Wie ich ein Trauma überwand

2013-03-Wie1

In meiner Heilpraktiker-Ausbildung hatte ich mich natürlich auch mit dem Thema Trauma befasst, stärker noch mit Stress. Dann nahm ich im Oktober 2012 an einem einwöchigen Seminar „Field Security Training“ in der Kaserne „H“ teil, einschließlich echter Übungen im Feld und natürlich einem Anti-Stress-Training – für Stresssituationen der besonderen Art. Der Begriff posttraumatische Belastungsreaktion bekam für mich einen ganz anderen Inhalt, nein, er bekam überhaupt zum ersten Mal Inhalt. Grau ist alle Theorie, und mir wurde klar, dass auch wir, die wir mit der Psyche des Menschen arbeiten, dazu neigen, selbige je nach Aktion oder Reaktion in Schubladen zu sortieren, mit passenden Etiketten zu versehen, um dann zugleich die richtige „Medizin“ parat zu haben – um später verwundert festzustellen, dass manche „Medizin“ nicht gewirkt hat oder ganz anders, als wir es uns ursprünglich gedacht hatten. Gleich nach dem Seminar verarbeitete ich meine Erlebnisse in einem kurzen Bericht. Ich war fasziniert, verwundert ... und war seither nie mehr dieselbe. Etwas hatte sich verändert. So verblieb der Artikel dann auch erst einmal auf meinem Rechner. Erst jetzt, Monate später und gerade von meiner Rucksackreise aus Indien zurückgekehrt, ergibt sich aus dem Gelernten und Erlebten ein genaueres Bild. Aber zunächst einmal der Bericht in Auszügen:

2013-03-Wie2Die richtigen Gedanken für die Zeit im Jahr, die als dunkel bezeichnet wird, die Ahnen und Geister anzieht, die Menschen in die Häuser zwingt und zu einer eher ruhigeren Gangart. Ich werde mich ihr also anpassen – es zumindest ehrlich versuchen. Aber vorher möchte ich kurz von meinem Aufenthalt im gar beschaulichen „H“ in der Rhön berichten. Dort war ich nämlich zwischen die Fronten geraten, zwischen dem Südrhönland und dem separatistischen Nordrhönland. Nachdem die südrhönländische Regierung zusammengebrochen war, hatte sich eine neue Übergangsregierung gebildet, die die nordrhönländischen Minderheiten fortan ignorierte und drangsalierte. Und so kam, was immer kommen musste: Bürgerkrieg. Clans hauen sich gegenseitig auf die Mütze – Bomben, Granaten, Überfälle und Geiselnahmen haben sie im Gefolge. Und ich mittendrin.

Das war natürlich alles nur ein Setting. UNESCO und Bundeswehr hatten ein Field Security Training angeboten, für Menschen, die oft in Krisenregionen reisen und dort arbeiten (wie z. B. Kriegsberichterstatter und Mitarbeiter von internationalen Organisationen). Und ich hatte das große – ziemlich einmalige – Glück, teilnehmen zu dürfen. Kasernenleben, Aufstehen um sechs Uhr früh, Essen fassen um 6.30 Uhr ... und dann ging es weiter bis zum Abend und einmal auch darüber hinaus. Wir lernten Radio Communication kennen und dass man nie „over and out“ am Ende eines Funkspruchs sagt und dass nur Bruce Willis sich vor Kugeln hinterm Baum oder im amerikanischen Leichtbau-Haus verstecken kann. Alle anderen wären nämlich von Kugeln durchsiebt.

