Burnout und Mobbing

2012-02-Burnout1

...trifft gerade auch besonders starke Menschen

Von Burnout und Mobbing – das gibt es nun schon zumindest in jeder zweiten Schulklasse! – ist heute fast jede Familie betroffen. Der „Focus“ titelte bereits 2011: „Generation Burnout“ und beschrieb, dass dieses Phänomen wirklich jeden treffen kann. Trotzdem fühlen sich die meisten Opfer von Burnout und Mobbing – was auch oft zusammen auftritt – als Außenseiter, Versager, schlechte oder schwache Menschen. Das ist aber falsch und fatal, kann sogar tödlich enden. Einige Denkanstöße dazu und mögliche Hilfen:

In Deutschland hat sich in den vergangenen sechs Jahren u. a. laut Angaben im Focus (37/11 vom 12.9.2011) die Zahl der Burnout- Betroffenen fast verzehnfacht(!). Allein das zeigt ja schon, dass es nicht nur wenige Menschen, Außenseiter, betrifft, sondern ganz viele, ja in unserer Generation schon fast die Regel ist.

Burnout und Mobbing – Opfer sind nicht schwach, dumm, hässlich oder „Versager”!

fotolia©Picture-FactoryObwohl die Betroffenen in der Regel enorm leiden, fühlen sie sich meist in irgendeiner Form schwach, dumm oder hässlich – als „Versager“ und deshalb auch kaum der Unterstützung wert – z. B. der eines psychologischen Beraters oder auch eines Anwalts, Gewerkschafters bzw. von der Polizei. Und viele wähnen sich auch nicht stark und klug genug, um sich zu wehren, zumal selbst in seriösen Medien – wenn auch in nette Worte gekleidet – verbreitet wird, dass die Opfer eben doch Außenseiter seien, Menschen mit irgendwelchen (negativen) Besonderheiten bzw. eben halt nicht so toll, hipp etc. wie der Rest.

Aber meistens ist das Gegenteil der Fall: Gerade auch starke, schöne, herzliche Menschen sind heute betroffen, obwohl sie eigentlich große Ressourcen haben, um sich zu schützen (zumindest mit passender Unterstützung). Erst wenn Betroffene das erkennen, sehen sie sich der Unterstützung wert und kommen dann auch in die Lage, sich gegen Überforderungen zu wehren. Gerade den (leistungs-)starken Menschen wird nämlich in der Berufswelt oft zu viel aufgebürdet, zu viel abverlangt – was zum Ausbrennen führen kann.

Gerade tolle, starke, schöne, helfende Menschen rufen zudem auch viele Neider hervor und werden so Opfer von Mobbing. Eigentlich logisch, nur für die Betroffenen selbst oft schwer zu erkennen, wenn ihnen ihre guten Seiten nicht genug von anderen Menschen bestätigt werden. Dies können Vorgesetzte und Kollegen sein, aber auch Freunde, Partner, Familie und last but not least auch die Medien. Und genau hier liegt auch eine Aufgabe der Psychologischen Berater!

fotolia©Picture-FactoryWird Opfern von Burnout und Mobbing bewusst (gemacht), dass sie gerade betroffen sind, weil sie tolle Menschen sind – bzw. zumindest nicht schlechte –, können sie auch ihre Stärken zur Verteidigung nutzen. Dann können sie Unterstützung suchen, bekommen und für sich selbst annehmen. Solange sie hingegen vermittelt bekommen, dass die Ursache darin liegt, dass sie Versager, Außenseiter oder dergleichen sind, kann ihnen kaum geholfen werden – was manchmal bis zum Suizid führen kann.

Es muss immer wieder ganz klar benannt werden, auch von der Öffentlichkeit, dass die Mobber die dummen, schwachen (bösen) Menschen sind – nicht die Opfer!

Wie die Hilfe dann im Rahmen einer psychologischen Beratung aussieht, hängt natürlich von der konkreten Situation und Person (auch des Beraters und dessen spezieller Arbeitsweise) ab. An zwei Beispielen möchte ich aber aufzeigen, worauf es bei solchen Problemen besonders ankommt. Die dort genannten Personen waren zuvor bei diversen anderen Beratungen, ohne wirklichen Erfolg. Was allerdings auch nicht so verwundert, wenn man die Geschichten hört.

