein. Hier geht es eben nicht um Maschinen, sondern um Menschen in einem komplexen System aus Gesetzen und Erwartungen. In der Pflege sind Führungskräfte deutlich stärker gefordert, wenn es um die Organisation des Arbeitsablaufs, des Arbeitstages geht.

Es passieren ständig unvorgesehene Dinge, z. B., dass plötzlich ein Mitarbeiter ausfällt und darauf sofort reagiert werden muss. In den Dienstplänen müssen dabei die Kriterien der Heimaufsicht – z. B. Anzahl Fachkräfte pro Schicht – eingehalten werden. Und dann sind da noch die Heimbewohner und deren Angehörige mit der Erwartung einer stets guten Betreuung. Das erzeugt zusätzlichen Druck und nebenbei oft auch ein schlechtes Gewissen. Im Coaching besteht die Chance, wieder ein realistisches Bild der eigenen Möglichkeiten zu finden, um sich als Führungskraft zu entlasten und die eigene Leistung – besonders in schwierigen Situationen – angemessen wertzuschätzen.

Wie stärken Sie diese Führungskompetenzen?

Indem ich die oft scheinbar alltäglichen und „normalen Fehler“ genau analysiere und prüfe, wie es dazu kam. Selbstverständlich läuft im alltäglichen Arbeitsablauf nicht immer alles rund. Fehler entstehen, z. B. weil zwei Mitarbeiter auf einer Schicht nicht wirklich gern zusammenarbeiten und daher auch nicht gut miteinander kommunizieren. Das heißt, es finden keine klaren Absprachen statt: wer macht was, bei welchem Bewohner usw. Bei der Schichtübergabe werden oder können dann wichtige Informationen auch nicht weitergegeben werden. Oder es finden keine klaren Aufgabenzuweisungen statt und damit auch keine Kontrolle, ob etwas erledigt wurde, z.B. welcher Patient noch gewogen werden muss und Ähnliches.

Dazu ein ganz konkretes Beispiel: In einer Einrichtung war es zu Fehlern beim Stellen der Medikamente gekommen. In der ungestörten Umgebung des Coachings konnten wir analysieren, wie es dazu kommen konnte. Ich habe mir zum einen ein persönliches Bild von der betroffenen Station gemacht – Räumlichkeiten, Bewohner, Hektik etc. Dann habe ich mir den bisherigen Ablauf genau beschreiben lassen. Durch hartnäckiges Fragen hat sich so das Gesamtbild entwickelt: Welche Störungsfaktoren gibt es tatsächlich? Wie ist die Nachbestellung organisiert? Gibt es verbindliche Regeln für das Ausfüllen des Medikamentenbogens ...?

Nachdem ein klares und umfassendes Bild der Situation erstellt war, konnten wir einen neuen Ablauf definieren: Während des Stellens der Medikamente wird die Mitarbeiterin konsequent nicht mehr gestört, die Dokumentation wurde etwas modifiziert und es gibt eine klare Verfahrensanweisung zur Dokumentation der Medikation.

Genauso oft geht es um Themen, die jede Führungskraft kennt, wie z. B. die Suche nach guten und verlässlichen Mitarbeitern. Für verschiedene Einrichtungen haben wir Anforderungsprofile, Gesprächsleitfäden und Maßnahmen für das Personalmarketing entwickelt.

Welchen Anteil an der Mitarbeiterzufriedenheit haben Führungskräfte?

Aus meiner Erfahrung haben sie einen sehr großen Anteil. Neben der persönlichen Zuwendung achten die Mitarbeiter sehr darauf, wie die Aufgaben- und Schichtzuteilung durch die Führungskraft erfolgt.

Pflege läuft nach Vorgaben, Zeitnot spielt oft eine Rolle. Wie und mit welchen Methoden kann man strukturellen Defiziten begegnen?

Die Zeitnot ist aus meiner Beobachtung oft eine „gefühlte“ Zeitnot – also selbst gemachter Stress. Sicher sind die Vorgabezeiten teilweise knapp bemessen, aber viele Pflegende gehen aus meiner Sicht unstrukturiert an ihre tägliche Arbeit. Sie reagieren zu spontan auf Störungen, lassen sich zu schnell ablenken und haben zum Teil zu hohe Erwartungen an sich selbst.

Hier gilt es, zu lernen, eindeutig Prioritäten zu setzen: Worauf muss ich sofort reagieren, was kann ich nach meiner jetzigen Aufgabe erledigen usw. Nur so entsteht Zeiteffizienz und Stress kann abgebaut werden.

Wie lassen sich Konflikte zwischen examinierten Kräften und jungem, unqualifiziertem Personal bewältigen?

Diese Konflikte muss die Führungskraft entschärfen. Dazu gehört die Wertschätzung der älteren Kollegen. Den examinierten Kräften sollte klar gemacht werden, dass die Aufgaben in der Pflegeinrichtung ohne diese Kräfte nicht bewältigt werden können. Wenn die Fachkräfte Zeit in die Einarbeitung investieren, werden sie durch die ungelernten Kräfte schnell Arbeitserleichterung erfahren. Außerdem sollte gezielt nach Weiterbildungsmöglichkeiten gesucht werden

  • sowohl für die ungelernten Kräfte, um diese möglichst breit einsetzen zu können
  • als auch für die Fachkräfte.

In welcher Weise profitieren die Patienten von verbesserten Bedingungen?

Sie werden die Pflegekräfte als ausgeglichener erleben. Der körperliche Umgang mit den Patienten wird gelassener und das spüren die Patienten wortwörtlich am eigenen Leib. Es bleibt auch eher mal Zeit für ein Wort mehr während der Betreuung. Außerdem haben die Bewohner/Patienten bei einer guten Grundstimmung im Team grundsätzlich ein sicheres Gefühl, was ihnen in Konfliktund Krisensituationen mehr Vertrauen gibt.

Die Studiengänge im Gesundheitswesen steigen an. Ist die Akademisierung von Pflegeberufen sinnvoll? Was sind Vor-, was Nachteile?

Eine Akademisierung der Pflegeberufe ist nur dann sinnvoll, wenn wichtige Aufgaben vom Arzt auf die Pflege verlagert werden. Das Pflegepersonal kennt den Patienten viel besser als ein Arzt und kann z. B. – bei entsprechender Ausbildung – oft besser oder schneller entscheiden, ob eine Veränderung in der Medikation stattfinden sollte. Gleichzeitig gibt es viele Aufgaben in der Pflege, die eine akademische Ausbildung nicht erforderlich machen. Gerade in der Pflege älterer Menschen ist vor allem eine starke Zuwendung zum Patienten gefragt, viel Fingerspitzengefühl, z. B. im Umgang mit dementen Patienten.

Text und Interview: Ela Windels, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Judith Eggers, Coach und Beraterin aus Hannover. Schwerpunkte: Personalberatung, Coaching, Beratung von Start-up Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Ela Windels Ela Windels
Sozialpsychologin, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Trainerin für Stressbewältigung, Burnoutprävention und gesunde Kommunikation, Dozentin an den Paracelsus Schulen Praxis für Psychotherapie, Hannover
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!