Was kann pferdegestützte Therapie leisten?

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Kann ich internalisierte Glaubenssätze im Rahmen der Persönlichkeitsentwicklung Erwachsenener mithilfe pferdegestützter Therapie erkennen?

Meine Motivation, auf diese Weise mit Pferd und Klient zu arbeiten

2012-03-Pferd2Seit meiner Kindheit haben mich zahlreiche schöne und wunderbare, aber auch leidvolle und bittere Begegnungen mit dem faszinierenden Wesen Pferd reifen und wachsen lassen. Auf meinem Weg der Selbsterfahrung bin ich auch mit der körperorientierten, ganzheitlich geprägten Gestalttherapie in Berührung gekommen. Dabei erlebte ich intensive Heilungsprozesse und bin das erste Mal ganz bewusst mit Glaubenssätzen konfrontiert worden, was mich befähigt hat, frühere Erlebnisse mit Pferden „wahrhafter“ zu reflektieren. Reifen und Wachsen eines Menschen kann vor allem dann Früchte tragen, wenn er sich seiner wahren Bedürfnisse, Stärken, Schattenanteile und Fähigkeiten bewusst wird. Wie auch im humanistischen Menschenbild verankert, glaube ich, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens die Weichen dafür stellen kann. Ein möglicher Schritt dazu ist das Erkennen von Glaubenssätzen. Ich möchte den Leser dieses Artikels einladen, diesem Schritt zu folgen und sich berühren zu lassen.

Nun macht es sicherlich einen Unterschied, ob ich Selbsterfahrung erlebe oder ob ich als Reittherapeutin mit meinem „Kotherapeuten“ Pferd einem Klienten ein Setting biete, in dem er die Möglichkeit bekommt, eigene Glaubenssätze wahrzunehmen.

Nach meinem Verständnis bin ich gesund, wenn sich Körper, Geist und Seele im ständigen lebendigen Austausch befinden und sich jeder Aspekt meines Potenzials adäquat ausdrücken kann bzw. sich im Gleichgewicht befindet und somit eine Überwertigkeit eines Anteils vermieden wird. Das ist natürlich die Idealform, welche immer wieder im menschlichen Leben für kurze Zeit unterbrochen werden darf, ohne dass es zu größeren Katastrophen kommt. Aufkeimende Krisen, als Chancen zur Weiterentwicklung gesehen, sind also durchaus erwünscht.

Als Reittherapeutin habe ich die Möglichkeit, verschiedenste Aspekte anzusprechen. Körperwahrnehmung, Motorik, alle Sinne, Stimmungen, Emotionen, Kognitionen, das Kind, den Erwachsenen, den Archetyp das wilde Tier, Fähigkeiten, Ressourcen und einiges mehr.

In der Begegnung mit dem Pferd gibt es immer wieder Situationen, welche verdeutlichen, dass es „irgendwo im System“ des Menschen ein Hindernis gibt, das zu einer Blockierung des Energieflusses in der verbalen und nonverbalen Kommunikation führt, vor allem beim Erreichen bestimmter Zielvorstellungen. Ein solches Hindernis können Glaubenssätze sein.

2012-03-Pferd3Was sind Glaubenssätze?

Das sind in sprachlicher Form Generalisierungen über uns und die Welt, die das widerspiegeln, was wir für „objektive Realität“ halten. Sie steuern meistens unbewusst unsere Gefühle und unser Handeln und damit unseren Entwicklungsprozess.

Glaubenssätze kann man sich vorstellen wie Instanzen, die uns einerseits strukturiertes Wahrnehmen, Fühlen, Denken und Handeln ermöglichen im Chaos der auf uns einströmenden Informationen und andererseits so etwas darstellen wie unsichtbare Schranken, die unsere Wahrnehmung und unser Denken begrenzen. Da sie internalisiert (einverleibt) sind, erweisen sie sich als sehr stabil und scheinen daher sehr massiv zu regulieren, wie wir die Welt wahrnehmen!

Zu unterscheiden sind einschränkende Glaubenssätze auf der einen (wie z. B. „Ich bin ein Flop der Natur“) sowie öffnende Glaubenssätze (wie z. B. „Ich bin ein Geschenk der Natur“) auf der anderen Seite. (Aus Milton H. Erickson Institut Berlin, Mai 2005, Seminar „Interventionen zu einschränkenden Glaubenssystemen”.)

