Erstgespräche und Erstkontakt in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie

Erstgespräche und Erstkontakt in der Kinderund Jugendlichenpsychotherapie

fotolia©Eleonore HViele Therapeuten (nachfolgend sind immer auch Therapeutinnen gemeint) wagen sich in ihrer Arbeit nicht an die herausfordernde Aufgabe der Kinderund Jugendpsychotherapie heran. Tatsächlich unterscheidet sich dieses Feld erheblich von anderen Bereichen der Psychotherapie und bedingt bei den approbierten Therapeuten nicht umsonst ein völlig eigenständiges Berufsbild mit einer eigenen Ausbildung. Viele fühlen sich bereits mit dem ersten Schritt, dem Erstkontakt mit dem Kind oder Jugendlichen und/oder seinen Eltern überfordert. Grundlegende Kenntnisse der Kinder- und Jugendpsychotherapie sind allemal Voraussetzung, um in diesem Arbeitsfeld tätig zu werden. Wem z. B. Krankheitsbilder wie „selektiver Mutismus“ oder „Enkopresis“, und deren Behandlung, nahezu unbekannt sind, sollte vorab eine eingehende Weiterbildung auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendpsychotherapie belegen, um später verantwortungsvoll und erfolgreich arbeiten zu können. Das besondere Handling und das notwendige Fingerspitzengefühl können hierbei weniger als Fachwissen vermittelt werden – das muss der Therapeutenpersönlichkeit gegeben sein. Dieser Beitrag soll Mut machen und ein praktisches Handwerkszeug zum sicheren Auftreten in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen geben.

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fotolia©Eleonore HIn aller Regel beginnt der erste Kontakt mit einem Anruf in der Praxis, meist durch die Mutter des betroffenen Kindes, eher selten durch den Vater oder andere Bezugspersonen oder Familienangehörige. Hier stoßen wir bereits auf den ersten grundlegenden Unterschied zur Therapie mit Erwachsenen: Der Auftraggeber ist nicht gleich der Patient und in den meisten Fällen geschieht die erste Terminvereinbarung sogar gegen den Willen des potenziellen Patienten (vor allem bei Jugendlichen). Selten erfolgt der Wunsch nach Beratung oder Therapie im Konsens oder gar auf Wunsch des Kindes/ Jugendlichen. Dieses liegt daran, dass der Leidensdruck oftmals weniger beim Kind liegt als bei den Eltern. Eine Ausnahme bilden z. B. Angststörungen oder Schulprobleme, bei denen ein Jugendlicher selbst Hilfe für sich wünscht. Oftmals bitten die Eltern aber bereits am Telefon um Rat, wie sie ihrem Sohn/ihrer Tochter „beibringen“ sollen, dass sie gerne mit ihm/ihr einen Termin beim Therapeuten haben möchten. Oder aber die Eltern berichten gleich, dass das Kind/der Jugendliche sich weigere mitzukommen. Hier wäre es kaum indiziert, den Eltern zur Druckausübung zu raten.

Ein Vorteil hierbei ist, dass unsere Berufsbezeichnung eben nicht „Psychotherapeut“ oder „Psychologe“ lautet, sondern „Heilpraktiker für Psychotherapie“. Die Betonung auf „Heilpraktiker“ stößt bei den meisten Kindern und Jugendlichen auf bedeutend weniger Widerstand und Vorurteile als die genannten anderen Berufsgruppen. Die Eltern bekommen den Rat, dem Kind oder Jugendlichen mitzuteilen, dass diese eine „Einladung vom Heilpraktiker für Psychotherapie“ zum Besuch bekommen haben. Eine Einladung kann man entweder annehmen oder ablehnen – beides wird vom Therapeuten akzeptiert. Diese Einladung gilt auch nur für das Erstgespräch – erst danach entscheidet das Kind/der Jugendliche mit, ob er gerne weiterhin kommen möchte oder nicht. In 90 % aller Fälle kommt es durch diese Methode jedoch zu weiteren Terminen mit Einverständnis unserer jungen Klienten (sofern der Therapeut die nachfolgenden Regeln beachtet).

