Was führt zum Burnout?

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Beobachtungen und Überlegungen zu somatopsychischen Ursachen des „Ausbrennens“

Sind es tatsächlich überwiegend äußere Faktoren wie berufliche und familiäre Belastungen in Verbindung mit den inneren Einstellungen, die als Stressoren wirken und zum Burnout führen? Oder sind nicht auch innere, also organische Ursachen als Auslöser für das Burnout- Syndrom, das Ausgebranntsein, denkbar?

Die Ganzheit des Menschen verstehe ich im Sinne des kinesiologischen Dreiecks, eines gleichseitigen Dreiecks mit den Ebenen Psyche (Gefühle, Gedanken, Einstellungen, Haltungen), Struktur (Körper: Organe, Muskel, Bänder, Gelenke) und Biochemie (Stoffwechsel).

fotolia©Rynio Productions

Verändert sich eine Seite, verändern sich zwangsläufig auch die beiden anderen Seiten, verändert sich somit das gesamte System.

Warum also sollte Stress auf der strukturellen, der körperlichen Ebene, nicht auch der Auslöser für ein Burnout-Syndrom sein? Warum sollten z. B. eine gestörte Darmsituation oder Rückenbeschwerden nicht auch über den Weg nachfolgender Veränderungen im biochemischen Bereich zur geistig-seelischen Erschöpfung bis hin zur Depression führen? Zum völligen Ausgebranntsein also.

Seit einiger Zeit treffe ich immer wieder auf – vor allem – Frauen mit der Diagnose Burnout. Nicht immer wird als Ursache Mobbing genannt, aber immer gilt äußerer Stress familiärer und beruflicher Art als Ursache. Frage ich nach Rückenbeschwerden einerseits und Zahnbehandlungen (vor allem Zahnersatz: Kronen, Prothesen, Implantaten) andererseits, sind fast immer mindestens Rückenbeschwerden im Spiel, die als psychogen eingestuft wurden, als Folge von Stress. Als mögliche Ursache werden sie meist nicht in Betracht gezogen. Das Gleiche gilt bezüglich zurückliegender Zahnbehandlungen; sie finden in der Regel als mögliche Ursache gar keine Berücksichtigung. Dabei führen zu hoch stehende Kronen und Implantate sowie schlecht sitzende Prothesen zu einer cranio-mandibulären Dysfunktion, was Chiropractoren bei Vorträgen mit einem winzigen Streifen Papier demonstrieren, den sie einem Gesunden mit perfekter Bisssituation an den entscheidenden Stellen auf die Zähne legen, sodass der perfekte Biss außer Kraft gesetzt wird.

Die hohe Infektanfälligkeit Burnout-Betroffener wird auf ihre Erschöpfung zurückgeführt, der Darm als unser großes Immunsystem jedoch außer Acht gelassen. Zwei Beispiele:

Da ist eine Frau, Anfang 40. Aufgrund schwieriger beruflicher Umstände, unter anderem Mobbing, kommt es zur Diagnose Burnout. Nach einer Verhaltenstherapie und dem Erlernen von Autogenem Training befindet sie sich seit einigen Monaten in der beruflichen Wiedereingliederungsphase. Seit dieser Zeit mehren sich bei ihr Infekte mit zunehmender Schwere. Immer wieder fällt sie aus, den Freizeitbereich kürzt sie erheblich, um der beruflichen Belastung und den wiederkehrenden Infekten standhalten zu können. Inzwischen zeichnet sich am Horizont die Frühberentung ab. Der Zustand ihres Darmes, die Immunität, wird während der gesamten Zeit nicht untersucht.

Eine weitere Frau, Ende 50, aufgrund eines Burnouts in vorzeitigem Ruhestand, berichtet von Abgeschlagenheit und Nächten, nach denen sie sich nicht nur nicht erholt fühle, sondern auch so aussehe, als habe sie die Nacht durchgearbeitet. Sie fühle sich erschöpft und zerschlagen. Eine Psychotherapie liegt hinter ihr. Yoga und Nordic Walking, regelmäßig angewendet, tun ihr gut, verändern aber nichts an ihrem schlechten Allgemeinbefinden. Auf Nachfrage erfahre ich von ihren zwei Bandscheibenvorfällen an der Halswirbelsäule.

fotolia©Daniel NimmervollEin letztes, komplexeres Beispiel: Eine Frau, Mitte 50, wendet sich im Sommer 2010 an einen Internisten mit der Bitte, einen umfassenden Gesundheitscheck durchzuführen. Sie schildert Symptome schwerster Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Antriebsschwäche sowie depressive Gedanken bis hin zu suizidalen Überlegungen. Morgens wache sie wütend um sich schlagend auf, mit Schmerzen im ganzen Körper. Allein das Aufstehen fordere all ihre körperliche Energie. Jeden einzelnen Tag erlebe sie als unbeschreiblich anstrengend.

