Rückblick auf das Psychotherapie-Symposium Kassel

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Auf der Suche nach Lösungen bei Gewalt, Sucht und Missbrauch

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Aus der Eröffnungsansprache des VFP-Präsidenten Dr. Werner Weishaupt

Liebe Kolleginnen und Kollegen, über die Aktualität dieses Themas besteht kein Zweifel, zumindest nicht bei Ihnen, die Sie sich auf den Weg hierher gemacht haben. Ich habe mich gleichwohl darum bemüht, den Anlass und den Bedarf therapeutischer Interventionen für diesen Bereich mit einigen statistischen Zahlen zu untermauern.

Mein Wunsch, klar zu ermitteln, welche Störungen genau aus welchen Erfahrungen von Gewalt, Sucht und Missbrauch resultieren, stieß jedoch an Grenzen. Häufig werden indirekte Hinweise und Symptome nicht in direktem Zusammenhang mit solchen traumatisierenden Erfahrungen gesehen. Und oft ist ein solcher Zusammenhang den Betroffenen selbst nicht bewusst. So wird z. B. nicht immer deutlich, welche aus traumatischen Erfahrungen gelernten (Überlebens-)Muster irgendwann später in einen Burnout, eine Angststörung oder eine Sucht geführt haben.

Einige Zahlen, die für sich sprechen:

Die Anzahl der chronisch psychisch kranken Menschen bei der Gruppe der über 65-Jährigen ist zehn bis fünfzehn Mal höher als in jüngeren Altersgruppen (Helmchen & Kanowski 2000: 52f. www.geroweb.de)

Die Ergebnisse der Adverse Childhood Experiences (ACE) Studie belegen, dass psychosoziale Belastungsfaktoren in der Kindheit lebenslange Folgewirkungen besitzen können:

  • Die belastenden Kindheitsfaktoren waren im Mittel ein halbes Jahrhundert früher aufgetreten
  • Gemeint sind: wiederholter körperlicher Missbrauch, wiederholter emotionaler Missbrauch und sexueller Missbrauch
  • Teilweise haben sich die Erfahrungen in körperliche Erkrankungen umgewandelt
  • Zwischen einem Drittel und 80 % aller Selbstmordversuche sollen auf psychosoziale Belastungsfaktoren in der Kindheit zurückzuführen sein (Felitti 2002)
  • Die Häufigkeit des Suizidversuches bei höheren ACE-Werten steigt auf das 30- bis 51-fache (Dube et al. 2001)

(Quelle: http://arbeitsblaetter.stangltaller.at/MISSBRAUCH/SexuellerMissbrauchFolgen.shtml)

Schlussfolgerungen und Fragen

! Die Zahlen sind ein alarmierendes Zeichen für den Zustand der psychischen Gesundheit der Menschen.

! Man kann darauf schließen, dass es immer dann, wenn Gewalt, Sucht und Missbrauch das Suizidrisiko klar steigern, einen Zusammenhang zum Anstieg traumatischer Erfahrungen und Suchterfahrungen gibt.

! Sucht (als „Selbstmord auf Raten“) und Selbstverletzungen können Folgen von Missbrauch und Misshandlungen sein.

! Nach einer Schätzung der WHO gehören depressive Störungen und Funktionseinschränkungen nach dem Herzinfarkt zu den zweithäufigsten weltweit. Welcher Zusammenhang besteht hier zu den Spätfolgen aus psychosozialen Belastungsfaktoren (im Sinne der ACE-Studie)?

Diagnostische und therapeutische Hilfen

Wie können wir diese Zusammenhänge diagnostizieren, wenn die Opfer oft schweigen aus Angst, Geheimhaltungsdruck, Loyalitätskonflikten, Schuld- und Schamgefühlen …? Es gibt zwar kein charakteristisches „Missbrauchssyndrom“, doch sollten wir alle Hinweise ernst nehmen, die wir bekommen durch:

  • nonverbale und indirekte Botschaften
  • Verhaltensauffälligkeiten, Zwänge und Süchte
  • psychosomatische und psychiatrische Erkrankungen
  • seelische und körperliche Symptome

Dafür, wie wir dann weiter vorgehen können, gibt es unterschiedliche Beratungs- und Therapieansätze, die wir Ihnen hier auf unserem Symposium vorstellen und in Workshops, Erfahrungsrunden, Anwendungsbeispielen und praktischen Tools vermitteln. Nutzen Sie alle Chancen, die wir Ihnen durch unsere Referenten und die Mitglieder des Galli-Theaters bieten!


Bericht über einen Workshop

Besonders kreativ ging es im Workshop von Sandra Ehrenberg zu. Unter dem Titel „Gefühle dürfen Platz nehmen“ ging es hier darum, einen systemischen Ansatz der Erziehung und Beratung erlebbar zu machen. Dazu schreibt die Kursleiterin selbst:

„Der systemische Arbeitsansatz zielt darauf ab, die Erfahrungswerte des einzelnen Menschen zu nutzen. Mittels vielfältiger Methoden systemischer Beratung treten Handlungsansätze zu Tage, damit Veränderungen überhaupt möglich werden. So finden Menschen neue Sichtweisen, gewinnen zusätzliche Handlungsmöglichkeiten und entdecken ungenutzte Ressourcen.

In der Regel lernen wir alle von Anfang an, dass wir nur die sogenannten guten Gefühle leben dürfen. Meine Arbeit zielt darauf, dass wir alle Gefühle erleben dürfen und zeigen können. In dem Workshop mit immerhin 29 Teilnehmern hatten die Erwachsenen die Möglichkeit, einmal in die Gefühlswelt ihrer (inneren) Kinder einzutauchen, und sie waren ebenso sehr gefesselt von der Wir sind bunt und lebendig-Übung, die jeder in seinem ureigenen Zauberwald durchlebte wie meine Kinder in der Schule. Dann ging es darum, sich die eigenen Stärken bewusst zu machen und darzustellen durch die Gestaltung eines Stärke-Stuhls. Dies ist eine Gruppenarbeit, denn erst wenn die Stärken der einzelnen Mitglieder einer Gruppe zusammenkommen, ergibt sich ja der gemeinsame Stärke-Stuhl z. B. einer Schulklasse. In unserem Workshop ging es also darum, einmal eine ungefähre Ahnung zu bekommen, was unsere Kinder in dieser gemeinsamen Arbeit leisten und vor allem, wie es sich anfühlt.

Mit viel Freude waren die Teilnehmer dabei. Zeitweise waren sie sehr in ihre Arbeit vertieft, dann wieder diskutierten sie ihre Stärken und machten diese mit Symbolen sichtbar. Bis auf einen Stärke-Stuhl wurden alle mit nach Hause genommen und nun hat die Paracelsus Schule in Kassel ihr ganz persönliches und ureigenes Exemplar!“

Sandra Ehrenberg, Systemische Beraterin und Trainerin, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!