Lassen Sie an dieser Stelle folgende Sätze auf sich wirken: „Du wirst ab sofort zum Psychotherapeuten gehen“ und „Wir haben eine Einladung von einem Heilpraktiker für Psychotherapie bekommen, der uns gerne kennenlernen möchte“. Doch wie verfahren Sie weiter, wenn das Kind/der Jugendliche die Einladung ablehnt? In diesem Falle sei die Entscheidung akzeptiert. Gegen den Willen des Klienten macht eine Beratung oder Behandlung ohnehin wenig Sinn. Dann muss der Patient jedoch auch die Konsequenzen tragen. Sie bieten nämlich den Eltern den Termin auch weiterhin alleine an. Sicherlich wird der Jugendliche/das Kind danach wissen wollen, was bei diesem Termin denn besprochen wurde. Die richtige Antwort: „Komm nächstes Mal mit, dann weißt Du es.“

Auch ein Telefonat zwischen Therapeut und Patient kann hilfreich sein, in welchem der Therapeut klarstellt: „Deine Meinung ist mir sehr wichtig“ oder „Ich würde mich freuen, wenn du meine Einladung annimmst.” Sollte jedoch all dies überhaupt nicht funktionieren (was ich sehr selten erlebt habe), bleibt nur noch die Option einer Elternberatung. Das Kind/der Jugendliche wird schon bald merken, dass es sein eigener Nachteil ist, bei Meinungsaustausch und Entscheidungen nicht mitzuwirken.

Manchmal steigt der Patient dann nach ein paar Sitzungen auf eigenen Wunsch in die Therapie ein. Es bedarf allerdings der Konsequenz der Eltern, zu den Sitzungen und Entscheidungen keine Auskünfte zu geben, wenn sich der Jugendliche/das Kind dazu entscheidet, der Therapie fernzubleiben.

Hinsichtlich der Inhalte der Bedarfssituation gibt es Eltern, die einfach nach einem Termin fragen, ohne weitere Auskünfte zu geben. Andere führen die Problematik derart zeitaufwendig und ausführlich aus, dass die Redezeit vom Therapeuten begrenzt werden muss. Damit sich die Eltern an dieser Stelle nicht „abgewürgt“ fühlen oder den Eindruck erhalten, der Therapeut sei nicht interessiert an der Problematik, wäre folgende Erklärung des Therapeuten hilfreich: „Das hört sich alles sehr spannend und bewegend an, ich glaube, es würde der Sache nicht gerecht werden, das jetzt am Telefon abzuhandeln. Mir wäre es ganz wichtig, dass Sie mir das alles im Erstgespräch persönlich schildern. Machen Sie sich auch ruhig Notizen.“

Die meisten Eltern jedoch bitten nur um einen Termin und schildern kurz die Sachlage oder den Kern der Problematik.

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fotolia©Eleonore H... stellen sich vor allem zwei Fragen:

1. Welche Art des Explorationsgespräches möchte ich führen? Wir unterscheiden bekanntlich zwischen einem strukturierten, halbstrukturierten oder unstrukturierten Explorationsinterview beim Erstgespräch. Alle Formen haben Vor- und Nachteile:

Beim strukturierten Interview verfügt der Therapeut über einen meist standardisierten Explorationsbogen, mittels dessen die aufgelisteten Fragen über persönliche Daten, Symptome, Entwicklung usw. bei den Eltern oder dem Patienten abgefragt werden (z. B. Kinder-DIPS). Der Vorteil besteht darin, dass bereits nach der ersten Stunde ein konkretes Bild über Symptome und Auffälligkeiten besteht und eine Verdachtsdiagnose meist gut gestellt werden kann. Außerdem braucht der Therapeut nicht zu befürchten, etwas Wichtiges vergessen oder übersehen zu haben. Der Nachteil: Die Eltern/ der Klient fühlen sich regelrecht „ausgefragt“, die Situation dient nicht der Vertraulichkeit und das Vorurteil, der Therapeut stelle viele „komische, unangenehme Fragen“, wird prompt bestätigt.