Manchmal sei sie einfach zu müde, um den Arm zu heben oder gar die Muskulatur des Gesichts zu einem Lächeln zu verziehen. Die Müdigkeit sei so bleiern und schwerwiegend, dass sie sich nach zehn Minuten Qigong an die Wand lehnen und im Stehen schlafen könne. Zudem friere sie fürchterlich, ihr sei immer kalt.

Sie berichtet von ihrem familiären Stress, den eine Erbschaftsangelegenheit auslöst. Vor allem aber beschreibt sie den Stress der vergangenen vier Jahre, den eine kieferorthopädische (kfo-)Behandlung in ihrem fortgeschrittenen Alter für sie bedeutete. Diese Behandlung war jedoch notwendig, um die schweren Folgeschäden einer kfo- Behandlung in der Kindheit zu korrigieren und zu beheben. Alle vier Wochen manchmal bis zu vier Stunden auf dem Zahnarztstuhl, alle vier Wochen Verschiebung aller Zähne, dazu innerhalb des gesamten Zeitraumes zwei große und zwei kleine operative Eingriffe und immer wieder Zahnersatz, um den Biss doch noch stabil zu bekommen.

Der Internist untersucht sie gründlich. Während der anschließenden Besprechung stellt er, auch unter Berücksichtigung der vorliegenden Laborergebnisse fest, sie sei gesund, es gebe keine Befunde oder Auffälligkeiten. Zwei Kleinigkeiten nur: Der Cholesterinwert könne besser sein und der eine Leberwert auch. Na ja, sie habe halt eine Fettleber. Obwohl sie keinen Tropfen Alkohol trinkt und auch nicht schwerstübergewichtig ist?

Die Frage, warum es ihr dann so schlecht gehe, wird mit dem Satz beantwortet, die meisten seiner Patienten fühlten sich schlecht, hätten aber nichts. Mit Verweis auf die Anstrengungen der kfo-Behandlung empfiehlt er ihr Spaziergänge und Ruhe; Yoga, Autogenes Training oder etwas Ähnliches seien auch sehr hilfreich. Und für die depressiven Verstimmungen sei eine psychotherapeutische Unterstützung angeraten. Sie sei halt psychisch erschöpft, aber ansonsten kerngesund.

Diese Patientin gibt sich nicht zufrieden und sucht einen Heilpraktiker auf. Ihm legt sie die Befunde vor. Er reagiert sofort auf den wenig erfreulichen Leberwert und den Cholesterinwert. Er stellt einen Zusammenhang zwischen beiden Werten her und schlägt eine erneute Blutuntersuchung vor – bei einem anderen Labor, das andere Tests (z. B. im Vollblut statt im Serum) durchführe und somit andere Ergebnisse erziele. Befund: Nitrosativer (oxidativer) Stress*. Unterversorgung des Organismus mit Mikronährstoffen vor allem der B-Vitamine und Vitamin C. Der Stoffwechsel der Zellen funktioniere nur noch sehr eingeschränkt. „Sie befinden sich im Burnout!“

*Nitrostress/Oxidativer Stress: In Analogie zum oxidativen Stress, bei dem freie Sauerstoff- Radikale das Gleichgewicht im Körper zugunsten oxidationsfördernder Prozesse verschieben, spricht man bei der überschießenden Bildung des Radikals Stickstoffmonoxid (NO) und seiner Folgeprodukte Peroxinitrit, Nitrotyrosin und Nitrophenylessigsäure vom Nitrostress. Stickstoffmonoxid ist ein freies Radikal, das in fast allen Zellen des menschlichen Körpers gebildet werden kann. ... Verschiedene Stressoren induzieren eine erhöhte NO-Synthese mit Bildung von Stickoxiden, die sich gravierend auf die Funktionsfähigkeit verschiedener Organe und Organsysteme auswirken kann. ... Hohe Mengen an NO hemmen Enzyme der mitochondrialen Atmungskette. Der hierdurch bedingte ATP-Verlust betrifft vor allem Zellen mit einem hohen Energiebedarf wie neuronale Zellen, die Muskulatur, Herzmuskel und Zellen des Immunsystems. ... Pathologisch erhöhte NO-Konzentrationen induzieren ein chronisches Energiedefizit. Aminosäuren, Fette und Eiweiße können nicht mehr energetisch verwertet werden. ...” (aus Fachinformation 0045, Labor GANZIMMUN; Diagnostics AG, ärztl. Leiter Dr. Ralf Kirkamm, Mainz)
Der Körper brennt aus! Die Folge: die typischen Symptome eines Burnout: Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Antriebsschwäche, Erschöpfung, Depression.
„Die Diagnostik von nitrosativem Stress und seinen weitreichenden Auswirkungen hat bislang keine Relevanz in der konventionellen Medizin, obwohl die Zusammenhänge inzwischen ausreichend erforscht und belegt sind. Das Burnout ist die direkte Folge einer Erschöpfung Ihrer Zellkraftwerke.“ (aus Eichinger/Hoffmann-Nachum, Der Burnout-Irrtum, systemed-Verlag, 2012, S. 36)