Sich selber mit einer 11 kg schweren Bleiweste in einen Schützengraben in Deckung werfen, Minen erkennen – alles Aufgaben dieser Tage. Ein Stresstraining gab es auch, die Inhalte waren allerdings neu: Wie bereite ich mich auf Einsätze in Krisenregionen vor, wie gehe ich mit einem Kollegen um, der Stunden in Gefängnissen verbracht hat oder von Checkposten oder Geiselnehmern festgehalten wurde? Dann gab es eine Nachtwanderung, und die Angst vor dem Feind wanderte mit. Und zu guter Letzt wurden wir entführt. Wir hatten es nicht erwartet und auch nicht kommen sehen – gefesselt, mit verbundenen Augen und an fremde Plätze gebracht. Die Orientierung verloren, zu sinnlosen Aufgaben gezwungen, zur Nummer degradiert, in bald unerträglichen Positionen verharrend, und verhört, verhört ... Das Wissen, das ist nur Spiel, in ein paar Stunden ist alles vorbei, verlor sich irgendwie. Es blieb aber die dumpfe Gewissheit: Im Ernstfall nimmt niemand Rücksicht auf dein alterndes Knie, und du könntest nicht aussteigen, solltest du es nicht mehr aushalten. Das war unerwarteter zusätzlicher Stress – denn da blieb die Angst vor noch mehr möglicher Angst.

Aber ich habe ausgehalten! Wir 17 TeilnehmerInnen bekamen am letzten Abend ein wunderbares Abendessen und ein erlesenes Zertifikat. Wir fuhren nach Hause, aber ich fühlte mich so fremd: Wieso laufen die Leute hier alle so sorglos herum? Als ob nichts geschehen könnte? Ich war hundemüde einerseits und hellwach andererseits. Ich scannte meine Umgebung, war bei ganz klarem Verstand und spürte doch schnell Aggressionen in mir aufkommen. Ein bisschen kam ich mir vor, als hätte ich plötzlich ein doppelt so breites Kreuz – und gleichzeitig wollte ich bestimmt nie mehr irgendwo anders hin als z. B. ... nach Amrum oder so. Nach zwei Tagen wollte ich nur mehr heulen, tat es einmal kurz ... und dann war auch dieses Gefühlschaos vorbei. Letztlich war es ein Spiel gewesen, wenn auch ein sehr heftiges.

Wie aber wird sich jemand fühlen, der so etwas wirklich erlebt hat, etwa die Menschen, die bei uns Asyl suchen, aber auch die jungen Leute, die zum Studium kommen – aus solchen Krisenländern? Wie geht es den Soldaten, wenn sie aus Irak oder Afghanistan zurückkommen? Anpassungsstörungen oder PTBS sind für mich jetzt nicht mehr nur Begriffe aus dem Lexikon, nichts mehr, dessen „Behandlung“ man eben mal erlernen kann. Tjaaa … auf alle Fälle habe ich gelernt, dass alle meine gelernten Atemmeditationen doch zu was nütze waren, ja, und ich kann mich bewusst in Trance versetzen. Nein, so jung und so groß und in der Lage, schnell davonzurennen, bin ich nicht mehr, und der heimische Crosstrainer bekommt ab jetzt Arbeit (wer‘s glaubt!?). Aber psychisch habe ich die Woche und auch die Zeit danach ganz gut weggesteckt, finde ich – darauf bin ich ziemlich stolz. Und gelernt, ja gelernt habe ich wirklich eine Menge.

Das war vor sieben Monaten ...

Und im Februar saß ich nicht auf Amrum am Herdfeuer, um mich in Sicherheit zu wärmen, sondern in Bangalore in Südindien. Aber so einfach, wie es sich für mich noch eine Woche nach dem Seminar dargestellt hatte, war es dann allerdings nicht für mich gekommen. Etwas hatte sich, wie schon gesagt, verändert.

Stress ... entsteht und besteht, wenn zu viel an einem zerrt und zieht oder auf einem lastet. Dabei ist es dem Körper an sich völlig gleichgültig, ob die Belastung positiv ist oder negativ. Wenn es also „zu viel“ ist in einer akuten Phase des Stresses, kommt es zunächst zu einer Alarmreaktion des Körpers mit allen möglichen körperlichen und vegetativen Begleiterscheinungen. Der Gesamtorganismus versucht ganz einfach, durch eine vegetative und hormonelle Anpassung mögliche schädliche Einwirkungen abzufedern. Auch der „Geist“ des Menschen bemüht sich, mit den Anforderungen so umzugehen, dass er sie bewältigen kann, und zwar auf positive Weise – oder er finder einen Grund für seine Nichtbewältigung. Gelingt das nicht oder hält die Stressbelastung an, oder war sie zu stark, tritt der Parasym-pathikus durch gegenregulatorische Maßnahmen in Aktion, indem er die Arbeit des Sympathikus abschwächt, aber nicht aufhebt. Das größte Problem in dieser Phase ist, dass sich Körper und Geist dauerhaft in einer gewissen Alarmbereitschaft befinden und nicht wieder auf Normalstellung herunterfahren können.