Beim unstrukturierten Interview treffen wir genau auf das Gegenteil: Der Therapeut beginnt in aller Regel das Gespräch mit: „Was kann ich für Sie tun?“ oder „Schießen Sie los“. Er nimmt die passive Rolle ein, lässt die Beteiligten völlig frei erzählen und nimmt die wichtigen Informationen auf. Er konzentriert sich dabei auf die Ausführungen, stellt allenfalls Rückfragen bei Unklarheiten und macht auch keine Notizen. Der Vorteil: Der Patient fühlt sich wohl in einer offenen Atmosphäre, der Therapeut kann dem Patienten sein Interesse uneingeschränkt widmen und leitet ihn nicht in eine ganz bestimmte Richtung nach seinen Regeln, welche die Bedürfnisse des Patienten womöglich nicht einmal ansprechen. Der Nachteil: Das Gespräch läuft Gefahr, einen „roten Faden“ zu verlieren, wichtige und entscheidene Faktoren werden ausgeklammert oder vergessen, es besteht die Gefahr, sich in Nebensächlichkeiten zu verlieren und Dinge zu übersehen.

Im halbstrukturierten Interview vermischen sich die beiden genannten Varianten. Der Patient darf und soll frei berichten, die hierbei gewonnenen Informationen werden parallel dazu vermerkt. Am Ende der ersten Stunde werden die fehlenden, nicht angesprochenen Informationen durch ein strukturiertes Interview gegebenenfalls noch komplettiert. Der Vorteil besteht klar darin, dass der Erstkontakt eher locker und dennoch ohne Vergessen oder Übersehen gestaltet werden kann. Der Nachteil liegt darin, dass es beim Patienten zu Irriationen durch den Wechsel der Methoden sowie den Mangel an ungeteilter Aufmerksamkeit des Therapeuten durch das Schreiben von Notizen kommen kann.

Es gibt keine obligatorische, „beste“ oder „schlechte“ Methode – jeder Therapeut entscheidet sich letztlich für die Variante, mit der er am besten klarkommt und sich wohlfühlt.

2. Wer soll am Erstgespräch teilnehmen, wer besser nicht?

In den meisten Fällen erhalten die erziehungsberechtigten Elternteile samt Kind/ Jugendlichem die „Einladung“ zum Therapeuten. In einigen Fällen empfiehlt es sich aber, weitere enge Bezugspersonen wie Geschwister, Familienhelfer, Erzieher oder Sozialarbeiter beim Erstgespräch mit dabei zu haben. Die Eltern sind manchmal skeptisch, wenn das Erstgespräch nur mit den Sprösslingen stattfinden soll. Hierbei wird dem jungen Patienten aber von Anfang an das Signal gesendet: „Du bist mir wichtig“ und „Ich nehme dich sehr ernst.“

In einigen Fällen ist die Anwesenheit des Kindes jedoch als kritisch oder sogar kontraindiziert zu betrachten. Beispielsweise wenn die Eltern eine Beratung hinsichtlich einer anstehenden Scheidung wünschen, oder ein sexueller Missbrauch vorliegt. Freilich würden sich die Eltern durch die Anwesenheit des Kindes befangen und gehemmt fühlen und wichtige Informationen mit Rücksicht auf das Kind zurückhalten (je nach Einzelfall, wie offen die Problematik bisher mit dem Kind thematisiert wurde).

Beim Jugendlichen hingegen kommt es nicht selten vor, dass dieser zum Erstgespräch alleine erscheint, um unbefangen über seine Probleme berichten zu können. Michael Behr bevorzugt diese Variante bei Jugendlichen sogar (Michael Behr: „Interaktionelle Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen“, Hogrefe Verlag Göttingen, 2012, 1. Auflage).

Zum Schutz vor unangenehmen Überraschungen während der Erstexploration sollte bereits beim telefonischen Kontakt die günstigste Variante überlegt werden.

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fotolia©Eleonore HKinder und Jugendliche leben in ihrer eigenen Welt mit ihren eigenen Helden, Faszinationen und Idealen. Ein guter Kinderund Jugendpsychotherapeut ist zumindest einigermaßen über die angesagten Trends und Hypes der Teenis und Kids informiert. Er weiß nicht nur, wer Justin Bieber ist, sondern kennt auch einige Pokémons und die Charaktere um Spongebob Schwammkopf. Freilich muss er deshalb dies alles nicht gutheißen. Doch schon zu Beginn des Erstgespräches dient dieses Wissen als Eisbrecher und hilft im weiteren Verlauf als Brücke und therapeutisches Werkzeug bei der Arbeit. Die Augen des Kindes beginnen zu leuchten, wenn der Therapeut vor dem Gespräch bemerkt: „Du hast ja ein T-Shirt von Pikachu an – sammelst du Pokémons? Was ist denn dein Lieblingspokémon?“ Nicht selten taut das Kind hier sofort auf und beginnt offen und freudig zu erzählen. Der Jugendliche staunt hingegen auch nicht schlecht, wenn der Therapeut bemerkt: „Du hörst gerne Dubstep? Magst du auch Skrillex? Was ist dein Lieblingssong?“

Egal ob Harry Potter oder Star Wars – die jungen Patienten freuen sich immer, wenn der Therapeut signalisiert, dass er sich in ihrer Welt auskennt (nicht heimisch ist!).

