Die Landschaft als Spiegel der Seele

"Ist der Tag auch trüb und grau, wenn ich male, erscheint am Himmel ein Stückchen Blau."

(Liselotte Koller, MS-Betroffene aus München)

In den 17 Jahren kunsttherapeutischer Arbeit mit MS-Betroffenen hat mich das Thema "Innere und äußere Landschaften" ständig begleitet und ist zu einem methodischen Schwerpunkt meiner Arbeit mit MS-Betroffenen geworden. Im folgenden Artikel möchte ich diesen methodischen Ansatz aus der Kunsttherapie vorstellen.

Die Landschaft in ihrer Gesamtheit hat Menschen schon immer in ihren Bann gezogen. In der Entwicklung der Mensch-heit wurden von ihr Kulturen geprägt, aber Kulturen prägten ebenso die Land-schaft. Ein Miteinander und gegenseitiges Befruchten war eine lange Zeit die Basis menschlichen Seins. Doch als der Mensch erkannte, dass man die Landschaft auch benutzen kann, legte er Hand an und vieles wurde und wird zerstört. Die Land-schaft hat häufig ein neues Gesicht bekommen. Der Mensch hat künstliche Grenzen gesetzt, natürliche Grenzen über-schritten, aber er musste auch lernen, unüberwindbare Grenzen zu akzeptieren. Über das Bewusstwerden der Grenzen der äußeren Landschaft können wir Zugang finden zu den Grenzen der inneren Landschaft. Innerhalb der Kunst nimmt die Landschaftsdarstellung einen großen Raum ein. In all ihren Facetten finden wir sie abgebildet. Bereits im 14. Jahrhundert gestalteten italienische Maler Szenen aus dem Alltagsleben der toskanischen Landschaft in kirchlichen Fresken. Leonardo da Vinci hielt 1473 seine erste reine Landschaftsdarstellung in Form einer Federzeichnung fest. Naturgetreu und stimmungsvoll sind die Landschaftsaquarelle Albrecht Dürers. Im 17. Jahrhundert kamen wesentliche neue Anregungen aus den Niederlanden, wo Küsten-, Flusslandschaften und Weidebilder entstanden. Die Romantiker brachten zu Beginn des 19. Jahrhunderts neue Motive in die Landschaftsdarstellung ein, indem sie in stimmungsvollen Bildern Mensch und Landschaft in eine bisher nicht bekannte enge Beziehung setzten. Im Impressionismus kam die Freilichtkunst den Landschaftsmalern im großen Maße zugute. Der Künstler malte die Landschaft direkt in der freien Natur, so wie er sie empfand, wie sie auf ihn wirkte. Seine innere Stimmung, seine innere Landschaft und die äußere Landschaft vereinigten sich im Bild. - Ganz anders gingen schließlich die Expressionisten an die Bildgestaltung der Landschaft heran. An Stelle der Lichtund Farbenspiele der Impressionisten traten menschliche Gefühle, die mit Hilfe der Landschaft ausgedrückt werden sollten. Die Landschaft fungierte nunmehr als Begleiterscheinung menschlichen Geschehens und brachte vielfach die Stimmung ("innere Landschaft") des Künstlers zum Ausdruck.

