Bericht über ein Praktikum

2012-03-Praktikum1

Marina Niesen: Bericht über ein Praktikum im Bereich Psychologische Berater/Heilpraktiker für Psychotherapie Paracelsus Schule Aachen 17.9.2011 bis 26.3.2012

Praktikumsleitung: Eva Werner

fotolia©Dmitrijes DmitrijevsVor eineinhalb Jahren lernte ich virtuell ein Ehepaar aus Russland kennen: Mann (P), 62 Jahre und Frau (I) 59 Jahre. Beide sind Informatiker und bereits pensioniert. Ich verspürte ein großes Bedürfnis ihrerseits, über ihr Leben zu berichten. Die Gespräche (per Skype) führte ich vor allem mit P.

Vor einem guten Jahr erfuhr ich von I, dass P wegen eines Schlaganfalls im Krankenhaus lag. Nach seiner Entlassung begegneten wir uns wieder virtuell. Trotz seiner Beeinträchtigung hatte P viel Optimismus und Lebenslust. Ich verspürte eine vertrauensvolle Zuneigung von P und bot ihm an, im Rahmen meines Praktikumsprojektes eine Stunde pro Woche für ihn gesprächstherapeutisch da zu sein. Unsere Sitzungen gestaltete ich nach der humanistischen klientenzentrierten Gesprächstherapiemethode von Carl R. Rogers und fasse sie in diesem Bericht zusammen.

Theoretisch-methodische Grundlagen

Die klientenzentrierte Orientierung ist eine sich ständig weiterentwickelnde Form der zwischenmenschlichen Beziehung, die Wachstum, Entwicklung und Veränderung des Individuums fördert. Sie geht von der Grundhypothese aus, dass jedem Menschen ein Wachstumspotenzial zu eigen ist, das in der Beziehung zu einer Einzelperson (einem Therapeuten) freigesetzt werden kann. Das Einzigartige dieser therapeutischen Richtung besteht darin, dass ihr Schwerpunkt mehr auf dem Prozess der Beziehung selbst als auf den Symptomen oder ihrer Behandlung liegt. Es zeigte sich, dass diese therapeutische Methode auf alle Bereiche zwischenmenschlicher Beziehungen anwendbar ist, wo das gesunde psychologische Wachstum des Individuums angestrebt wird (vgl. Freedman, Kaplan, Sadock, 1975, zit. nach Rogers, 1977, S. 15).

Die Arbeitsweise von Gesprächstherapeuten ist nicht im üblichen Sinne durch den Einsatz von Techniken und Werkzeugen zu erklären. Vielmehr begegnet der Therapeut dem Klienten mit einer bestimmten Grundhaltung und macht ein spezifisches Beziehungsangebot.

Für Erfolg der Therapie sind solche Bedingungen wie Echtheit des Therapeuten, das vollständige und bedingungsfreie Akzeptieren des Klienten und ein sensibles und präzises Verstehen des Klienten von Bedeutung. Der Therapeut begegnet dem Klienten in einer Haltung bedingungsfreier Anerkennung, Empathie und Kongruenz (vgl. Rogers, 1978; Freedman, Kaplan, Sadock, 1975, zit. nach Rogers, 1977).

Der Therapeut beschränkt sich auf das aktive Zuhören. Er strukturiert den therapeutischen Prozess nicht durch Fragen und schlägt keine Interventionen vor. Er analysiert den Klienten nicht, noch kommentiert er dessen Verhalten. Der Therapeut belehrt oder tröstet nicht und redet nicht über seine eigenen Erfahrungen. Hier geht es eher um eine Haltung als um eine Technik, wobei solche technischen Aspekte wie zugewandte, offene Körperhaltung, Blickkontakt signalisieren, dass man zuhört und Paraphrasieren des Gehörten wichtig ist (vgl. Rogers, 1978).

Therapeutisches Vorgehen

Nachdem ich eine umfangreiche Anamnese von P erhoben hatte, fragte ich ihn nach Medikamenten, die er nimmt. Aufgrund dieser Information ließ ich mich von Dietmar Horn, Dozent an der Paracelsus Schule Aachen, beraten, was ich bei dem weiteren Vorgehen der Therapie zu berücksichtigen habe.

