Burnout – Risikozustand oder Krankheit?

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Die Weltgesundheitsorganisation sieht in Burnout keine eigenständige Krankheit. In der „Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und Gesundheitsprobleme“ kommt bei der Auflistung psychischer Erkrankungen Burnout nicht vor. Was bedeutet das, wenn Burnout = Ausgebranntsein, Zustand der totalen Erschöpfung unter Z73.0 in der ICD 10 steht? Haben die Psychiater Recht, die bisher darauf bestanden, Burnout sei mit einer Depression gleichzusetzen? Oder weiß es die IG Metall besser, die von Burnout als einer Krankheit wie eine tickende Zeitbombe spricht? Die Autorin bemüht sich um die Klärung des Begriffes.

fotolia©macongaAls Johann Wolfgang von Goethe 1786 heimlich in seine Kutsche stieg und nach Italien floh, fühlte er sich erschöpft, von sich selbst entfremdet und er hatte einen Teil seiner Leistungsfähigkeit und Kreativität eingebüßt. „In Rom hab‘ ich mich selbst zuerst gefunden, ich bin zuerst übereinstimmend mit mir selbst glücklich und vernünftig geworden ...“ („Italienische Reise“). Goethe litt unter der Vielzahl hoher Ämter und gesellschaftlicher Verpflichtungen am Weimarer Hof und daran, zu wenig Zeit zum Schreiben zu haben. Außerdem konnte er von seiner schriftstellerischen Tätigkeit – immerhin war er inzwischen mit „Die Leiden des jungen Werther“ weltberühmt geworden – nicht leben und musste einem Fürsten dienen. Damit war Goethe einer von vielen, die sich in erschöpfenden Arbeitssituationen befinden und an den Kernsymptomen eines Burnouts leiden.

Goethe, der geniale Dichter und Denker, hatte in seinem Herzog Carl-August einen verständnisvollen Partner, der ihn nach seiner Rückkehr nach Weimar mit weniger Verwaltungsarbeit und höherem jährlichen Salär bedachte.

Was also geschah? Ein sehr engagiert arbeitender Mensch fühlt sich überfordert und falsch gefordert und sagt „Stopp“. Der Arbeitgeber sieht es ein und gibt seinem geschätzten Mitarbeiter bessere Konditionen. Der steht ihm fortan gesund, leistungsfähig, loyal und freundschaftlich bei allen wichtigen Geschäften zur Seite. Eine gelungene Bewältigung von Burnout. In der betrieblichen Gesundheitsförderung kann dies als gutes Beispiel von gelungener „Verhaltens- und Verhältnisprävention“ gelten. Leider lösen sich Probleme unter den gegenwärtigen Bedingungen zu selten auf diese Weise.

Begriffsdefinition

Der Begriff Burnout wurde in den 1970er Jahren vom amerikanischen Psychotherapeuten Herbert Freudenberger eingeführt. Er beobachtete besonders bei Patienten in sozialen Berufen Überforderung, Lustlosigkeit und körperliche Beschwerden. Seitdem gibt es eine große Anzahl von Veröffentlichungen und Bemühungen, den Begriff zu definieren. Auf keine der Definitionen konnte sich die Wissenschaft bisher einigen. Matthias Burisch gibt 2006 eine Übersicht in seinem Buch „Das Burnout-Syndrom. Theorie der inneren Erschöpfung“. Darin werden die unterschiedlichsten Definitionen und mehr als 160 verschiedene Burnout- Symptome publiziert.

Handhabbar und für die meisten meiner Klienten gut nachzuvollziehen ist die Definition im Pschyrembel (Klinisches Wörterbuch, 2007): „Ein Burnout-Syndrom (engl. (to) burn out – ausbrennen) ist ein Zustand ausgesprochener emotionaler Erschöpfung mit reduzierter Leistungsfähigkeit, das als Endzustand einer Entwicklungslinie bezeichnet werden kann, die mit idealistischer Begeisterung beginnt und über frustrierende Erlebnisse zu Desillusionierung und Apathie, psychosomatischen Erkrankungen und Depression oder Aggressivität und einer erhöhten Suchtgefahr führt.”

Auch mit den drei Kernsymptomen Emotionale Erschöpfung, Depersonalisation, reduzierte persönliche Leistungsfähigkeit (nach Christina Maslach „Die Wahrheit über Burnout-Stress am Arbeitsplatz und was Sie dagegen tun können“) lässt sich arbeiten.

Emotionale Erschöpfung wird meist mit Ausgelaugtsein und Energiemangel beschrieben. Müdigkeit, Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen und vermehrtes Auftreten von Rücken- und Kopfschmerzen, Magen-Darm-Syndrom und häufige Infekte werden genannt.