Im Laufe der Zeit zeigte sich bei der Patientin zudem eine Störung der Darmflora und der Immunität des Darmes. Nach drei Monaten Behandlung mit vor allem Mikronährstoffen und auch Probiotika lassen die Symptome deutlich nach. In der Zwischenzeit entlässt sie der Kieferorthopäde im Sommer 2011 als gesund, nicht ohne festzustellen, an den irreparablen Vorschädigungen der Kiefergelenke und der Halswirbelsäule könne er natürlich nichts ändern, die blieben bestehen. Sie sei jetzt so gesund wie der Durchschnittsbürger auf der Straße. – Die Erbschaftsangelegenheit wird ebenfalls im Sommer 2011 beendet.

Es folgen neue Symptome im Sinne umfangreicher Lebensmittelunverträglichkeiten unterschiedlichen Typs. Nach anderthalb Jahren heilpraktischer Behandlung wechselt die Patientin im Januar 2012 zu einem Arzt, der die klassische Medizin mit der Naturheilkunde verbindet und sich auf Burnout spezialisierte. Er entwickelte sein eigenes, ganzheitliches Konzept, das die Arbeit des Heilpraktikers ergänzt. Zu diesem Zeitpunkt erreichten die Lebensmittelunverträglichkeiten ein Niveau, das eine ausgewogene, gesunde Ernährung deutlich erschwert und von Einschränkungen gekennzeichnet ist.

Diagnose inzwischen: schwere Entgleisung des Stoffwechsels, nicht lokalisierbares Entzündungsgeschehen, trotz oraler Einnahme und sogar intravenöser Gabe von Mikronährstoffen Unterversorgung in allen Bereichen, hormonelle Dysbalance, chronische Infektanfälligkeit durch nicht gegebene Immunität der Darmschleimhaut, Darmflora trotz Einnahme von Probiotika unzureichend.

Ihr Allgemeinzustand sei schlecht. Irgendetwas torpediert die Behandlungen!

Im Laufe des langen Behandlungsweges heißt es nach einer Messung der Herz-Raten-Variabilität, sie stehe völlig unter Stress, sie müsse entspannen, zur Ruhe kommen, dem Tag eine Struktur geben, meditieren. Der Parasympathikusnerv arbeite kaum noch, der Sympathikus stehe unter Dauerspannung und feuere ohne Unterlass – auch in der Nacht. Es gebe keine Erholung mehr.

Die Patientin zieht einen systemischen Therapeuten hinzu, der eine Ablösung und Balance die Vorvergangenheit der Patientin betreffend vornimmt. Belastende Ereignisse aus dem Leben der Ahnen können realen Stress verursachen.

Seit sieben Jahren befindet sich diese Patientin in chiropractorischer Behandlung. Störungen an der Halswirbelsäule sind ihr und allen Behandlern bekannt, ebenso die Wirkung einer Bissfehlstellung auf das gesamte körperliche, insbesondere neurologische System. Die Beschäftigung mit dem vegetativen Nervensystem und die daraus resultierenden Erkenntnisse führen zu einem Gespräch mit dem Chiropractor.

Von ihm erfährt sie, durch die sich stets wiederholende Blockierung der beiden ersten Halswirbel komme es zur Dauerreizung des Sympathikus. Der könne nicht zur Ruhe kommen und wirke so auf das neurologische, hormonelle und biochemische System, von der Wirkung auf Muskulatur, Bänder und Gelenke ganz zu schweigen. Ist das der Schlüssel?

Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.

Im Herbst 2012 verschlechtern sich die Entzündungswerte. Die Nebenniere schüttet kaum noch Hormone aus. Das hormonelle System ist zutiefst gestört. Die Behandlung greift nicht. Die Patientin erfährt, es bestehe ebenfalls die Möglichkeit, dass ein erlittenes seelisch-emotionales Trauma den Stoffwechsel so derartig entgleisen lassen kann – über viele Jahre hinweg. In ihrem hartnäckigen Falle sei unklar, was der Auslöser für das Desaster sei. Fakt sei jedoch zweifelsfrei: Sie brenne aus!