Die Landschaft in der kunsttherapeutischen Arbeit

Innerhalb der kunsttherapeutischen Arbeit spielen diese landschaftlichen Betrachtungsweisen in den einzelnen Kunstepochen eine wesentliche Rolle. Beim Betrachten landschaftlicher Stimmungen werden innere Stimmungen in uns wachgerufen. Mit ihrer Vielfalt an Stimmungen dringt die äußere Landschaft tief in unsere innere Landschaft ein. Farben und Formen bewegen unser Gemüt und rufen in uns Lust- oder Unlustgefühle hervor. Sie erinnern uns an bestimmte Situationen. So empfinden wir die abendliche Stimmung als angenehm oder wir fühlen uns von ihr bedroht. Gefühle und Empfindungen entstehen. Die Vorliebe für bestimmte Landschafts - formen, Jahreszeiten und Stimmungen ist ein Spiegelbild unserer ureigenen Stimmung. Das bewusste Erleben der äußeren Landschaft führt uns so zur Erkenntnis und zum Bewusstwerden unserer inneren Landschaft. In meinen Therapiegruppen lasse ich oftmals landschaftliche Darstellungen beschreiben. Über die formale Beschreibung werden wichtige Informationen über die Befindlichkeit der einzelnen Teilnehmer ausgesprochen, ohne dass der Einzelne diese direkt preisgeben muss. Über die formale Beschreibung wird auch das Auge geschult, bisher noch nicht Beachtetes wird entdeckt und wieder gesehen: "Seit ich mich mit den Landschaftsdarstellungen beschäftige, gehe ich mit offenen Augen durch die Landschaft. Ich wusste gar nicht, dass eine Wiese so viele Grüntöne besitzt." "Ich habe erst jetzt gemerkt, wie gut mir Berge in einer Landschaft tun. Sie geben mir das Gefühl des Schutzes, einen Halt, den ich brauche." Landschaftliche Stimmungen auf sich wirken zu lassen, um so Zugang zu der eigenen inneren Landschaft zu bekommen, ist ein wesentlicher therapeutischer Schritt zum Thema "Innere und äußere Landschaft." Eine Erweiterung ist die bildliche Darstellung von inneren Landschaften, wobei die äußere Landschaft zu Beginn noch als Ausdrucksmittel dient. "Ich musste einen grauen Himmel malen, das Licht der Sonne kann ich in meiner derzeitigen Situation nicht aufs Blatt bringen", sagte eine depressive Klientin in einer meiner Gruppen zu ihrem Bild. "Das Licht der Sonne bedeutet mir viel, es entspricht meiner positiven Einstellung", äußerte sich eine MS - Betroffene über ihre Gestaltung. Farben und Formen fügen sich im kreativen Prozess also zu einer Landschaft, die in ihrer Gestalt die innere Landschaft zum Ausdruck bringt. In diesem therapeutischen Schritt soll nicht mehr eine Vorlage abgebildet oder nachempfinden werden. Ziel ist es, aus freien Gefühlen heraus eine Landschaft entstehen und wachsen zu lassen. je öfter jemand für den Prozess des Geschehenlassens bereit ist, umso näher kommt er seiner eigenen inneren Landschaft. Die einzelnen Schritte auf diesem Wege sind oft sehr klein. Anfangs wird noch eine Vorlage als Stütze benutzt, die jedoch nach und nach in den Hintergrund treten soll, bis es zur freien Gestaltung von der naturalistischen Darstellung bis hin zur Abstraktion kommt. Durch die intensive Beschäftigung mit Farbe und Form der Landschaft kommen Imaginationen und bildhafte Vorstellungen aus dem Unbewussten an die Oberfläche. In der freien Gestaltung einer Landschaft werden Farben und Formen mit Bedeutungen versehen, die auf die innere Landschaft hinweisen. Wird die Landschaft in ihrer Gesamtheit als therapeutisches Medium in der Kunsttherapie eingesetzt, müssen bestimmte Aspekte einbezogen werden, die ich im Folgenden kurz beschreiben möchte.