Als Beginn des Erstgespräches kann nichts Besseres passieren, als dass das Kind durch mitgebrachtes Spielzeug oder der Jugendliche durch ein Band-T-Shirt die Aufmerksamkeit des Therapeuten erhält und ein gemeinsames, vertrautes Gespräch entsteht.

Der Kontakt zu den Eltern wird zuerst auch durch Themen wie z. B. das Schmuddelwetter oder über Kenntnisse aus dem Ort, aus dem die Familie stammt, hergestellt („Sie kommen aus Reutlingen? Da waren am Wochenende ja spannende Bürgermeisterwahlen“ oder „Haben Sie die Praxis leicht gefunden? In Hechingen ist ja diese umständliche Umleitung.“). Auch dies schafft eine lockere Atmosphäre zu Beginn und man begegnet der Familie auf Augenhöhe.

Vergessen Sie nicht, dass die meisten Eltern und Kinder mit einer gewissen Skepsis und vielleicht sogar Vorurteilen, schlimmstenfalls sogar mit schlechten Therapieerfahrungen in ihre Praxis kommen. Bereits nach fünf Minuten können diese Vorbehalte und die Spannung durch geschicktes therapeutisches Fingerspitzengefühl abgebaut werden. Freundlichkeit und leichter Humor des Therapeuten wirken hierbei zusätzlich einladend und eisbrechend.

Das eigentliche Gespräch wird eröffnet, indem ich den Patienten direkt anspreche, z. B. mit dem Satz „Warum kommst du mich heute besuchen?“. Schließlich geht es ja vorrangig um diesen jungen Menschen. Außerdem interessiert mich die Antwort. Kommt er freiwillig oder sogar auf eigenen Wunsch? Weiß er, wo er ist und warum? Wurde er von den Eltern informiert? Bei Kindern, die keinerlei Ahnung haben oder in keinster Form eingeweiht wurden, spricht dies nicht unbedingt für ein gutes und vertrauensvolles Verhältnis zwischen Eltern und Kind.

In den meisten Fällen erhalte ich nun vom Kind die Antwort „Weil meine Eltern das wollen“ oder ähnlich. Ich frage nun das Kind: „Wenn es also nach dir ginge, wärst du heute überhaupt hier?“ Nun verfolgt das Kind entweder den eingeschlagenen Weg und bestätigt dies oder es relativiert/ korrigiert hier bereits seine Aussage (z. B. „Ich habe Stress mit meinen Mitschülern“).

Bestätigt es jedoch, dass es „nur wegen der Eltern“ hier sei, frage ich: „Tust du immer das, was deine Eltern sagen?” In aller Regel lautet die Antwort „Nein“. Dies öffnet mir den Weg zur entscheidenden Frage: „Warum hast du dich dann heute dafür entschieden, zu gehorchen und mitzukommen?“

Sicher haben Sie die Strategie schon erkannt – ich habe nun den Patienten an jenem Punkt, welchen wir aus der Psychotherapie bei Erwachsenen kennen: Er hat selbst entschieden, zur Therapie zu kommen.

Welche Antwort werde ich erhalten? In der Regel sind wir nun so weit, dass das Kind spätestens jetzt Gründe nennen kann, welche Sorgen oder Nöte es hat und wo es sich Hilfe erhofft. Vielleicht sind es aber auch die Ängste vor Strafen oder Konsequenzen, die als Grund des Erscheinens angegeben werden. In diesem Falle wäre es angebracht zu hinterfragen, warum diese Konsequenzen dieses Mal nicht in Kauf genommen werden.

Letztlich bleibt das Ziel der Situation, das Kind (oder auch den Jugendlichen) als direkten Klienten, der Wünsche und Ziele an die Therpie hat, zu gewinnen. An dieser Stelle jedoch muss der Therapeut aufpassen, dass er das Kind – je nach Alter – nun nicht überfordert ,und wendet sich den Eltern zu. Das Kind erhält die Option, den Ausführungen der Eltern zu folgen und mit seiner Sicht der Dinge, Einwänden oder Ähnlichem, zu ergänzen.