Wir lernen von den Eltern, wie sich Menschen verhalten. Wir imitieren sie, übernehmen ihre Haltung dem Leben gegenüber, ihre Gefühle, Ängste, ihre unbewussten und bewussten „Programme“.

Es entstehen verbale Botschaften, sozusagen Gebote, was zu tun und zu lassen ist. Besonders stark wirkende Sätze sind „Sei perfekt!“ – „Sei stark!“ – „Streng dich an!“ – „Sei (anderen) gefällig!“ – „Beeil dich!“ Auch gibt es nonverbale Botschaften, welche vielleicht sogar schon im Mutterleib wirken, oder bereits ab Geburt, wie „Ich bin unwichtig!“ – „Ich existiere nicht!“ – „Ich gehöre nicht dazu!“

Als Folge dieser internalisierten Glaubenssätze inszenieren wir unser Leben, meistens unbewusst, mit allen Mitteln so, dass unsere Erfahrungen dieses Lebensmodell als wahr bestätigen. (Aus „Neue Helden braucht das Land“, Persönlichkeitsentwicklung und Heilung durch Rituelle Gestaltarbeit, Franz Mittermair)

In der Reittherapie bedienen wir uns der öffnenden Glaubenssätze zur Stärkung und Ressourcen-Aktivierung. Als gesunde Anteile stehen sie uns bei psychischen und physischen Beeinträchtigungen zur Verfügung.

Sie können sich nun vorstellen, dass es bereichernd, erweckend und einfach sinnvoll ist, Glaubenssätze zu entlarven, um ein erfüllteres Leben anzustreben. Welche Rolle spielt nun dabei das Pferd? Der weitere Verlauf meiner Ausführungen ist geprägt von dieser Frage.

Was kann das Pferd als Kotherapeut leisten?

Das Pferd begleitet uns Menschen seit Tausenden von Jahren. Wir bestaunen nicht nur seine Schönheit, Stärke und Ausdauer, sondern gehen auch mit seiner ängstlichen Schreckhaftigkeit und seinem Fluchtverhalten in Resonanz. Pferde leben im Hier und Jetzt und haben ein sehr feines Gespür für menschliche, unbewusste Verhaltensweisen und Stimmungen. Seine angeborene Beziehungsfähigkeit weitet es auf den Menschen aus und erspürt ihn und seine Umgebung mit sensiblen Sinnen. Das Pferd bietet als Bewegungsmedium und starker Motivationsträger, kombiniert mit Aufenthalten in der Natur, einen einzigartigen Aufforderungscharakter, eigene Denkmuster, Verhaltensweisen und Lebenssituationen zu hinterfragen. Dabei wird der Mensch in den verschiedensten Bereichen berührt: in seiner Wahrnehmungsfähigkeit und Sensibilität, seiner Körperlichkeit und Beweglichkeit, seiner Beziehungs- und Auseinandersetzungsfähigkeit sowie auch der Übernahme von Eigen- und Fremdverantwortung. Dadurch erhält er die Möglichkeit, eine eigene realitätsbezogene Selbsteinschätzung zu entwickeln. Das Pferd gestattet dem Menschen einen großflächigen, „innigen“ Körperkontakt. Auf dem Pferd ist es möglich, in ein passives „Bewegtwerden“ hineinzukommen. Der Schritt ist eine entspannende Gangart, die Vor- und Zurückbewegung des Geschaukeltwerdens ein intensives Gefühl des „Getragenwerdens“. Trab bietet Aktivierung und der Galopp bringt Schnelligkeit – eine wirkliche Herausforderung bei der Bewältigung und Angstüberwindung!

2012-03-Pferd4Pferde kommunizieren im Wesentlichen über Körpersprache, darin sind sie wahre Meister. Sie teilen sich mit, indem sie bestimmte Positionen zueinander einnehmen, ihre Körperhaltung verändern oder sich durch Mimik und Gestik ausdrücken. So genügt oft nur eine leise Drehung des Ohres, um eine unmissverständliche Botschaft mitzuteilen. Absicht und körperlicher Ausdruck sind bei Pferden kongruent (deckungsgleich). Das Pferd bleibt sich dadurch treu, ist authentisch und der Mensch erhält immer sehr klare Signale.