Der Weg in der Landschaft

Betrachten wir Landschaftsdarstellungen egal welcher Stilepoche, so erkennen wir immer wieder die wesentliche Rolle des Weges. Er bildet oftmals eine Grenze, aber durch ihn werden auch Grenzen überschritten. Neues kann entdeckt werden, neue Wege tun sich auf. Beim Begehen der Wege werden bestimmte Stationen durchlaufen, vieles wird durch die Darstellung sichtbar gemacht. Unbewusstes taucht oftmals im Bewusstsein auf, wenn bestimmte Wege begangen werden. Einzelne Stationen des Lebens können so mit Hilfe von Farbe und Form sichtbar und greifbar gemacht werden. Innerhalb des gestalterischen Prozesses, beim Begehen von Wegen, mögen Bilder aus der Vergangenheit als Wegstationen auftauchen, die in den zeitlichen Lebensfluss integriert werden können. Die Art und die Qualität des Weges kann von großer Bedeutung sein. Es gibt Wege, deren Beschaffenheit steinig ist und die deshalb schwer zu begehen sind. Bei anderen wiederum ist die Berührung des Bodens leicht und angenehm. Für Patienten, die in ihrer Grob- und Feinmotorik durch eine neurologische Erkrankung oder durch ein Trauma eingeschränkt sind, hat das Begehen von Wegen mit Hilfe gestalterischer Mittel mehrfache Bedeutung. Mittels Farbe und Form wird das möglich gemacht, was in der Realität nur noch in der Fantasie und im Traum erreicht werden kann. Neue Wege können beschritten werden, alte Erinnerungen tauchen auf, neue Ideen treten hinzu. Mit dem Beschreiten auf gestalterischer Ebene kommt es zur Begegnung mit der eigenen Biografie und erlebte Situationen werden wachgerufen. Das im Dunkeln Verborgene kommt dadurch ans Licht und kann aus verschiedenen Perspektiven neu betrachtet werden. Auch Wege in die Zukunft können beschritten werden. Der Weg als Symbol für Bewegung im Leben, als Richtung, Ziel, Halt und Schutz. Der Weg kann aber auch als Symbol für Angst vor dem Unbekannten, Angst vor der Begegnung auf dem Weg, Angst vor der Veränderung gesehen werden. Ein wesentlicher Aspekt innerhalb des Themas "Wege begehen", liegt in der Bedeutung der Bewegung. Wer Wege beschreiten möchte, muss sich bewegen. Durch die Eindrücke, die innerhalb des Prozesses auf den Klienten zukommen, kommt es zu einer inneren Bewegung.

Nähe und Weite

Eine Landschaft bietet bei Betrachtung Nähe und/oder Weite. Die Beschäftigung mit dieser Thematik ermöglicht eine Vielfalt von therapeutischen Ansätzen und bietet auch die Möglichkeit, therapeutische Prozesse in Gang zu setzen. In meiner Betrachtung möchte ich mich zuerst der Nähe zuwenden. Bereits das letzte von mir hier gewählte Wort weist auf eine Empfindung hin. Nähe wird in Verbindung gebracht mit Zuwendung. Das mir Vertraute und Liebenswerte wünsche ich in meiner Nähe. Ein MSBetroffener malt eine Landschaft. Im Vordergrund - in seiner Nähe - gestaltet er sehr detailliert ausgeführt ein Haus. Liebevoll, mit erzählerischem Charakter werden Einzelheiten dargestellt. Die Farbgebung des Hauses ist kräftig und nuancenreich. Die übrige Gestaltung tritt deutlich in den Hintergrund, die Landschaft, in die das Haus eingebettet ist, wirkt schemenhaft, der Hintergrund ist fast nicht erkennbar und in zarten ausgewaschenen Farben ausgeführt. In einer meiner Therapiegruppen hatte ein Klient das Thema Landschaft frei gewählt. Er hatte sich in seiner Vorstellung bereits eine bestimmte landschaftliche Darstellung zurechtgelegt. Während er die Landschaft gestaltete, wirkte er unsicher, was sich sichtlich in seiner Farbwahl äußerte. Die rechte vordere Blatthälfte blieb eine Zeit hindurch unbearbeitet. Der Klient war unzufrieden und wollte seine Darstellung beenden. Auf meine Frage, was Nähe für ihn bedeute, nahm er wieder sein Blatt und begann mit großem Eifer das Haus zu gestalten. "Mein Zuhause ist für mich Nähe und Geborgenheit, die Umgebung ist für mich nicht greifbar, in die Ferne möchte ich noch nicht schauen." So äußerte sich der Klient zu seiner Darstellung, über die er sehr zufrieden war. Die Landschaftsdarstellungen der Romantik bieten sehr oft einen Ausblick in die Weite. Diese Weite, die bei den Romantikern den Blick in eine andere, neue Welt bedeutete, kann in der therapeutischen Arbeit nutz-bringend eingesetzt werden. Hier lässt sich Weite mehrfach lösungsorientiert nutzen, nämlich im Sinne von sich öffnen oder den Blick auf Neues und Unerwartetes richten: Weite als Hinweis, dass es ein Weiter gibt. In meinen Therapiegruppen ist mir sehr häufig Weite als Symbol für weiter weg, entrückt und entfernt begegnet. Ein MS-Betroffener platzierte all das, was in seiner Vergangenheit für ihn wichtig war, in den Hintergrund. Er setzte es somit in die Weite seiner Landschafts darstellung und rückte jenes in den Vordergrund, was für ihn zu diesem Zeitpunkt wichtig war. Somit gelang es ihm erstmals durch seine eigene Darstellung zu veranschaulichen und zu erfassen, worum es in seiner derzeitigen Situation ging. All die Dinge und Situationen in seiner Vergangenheit können nicht verdrängt werden. Sie rücken aber an eine Stelle wo sie zwar sichtbar sind, aber nicht im Vordergrund stehen Diesen Platz nimmt das Hier und Jetzt ein. Nähe und Weite in Beziehung zu setzen kann ein wesentlicher Ansatz in der Landschaftsdarstellung sein. Die Landschaft ist etwas, das uns alle umgibt, die Vorstellung von Weite und Nähe ist für den Menschen anschaulich und kann auch leicht bildlich umgesetzt werden. Ein wesentlicher Schritt innerhalb der kunsttherapeutischen Arbeit, nämlich das Wecken von Freude und Motivation innerhalb des gestalterischen Prozesses, wird so unterstützt.

