Reise in die „Vergangenheit“

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Erinnerungstherapie mit hochbetagten und dementen Menschen

Die Vergangenheit alter Menschen ist nicht selten durch Armut, Vertreibung, Kriegswirren, harte Arbeit und Verluste geprägt. Und als ob das Leben nicht schwer genug war, im Alter muss sich der Mensch verstärkt mit Krankheit, dem Verlust von Fähigkeiten, dem Tod von Freunden, Verwandten und eventuell des Partners auseinandersetzen. Manchmal verliert er sogar sein Zuhause, in dem er lange Zeit seines Lebens verbrachte, und ist gefordert, sich in einem Seniorenheim mit unbekannter Umgebung und neuen Menschen anzupassen.

Fragen nach dem Sinn beantworten

Die letzten Jahre im hohen Alter sind für die meisten Menschen schwer. Viele sind mit ihren Ängsten und Gedanken allein und suchen für sich nach Antworten:

2012-03-Vergangen2„Welchen Sinn hatte mein Dasein?“

„Habe ich die Chancen in meinem Leben ergriffen, die sich boten?“

„Weshalb musste ich so Vieles erleiden?“

„Welche Bedeutung hatte ich für andere Menschen oder habe sie heute?“

„Handelte ich damals in bestimmten Situationen richtig?“

Dabei glauben alte Menschen häufig, dass sie kaum jemand wirklich verstehen kann, um diese Lebensgedanken auszutauschen. Vielleicht gibt es wirklich kein Gegenüber, mit dem der hilfebedürftige alte Mensch die Ängste, Zweifel und Fragen teilen könnte. Des Weiteren sind es Einschränkungen in der Kommunikationsfähigkeit, die den Ausdruck behindern und zusammen rufen die Faktoren nicht selten Verbitterung, Rückzug und Resignation hervor, durch die der alte Mensch in die Einsamkeit gerät.

Personen, die an einer Demenz leiden, werden besonders häufig mit der Suche nach dem Sinn ihres Daseins allein gelassen. Dabei sind die Fragen die gleichen und eine Begleitung der Umwelt wird besonders wichtig, um den dementen Menschen zu verstehen und ihm zu helfen, das Schicksal anzunehmen und sein „inneres Zuhause“ zu finden.

Mittels der Gestaltung lebendiger Lebenserinnerungen kann es selbst mit dementen Menschen gelingen, Freuden zu teilen, Gefühle und innere Bilder wiederzubeleben und den Antworten auf die anfangs gestellten Lebensfragen näherzukommen.

Biografiearbeit bildet die Grundlage für Erinnerungstherapie

Grundlage der Erinnerungstherapie bildet die Biografiearbeit, denn nur durch das Kennenlernen der Lebensgeschichte hochbetagter und dementer Menschen können diese individuell erreicht werden und mittels gezielter Wiederbelebung von Lebenserinnerungen eine heilsame Integration von Erlebnissen und Lebensrealitäten erhalten.

Von dem Verfall des Gedächtnisses sind bei vielen Dementen zunächst aktuelle Daten betroffen. Der demenzerkrankte Mensch kann z. B. Anekdoten aus der Schulzeit präzise beschreiben, doch er vergisst, wer ihn am Morgen besucht hat. Im Langzeit- bzw. Altzeitgedächtnis befinden sich Daten aus unserer Kindheit, Jugend, dem Erwachsenenalter. Gerade mit Emotionen verbundene Erinnerungen graben sich tief ins Gedächtnis ein und werden nicht so schnell zerstört wie vom Gehirn aktuell aufgenommene Daten. Das bedeutet auch, dass traumatische Ereignisse ungehindert und mit grausamer Intensität im Gedächtnis des Dementen auftauchen können, das das „Ich und seine Abwehrmechanismen“ ebenfalls vom kognitiven Verfall betroffen sind.

Bei der Demenzerkrankung, insbesondere der des Alzheimer-Typs, geht das Erinnerungsvermögen immer weiter zurück, bis der demente Mensch schließlich in der frühen Kindheit ankommt. Manchmal scheinen Verbesserungen aufzutreten, nur sind dieses vorübergehende, kurze Augenblicke.

Praxis der Erinnerungstherapie

In der Erinnerungstherapie werden über äußere Auslöser wie Erinnerungsgegenstände, Gedichte, Klänge, Lieder, Fotos, tastbares Material, Gerüche und Geschmack längst verblasste Erinnerungen wieder belebt. Anhand der Einbeziehung der Sinneswahrnehmung werden tiefere Ebenen unseres Gehirns reaktiviert und damit auch die dort angeknüpften Emotionen und Erinnerungen. Auf einmal können wir beobachten, wie alte Menschen beginnen aktiv zu werden, Interesse zu zeigen und sich zu bewegen, was wir sonst kaum noch von der Person erwarten konnten.