Wenn Opfer zu (Mit-)Tätern gemacht werden

1. Ein Mann, Mitte 40, leidet an starkem „Burnout-Syndrom“. Entspannungsübungen und bisherige, von Krankenkassen finanzierte, längere Psychotherapien brachten recht wenig – weder eine streng verhaltenstherapeutisch orientierte noch eine tiefenpsychologische, die sich lange auf die Aufarbeitung seiner Kindheit bezog. Darum ging es meiner Ansicht nach aber auch nicht. Hätte er eine sehr schlimme Kindheit gehabt, wäre er sicher nun nahezu „re-traumatisiert“ worden. Und zwar von seinem ihn schlecht behandelnden und ausnutzenden Chef mit dem Klienten als quasi „gefundenes Fressen“. Gerade er als sehr leistungsstarker Mensch. Der äußerst pflichtbewusst eingestellt war und deshalb andere (Kollegen oder eben auch den Chef) bei der Arbeit nicht „hängen lassen wollte“ (selbst wenn da noch so viele unbezahlte Überstunden verlangt wurden). Also eigentlich besaß er ja sehr gute(!) persönliche, charakterliche Eigenschaften, wohl auch dank einer recht guten Kindheit und Erziehung – bei der er aber wenig Erfahrung sammeln konnte, wie er mit ausnutzenden Personen umgehen könnte.

Ganz gleich wie gut oder schlecht die Kindheit war, letztlich wird jeder mit so einem Chef bzw. betrieblichen System Probleme bekommen. Deshalb ist m. E. die Kindheits- Aufarbeitung (primär) nicht so entscheidend, genauso wenig wie (verhaltens-)therapeutische Ansätze, in einer solchen Situation besser zu „funktionieren“. Reine Entspannungsübungen usw. erhalten letztlich das ungute System nur aufrecht und verhindern nicht das Ausbrennen. Trotzdem wird das noch viel zu oft gemacht ...

Dem guten(!) Mann war viel mehr dadurch geholfen, das Problem eben mehr systemisch zu betrachten und ihn mittels humanistischer Therapieansätze mehr mit seinen guten Seiten wertzuschätzen. Also gab es vorrangig keinen Grund, seine Kindheit aufzuarbeiten, sondern sich verstärkt Hilfe bezüglich des Chefs in der Gegenwart zu suchen, hier beim Betriebsrat. Mit dessen Hilfe konnte erreicht werden, dass keine Überstunden mehr von ihm verlangt wurden. In der Beratung arbeiteten wir weiter daran, dass „Nein-Sagen“ gegenüber Ausnutzung ein „Ja-Sagen“ zu sich selbst ist und gerade kein Zeichen für Pflichtverletzung, mangelnde Hilfsbereitschaft oder dergleichen. Dem Klienten geht es heute sehr gut – nach wenigen Stunden Beratung. Hier lernte er – im Sinne der kognitiven Verhaltenstherapie – die Kraft der Gedanken schätzen und nutzen, um Dinge etwas anders zu sehen und dadurch neue Wahlmöglichkeiten zu entdecken.

2. Ähnliche Einsichten halfen einer 35-jährigen Frau, deren Kind (9) in der Schule stark gemobbt, teils auch verprügelt wurde. Tolle Mutter und ein tolles Kind, gut aussehend, herzlich, gute Noten – für Neider natürlich das geborene „Opfer“. Einen Grund dafür zu konstruieren, ist für Täter ja ein Leichtes.

Nun, heute ist ja auch Mobbing in aller Munde, ebenso wie Burnout. Also super, da bekommt man doch sicher gleich die nötige und sinnvolle Hilfe? Bei beiden Problemen leider sehr oft nein! Und manchmal verschlimmern „Helfer“ das Ganze noch, auch wenn ihr Einsatz vielleicht gut gemeint war.