Das hört sich alles sehr plausibel an, und dennoch hätte ich vor Monaten noch nachfolgende kleine „Geschichte“ als kaum möglich angenommen bzw. ebenso gute theoretische Konzepte als Antwort gehabt:

Ein junger Mann hatte einige Monate in Afghanistan gedient. Kurz vor Neujahr kam er zurück nach Hause und ging dann mit seiner Frau am 31. Dezember am Fluss spazieren. Offensichtlich ging es ihm gut, aber plötzlich gingen in relativer Nähe einige verfrühte Sivesterböller hoch und der Mann sprang mit einem Satz ins nächste Gebüsch. Seiner Frau rief er noch zu: Hinwerfen!

Die Akute Belastungsreaktion (ABR) ist die Folge einer extremen psychischen Belastung, für die der Betroffene – zumindest in dem Moment – keine geeignete Bewältigungsstrategie besitzt. In der WHO-Klassifizierung der Erkrankungen (aktuelle Version ICD-10) als F 43.0 kodiert, hat diese aber für sich genommen zunächst überhaupt keinen Krankheitswert, sondern wird als normale Reaktion der menschlichen Psyche auf eine außergewöhnliche Erfahrung hin angesehen.

Eine ABR beschreibt die Reaktion auf einen psychischen Schock aufgrund einer starken seelischen Erschütterung bei einem ansonsten psychisch unauffälligen Menschen. Dieser wird ausgelöst durch ein plötzliches Ereignis, auf das man nicht vorbereitet war, und das einen für Minuten, Stunden oder auch Tage im Griff hat. Welches sind die typischen Anzeichen für eine ABR?

  • Wechselnde Symptome von Depression, Angst, Verzweiflung, Überaktivität
  • Einengung des Bewusstseins, eingeschränkte Aufmerksamkeit, Unfähigkeit, auf Reize angemessen zu reagieren
  • Ausführen mechanischer Handlungen
  • Rückzug in sich selbst bis hin zur Erstarrung
  • Hektik bis hin zur Fluchtreaktion
  • Desorientierung
  • Körperliche und vegetative Begleiterscheinungen bis hin zum Kreislaufkollaps

Das bedeutet nun wiederum nicht, dass keine Maßnahmen beim Auftreten einer solchen Reaktionslage notwendig wären, unter Umständen sogar unmittelbar die üblichen Notfallmaßnahmen angewendet werden müssen: Bei einer ABR handelt es sich schon um ein ausgeprägtes Stressgeschehen, das, bliebe es unbehandelt, weitreichende Folgen haben kann. Mit anderen Worten: Der junge Mann aus der Geschichte sollte sich nun nicht ständig bei jedem abrupten lauten Geräusch zu Boden fallen lassen (müssen)! Er sollte nach relativ kurzer Zeit wieder in der Lage sein, auf vergleichbare Situationen angemessen zu reagieren, die bei ihm im Moment noch ein akutes Stressgeschehen auslösen.

Um bei dem Beispiel zu bleiben: Reagiert der junge heimkehrende Soldat einen Tag nach einem traumatisierenden Erlebnis bei einem vergleichbaren Geräusch genauso, als würde das Ereignis wieder auftreten, ist es ein Zeichen dafür, dass er das Ereignis nicht nur noch nicht verarbeitet hat, nein, sondern, das sein ganzer Organismus noch in der vergangenen Situation gefangen ist. Falls Körper und Geist jetzt keine adäquate Bewältigungsstrategie finden, kommt es zu einer Anpassungsstörung. Diese wird vom medizinischen Standpunkt aus sehr wohl als Krankheitsgeschehen gewertet.