Stimmung

Die Stimmung einer Landschaft wird vielfach durch die Stimmung des Himmels geprägt, aber auch durch ihre Formgebung: Höhen und Tiefen, Rundungen, bizarre Kanten. Die Stimmung der Landschaft ruft in uns eine eigene Gefühlslage wach, angeregt durch sie erscheinen aus dem Unbewussten Bilder im Bewusstsein. Über das Betrachten einer Landschaftsdarstellung ist es oft möglich, Zugang zur eigenen Stimmung zu finden und diese beschreiben und akzeptieren zu lernen. Innerhalb der einzelnen Jahreszeiten können wir eine Veränderung der Stimmung beobachten. Wir erleben die vier Jahreszeiten nicht nur in der Natur, sondern auch in unserem Leben. Jeder Tag beinhaltet den Wechsel der Jahreszeiten und steht so mit bestimmten Stimmungen in Verbindung. Ein Klient gestaltete insgesamt zehn Blätter mit verschiedenen Stimmungen des Himmels. Auslöser war ein Tagesausflug mit seiner Familie. An den Rollstuhl gebunden, erlebte der Klient den beginnenden Tag bis hin zur abendlichen Stunde in freier Natur. Er wollte nachträglich dieses Erlebnis in den einzelnen Stimmungen des Himmels dokumentieren und für sich festhalten. Während des gestalterischen Prozesses tauchten Bilder aus seiner Kinder- und Jugendzeit auf und so begann er während des Malens viel zu erzählen. Es war das erste Mal, dass dieser Klient ohne Wehmut auf seine Vergangenheit zurückblickte. Das Erlebnis und dessen Verarbeitung durch die Bilder löste in ihm etwas aus, das Zufriedenheit und Entspannung vermittelte.

Die Landschaft als Spiegel der Seele

Die Landschaft vermittelt uns eine Vielzahl von Eindrücken, Farben und Formen. Stimmungen wirken auf uns und schlagen eine Brücke zu unserer inneren Landschaft. Als Kinder habet wir noch ein natürliches Empfinden und eines natürlichen Zugang zu unserer inneren Landschaft. Im Verlauf des Erwachsenwerdens lehrt man uns auftauchende Probleme allein durch den Verstand zu lösen. Wir haben vielfach die Empfindung dafür zugeschüttet, dass andere Dimensionen unseres Wesens manchmal kompetenter sind, die benötigten Lösungen zu finden. Mit künstlerisch-kreativen Mitteln ist es möglich ungelebte Wesenszüge zu beleben und unsichtbare innere Landschaften mit Hilfe der äußeren Landschaft wieder sichtbar zu machen.

"Die Aufgabe der Künstler ist es nicht, Sichtbares wiederzugeben, sondern Unsichtbares und neue Welten sichtbar zu machen." (Gabriele Münter)

 

Autorin:
Dr. phil. Ruth Janschek-Schlesinger
Leiterin des A.K.M., Dresden
Lehrbeauftragte an der Hochschule für
Bildende Künste Dresden, Aufbaustudium
Kunst-Therapie