Wir Menschen drücken uns oft unklar und doppeldeutig aus. Taktgefühl, diplomatisches Geschick, aber auch Verlogenheit, Angst vor Zurückweisung und Strafe und Mangel an Selbstvertrauen sind mögliche Ursachen. Da für Pferde dieses Verhalten unverständlich ist, bedeutet die Begegnung mit ihnen für uns , zurückzufinden zu Klarheit, Authentizität und Kongruenz. Ich kann lernen, meine Absichten klar nach außen sichtbar zu machen. Auch mentale Einstellungen (Glaubenssätze) und Gefühle kann mir das Pferd klar widerspiegeln.

Als Flucht- und Beutetier braucht das Pferd seine hoch entwickelten Sinne zum Überleben und es dient dem Menschen dadurch. So kann er sich von alten Begrenzungen lösen, innere Stärken entdecken und so zu neuem Selbstvertrauen finden, um neue Wege zu beschreiten. (Aus Psychotherapeutisches Reiten, Isar-Amper-Klinikum München Ost, Dr. Michaela Scheidhacker; aus Skripten von Dr. Anette Gomolla, Institut für pferdegestützte Therapie, Konstanz IPTh; aus „Persönlichkeitstraining mit Pferden”, das Praxisbuch, Susanne E. Schwaiger.)

In meiner pferdegestützten Arbeit offenbart mir mein Pferdepartner immer wieder Ressourcen des Klienten und beeindruckt mich mit „intuitivem“ Handeln. Und oft denke ich nach einer Einheit, dass das Pferd durch sein herausragendes Gespür für Bedürftigkeiten und Tagesqualität des Klienten ein gutes Stück des Weges bestimmt hat.

Auch fällt mir immer wieder auf, dass bereits erste Kontaktaufnahmen, also Berühren und Streicheln des Pferdes, mit inneren Hindernissen verbunden sein können. So ist es naheliegend, dem Klienten bei der Pferdepflege die Möglichkeit des Vertrauens- und Beziehungsaufbaus zu bieten.

Das Pferd kann – und das ist in meiner ganzheitlich-psychologisch geprägten therapeutischen Arbeit absolut erwünscht – eine Beziehungsbrücke bauen. Idealerweise kommt der Klient über die Berührung des Pferdekörpers sich selbst und vor allem seiner eigenen Körperlichkeit näher, um dann Kontakt aufzunehmen zur eigenen Bedürftigkeit, zur eigenen Gefühlswelt, zum eigenen Inneren.

Das Pferd ist völlig frei von äußeren Bewertungsschemata. So fällt es dem „Kontaktscheuen“ oft leichter, zu einem Tier Nähe zuzulassen. Wird nun ein Heilungsprozess angebahnt, so kann im Verlauf durchaus auch ein vertrauensvoller Kontakt zum Therapeuten entstehen. Dieser Aspekt ist wohl einer der bedeutendsten und macht den großen Wert von tiergestützten Therapien deutlich.

2012-03-Pferd5Angewandte Methoden und Aktivitäten

Grundsätzlich kann ich alle Aktivitäten rund ums Pferd zum Einsatz bringen. Beobachten von freilaufenden Pferden, Betrachten eines Einzelnen, Stallarbeiten oder auch Pferdepflege, Reiten in allen Gangarten (mit Therapiegurt ganz ohne oder mit Sattel), Führen des Pferdes, Bodenarbeit, Freiarbeit im Round Pen, Kutschefahren, Arbeit am Pferd mit Therapiematerial wie Schleifen und Körpermalfarben bis hin zu Galoppieren mit Halsring.

Begegnungsmöglichkeiten gibt es sehr viele und daher mache ich die Auswahl abhängig von der Auftragsklärung mit dem Klienten, von den räumlichen Möglichkeiten, vom vorhandenen Equipment und natürlich von der Ausbildung meines Therapiepferdes.

In der Persönlichkeitsentwicklung mit Erwachsenen fließen immer im Folgenden genannte Methoden bzw. therapeutische „Tools“ mit ein: Meine Grundhaltung dem Klienten gegenüber entspricht dem humanistischen Menschenbild. Dazu gehört die Klientenzentrierte Gesprächsführung nach Carl C. Rogers mit aktivem Zuhören.

