Wachtraum-Coaching mit der Phyllis-Krystal-Methode

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Als ich 2001 die Arbeiten von Phyllis Krystal kennenlernte, dachte ich nicht, dass ich einmal zu einem engagierten Vertreter ihrer Methodik werden würde. Doch mit der Zeit haben viele Erfahrungen sowohl an mir selbst als auch in der Arbeit mit Klienten zu einer Bewunderung und Wertschätzung dieser Arbeit geführt, die ich für kaum etwas anderes empfinden kann.

fotolia©Thomas OttoPhyllis Krystal wurde 1914 in England geboren und machte eine Ausbildung zur Lehrerin für Erwachsene. Sie heiratete in die USA, wo sie zunächst eine Familie gründete und zwei Töchter aufzog. In den 1950er Jahren begann sie mit ihrer besten Freundin eine experimentelle psychologische Forschung. Dabei ging es ihnen darum, immer besser in Kontakt mit einer Dimension in sich selbst zu kommen, die sie als HiC für „Higher Consciousness“ bezeichneten. Das Konzept verschiedener Dimensionen im eigenen Selbst lernten sie über die Diskussion der Arbeiten von Carl Gustav Jung kennen. Es ging ihnen bei ihren Versuchen um das Finden einfacher und pragmatischer Formen der Kommunikation mit den verschiedenen Dimensionen des eigenen Selbst. Der Einfachheit halber unterschieden sie nach und nach drei Dimensionen:

  1. das alltägliche Wissen und Bewusstsein
  2. das konditionierte und routinierte Wissen und Bewusstsein und schließlich
  3. das Schöpferische und Weise im eigenen Selbst (das HiC)

Die Grundidee der Arbeit ist einfach: Wenn es gelingt, sich mit dem eigenen HiC zu verbinden, so kann man aus dieser Verbindung Unterstützung bei der Bewältigung alltäglicher Belastungen und Probleme bekommen.

Eine erste Frage, die sich den beiden Forscherinnen stellte, betraf das Erleben, dass man durch den Tag hindurch oft Gefahr läuft, das eigene Zentrum zu verlieren. Das bedeutet dann auch, dass man nicht mehr genau spüren kann, was man selber eigentlich will. Dadurch wird man offen für Manipulationen durch andere oder stellt das Wollen anderer über das eigene. Aus diesem Erleben entstand die Frage nach den Ursachen und nach einer möglichen Behandlung des Problems.

Die Arbeitsweise ist einfach und wurde von den beiden Frauen in einem eigenen Symbol zusammengefasst, das heute auch als Grundlage für die Arbeit mit Klienten dient. Es nennt sich das Dreieck: In dieses Symbol ist bereits die erste Antwort oder Einsicht durch die Intuition der beiden Forscherinnen eingeflossen. Denn auf die Frage nach der Ursache für die Instabilität der eigenen Person im Tageslauf wurde deutlich, dass wir moderne Menschen oft ein zu wenig klares und selten stabiles Bewusstsein unseres eigenen Territoriums haben. Jeder Mensch hat einen ureigenen Raum, nicht nur durch seinen Körper, sondern auch durch dessen Umfeld. Dieses Territorium wird dadurch beschrieben, dass wir zunächst unsere Arme ausstrecken, unsere Hände und unsere Finger. Wenn wir uns vorstellen, dass wir uns um unsere eigene Achse drehen, entsteht um uns ein Kreis im Durchmesser unserer ausgestreckten Arme und Finger. Diesen Kreis stellen wir uns am Boden vor. Das ist unser ureigenes Territorium, unsere Intimsphäre, unser Rückzugsort. Diesen Ort sollten wir immer bereit sein zu verteidigen, sowohl als äußeren Raum als auch als Symbol für unser wahres, persönliches Selbst, unseren persönlichen Innenraum. Denn die Verteidigung und Bewahrung dieses Innenraums ist oft noch viel wichtiger als der reale Raum um uns.

In der forschenden Arbeit oder der Arbeit mit Klienten wenden sich die Anwender der Phyllis-Krystal-Methode symbolisch an das eigene HiC, um Antworten und Anregungen zu erhalten. Durch das gleichzeitige gemeinsame Hinwenden an das HiC mit einer gleichen Frage oder Thematik ergibt sich ein multiples HiC, dessen Kraft stärker wirkt als in der Arbeit, die man alleine durchführt.