ICD 10 F43.2 beschreibt eine Anpassungsstörung wie folgt: „Hierbei handelt es sich um Zustände subjektiver Bedrängnis und emotionaler Beeinträchtigung, die im allgemeinen soziale Funktionen und Leistungen behindern und während des Anpassungsprozesses nach einer entscheidenden Lebensveränderung oder nach belastenden Lebensereignissen auftreten.“

Die Anpassungsstörung sorgt nicht nur dafür, dass ein Mensch im unmittelbaren Stressgeschehen steckenbleibt, sondern auch dafür, dass er unter Umständen überhaupt nicht mehr mit dem täglichen Leben zurechtkommt. Dann sind die Reaktionen auf ein belastendes Ereignis begleitet von einem ganz besonderen Merkmal: dem Gefühl, mit den alltäglichen Gegebenheiten nicht mehr umgehen zu können. Hier besteht also nicht nur eine Maladaption an das ganz „normale tägliche Leben“, es entsteht auch aus dieser Störung bzw. dem auslösenden Erlebnis heraus eine weitergehende Unfähigkeit, alltägliche Gegebenheiten angemessen bewältigen zu können – was zu erneuten Stressreaktionen führt. Ein Teufelskreis beginnt, der häufig genug noch dadurch verstärkt wird, dass die Ursachen für die Störung, die Schwierigkeiten, den plötzlichen „Nervenzusammenbruch“ nicht erkannt oder sogar falsch behandelt werden. Man geht heute davon aus, dass eine gewisse Disposition, eine Vulnerabilität bei dem von einer Anpassungsstörung betroffenen Menschen bereits vorgelegen haben muss, wobei das Krankheitsbild ohne das Ereignis nicht entstanden wäre!

Ich gehe noch einmal zurück zu meinem eigenen Erleben nach dem Field Security Training. Ganz eindeutig litt ich einige Tage unter emotionalen Schwankungen. Ich hatte Probleme, mich wieder unbeschwert in das normale tägliche Leben einzufügen. Besondere Schwierigkeit bereitete mir die scheinbare Unmöglichkeit, meine Mitmenschen am Geschehen teilhaben zu lassen, was weniger an mir lag als am fehlenden Verständnis der „Anderen“. Einige lachten herzhaft über meine Beschreibungen der verschiedenen Situationen, wenn sie versuchten, sich vorzustellen, wie und warum sich diese kleine Frau mittleren Alters unbedingt vor Granaten zu Boden geworfen hat. Andere fragten mich, warum ich überhaupt so etwas mitgemacht hätte und warum ich unbedingt nach Kurdistan oder in den Iran reisen möchte. Einige fanden mich mutig, andere fragten, ob ich die Ergebnisse meiner Erlebnisse beruflich nutzen wollte.

Ich muss zugeben, dass es ein wenig Abenteuerlust war, ich wollte mich persönlich auch stärker machen, weniger hilflos in allgemein kritischen Lebenssituationen in fremden Landen. Ich gebe zu, ich hatte mir die Härte dieser Woche nicht ansatzweise vorstellen können. Auch nicht, wie ich mich selber in bestimmten Situationen verhalten würde. Nach drei Tagen sagte ich mir zwar immer noch: Es ist ein „Spiel“. Aber es war kein Spiel. Das, was stattfand, war real, meine ganz persönliche Realität ... und noch heute höre ich manchmal die Befehlsstimme: „What are the rules here? Don‘t talk, Sir, don‘t smile! Sir, don‘t move, Sir!” Und ich frage mich, wie ich wohl reagieren würde, wenn so etwas „in echt“ geschehen würde?