Unabdingbar für meine Arbeit sind auch die Wirkungsweisen – sitzend oder liegend auf dem Pferd:

  • Die Wärme des Pferdes dringt durch die „inneren Barrieren“ 
  • Bewegungsimpulse und Schwingungen werden auf den ganzen Körper übertragen, „Erwachen und Lebendigkeit“ können sich ausbreiten
  • Koordination von rechter und linker Gehirnhälfte kann eine „Harmonisierung von Kreativität, Intuition und Phantasie“ (auf der einen Seite) und „Verstand, Umsetzung und Klarheit“ (auf der anderen Seite) bewirken
  • Gleichgewichtsschulung, im Gegensatz zu „Ich stehe gerade neben mir“ oder „Mir zieht es den Boden unter den Füßen weg“
  • Rumpfbalance und Tonusregulierung kann der „inneren Aufrichtung“ dienen
  • Extension, Flexion, Rotation, Ab- und Aduktion des Beckens zur Entwicklung des „Zentriertwerdens“ und „Kräftigung der Mitte“
  • Großflächiger Körperkontakt, „Berührung eigener Bedürfnisse und Gefühle“

Zusätzlich nutze ich Regression, Pferd das als Spiegel und Projektionsfläche, Phantasiereisen, Progressive Muskelentspannung, Ressourcenaktivierung mit öffnenden Glaubenssätzen und Reflektion des Geschehens. Der Erstkontakt zum Klienten findet häufig per Telefon statt. Es folgt ein persönliches Treffen mit dem Ausfüllen eines Eingangsfragebogens mit persönlichen Daten, Abklärung von aktuellen Beschwerden und Belastungen (auch eventuell ärztliche Erlaubnis zum Reiten einholen), Vorerfahrungen mit Pferden, Motivation und Auftragsklärung. Bereits zu diesem Zeitpunkt wird oft klar, welches Pferd für den Klienten zum Einsatz kommt.

Auswahl des Therapiepferdes

2012-03-Pferd6Ich erlebe oft Klienten mit erheblichen beruflichen und familiären Belastungen, bei denen im Vordergrund ein „Ich funktioniere nur noch, ohne Freude“ steht und die sich ein starkes, freundliches Pferd wünschen, um getragen zu werden, um sich zu entspannen und um wieder kindliche Freude zu erfahren.

Darius ist ein Süddeutsches Kaltblut, 7 Jahre alt und 8oo kg schwer. Er ist in Dressur klassisch englisch ausgebildet, kennt Bodenarbeit, Langzügel und Doppellonge und wird im Zweispänner gefahren. Darius ist als Kaltblut keineswegs „kalt“. Er fordert eine klare Führung, Entschlossenheit, Gelassenheit und Verbundenheit, eben Führungskompetenzen. Darius wirkt auf viele Menschen stabil, in sich ruhend und vertrauensvoll und lädt dadurch zum „Anlehnen“ ein, was für das Pferd auch in Ordnung ist, solange es die Führung durch den Therapeuten erhält.

Dokumentierte Fallbeispiele

Ich treffe mich mit meiner Klientin zur zweiten Einheit. Die Begrüßung mit ihr empfinde ich natürlich und herzlich. Auf die Frage, was sie „mitgebracht“ hat, antwortet sie: „Ich kann es kaum erwarten, freu mich so!“ (der strahlende Gesichtsausdruck passt dazu). Darius steht angebunden am Putzplatz, und Karin (Name geändert) gibt sich der Begrüßung hin.

Sie lässt sich nicht nur beschnuppern, sondern auch beknabbern. „Magst du das?“, frage ich sie. „Ach ja, wenn er das so will“ und sie zuckt mit den Schultern. In dem Moment zwickt Darius Karin in die Brust. Sie erschrickt, erstarrt kurz und macht, als wäre nichts geschehen, mit der Begrüßung weiter. Ich bitte sie einen Schritt zur Seite zu gehen und frage, ob es wehtut. Sie sagt, ja und ich meine eine Traurigkeit wahrzunehmen. „Ist das in Ordnung, dass er dich gezwickt hat?“ Karin senkt den Kopf und erwidert: „Nein, es tut sehr weh!“ „Was hat dich veranlasst, ihn trotzdem weiter zu streicheln?“ Sie denkt nach ...