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Verläufe des Erstgespräches hängen stark von der Motivation der gesamten Familie für die Therapie und dem Leidensdruck ab.

Recht unkomplizierte Verläufe erlebt man, wenn sich Eltern und Kind einig über die Problematik sind und gemeinsam Hilfe suchen, z. B. wenn das Kind Mobbing in der Schule erfährt.

Komplizierter wird der Verlauf meist, wenn es gerade um Konflikte zwischen Eltern und Kind geht (z. B. oppositionelles Trotzverhalten oder Störungen des Sozialverhaltens).

Hier erlebe ich oft den typischen Verlauf, dass Eltern anklagend und vorwurfsvoll über das Kind berichten, während das Kind laut protestiert und mit eigenen Ansichten die Aussagen bestreitet oder anders darstellt. In diesem Falle nehme ich eine kongruente Haltung ein und erkläre: „Ich erlebe Sie gerade als sehr anklagend und in Not und du fühlst dich ungerecht behandelt und hast das Gefühl, dich verteidigen zu müssen. Ich fühle mich gerade wie ein Richter, der zwischen euch sitzt. Aber wir sind hier ja nicht vor Gericht und es geht nicht darum, einen Schuldigen zu finden oder eine Anklage zu verlesen. Ich erlebe euch alle als eine Familie, die gerade Sorgen hat und gerne verstanden werden möchte.“

Diese Rückmeldung entspannt häufig die Situation und die Beteiligten – einschließlich des Kindes – werden nun sachlicher und ruhiger. Dieses „Es geht nicht um Schuld“ ist ein sehr bedeutender und hilfreicher Faktor zur Deesklalation. Verläuft das Gespräch jedoch weiter sogar völlig chaotisch, ist es nun sehr wichtig, etwas autoritärer aufzutreten und Grenzen zu setzen, indem man die Familie mit gewissen Regeln in der Praxis beim Gespräch konfrontiert , wie z. B.

  • Jeder darf hier seine Meinung sagen, den anderen aber nicht beleidigen oder verletzen
  • Jeder hat das Recht, ausreden zu dürfen
  • Wir sprechen alle ruhig und schreien ist nicht erlaubt
  • ...

Ich erinnere mich übrigens an nicht wenige Fälle, in welchen vor allem Väter diese Regeln dringender brauchten als ihre Kinder.

Nur in wenigen Einzelfällen gelingen diese Deeskalationsversuche des Therapeuten nicht. In diesem Falle hat der Therapeut natürlich durchaus das Recht, ein Gespräch abzubrechen. Er wird dann die Familie gerne ein andermal einladen, wenn alle bereit sind, die Gesprächsregeln zu akzeptieren.

Der sonstige Verlauf ist davon abhängig, welche Form des Explorationsgespräches der Therapeut wählt.

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Vor allem im Erstgespräch und je nach Fülle der Problematik besteht die Gefahr, dass der zeitliche Rahmen durch die Ausführungen und Fragen der Eltern gesprengt wird. Für unerfahrene Therapeuten besteht hier oft das Problem, dass sie sich nicht „trauen“, Grenzen zu setzen, oder mehr halbherzig auf ihren zeitlich limitierten Rahmen hinweisen. Es ist jedoch legitim und nichts dabei, wenn der Therapeut gegen Ende der Zeit bemerkt: „Wir müssen nun leider Schluss machen, ich würde beim nächsten Gespräch hier gerne aber nochmals anknüpfen und vertiefen”, oder „Unsere Zeit ist nun leider um, ich kann Ihnen gerne einen weiteren Termin anbieten, um diesen Punkt in Ruhe weiter mit Ihnen zu besprechen.“

Sie laufen selbst tatsächlich Gefahr, dass Sie Ihre Patienten nach über 90 Minuten regelrecht vor die Türe setzen müssen, da diese von sich aus durchaus noch weitere Stunden in Anspruch nehmen würden und die nachfolgenden Patienten verärgert vor der Türe warten!

