Innovative Psychotherapie: Lass dich überraschen!

2011-03-Innovative1

Originell sollten Psychotherapie und Selbsterfahrung sein, frisch und überraschend. Und es darf dabei gelacht werden, schließlich ist das Leben oft ernst genug. Denn einfühlsamer Humor und ungewöhnliche Interventionen markieren den Königsweg zu jenen Aha-Erlebnissen, die uns signalisieren, dass Geist und Seele gleichermaßen verstanden haben.

fotolia©Yuri ArcursWenn ich als Kind mit einem Problem zu meiner Mutter kam, dann nicht, ehe ich es nicht selbst so gut es ging von allen Seiten durchleuchtet hatte. Wie groß war dann oft meine Enttäuschung, wenn Mama zunächst nur Lösungsvorschläge anzubieten hatte, die ich längst geprüft und verworfen hatte! So ging es mir später noch häufig in Therapiesitzungen oder Selbsterfahrungsworkshops: „Na, das kenne ich doch lange, so weit war ich auch schon …“

Unerhörtes hören

Wenn der Therapeut oder Lehrer es jedoch versteht, mich zu überraschen – wenn ich sozusagen Unerhörtes hören und nie Erlebtes erleben darf, dann bin ich sofort ohne Wenn und Aber dabei. Der Mensch möchte nun mal überrascht und überzeugt werden. Einen intellektuellen Grübler wird man beispielsweise kaum aus der Reserve locken, wenn man mit ihm das hundertste Kindheitserlebnis durchkaut. Vermutlich sucht er ja selbst ständig hinter jedem Problem nach einer tiefenpsychologischen Erklärung. Ist sie gefunden, ist damit aber noch lange keine Lösung in Sicht – allenfalls das nur sehr vorübergehend beruhigende Gefühl, sich auf vertrautem Terrain zu bewegen. Wie anders, wenn wir Woody Allen mal von der Couch mitten ins Leben schubsen: Konkrete Aufgaben statt kopfiger Analyse. Bei einem bodenständigen Aktionisten kann es wiederum genau umgekehrt sein. Wer die Verantwortung für seine Situation bislang überwiegend im Außen gesucht und gefunden hat, mag heilsam überrascht sein, wenn sich etwa Zusammenhänge mit der frühen Beziehung zu seinen Eltern aufzeigen lassen.

Trotz des gerade in psychologisch vorgebildeten Kreisen häufig vertretenen Dogmatismus ist somit kein therapeutischer Ansatz einer anderen Methode grundsätzlich überlegen. Ob man sich nun aus dem Werkzeugkasten der Lerntheoretiker, Verhaltenstherapeuten, Tiefen- oder Humanpsychologen bedient, ist ebenso von sekundärer Bedeutung wie die eigenen Ideen in Sachen Spiritualität, Ego-Manifestation und anderer innerer Wahrheiten. Es kommt vielmehr einzig und allein darauf an, was für welchen Klienten gerade zu diesem Zeitpunkt das Richtige ist. Was ihn bzw. sie überraschen und überzeugen kann. Warum also nicht mit dem Reinkarnationsskeptiker auf Spurensuche in vergangenen Leben gehen? Falls er/sie ausgerechnet hier fündig wird, ist der therapeutische Effekt umso größer. Genau wie der eingeschworene Esoteriker begeistert sein wird, wenn er durch klassische Gesprächstherapie aus einer Krise gefunden hat, in der ihm alle Heilsteine und Engelskarten der Welt nicht weiterhelfen konnten.

Der Aha-Effekt

Freilich lassen nur die wenigsten unter uns gerne und freiwillig von ihren Überzeugungen los. Gerade darum ist ja der Aha-Effekt einer überraschenden Intervention ein solch wertvolles Gut in therapeutischen Situationen. Aus demselben Grund verlangt es aber auch einiges an Erfahrung, Einfühlungsvermögen und Geduld vom Therapeuten, wenn er seinem Klienten dieses großartige Geschenk machen möchte. Exemplarisch erscheint mir in diesem Zusammenhang eine Geschichte, die von der amerikanischen Therapeutin Insoo Kim Berg (die Frau von Steve de Shazer, der für die sogenannte Wunderfrage berühmt geworden ist: „Wenn Ihr Problem über Nacht durch ein Wunder gelöst wäre, woran würden Sie es merken? Woran Ihre Freunde?“ ...) überliefert ist. Als sie mit einem schwer kriminellen Jugendlichen arbeiten sollte, wollte man sie zunächst gar nicht ohne Begleitschutz in dessen Gefängniszelle lassen. Schließlich einigte sich Insoo darauf, den als massiv gewalttätig bekannten Leroy gemeinsam mit dessen Mutter zu besuchen. Der junge Mann nahm die Therapeutin während der ersten Treffen demonstrativ nicht zur Kenntnis und sprach ausschließlich mit seiner Mama. Frau Berg beschränkte sich also notgedrungen auf die Zuhörerrolle. Nur einmal pro Besuch sagte sie jeweils einen einzigen Satz: „Leroy, wie kommt es, dass noch niemand gesehen hat, was für ein netter Junge du bist?“ Oder: „Leroy, ich verstehe gar nicht, dass noch niemandem aufgefallen ist, was für ein lieber Junge du bist.“ Das waren Worte, die der jugendliche Straftäter noch von niemandem zuvor zu hören bekommen hatte. Ganz simple Worte. Aber die richtigen, damit sich Leroy der Therapeutin schließlich öffnen konnte. Das Happyend der Geschichte: ein junger Mann, dessen gesamte Existenz auf der Kippe stand – und der schließlich von der schiefen Bahn auf einen erfüllenden Lebensweg fand.