In diesem Fall wurde das Opfer zum Kinderund Jugendlichen-Psychotherapeuten geschickt und den Eltern mit Erziehungs-Tipps Hilfe angeboten. Auch hinsichtlich einer ggf. nötigen Schulversetzung wurde Unterstützung angeboten, was jedoch in Zeiten des Internet-Mobbings nicht mehr unbedingt hilft. Nach meiner Beobachtung sind leider viele Pädagogen, auch Schulleitungen und selbst Therapeuten noch nicht näher fortgebildet zum Thema Mobbing (und Burnout) und beraten falsch, kennen auch nötige Schritte und nutzbare Ressourcen nicht. Neben dem psychologischen Beistand in meiner Praxis half ich der Mutter, eine gute Beratungsstelle zum Thema „Mobbing an Schulen“ zu finden, die bei Bedarf mit Anwälten zusammenarbeitet. So wurde erreicht, dass es zu einer Anzeige der Täter kam und auch dazu, dass man sich um diese Anzeige „kümmerte“ – auch vonseiten der Schulleitung. Denn natürlich kann man gegen diese Täter etwas machen. Die Taten mussten zumindest offen verurteilt werden, damit das Opfer bzw. dessen Eltern nicht auch noch in die Rolle gedrängt wurden, „an sich zu arbeiten“ (sogar auch noch in einer Therapie). Vielmehr müssen natürlich die Täter „an sich arbeiten“, ggf. auch von der Schule fliegen oder anders bestraft werden. Das klingt alles so lapidar, ist aber leider für ganz viele Betroffene der entscheidende Punkt, bei dem es heute zu helfen gilt!

Das „Märtyrer-Beispiel“

Früher mussten sich ja vergewaltigte Frauen oft noch fragen lassen, ob sie nicht doch einen zu kurzen Rock getragen hätten oder dergleichen Unsinn. Hier ist die Gesellschaft inklusive Pädagogen/Therapeuten inzwischen meistens besser aufgeklärt. Bei Burnout und Mobbing liegt aber noch einiges im Argen, o. g. Beispielen begegne ich derzeit unzählige Male in der Praxis. Denn natürlich machen alle Menschen Fehler – auch Eltern, Kinder, Männer, Frauen ... Aber kein Mensch hat es dann verdient, Opfer von Burn-out oder Mobbing zu werden (ebenso wie natürlich nicht von Vergewaltigung). Hier muss sehr aufgepasst werden, dass Opfer nicht noch in die Rolle von Mitverantwortlichen gedrängt werden, diese an sich arbeiten sollen oder dergleichen. Die Hilfe sollte m. E. gerade darin bestehen, aus solchen Rollenzuschreibungen herauszukommen! Natürlich brauchen die Opfer auch seelischen bzw. therapeutischen Beistand, auch für das, was sie erleiden mussten, sowie Ermutigungen und Tipps (s. Beispiel 1). Aber wie gesagt: klar benannt und anerkannt als Opfer, Betroffene – und nicht (s. oben) doch irgendwie selbst verantwortliche oder dumme, schlechte Menschen oder Versager!

2012-02-Burnout5Wie wichtig das ist, kann man auch Erfahrungen aus der Trauma-Therapie entnehmen (und Burnout- und Mobbing-Betroffene haben sicher oft Traumatisches erleben müssen). Demnach sind selbst psychische Folgen von Folter entscheidend besser zu verarbeiten, wenn deren Opfer davon ausgehen können, dass sie für eine gute Sache (z. B. für ihren Einsatz für Demokratie und Menschenrechte) leiden mussten und deshalb gefoltert wurden. Und wenn sie auch von anderen Menschen dafür geschätzt, gewürdigt werden, eben als die „Guten“ gesehen werden, die sich für eine gute Sache opferten (bzw. eben Opfer schlechter Menschen bzw. Umstände wurden).

Denkt man hingegen, dass das Opfer keiner guten Sache diente oder man sogar Schlechtes verdient hat („selbst schuld ...“), sieht das natürlich ganz anders aus.

In diesem Sinn kann es Opfern von Burnout enorm helfen, deutlich zu machen, dass sie ja immerhin für eine gute Sache ausbrannten, sich aufopferten - z. B. für ihre Arbeit, ihre Firma bzw. die Familie, damit diese versorgt sein sollte. Ebenso hilfreich ist es aufzuzeigen, dass auch Mobbing und Burnout- Betroffene gerade wegen ihrer guten Seiten Opfer wurden, dass sie alles andere als schwach oder Versager sind und natürlich Unterstützung verdienen. Dann entdecken sie ihre großen Ressourcen, auch gegen Mobbing bzw. Burnout anzukommen.

Wolfgang Laub Wolfgang Laub
Dipl.-Pädagoge, Systemischer Berater/ Therapeut, Heilpraktiker für Psychotherapie, Umgangspfleger, Verfahrensbeistand in Kindschaftssachen („Anwalt des Kindes“), Autor. Falkensee/Berlin + Kiel.
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!