Ich sitze hier im Strandcafé in Goa, und wenn ich auf das Arabische Meer hinausschaue, ist es mir bewusster als früher, dass „da drüben“ die Küste von Somalia ist. Und wenn ich daran denke, dass vor einigen Jahren meine Tochter ganz genau in dem Hotel in Mumbai war, in dem nur relativ kurze Zeit später pakistanische Terroristen ein Blutbad anrichteten ..., dann ist es doch nicht wirklich unwahrscheinlich, dass Gefahr immer und überall ist. Letztes Jahr fand ich zwar die bewaffnete Polizeipräsenz in Indiens Straßen und an Märkten und Basaren befremdlich – aber ich konnte sie logisch begründen und verstehen.

Heute kann ich sie fühlen; ich weiß, was sie bedeuten kann, unter Umständen. Ein Kollege von mir, der öfter in Krisenregionen reist, sagte mir, dass genau dies der Grund sei, warum er an solch einem Training nicht teilnehmen möchte. Verhindern könne er ohnehin nichts, und ihm sei seine Unbeschwertheit wichtig.

Als ich während der Übung mit verbundenen Augen über Stunden „irgendwo“ gehockt hatte, nicht wissend, wo ich war oder wo meine KollegInnen waren, wurde ich immer wieder blinde Zeugin irgendwelcher Befehle an andere, wurde müde, orientierungslos und doch in absoluter, steter Alarmbereitschaft über Stunden verharrend dazu gezwungen, Fragen zu beantworten und sinnlose Aufgaben zu erfüllen, am Ende mit der Waffe am Kopf gefragt: „Du kannst hier raus, aber Leoni, der euch verraten hat, der muss sterben, deine Entscheidung.”

Da kam ich am Ende bei mir selber an. Ich konnte nicht einmal mehr Wasser lassen, dabei hatte ein gewisser Druck noch Stunden zuvor zu der Angst geführt, mich vor anderen einzunässen. Ich verspürte keinen Durst mehr und auch keine Angst. Ich fühlte mich sogar alleingelassen, als niemand mehr zu mir sprach, immer nur zu den anderen. Fast ersehnte ich mir die Aufmerksamkeit meiner Peiniger. Dann wurde ich müde und ertappte mich dabei, wie ich einnickte, scheinbar völlig entspannt.

Ja, es war schon ein einschneidendes Erlebnis, und die Spuren einer akuten Belastung konnte ich an mir feststellen. Und noch einige Tage nach Ende der Übung schien die Wirklichkeit seltsam verrückt zu sein. Ich spürte, wie ich wütend auf meine Mitmenschen und KollegInnen wurde. Warum waren sie so ignorant? Ich spürte Angst ebenso wie das Gefühl, unbesiegbar zu sein. Retrospektiv betrachtet fühlte ich mich wie ein Seemann, der zum ersten Mal nach Wochen wieder festen Boden unter den Füßen gespürt hat, sein Körper und sein Gleichgewichtssinn diesem Zustand aber noch nicht zu trauen vermochten.

Ich kam mit dem täglichen Leben aber schnell wieder zurecht. Ich lachte meine Erlebnisse „weg“ und stürzte mich in die Arbeit. Plötzlich waren drei Monate vergangen und die Feldübung schien in einem anderen Leben geschehen zu sein. Allein die Erinnerungen daran waren noch präsent. Und zum ersten Mal seit 30 Jahren kam die leise Frage auf: Muss es wirklich wieder ein Urlaub in Indien sein?

Die PTBS (gem. ICD F 43.1) ist eine Anpassungsstörung, jedoch eine mit sehr weitreichenden Auswirkungen. Sie entsteht als eine verzögerte oder protrahierte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer von meist katstrophenartigem Ausmaß – mit der Konsequenz einer bei fast jedem Menschen auftretenden tiefen Verzweiflung. Es gibt prädisponierende Persönlichkeitszüge wie sie z. B. bei zwanghaften oder asthenischen Menschen in der Vorgeschichte auftreten, die die Schwelle für das Auftreten dieses Syndroms senken und seinen Verlauf erschweren mögen. Gleichwohl sind diese Faktoren weder ausreichend noch notwendig, um das Auftreten dieser Störung zu erklären.