Im Verlauf der Erarbeitung von Antworten auf Fragen, die sich im Alltag oder durch das Leben stellen, wurden einige Themen deutlich, die praktisch alle Menschen betreffen. Ein solch grundlegendes Thema ist die Beziehung zu den biologischen Eltern, insbesondere wenn diese auch als Erziehende fungiert haben. Die Eltern sind Bezugspersonen, die wir in einer sehr verwundbaren und abhängigen Phase unseres Lebens treffen. Wir sind ihnen gewissermaßen ausgeliefert. Und selbst die besten Eltern sind Eltern mit Vorlieben und Neigungen – auf diese reagieren wir. Wir bilden unsere Persönlichkeit in unseren ersten Jahren nicht allein aus der ureigensten Quelle unseres Selbst, sondern in Reaktion auf unser Umfeld und insbesondere auf unsere Eltern. Dadurch entsteht eine gewisse automatisierte Unfreiheit und Selbstentfremdung, die sich behindernd auf unser Leben auswirken kann.

Dieser belastende Teil der Bindung an die Eltern wurde und wird in manchen Kulturen zum Teil durch Pubertäts- oder Initiationsriten aufgehoben. Durch ihre Arbeit kam Phyllis Krystal zu der Erkenntnis, dass in den westlichen Industrieländern das normale Durchleben der Pubertät nicht ausreicht, um diese Bindungen aufzulösen. Daraus entstand die Einsicht, dass es ergänzende Verfahren braucht, besonders wenn die Beziehung zu den Eltern zu Belastungen im Alltag als Erwachsener führt. Daraus entstand unter Hinwendung an das HiC das Verfahren „die inneren Fesseln sprengen“, bezogen auf die eigenen Eltern. In Bezug auf die Eltern begründete Phyllis Krystal eine neue Art des Pubertätsrituals. Wie befreiend dieses wirken kann, möchte ich an zwei Fallbeispielen erläutern.

Einer meiner ersten Klienten war ein pensionierter, alleinstehender Mann, der sich wegen einer Angststörung in psychiatrischer Behandlung befand. Der Psychiater konnte die Angststörung medikamentös lindern, aber nicht das begleitende schlechte Gewissen und das Gedankenrennen, das der Klient jeden Morgen erlebte. Deswegen kam er in meine Praxis. Inhalte des Gedankenrennens waren Erlebnisse mit den eigenen Eltern, Episoden aus deren Leben, Gefühle und Gedanken bezüglich des eigenen Lebens und das der Eltern. Obwohl dieser Klient lange aus der Pubertät heraus war und auch sein Berufsleben schon hinter sich hatte, erlebte er immer noch eine innere Abhängigkeit von den Eltern, die ihn unfrei machte. Zum Zeitpunkt der Gespräche war der Vater bereits einige Jahre verstorben, die Mutter lebte noch in einem Altersheim. Er besuchte sie kaum und machte sich deswegen Vorwürfe. Sein anstrengendes, inneres Bezogensein auf vergangene Abschnitte seines eigenen und des gemeinsamen Lebens mit den Eltern und der Mutter raubte ihm den Großteil seiner Energie und schränkte auch seine Leistungsfähigkeit im Alltag ein.

Neben einigen Gesprächen zur Einordnung des Erlebens und zur Stärkung der eigenen Motivation sowie zur Arbeitsweise der Phyllis-Krystal-Methode haben wir das Pubertätsritual der Methode in Bezug auf beide Elternteile durchgeführt. Die inneren Konflikte haben sich in der Verarbeitungsphase deutlich reduziert. Lebensfreude und Alltagsaktivität haben deutlich zugenommen. Besonders berührend war für mich der Bericht, dass der Todestag des Vaters nach vielen Jahren zum ersten Mal ohne Depression erlebt werden konnte und dass stattdessen eine liebevolle Erinnerung möglich wurde. Der Kontakt mit der Mutter wurde intensiviert und der Klient schien zuversichtlich, seine Pensionierung nun endlich auch genießen und noch geplante Vorhaben angehen zu können. Wir haben insgesamt drei Monate zusammengearbeitet und hatten in dieser Zeit sechs Sitzungen. Diese dauerten in der Regel 90 Minuten, die Sitzungen mit den Cuttings ca. 120 Minuten.