Ich erkläre ihr, dass Darius nicht zwicken darf und sie ihm das auch klar und eindeutig sagen darf. Scheu und fast gebückt steht sie vor ihm und sagt: „Ich will nicht, dass du mich beißt!“ Sie merkt selbst, dass das nicht eindeutig und bestimmt war und bleibt nachdenklich. In diese gedrückte Stimmung hinein frage ich: „Was geht gerade in dir vor?“ „Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich zu ihm gesagt habe, er darf mich nicht beißen.“ Auf meine Frage, ob sie solche Situationen auch aus anderen Lebensbereichen kennt, antwortet sie: „Ja, natürlich (es klingt zornig), mit meiner Chefin, da kann ich auch nicht Nein sagen, wenn ich mal wieder Überstunden machen soll.“ „Wie kann dir das Pferd dabei helfen, für solche Gespräche mit deiner Chefin gewappnet zu sein?“ „Gerade hat er mir geholfen. Ich will ihn jetzt putzen und mich dann von ihm tragen lassen.“

Bevor Klientin Karin aufs Pferd steigt, leite ich sie an, eine Fußsohlenerdungsübung zu machen, um die innere Unruhe zu reduzieren. Wir gehen ein paar Runden auf dem Außenplatz. Karin genießt sichtlich die Natur und ihr entspannter Gesichtsausdruck lässt mich eine unbeschwerte Stimmung vermuten.

2012-03-Pferd7Auch Darius wirkt entspannt, sodass die Klientin nun aufsteigen kann. Das Pferd ist mit einem Therapiegurt mit Haltegriffen ausgestattet, sodass sich Sicherheit einstellen kann. Karins anfängliche Entspannung und aufrechte Haltung verändert sich; ich reflektiere ihr meine Wahrnehmung und sie erzählt einiges über ihre belastenden Situationen.

Da mir wichtig ist, dass die Klientin im Hier und Jetzt bleibt und sich wieder mehr von den Problemen weg, zu sich und ihrem Körper hin besinnt, erkläre ich ihr kurz die Progressive Muskelentspannung (PME) und leite sie an ...

„Balle die rechte Hand zur Faust und halten ... halten ... halten ... und loooslassen, spüre nach ... (das Gleiche noch mal). Balle die linke Hand zur Faust und halten ... halten ... halten ... und loooslassen, spüre nach ... merke den Unterschied (das Gleiche noch mal). Spüre, wie sich die Entspannung ausbreitet“.

Es folgt PME mit Schultern, Gesichtsmuskeln, Gesäß und Wadenmuskeln. Im Schulterbereich leite ich sie an, das Loslassen mit einer bewussten Ausatmung zu unterstützen. Da sich die Klientin in den Übungen bald sicher fühlt, führe ich das Pferd im Schritt, sodass alle Wirkungsweisen zum Tragen kommen.

Durch diese aktive Entspannungstechnik möchte ich erreichen, dass Karin Abstand nehmen kann von ihren Problemen, sich zentriert, sich spürt und dadurch Kraft behalten lernt, um sich zu einem späteren Zeitpunkt wieder gestärkt und regeneriert den Problemlösungen widmen zu können.

Abschließend frage ich sie, ob ihr Rücken eine besondere Stärkung braucht. Ihr fällt die Wohlfühlfarbenübung von der ersten Einheit ein und ich leite sie an, eine ihr angenehme Farbe in den Rücken und die Wirbelsäule entlang, fließen zu lassen. Der Bauch „wollte“ dann auch noch eine Farbe. „Wie fühlst du dich jetzt?“ „Frei und leicht, ich könnte fliegen!“ und sie breitet spontan ihre Arme aus, schaut in die Natur und ich fühle mich sehr motiviert, sie noch ein paar Runden zu führen, um sie diese Empfindungen noch weiter genießen zu lassen.

Ich halte an und frage, was sie noch tun möchte. „Absteigen und mich anlehnen!“ Daraufhin lasse ich sie ihre Füße kreisen und aus den Fußsohlen „Wurzeln wachsen“. Darius steht ruhig und Karin lehnt auf Schulterhöhe an ihm, kurz, vielleicht zehn Sekunden, dann wendet sie sich ab zum Gehen. Ich lasse dies unreflektiert und folge ihr.