Im nächsten Schritt arbeitete ich mit P seine Ziele aus:

  1. auf Alkohol verzichten
  2. mehr draußen sein
  3. ins Kino und ins Theater gehen
  4. gesunden Lebensstil führen und mehr auf die Gesundheit achten
  5. mehr kooperative Kontakte mit Kollegen entwickeln
  6. sich aktiv zusammen mit I an der Haushaltsarbeit beteiligen

Dabei paraphrasierte ich den Inhalt jedes Punktes und klärte mit P, was genau unter jedem Punkt zu verstehen ist. An diesen Zielen arbeiteten wir gemeinsam bei unseren Sitzungen. Mit der Erlaubnis von P beteiligte sich seine Frau an einigen Sitzungen, was uns wesentlich unterstützt hat.

Darüber hinaus hatte P das Bedürfnis, mir über seine Kindheit und Jugendjahre und seine verstorbenen Eltern zu berichten. Gerne thematisierte er seine Exfrau mit den gemeinsamen zwei Töchtern und seine Schwester mit ihrer Familie (Ehemann, Sohn mit Frau und Enkelkind), die in den 1990er Jahren ausgewandert sind und die er sehr vermisst. Des Weiteren berichtete mir P über die Verwandtschaft von I. Außerdem begleitete ich P in der Zeit seiner Nachbehandlung des Schlaganfalls an der Tagesklinik und während eines andauernden Gerichtsprozesses. (Es ging um einen Wasserschaden, der von Nachbarn verursacht worden war, die ihn aber nicht zahlen wollten.) Um bereits unternommene Schritte zu analysieren und das nächste Vorgehen zu planen, dokumentierte ich den Inhalt der Therapiestunden in einem selbst entwickelten Bogen (Spalten: Datum, Uhrzeit, Vorbereitung, Therapie (Inhalt), Nachbereitung) und ließ mich gelegentlich von den Dozenten der Paracelsus Schule Aachen beraten.

Evaluation

Ich diskutierte mit P, inwieweit er seine Ziele erreicht hat: P ist es gelungen, auf Alkohol zu verzichten, er gestaltet seine Freizeit sinnvoll, indem er interessante Fernsehsendungen guckt und seine Freundschaften und Kontakte mit Angehörigen pflegt. P beteiligt sich aktiv im Haushalt. Seine Beziehung mit I hat sich wesentlich verbessert. Dazu entwickelt und pflegt er neue Kontakte mit Kollegen (online) und fand einen Job. Allerdings gelang ihm nicht, so viel Zeit draußen zu verbringen, wie er wollte, weil seine Beine wehtun. P hat sich mehrmals nach unseren Sitzungen bei mir bedankt und fühlte sich bei der Therapie sehr gut aufgehoben.

Für mich war es eine erste, sehr interessante Erfahrung der Therapie online. (Vorteil: Kommunikation ist über sehr weite Entfernungen möglich bei sehr schneller Erreichbarkeit. Nachteil: Ich konnte nur den Oberkörper und das Gesicht des Klienten sehen und nicht die ganze Körperhaltung sowie den Geruch wahrnehmen. So konnte ich nicht bemerken, ob P Alkohol getrunken hatte).

Innerhalb dieses Praktikums habe ich 40 Sitzungen (je 60 Min.) mit P per Skype durchgeführt, die ich nach jeder Sitzung dokumentiert habe (15 Stunden). 25 Stunden verbrachte ich mit der Vor- und Nachbereitung: Erstellung des Anamnesebogens, Gespräche mit den Angehörigen, Erforschung über die Medikamente sowie Beratung bei Dozenten und Studierenden der Paracelsus Schule.

Literatur:

  • Rogers, C. R. (1978). Die Kraft des Guten. Ein Appell zur Selbstverwirklichung. Kindler Verlag GmbH, München
  • Rogers, C. R. (1977). Therapeut und Klient. Grundlagen der Gesprächspsychotherapie. Kindler Verlag GmbH, München