Eine der wesentlichsten Fragen, die sich ein Therapeut oder Workshop-Leiter, ja ebenso ein Weisheitslehrer stellen kann, ist darum diese: Welchen Ansatz hat bisher noch niemand verfolgt – am wenigsten der Patient/ Klient/Schüler selbst? Wie kann ich diesen Menschen überraschen und überzeugen? Wie kann ich ihn überzeugend überraschen? Oder überraschend überzeugen? Kurzum, wie kann ich dazu beitragen, dass der Aha- Schlüssel das Schloss zur geheimen Schatzkammer mit den einzigartigen Ressourcen dieses Individuums öffnet? Oft genug lautet die Antwort: mit Humor. Lachen ist bekanntlich befreiend, denn für den Moment nehmen wir uns und die Welt nicht mehr so schrecklich ernst. Durch gemeinsames Lachen entsteht zudem eine Art magischer Verbindung. Davon abgesehen darf Therapie getrost auch mal ein bisschen Spaß machen. Apropos: Treffen sich zwei Nachbarn auf der Straße. Na, fragt der eine, wie geht’s? Geht so, lautet die lakonische Antwort. Hört sich ja nicht so gut an, ist dein Sohn etwa immer noch arbeitslos? Ja, bestätigt der Vater, aber jetzt meditiert er wenigstens. Meditierten tut er also, meint der Nachbar, was ist denn das? Das weiß ich auch nicht so genau, entgegnet der Vater, aber immer noch besser, als wenn der Junge nur herumsitzen und gar nichts machen würde!

Kopfkino mit neuem Programm

Kurzum, in meinen Sitzungen geht es idealerweise so zu wie in meinen Artikeln: Stets ernsthaft, aber nicht immer bierernst. Denn ernst nehmen muss ein Therapeut die Sorgen seines Klienten zu jeder Zeit – Humor ist nur dann lustig, wo er angebracht ist und einfühlsam vorgebracht wird. Wie die Originalität darf auch er nicht zum Selbstzweck verkommen, sondern sollte sinnvoll eingebettet sein. Und beides muss einem authentischen Stil entsprechen, um zu funktionieren. Die von mir immer wieder gern angewandte „Film-Intervention“ beispielsweise basiert schlicht und ergreifend auf meiner ureigenen Begeisterung für alles Cineastische. Weil ich also in meinem Leben sehr viele Filme gesehen habe, fallen mir während Sitzungen häufig Streifen ein, die das jeweilige Thema zum Inhalt haben. Sollte der Klient diesbezüglich gerade blockiert sein (das berüchtigte Brett vor dem Kopf), hat es sich oft als nützlich erwiesen, mit ihm den besagten Film anzusehen. Indem das Problem nun bei anderen Menschen, quasi von außen beobachtet werden kann – noch dazu im Rahmen einer unterhaltsamen Geschichte – entsteht Raum für neue Gedanken und Betrachtungsweisen. Wenn das eigene Kopfkino dann ein neues Programm zeigt, ist das stets erfüllend und überraschend, hin und wieder ist es lustig obendrein.

In diesem Sinne möchte ich mein Plädoyer für mehr Innovation und Humor in Therapiepraxis, Seminarraum und Satsang-Saal mit einem Witz abschließen, der das ganze Thema wunderbar auf den Punkt bringt: Treffen sich zwei Psychologen im Supermarkt. Fragt der eine: Na, wie geht’s? Grübelt der andere: Wie hat er das nun wieder gemeint?

Michael Labiner Michael Labiner
Jahrgang 1960. Journalistische Ausbildung bei Tageszeitungen, 11 Jahre lang Leitung eines eigenen Verlages, freier Autor. Heilpraktiker für Psychotherapie, Therapeut, Berater und Coach im Raum München/Erding/Rosenheim.
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