Zum Reflektieren gebe ich ihr ein Blatt Papier und sie malt ihr berührendstes Erlebnis. Zum Bild erklärt sie mir, lernen zu wollen, zur Chefin nein zu sagen. „Was hält dich davon ab, nein zu sagen?“ „Dann bin ich ja nicht mehr gut ... vielleicht mag sie mich dann nicht mehr.“ „Bist du deshalb immer nett?“, frage ich provozierend. „Hmm ..., ja vielleicht.“

Meine Klientin hat ihrem Bild den Titel Nein gegeben, sodass ich ihr die Ermutigung auf den Weg gebe: „Du hast deinem Bild den Titel Nein gegeben, heißt das, dass du auf einem guten Weg bist, eigene Bedürfnisse zu erkennen?“ „Ja, aber das Reden darüber fällt mir schwer.“ „Was nimmst du von der heutigen Einheit mit nach Hause, was dir dabei helfen kann?“ „Das Gefühl der Freiheit und das Fliegen auf Darius und natürlich mein Bild.“

Nach der Verabschiedung reflektiere ich für mich eigene Unsicherheiten. Wie viel Erklärung über Glaubenssätze darf ich geben, ohne den Prozess, der gerade in Gang gekommen ist, zu stören? Kann die Ressourcenaktivierung dabei im Vordergrund bleiben? Dann erinnere ich mich wieder, dass jeder Klient seinen Weg letztendlich selbst bestimmt, und folge meiner inneren Stimme, die sagt „Trust the Process“.

Beim nächsten Treffen zur dritten Einheit möchte ich vermeiden, dass Karin viel Unruhe zum Pferd bringt und lade sie deshalb ein, sich auf das Treffen mit Darius vorzubereiten. „Stell dir vor, du triffst dich mit einem guten Freund, wie möchtest du auf ihn wirken?“ „Fröhlich, bestimmt, interessant!“ Ich leite sie zur bekannten Fußsohlenerdungsübung an. „Und nun führe deine Hände zum Nabel und atme dorthin, in deine Mitte, fülle sie aus mit deinem Atem und spüre, wie alles pulsiert und strömt ... denke an fröhlich ... bestimmt ... interessant ... stell dir vor, wie sich diese Eigenschaften im ganzen Körper mit jedem Atemzug immer mehr ausbreiten“. Karin steht schulterbreit und macht einen entspannten, aufrechten Eindruck.

Die Frage, ob sie bereit ist zum Pferd zu gehen, bejaht sie und macht die Augen auf. Die Begrüßung zwischen Pferd und Klientin läuft diesmal runder und langsamer ab. (Im Gegensatz zu den oft hektischen und schnellen Bewegungen früherer Begegnungen). Ich schildere meine Wahrnehmung und Karin erzählt vom eigenen Reflektieren zuhause: Ihr fällt es oft schwer, eine schöne Begegnung zu genießen und vor allem, etwas langsam zu tun.

Ich frage sie: „Wer treibt dich an?“ „Das weiß ich nicht genau, wer mich am Genießen hindert.“ Sanft sage ich zu ihr: „Darius scheint deine Langsamkeit zu genießen, es geht ihm gut dabei.” Es folgen Entspannungsübungen auf dem Pferd, Phantasiereise mit „Verankerung“ von Bildern und Empfindungen durch Gestik.

Die abschließende Reflektion hebt noch mal die entdeckten einschränkenden Glaubenssätze „Ich muss alles schnell machen“ und „Ich darf nicht genießen“ hervor. Auch werden angenehme und stärkende Erlebnisse vom Setting wiedererinnert, um der Klientin Ressourcen mit nach Hause zu geben.

Zur nächsten Einheit nehme ich mir vor, das Thema „Langsamkeit“ noch mal aufzugreifen. Hier eine Sequenz daraus: Darius steht entspannt am Putzplatz. Ich leite die Klientin an, mit beiden Händen an der Seite des Pferdes, Kontakt aufzunehmen und die Füße am Boden zu spüren. „Nun streiche langsam mit den Handflächen über seinen Körper.“ Um ihre anfänglich verspannten und etwas steifen Bewegungen zu „entkrampfen“, atme ich mit ihr zusammen im ruhigen Rhythmus. „Was passiert in dir, wenn du dich so langsam bewegst?“ „Ich halte es kaum aus ... es ängstigt mich ... gut, dass Darius so stark ist.“ „Beschützt er dich?“ Sie antwortet leise und sachte mit ja. „Ist es gefährlich, langsam zu sein?“, frage ich behutsam und schaue sie dabei an. Karin erwidert den Blick. „Das ist wie so ein innerer Drang, immer alles schnell machen zu müssen ... das ist doch so ein Glaubenssatz, oder?“ Ich bejahe dies.