Eine andere Klientin kam mit einer ganz anderen Ausgangslage. Die gestandene Berufsfrau, geschieden, mit einem erwachsenen Sohn, selber Ende dreißig, befand sich seit kurzem in einer Ausbildungssituation. Diese sollte ihr einen neuen Bereich innerhalb ihrer Tätigkeit im Bereich Soziales ermöglichen. Seit vielen Jahren war das die erste umfassendere Weiterbildung, die nicht nur fachliche, sondern auch weltanschauliche Herausforderungen bot. Die Klientin suchte eine Erweiterung ihrer Weltsicht durch den Kontext einer auch spirituell orientierten Berufspraxis.

Sonderbarerweise erlebte sie trotz einer hohen Motivation und grundsätzlichen Zufriedenheit mit der Ausbildung immer wieder Panikattacken, wenn sie die Räume der Schule betrat. Zudem erlebte sie eine Sprechhemmung, wenn sie ihre eigenen Meinungen und Ansichten ausdrücken sollte. Obwohl sie eigentlich nicht scheu war und sich in den Sitzungen ungehindert auch über sensiblere Themen aussprechen konnte, erlebte sie sich im Kurs blockiert und gehemmt. Das Nachfragen zeigte keinen konkreten Anlass in der Gruppe oder im Setting. Beim Nachfragen, wann sie zuletzt Ähnliches erlebt habe und wann sie so etwas in ihrer Erinnerung zuerst erlebt hätte, kamen wir auf ihre Kindheit und die Situation zuhause.

Insbesondere während ihrer Schulzeit und in ihrer Pubertät entstand im Elternhaus eine Situation, die eine große Belastung der Familie bedeutete. Ihre ältere Schwester war die Treppe heruntergefallen und hatte sich so schwer verletzt, dass sie nie wieder gesund wurde und schließlich früh starb. In der Folge hatte die Mutter eine Mischung von Depression und Tyrannei entwickelt, was dazu führte, dass die offensichtliche Überforderung der Familie zu einem Dauerzustand wurde. Unter anderem wurde der Klientin zuhause die Äußerung ihrer Gefühle und Meinungen untersagt. Ihr wurde zudem suggeriert – zumindest wirkte das so auf sie – dass ihre Mutter es lieber gehabt hätte, wenn sie statt ihrer Schwester gestorben wäre. Es wurde in den Gesprächen deutlich, dass der Besuch der Schule in der jetzigen Situation eine Affektbrücke zur längst vergangenen Schulzeit herstellte. Es wurde auch deutlich, dass die damalige Situation eine gesunde pubertäre Abnabelung und Findung der eigenen Selbstständigkeit stark behindert hat. Daher haben wir auch hier zunächst das Pubertätsritual durchgeführt. Bereits diese Arbeit führte zu einer deutlichen Verbesserung des Erlebens in der aktuellen Ausbildungssituation. Es wurden weitere Themen deutlich, die wir in eigenen Schritten behandelt haben.

Die Klientin erwachte aus ihrer Lähmung in der Ausbildungssituation und konnte nun besser und klarer als zuvor feststellen und ausdrücken, was für sie selbst richtig und wichtig war. Für die Arbeit mit den Eltern haben wir insgesamt fünf Sitzungen verwendet, drei mit jeweils ca. 75 Minuten und die zwei Sitzungen mit dem Ritual mit ca. 120 Minuten.

Das Pubertätsritual ist kein Ritual im äußeren Sinne. Vielmehr besteht es aus einem Ablauf innerer Schritte, die im Handbuch zur Methode dokumentiert sind. Diese Schritte werden ähnlich einer geführten Fantasiereise oder Meditation mithilfe eines Facilitators durchlaufen. Der Aufbau ist teils interaktiv und bekommt dadurch einen jeweils individuellen und situativen Charakter.

Mehr Informationen finden Sie in den Büchern von Phyllis Krystal und im Internet. Die Anwendungsmöglichkeiten sind breit. Das hier angesprochene Pubertätsritual ist ein grundlegendes Verfahren. Es gibt auch sehr viele weitere Anwendungsmöglichkeiten.

Alexander Höhne Alexander Höhne
Jhg. 65, seit 2006 eigene Praxis: Wachtraum-Coaching mit der Phyllis-Krystal-Methode. Ab 2001 Selbststudium der Arbeiten von Phyllis Krystal. Seit 2006 Kurse, Schulungen und Einzelsitzungen bei Phyllis Krystal sowie Teilnahme in Intervisions- und Supervisionsgruppen zur Phyllis-Krystal-Methode. Seit 2009 durch Phyllis Krystal zertifizierter Anwender.
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