Was also triggert das biochemische System so nachhaltig? Und wirkt möglicherweise von dort aus auf die HWS und das körperliche System? Und dann wieder auf die Psyche? Was bewirkt hier eigentlich was? War zuerst ein psychisches Trauma? Oder eine Degeneration der Kieferknochen, die zur Bissfehlstellung und Schädigung an den Kiefergelenken sowie den Halswirbeln führte? Oder gab es zuerst einen Mikronährstoffmangel durch Fehlernährung? Oder ist es vielleicht eine bakterielle Entzündung z. B. an den Zähnen, die nicht vollständig behandelt wurde und auf die Kieferknochen wirkt? Die Suche nach dem Torpedeur geht weiter.

Auf Seite 30 des Buches „Der Burnout-Irrtum“ heißt es: „Beim Burnout-Syndrom finden wir in den allermeisten Fällen erworbene Mitrochondriopathien vor, d. h. Einschränkungen der mitochondrialen Energiegewinnung, die wir uns im Laufe des Lebens aufgrund verschiedener Einflussfaktoren angeeignet haben.“
Und weiter führen die Autorinnen auf S. 22 aus: „Wenn Sie in dauerhaftem Stress sind, erschöpfen sich Ihre Neurotransmitter. Zu niedrige Spiegel erzeugen eine Liste an Symptomen, die sich liest, wie das Who’s Who der Burnout-Symptome. ... Frage: Haben Sie niedrige Neurotransmitterspiegel, weil sie Stress haben, oder haben Sie Stress, weil Sie niedrige Neurotransmitterspiegel haben? ... Wenn zu den emotionalen Stressoren im Außen noch massiver Zellstress ... hinzukommt, dann beschleunigt das die Entleerung der Akkus exponentiell. Wenn die Akkus leer sind, reduziert sich die Stresstoleranz ... Der Teufelskreis schließt sich und die Burnout-Falle schlägt zu.“
„Gesundheit fängt in der Zelle an.“ (Der Burnout- Irrtum, S. 7).
Als „Zellstressfaktoren“ benennen die Autorinnen auf S. 36: „Mikronährstoffmangel, Fehlernährung, Darmstörungen, Lichtstress, Schlafmangel, Bewegungsmangel, Elektrosmog, Alltagsgifte: Schwermetalle, chemische Gifte, Arzneimittel, Halswirbelsäulentraumata”. Ich würde noch Lärmstress hinzufügen.

Alle Zell-Stressoren müssen betrachtet werden. Und selbstverständlich ist es hilfreich, auch alle anderen Bereiche – äußere (berufliche und familiäre Belastungen) wie innere (Einstellungen, Haltungen) – durch Entspannungstechniken, Sport, und insgesamt eine Entschleunigung zu entlasten und zu entstressen. In unserer überaus schnelllebigen Zeit mit Informations- und Reizüberflutung wird es immer dringlicher zu verlangsamen, das Durchatmen, Rückzug mit Nichterreichbarkeit sowie Muße und Genuss wieder zuzulassen.

Obwohl ich mich seit einigen Jahren mit dem Burnout beschäftige, bin ich keine Expertin. Mich beeindruckt aber die hohe Komplexität und Vielschichtigkeit der Reaktionen und Dysbalancen auf körperlicher und biochemischer Seite sowie die sich daraus ergebende Schwierigkeit, die winzigen Teile zur rechten Zeit am richtigen Ort zu platzieren.

Es gibt keine einfachen Wege oder einspurige Straßen aus dem Burnout, sondern nur komplexe Lösungen mit einzelnen Minibausteinen, die zu einem großen Puzzle zusammengesetzt werden müssen.

Wie viel einfacher wäre es wohl, wäre der menschliche Organismus nicht eine so vielschichtige, komplizierte chemische Fabrik, die nur funktioniert, wenn jedes Teil zur rechten Zeit am rechten Platz seine Arbeit verrichtet? Je länger eine Symptomlage andauert, umso komplexer wird sie mit der Zeit und umso weniger lässt sich am Ende sagen, was zuerst war. Führte seelischer Stress zum Ausbrennen auf der körperlichen Ebene, oder führte eine körperliche Situation aufgrund von Reaktionen des Stoffwechsels zum Ausbrennen auf geistigseelisch- emotionaler Ebene?

Letztlich sind die Symptome gleich: Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Antriebsschwäche, Erschöpfung bis hin zur Depression!

Hildegard Saupp

 

Hildegard Saupp
Psychologische Beraterin, ehrenamtliche Tätigkeit in der Seniorenarbeit, Braunschweig