Depersonalisation, Distanzierung und Zynismus treten auf, wenn an die Stelle von positiven Erwartungen in Bezug auf eine Tätigkeit Frustration und Verbitterung treten. Reduzierte Leistungsfähigkeit und Einschränkung der Kreativität sind Folgen von Konzentrationsstörungen und Erschöpfung.

Galten früher vorwiegend Menschen in helfenden und pädagogischen Berufen als gefährdet, sind heute nahezu alle Berufsgruppen betroffen. Auch das Kriterium des übermäßigen Engagements hat sich zunehmend relativiert.

Eine eigenständige Krankheit ist Burnout nach ICD 10 nicht. Unter „Z“ sind „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ bei eigentlich gesunden Menschen subsummiert. Gleichzeitig treten bei Burnout schwerste Krankheitssymptome auf, die zum Tod führen können.

Als Messinstrumente gibt es eine Vielzahl von mehr oder weniger seriösen Fragebögen. Das Maslach-Burnout-Inventar (MBI) gibt über eine Selbstbeurteilungsskala Auskunft über das Ausmaß der Beschwerden des Betroffenen, ist aber nicht geeignet als diagnostisches Instrument zum Erkennen von Burnout. Gegenwärtig liegt es im Ermessen des Arztes, der kein gültiges diagnostisches Instrument zur Verfügung hat, ein Burnout-Syndrom festzustellen und Therapien anzuordnen oder Beratung zu empfehlen.

Um angemessen helfen zu können, benötigen Psychotherapeuten und Psychologische Berater genauso wie Ärzte und Heilpraktiker eine genaue Definition des Phänomens Burnout. Um diese Unsicherheit zu beenden, hat die „Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde“ ein interessantes Interpretationsangebot entwickelt, das die gesundheitlichen Probleme im Zusammenhang mit Arbeitsbelastungen in Übereinstimmung mit dem ICD10 darlegt (Positionspapier der DGPPN, 2012).

Übergang von Arbeitsbelastung zur Krankheit

Die DGPPN schlägt vor, das Burnout- Beschwerdebild im dynamischen Zusammenhang zwischen Arbeitsbelastung, individuellen Auslösebedingungen und eventuell bestehenden Krankheiten einzuordnen.

Wie immer bei der Entstehung von Stressempfindungen spielen individuelle Bedingungen und Fähigkeiten zur Bewältigung von Belastungen neben Stressoren von außen eine Rolle. Beim Burnout-Syndrom sind die Stressoren meist Arbeitsbelastungen, wobei auch Belastungen durch große familiäre Verpflichtungen (z. B. Pflege von Angehörigen) oder Belastungen durch Arbeit und Familie (Doppelbelastung) als Ursachen gesehen werden.

Arbeitsüberforderung ist der erste Schritt auf dem Weg zu einem möglichen Burnout. Übermäßige Anforderungen in der Arbeitswelt können zu vegetativen Stresssymptomen wie Erschöpfung, Schlafstörungen, Verspannung führen. Sind die Belastungen zeitlich begrenzt und gibt es anschließend ausreichend Gelegenheit zur Erholung, sollte von Stress, aber nicht von Burnout gesprochen werden. Hält ein solcher Zustand jedoch länger an, ist ein Ende auch nicht absehbar und setzt nach kurzen Erholungsphasen keine Rückbildung von Erschöpfung, Depersonalisation, Leistungsminderung und psychosomatischen Beschwerden ein, geht man von einem Burnout als Risikozustand für Folgekrankheiten aus. Hier greift nach ICD 10 die Ziffer 73.0.

Bei Menschen mit vorliegender genetischer Veranlagung oder durch frühere Belastungen erworbener Disposition kann Burnout der Auslöser für eine körperliche oder psychische Erkrankung sein. Häufig entwickeln sich auf dieser Grundlage Depressionen, Angstzustände, Suchterkrankungen, Tinnitus, Hypertonie oder Infektionskrankheiten.

Burnoutähnliche Beschwerden können allerdings auch die Folge von somatischen oder psychosomatischen und psychiatrischen Erkrankungen sein. Schilddrüsenerkrankungen, Multiple Sklerose, Tumore, beginnende Demenz, Depression, chronische Insomnie, Psychosen oder ein chronisches Schmerzsyndrom können das Gefühl von Überforderung, Insuffizienz und Erschöpfung am Arbeitsplatz zur Folge haben. In diesem Fall treten burnout-ähnliche Symptome bei normalerweise gut zu bewältigenden Arbeitsanforderungen auf. Wichtig ist hier eine genaue Differentialdiagnostik und die Behandlung der Grunderkrankung.