2012-03-Pferd8Nach einer kurzen Stille lenke ich die Aufmerksamkeit wieder auf das Pferd. Es folgt eine Putzsequenz und geführtes Reiten auf dem Außenplatz. Nach einer Gleichgewichtsübung erhält Karin mit einer Phantasiereise die Möglichkeit, das Innere Kind zu spüren. Ich vermute, dass das Passiv- Bewegtwerden und die Pferdewärme in Kombination mit den gesprochenen Worten, eine innere Veränderung bewirken. Im Außen zu sehen ist ein aufgerichteter, losgelassener Sitz im guten Gleichgewicht. Mit entspanntem Gesichtsausdruck. Nach der abschließenden Reflexion und Verabschiedung habe ich den Eindruck, dass eine heitere und gelöste Klientin in das Auto steigt.

Eine andere Klientin, nennen wir sie Bea, erlebt zu Beginn der Einheit ein liegendes und dösendes Pferd. Bea freut sich zuerst und streichelt es. das Pferd macht keine Anstalten, aufzustehen. „Wie geht es dir damit?“, frage ich. „Eigentlich toll, dass er das einfach so genießt.“ „Wie wäre das für dich, wenn er die ganze nächste Stunde liegen bleiben würde?“ „Ja, das wäre blöd, dann könnte ich nicht reiten!“

Der Klientin fällt ein, dass ihr Mann am Wochenende auch immer morgens liegen bleibt und sie sich mal wieder alleine um die Kinder kümmern muss. Und schon haben wir das Thema für dieses Setting. Ich gestalte die Einheit mit bewährten Methoden, sodass Bea mit entdeckten und empfundenen weiblichen Eigenschaften, einem gestärkten Körper und mit dem „umgedachten“ Glaubenssatz „Ich darf meinen Mann um Unterstützung bitten“ nach Hause geht.

Resümee und Schlussgedanken

Die Antwort auf die Eingangsfrage lautet eindeutig ja! Es ist möglich, mit pferdegestützter Therapie Glaubenssätze zu erkennen!

Der Umfang und die Intensität der jeweiligen Bewusstwerdung sind sicherlich von Klient zu Klient sehr unterschiedlich und von mehreren Faktoren abhängig: Wie hoch ist die innere Bereitschaft, Verhaltens- und Denkweisen zu verändern? Wie groß ist die Motivation, dieses in der Begegnung mit dem Pferd zu erreichen? Kann die Beziehung Klient-Therapeut-Pferd als vertrauensfördernde und stabile Grundlage einen gesunden Entwicklungsprozess in Gang bringen und zielorientiert verfolgen? Selbst, wenn alle Fragen positiv beantwortet werden, hat die pferdegestützte Therapie Grenzen. Ressourcenorientierung und Schutz von Pferd und Klient steht im Vordergrund. Sobald es an tiefe emotionale Schichten und Verstrickungen geht und starke Gefühle zum Ausdruck kommen wollen, brauchen die Klienten zusätzliche Interventionen ohne Pferd. Spätestens dann wird deutlich, dass Reittherapie zu den unterstützenden Therapieformen zählt.

Zum Schluss möchte ich mich bei den Lesern ganz herzlich für das Interesse bedanken. Und vielleicht habe ich ja bei einigen die Neugierde geweckt, diese Art der Begegnung und Entdeckung einmal auszuprobieren.

Ruth Maria Wenzl Ruth Maria Wenzl
Heilpraktikerin für Psychotherapie, Pferdewirtin/Bereiterin (FN), Reittherapeutin (IPTh), Lehrerin für Autogenes Training und Progressive Muskelentspannung. Langjährige Tätigkeit in der psychiatrischen Krankenpflege.
83547 Babensham
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