Die psychischen und psychosozialen Folgen gehen bei einer PTBS noch weiter als bei der Anpassungsstörung. Das ist auch nur „konsequent“; denn alles Erlebte verdichtet sich und nimmt einen großen Platz in Körper und Geist des Menschen ein. Wie kann sie sich bemerkbar machen?

Gemäß ICD 10 liegt eine PTBS dann vor, wenn nachfolgende Symptome, die vor dem Ereignis nicht vorhanden waren, gegeben sind:

  • feindliche oder misstrauische Haltung
  • sozialer Rückzug
  • andauerndes Gefühl von Leere und Hoffnungslosigkeit (das ggf. mit einer gesteigerten Abhängigkeit von anderen, der Unfähigkeit, negative oder aggressive Gefühle zu äußern, oder anhaltenden depressiven Symptomen einhergehen kann)
  • andauerndes Gefühl von Nervosität oder von Bedrohung ohne äußere Ursache (das ggf. zu Gereiztheit oder Substanzmissbrauch führen kann)
  • andauerndes Gefühl der Entfremdung (anders zu sein als die anderen), ggf. verbunden mit dem Gefühl emotionaler Betäubung

Es gibt andere Beschreibungen traumatischer Belastungsereignisse. Eine davon wurde in der Diskussion um eben diesen katalogisierten Symptomkomplex so bedeutsam, dass überlegt wird, sie in den nächsten Katalog nach DSM aufzunehmen, und zwar die Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung. Diese beschreibt die Reaktion auf länger anhaltende oder wiederkehrende, tiefgreifende traumatische Ereignisse und sieht folgende Symptome im Mittelpunkt:

  • Veränderungen in der Regulation von Affekten und Impulsen. Dazu gehören: exzessives Verhalten, Risikoverhalten, Autodestruktion etc.
  • Veränderungen in Aufmerksamkeit und Bewusstsein (Depersonalisation, dissoziative Episoden etc.)
  • Veränderungen der Selbstwahrnehmung
  • Verlust bzw. Veränderung der Beziehungsfähigkeit und ursprünglicher Lebenseinstellungen
  • Somatisierung der Störungen

Wie auch immer: Ein Mensch, der Schlimmes erlebt hat, und zwar so etwas Schlimmes, dass es für ihn persönlich katastrophale Ausmaße annimmt, die er nicht adäquat verarbeiten kann, bedarf der Hilfe. Wobei mir scheint, dass die aus dem Ereignis entstehende Problematik oft so gestaltet ist, dass der betroffene Mensch diese Notwendigkeit nicht sehen kann. Es kann auch sein, dass die Behandlungsmethoden nicht passgenau ansetzen und stringent fortgeführt werden können. Dann müssen, vergleichbar einer Zwiebelschicht, die Symptome erst Schicht um Schicht abgeschält werden. Nur so kann der gesunde Mensch wieder zum Vorschein kommen, nur so können intrapersonale psychische und physische Kräfte in einem – wieder – ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Feld- Erlebnis Spuren bei mir hinterlassen hat, ja, ich bin in gewisser Weise verwundet worden ... und ich hatte diese Möglichkeit nicht vorausgesehen. Ich war geschockt worden, ich habe etwas gesehen und für mich nachvollziehbar gemacht, das ich vielleicht lieber doch nicht gewusst hätte. Ein Biss vom Apfel der Erkenntnis, den ich vielleicht lieber unterlassen hätte – oder doch nicht? Gut, letztendlich war mir nichts geschehen und das ganze Setting in der Kaserne war auch darauf ausgerichtet, tatsächlichen Schaden zu vermeiden.

