Welche Chancen hat der Heilpraktiker für Psychotherapie auf dem Gesundheitsmarkt der Zukunft?

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Dr. Hartmut Gutsche und Dr. Werner Weishaupt auf dem Psychotherapie-Symposium in WürzburgIm vollbesetzten großen Hörsaal der Paracelsus Schule Würzburg waren fast 100 Kolleginnen und Kollegen gespannt auf die Ausführungen der beiden Fachdozenten und Verbandsmitarbeiter Dr. Hartmut Gutsche und Dr. Werner Weishaupt.

Um die Antwort vorwegzunehmen: Ja, die Chancen für uns gibt es durchaus!

Denn bei einer Marktanalyse in Bezug auf die Mitbewerber am Markt ergibt sich folgendes Bild: Es gibt eine Vielzahl an Ärzten und Psychiatern mit fachrichtungsbezogener Zusatzausbildung. Sie alle dürfen psychotherapeutisch arbeiten, tun das aber nur in relativ geringem Umfang – „Gesprächsmedizin“ lohnt sich wirtschaftlich nicht für sie. Die Ärzte verdienen ihr Geld in erster Linie durch Gutachten und „gönnen“ sich bzw. ihren Patienten durchschnittlich nur wenige Therapiestunden.

Jährlich werden etwa 1.500 Psychologische Psychotherapeuten zugelassen, die aber nur in den „Richtlinienverfahren“ Verhaltenstherapie, Psychoanalyse und Tiefenpsychologie tätig sein dürfen, um abrechnen zu können. Hierfür müssen diese Kollegen 4 bis 5 Jahre studieren und 3 bis 5 Jahre psychotherapeutische Weiterbildungen absolvieren, um dann die Approbation zu bekommen. Zusätzlich können sich Sozialarbeiter und Pädagogen mit Zusatzausbildung als Kinder- und Jugendpsychotherapeuten in der Behandlung von Patienten bis zu 21 Lebensjahren betätigen. Jedoch brauchen sie alle eine Anerkennung bzw. Zulassung über die Kassenärztliche Vereinigung, die auch die Budgetverteilung vornimmt.

Von diesem Budget erhalten Ärzte, die etwa 5% der Behandlungen durchführen, rund 20%, der Rest geht in erster Linie an die Psychologen, die dafür jeweils 36 Wochenstunden leisten sollen – so die Statistik der Krankenkassen, die behaupten, es gebe genug Psychotherapeuten. Tatsächlich arbeiten die meisten Psychologischen Psychotherapeuten aber wöchentlich nur 20 Stunden in ihrer Praxis, teils aus eigenen familiären Gründen, teils aus Gründen der persönlichen Psychohygiene.

All dies trägt dazu bei, dass die Zahl der Behandler kontinuierlich sinkt, während der tatsächliche Bedarf stetig steigt. Insbesondere in ländlichen Bereichen weist die Bedarfsplanung eine Unterversorgung aus – ebenso im Bereich der Kinder- und Jugendtherapie. Denn Kinder als Patienten gelten bei den Psychologen als weniger therapiebereit und therapietreu. Gerade deshalb stellt für uns eine Tätigkeit im Bereich Kinder und Jugendliche ebenso eine große Chance dar wie z. B. in Altenheimen (Marktlücken).

Um hier ggf. aufgrund der üblichen Wartezeiten von über 6 Monaten von den gesetzlichen Krankenkassen doch auch eine Kostenübernahme für Heilpraktiker-Honorare zu erhalten, sind allerdings Weiterbildungs- und Qualitätssicherungsnachweise im jeweiligen Betätigungsfeld nötig. Neben den Krankenkassen kommen bei der Hilfe für Kinder und Jugendliche auch das Sozialamt oder das Versorgungsamt als Kostenträger in Betracht.

Für Unfallopfer (eben nicht nur zur körperlichen Wiederherstellung) springen auch Versicherungen und Berufsgenossenschaften ein.

Den Klienten gegenüber können Heilpraktiker für Psychotherapie darüber hinaus mit gewichtigen Argumenten punkten:

  • ergänzend zu den klassischen Verfahren sind auch alternative Behandlungsmethoden möglich
  • das Vorgehen ist nicht reglementiert und bedarf keiner Anträge und Genehmigungen
  • es muss keine Krankheitsdiagnose gestellt und veröffentlicht werden, z. B. geht auch Konfliktberatung
  • die Behandlung ist gegenüber Dritten (Versicherungen, Arbeitgeber, Behörden usw.) anonym
  • freie Psychotherapie ist als wirksam erkannt (lösungsorientierte Kurzzeitverfahren)
  • Termine nach Dringlichkeit sind möglich und oft flexibel einzurichten
  • eine Absicherung ist beiderseits über freie vertragliche Vereinbarungen zu regeln.

Noch ein wichtiger Hinweis: Nur etwa 10% aller Krankenversicherten in Deutschland sind privat versichert. Erstattet werden von den PKV in der Regel nur die Sätze nach der völlig veralteten Gebührenordnung für Heilpraktiker (von 1985). Trotz aller Hilfsbereitschaft hinsichtlich der Abrechnung ist aber jeder Therapeut gut beraten, dem Klienten die Verantwortung über das Wie und Wieviel an Erstattungen zu überlassen.

Zu guter Letzt sollten sich alle, die frustriert sind und mit ihrem Erfolg hadern, fragen, ob sie sich mit negativem Denken nicht selbst im Weg stehen – z. B.: „Die Konkurrenz ist zu stark und alle wollen nur über die Kasse abrechnen!“– statt: „Es gibt immer mehr Bedarf, den Spieler in diesem Feld nicht decken können, und für ihr Wohlbefinden sind immer mehr Menschen bereit, ins eigene Portemonnaie zu greifen.”

Im Workshop wurden auf dieser Grundlage Antworten auf folgende Fragen erarbeitet:

  1. Wie erklären Sie einem Klienten, was Sie sind: Heilpraktiker für Psychotherapie – kein Psychiater und kein Psychologischer Psychotherapeut?
  2. Wie antworten Sie einer Krankenkasse/ einem Arzt, die/der sich abfällig über Sie/Ihren Berufsstand äußert?
  3. Wie klären Sie einen Patienten motivierend über Ihre Honorare und Vorteile des Selbstzahlens auf?
  4. Wie werben Sie sinnvoll und überzeugend mit den Freiheiten, die Sie gegenüber den Kassentherapeuten haben?

Und wie beantworten Sie, liebe Leserinnen und Leser, diese Fragen?

Zusammenfassung von Harald Kleine Kracht