Schöne Erinnerungen finden genauso wie unverarbeitete Erlebnisse einen Ausdruck und können durch die wertschätzende, tröstende und stützende Haltung des Therapeuten/ der Therapeutin geteilt und aufgefangen werden. Nur was zum Ausdruck gelangt, kann integriert werden, und wenn Emotionen „Gehör“ finden, ist dieses ein heilender Prozess für den alten und dementen Menschen. Gefühle und Gedanken, die unerkannt bleiben, fördern Verhaltensauffälligkeiten und seelische Bedrängnis des alten Menschen.

Wenn schwere Kommunikationsstörungen, z. B. bei fortgeschrittener Demenz, bestehen, müssen Therapeuten/Therapeutinnen eine gute Beobachtungsgabe mitbringen und die Reaktionen des Menschen genau betrachten, diese spiegeln und sich einfühlen.

Fallbeispiel

2012-03-Vergangen3Frieda Winter (Name geändert) teilt das Schicksal vieler alter Menschen: 1918 geboren, ist sie in Armut aufgewachsen. Mit sechs Jahren verlor sie die Mutter während der Geburt eines weiteren Geschwisterkindes. Als Älteste in der Geschwisterreihe war die Kindheit von harter Arbeit geprägt, die Folgen des Krieges waren, neben der Armut, der Verlust ihrer ersten Liebe, die im Russlandkrieg gefallen ist, und schließlich der frühe Verlust ihres Mannes, der an den Folgen einer Kriegsverletzung starb. Zwei kleine Kinder musste sie allein durchbringen und heiratete erst spät wieder. Von ihrem Ehemann nahm sie vor einigen Jahren nach langer Pflegebedürftigkeit Abschied. Er verstarb nachts im Schlafzimmer daheim, neben ihr. Sie hatte gerade eine komplizierte Darmkrebsoperation überwunden und musste sich mit den physischen und seelischen Folgen eines künstlichen Darmausgangs auseinandersetzen. Zu diesem Zeitpunkt wurde noch eine Makuladegeneration festgestellt, durch die sie heute schwer sehbehindert ist.

Das hohe Alter ist für schwere Schicksale besonders anfällig und das in einer Lebensphase, in der die Kräfte nachlassen. Doch auch in dieser Phase können Angehörige und Pflegekräfte Freude schenken und gleichzeitig selbst Reichtum erfahren. Wenn wir uns auf den alten Menschen einlassen, mit lebendig gestalteten Erinnerungen, werden wir diese Erfahrung machen.

Um Frau Winter in diesem Schicksal aufzufangen, müssen Lebenserfahrungen und Gewohnheiten Berücksichtigung finden. So werden die therapeutischen Gespräche innerhalb einer erinnerungsaktivierenden Atmosphäre geplant. Hier ist sie umgeben von Gegenständen, die etwas aus ihrem Leben erzählen. Angehörige stellten ein altes Kaffeeservice zur Verfügung, das sie zur Hochzeit mit ihrem ersten Mann geschenkt bekommen hatte. Lebenserinnerungen an die gemeinsamen Augenblicke werden wach, auch Trauer taucht auf und wird von der Therapeutin durch aktives Zuhören und Trostspenden begleitet. Zudem findet das Gefühl in einem Lied Ausdruck: „Kein schöner Land in dieser Zeit ...“, das die Therapeutin mit ihr singt und auf der Gitarre begleitet. Zu den Tränen in den Augen mischt sich ein Lächeln, nun erinnert sie sich an Zeiten der Feldarbeit, bei der sie oft gemeinsam mit den anderen Frauen dieses Lied sang.

2012-03-Vergangen4Zeit für eine gemeinsame Tasse Kaffee und ein Stück altbekannten Marmorkuchen. Die kleinen Freuden des Alters werden direkt in das therapeutische Setting eingebunden. Frau Winter soll ein schönes Erlebnis vermittelt werden, das sich mit heilsamen Gesprächen mischt. Ihr Blick wendet sich zur Kaffeemühle, so eine hatte sie früher. Sie kann die Mühle kaum noch sehen, also ist es besser, sie in die Hand zu nehmen und die frisch gemahlenen Kaffeebohnen zu riechen.

Sie sieht innere Bilder ihrer Mutter, dabei konnte sie sich doch kaum noch an sie erinnern! Ja, die Mutter hat nur sonntags Kaffee gemahlen. Ihre Kaffeemühle hatte sie auf einer hiesigen bekannten Kirmis gekauft. Hier war Frau Winter später auch noch oft mit ihren Kindern und ihrem Mann.

Die Therapeutin bereitet innerlich schon die nächste Stunde vor. Sie wird ein Riesenrad aus Blech mitbringen und ein Kirmisherz, bestimmt tauchen weitere wichtige Lebenserinnerungen auf...

Bettina Papenmeier Bettina Papenmeier
Jg. 1968, Dipl. Sozialpädagogin und Dipl. Sozialarbeiterin mit psychotherapeutischer Zusatzqualifikation, Studienabschluss „Altenbildung“, geprüfte Psychologische Beraterin (VFP),
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