Etwa fünf Minuten vor Ende der Gesprächszeit fassen Sie am besten das Gehörte nochmals zusammen, z. B.: „Wenn ich richtig verstanden habe, liegt der Kern des Problems immer wieder in Machtkämpfen in Ihrer Familie, die für alle sehr belastend und nervenaufreibend sind. Während Sie (Mutter) eher Erfahrungen damit gemacht haben, mit Ruhe und Gelassenheit zu reagieren, meinen Sie (Vater), dass Ihr Sohn mehr Konsequenzen und Strenge benötigt. Du (Jugendlicher) fühlst dich dabei oft genervt und verstehst nicht, warum deine Eltern Stress machen und ziehst dich dann zurück oder dir platzt dann der Kragen.“

Diese Zusammenfassung ist wichtig, um zu prüfen, ob Sie den Kern des Probems auch wirklich erfasst haben. Außerdem melden Sie zurück, dass Sie die Bedürfnisse jedes Familienmitgliedes verstanden haben und akzeptieren.

Nun stellt sich die enorm wichtige Frage, was die Wünsche und Ziele an die Therapie und den Therapeuten sind und ob dieser diese Ziele zu erreichen vermag und ob die Ziele und Wünsche überhaupt realistisch sind. Braucht das Kind überhaupt eine Therapie? Brauchen eher die Eltern Hilfe und Unterstützung?

Ich stelle hier am liebsten die Frage: „Woran würde ich als Therapeut merken, dass es Ihnen etwas bringt, Ihr Kind zu mir zu bringen?“ oder „Wann würden Sie als Eltern sagen: So ist es für uns in Ordnung, mein Kind braucht jetzt keine Therapie mehr. Was müsste da passieren?”

Lassen Sie hier bitte keine allzu oberflächlichen Formulierungen stehen. Wenn die Eltern z. B. wünschen, das Kind solle sein Zimmer ohne zu protestieren aufräumen und besser in der Schule sein, so lassen sich diese Wünsche und Ziele nicht wirklich realisieren, sondern hier muss vielmehr die Anspruchshaltung der Eltern als etwaige „Störungen“ beim Kind überprüft werden. In diesem Beispiel pflege ich als Therapeut mit einem leichten Schmunzeln zu sagen:

„Wenn ich als Kind immer problemlos mein Zimmer aufgeräumt und gerne meine Hausaufgaben erledigt hätte, würde ich mir ernsthaft Sorgen um Ihr Kind machen”.

Konkrete Antworten der Eltern, welche Ihnen zu zielgerichtetem therapeutischen Arbeiten verhelfen, wären hingegen z. B.

  • Die Ängste vor Prüfungen in der Schule sollten nachlassen
  • Mein Kind sollte wieder die Motivation und Freude bei seinen Aktivitäten haben wie früher
  • Die Schlafstörungen sollten beseitigt werden
  • Die Wutanfälle meines Kindes sollten messbar weniger werden und in der Intensität geringer werden
  • Mein Kind soll abnehmen
  • ...

Sie beenden das Gespräch dann mit Ihrem konkreten Therapievorschlag oder der Planung von Maßnahmen. Beispiele:

  • Ich würde gerne 3 bis 4 Diagnostik- Stunden unternehmen und Sie dann wieder einladen, um deren Ergebnisse zu besprechen
  • Ich würde autogenes Training zur Beseitigung der Schlafstörungen vorschlagen
  • Ich würde gerne Kontakt mit der Schule aufnehmen, um eine genauere Einschätzung der Mobbing-Situation zu gewinnen
  • Ich würde gerne einen Punkteplan mit Ihnen gemeinsam erstellen

Ich hoffe, dass ich einige Leser ermutigen konnte, sich der herausfordernden Aufgabe dieses spannenden Fachgebietes zu stellen. Gleichzeitig soll der Beitrag aufzeigen, dass das Gebiet der Kinder- und Jugendpsychotherapie seine eigenen Regeln und Gesetze hat. Bei mangelhafter Kenntnis oder Missachtung dieser Regeln kann es kaum zum Erfolg kommen. Ich wünsche Ihnen viel Freude bei der Arbeit mit Familien, Eltern, Kindern und Jugendlichen.

Sven Stümpfig Sven Stümpfig
Heilpraktiker für Psychotherapie und Kinderkrankenpfleger (psych.)
Psychologische Praxis Calw (HPG) Lederstraße 58, 75365 Calw 

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