Prävalenz

Die bisher fehlende Differenzierung von Burnout-Beschwerden macht genaue Angaben über die Häufigkeit unmöglich. Sicher ist, dass es immer mehr Menschen gibt, die an psychischen Krankheiten leiden. Nach einer AOK-Studie von 2010 war fast jeder zehnte Fehltag am Arbeitsplatz darauf zurückzuführen. Frauen sind in höherem Maße betroffen als Männer.

Ursachen von Burnout

Wie beim Stresserleben sind persönlichkeitsspezifische Bedingungen und äußere Bedingungen von Bedeutung. Hoher Anspruch an die eigene Leistung, Perfektionismus, Neigung zur Selbstüberforderung, Unfähigkeit „nein“ zu sagen, Selbstwertprobleme, leichte Kränkbarkeit und fehlende Fähigkeiten auf dem Gebiet Zeit- und Selbstmanagement spielen eine Rolle.

Aber auch die sich ständig verändernde und globalisierte Arbeitswelt mit permanenter Effizienzsteigerung, Leistungsdruck, gestiegener Konkurrenz und hohem Risiko von Auftrags- und Arbeitsplatzverlust, Computerisierung und dauernder Erreichbarkeit überfordern viele Menschen. Zu der Arbeitsbelastung hinzu kommt, was Maslach und Leiter (2001) mit „Zusammenbruch des Gemeinschaftsgefühls, mangelnder Fairness, Wertekonflikten, Mangel an Kontrolle und Belohnung“ beschreiben.

Der Philosoph Han beschreibt in seinem Buch „Die Müdigkeitsgesellschaft“ (2010) Erschöpfung, Burnout, Depression als die Leitkrankheiten des 21. Jahrhunderts. An die Stelle der Ausbeutung in der bisherigen „Disziplinargesellschaft“ ist die Selbstausbeutung des Individuums in der „Leistungsgesellschaft“ getreten. Der Einzelne ist Unternehmer seiner selbst. Ihm wird vermittelt, er könne alles erreichen, wenn er nur aktiv genug ist. Häufig ist das Ergebnis die totale Erschöpfung.

Prävention und Therapie

Die Arbeitswelt zu humanisieren und Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass sie einem „Burnout“ vorbeugen, ist eine Aufgabe von Politik und Wirtschaft. Bisher fehlt die Umsetzung der EU-Verordnung zu psychosozialem Stress am Arbeitsplatz. Nur 16 % der deutschen Unternehmen betreiben eine ganzheitliche Gefährdungsbeurteilung. Auch prekäre Arbeitsverhältnisse und unfaire Bedingungen für Selbstständige könnten durch gesetzliche Vorgaben eingeschränkt werden.

Auf der anderen Seite ist der Einzelne gefordert, seine Ressourcen zu stärken und effiziente Strategien zur Bewältigung von Belastungen und Konflikten zu erwerben. Mit Unterstützung eines „Burnout-Beraters“ eigene stressverschärfende und selbstüberfordernde Überzeugungen und Einstellungen herauszufinden und zu verändern, Probleme systematisch zu lösen, Zeit besser zu managen und für Erholung und Entspannung zu sorgen, ist der richtige Weg. Auch Gruppensitzungen zur Stressbewältigung und Burnout-Prophylaxe sind nachweislich erfolgreich.

Eine Therapie im medizinischen Sinne ist dann erforderlich, wenn neben den Burnout- Beschwerden eine gleichzeitige somatische oder psychische Erkrankung festgestellt wird. Erst dann besteht Anspruch auf eine krankenkassenwirksame Leistung.

Fazit

Burnout ist keine eigenständige Krankheit mit einem einheitlichen Krankheitsbild sondern ein „Risikozustand“. Und Burnout ist nicht nur ein medizinisches Problem, sondern auch ein gesellschaftliches. Ein lohnendes Betätigungsfeld für „Burnout- Berater“ ist daher auch die psycho-soziale Begleitung und Unterstützung Betroffener bei der Wiedereingliederung nach Arbeitsunfähigkeit und die Zusammenarbeit mit Unternehmen, Betriebsärzten und Krankenkassen bei der betrieblichen Gesundheitsförderung.

Sabine Horsch Sabine Horsch
Diplomgermanistin/Pädagogin, Psychologische Beraterin, Managementtrainerin, Zusatzausbildung in Kommunikationspsychologie, Dozentin, selbstständig in eigener Praxis in Erfurt,
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