Nein, ich bin nicht im Krieg gewesen, mir geschah kein echtes Leid, aber ich habe einen „Schluck aus einer Pfütze genommen“ und weiß nun, dass das Wasser darin schmutzig ist. Und es dauerte einige Zeit, bis meine Kräfte wieder im Gleichgewicht waren. Ich kam mir vor wie Wasser in einem Gefäß, das derart geschüttelt worden war, dass das Wasser aus ihm herauszuschwappen drohte. Langsam und mit der Zeit hat sich das Wasser beruhigt. Nur hin und wieder kommt ein leichter Wind auf, der es in Bewegung bringt. Und ich frage mich, wie geht eine behandelnde Person/ein Therapeut mit einer Konfrontationstherapie um? Wie wird er den Patienten sicher an das Ereignis heranführen, und zwar so, dass Vertrauen in sich selbst (des Patienten) und in die Umwelt wieder in einem gesunden Maße hergestellt werden kann, ohne, dass er die Situation des Patienten nur ansatzweise nachvollziehen kann?

Bei Recherchen im „Netz“ fand ich irgendwo den sehr plausiblen Rat an traumatisierte Patienten: reden, reden, reden oder: bewegen, bewegen, bewegen. Abarbeiten oder „rauslassen“, und zwar rechtzeitig und am besten so schnell wie möglich. Bleibt die Frage: Wer hilft einem dabei?

Ich arbeite auch schamanisch, und mir war bisher nie der Gedanke gekommen, dass dieses uralte Heilverfahren bei bestimmten traumatischen Belastungen und deren Reaktionen darauf sehr heilsam und sinnvoll sein könnte. Ist es aber. Schamanismus geht davon aus, dass alles in der Natur beseelt ist und dass es außer unserer, von uns Menschen offen-sichtlich wahrnehmbaren Welt noch andere Welten, andere Dimensionen gibt. In diese anderen Welten kann ein schamanisch arbeitender „Behandler“ reisen, um Fragen auf Antworten zu finden, die im Hier und Jetzt nicht unmittelbar möglich sind, und zwar für den Patienten. Er kann herausfinden, inwieweit Seelenanteile (= Kraftanteile) am Patienten haften, die dort, wo sie sind, nicht hingehören.

Dieses uralte archaische – durch und durch – psychotherapeutische Verfahren bietet im Gegensatz zu unseren modernen Coping- Strategien und tiefenpsychologischer Aufarbeitung von Geschehnissen die Möglichkeit, die unendlichen Weiten des Geistes und der Wahrnehmung zu nutzen und den Patienten einzubeziehen. Es ist auch möglich, den Patienten zu lehren, für sich selbst schamanisch zu reisen, um dort in sicheren „anderen“ Welten die eigene Problematik aufzuarbeiten.

Ich habe in den letzten Monaten die unterschiedlichsten wiederkehrenden emotionalen Regungen in mir entdeckt und mich gewundert, woher diese kamen. Da war Wut, die sich abwechselte mit Angst und Verzagtheit. Keine dieser Emotionen war neu. Ich hatte aber geglaubt, sie ausgelebt zu haben.

Geholfen hat die Erkenntnis, dass das, was kommt, auch wieder geht. Emotionen sind Wellen, die wir weder besiegen können noch unterdrücken sollten. Wir können sie auch nicht leugnen oder erstarren lassen. Wir können aber auf ihnen surfen, mit ihnen gleiten. Wir können auch vom „Strand“ aus zusehen, wie sie kommen und gehen. Das habe ich im wahren wie auch übertragenen Sinne gemacht, und es hat geholfen.

Außerdem habe ich wieder begonnen, Workout-Gymnastik zu betreiben (falls ich doch noch mal weglaufen muss), und ich habe hier über mein Erlebtes gesprochen. Meditationen haben auch geholfen, und nun steht noch eine schamanische Reise an. Aus sicherer Entfernung werde ich mir ein Bild davon machen, was noch zu tun ist. Vielleicht ist aber längst alles gut – und am Ende ist es nur eine Kerbe mehr, eine Narbe, die zurückbleibt – und bei schlechtem Wetter spüre ich sie.

Carola Seeler Carola Seeler
tätig als Betriebswirtin in einer großen Wissenschaftsorganisation in Bonn und als Trainerin/Coach zu den Themen Stress, Interkulturelle Kommunikation und Schamanismus in der modernen Heilpraxis. Heilpraktikerin für Psychotherapie, zertifiziert als Psychologische Beraterin (VFP), Buchautorin.

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