Die 5-Minuten-Diagnose: Sie passen nicht zusammen! Macht 80 Euro

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Über Sinn und Unsinn und zunehmenden Missbrauch von „Paartherapie”

Paarberatung – ein boomender „Markt“ – mit vielen schwarzen Schafen

fotolia©yamix„Sie passen nicht zusammen, am besten sofort trennen!“, sagte die Beraterin dem Paar. Nach 5 Minuten … Die beiden hatten zuletzt auch einigen Streit, sich dabei aber nicht körperlich verletzt oder dergleichen, was einen solchen Rat eventuell sinnvoll gemacht hätte. Honorar dafür: 80 Euro ... Das nächste Paar wartete schon. Nein, kein schlechter Stundenlohn! Solche Erfahrungen häufen sich leider zunehmend, Opfer landen wiederholt auch in meiner Praxis.

Beratungen dieser Art, mit teilweise sogar noch höheren Honoraren, kommen inzwischen häufig vor – von offensichtlich nicht sehr kompetenten und qualifizierten „Paarberatern“, die wohl selbst eher einmal Beratung bräuchten. Ihnen scheint vorrangig wichtig zu sein, sich zu bereichern – und nicht zu helfen. Und die Nachfrage der Paare ist dann groß, wenn sie in akuter Not sind – da fragt man oft nicht viel nach Qualifikationen. Zudem ist der Begriff „Paarberater“ leider nicht geschützt, nötige Ausbildungsvorschriften oder feste Preisordnungen fehlen. Stattdessen machen sich Kaffeesatz-Leserei, Kartenlegen und ähnlich obskure Methoden breit. „Liebes(kummer)- Beratungspraxen“ von Personen ohne psychologische Kenntnisse boomen an vielen Orten. Die Not – die es gerade in Liebesangelegenheiten oft und stark gibt – auszunutzen, ist alles andere als sittlich. Natürlich kann man Probleme von Paaren schnell „lösen“, wenn man diesen gleich zur Trennung rät. Das erspart auch einige Probleme, Diskussionen, Auseinandersetzungen ... Dass durch eine Trennung aber natürlich auch neue Probleme geschaffen werden (oft auch noch für Kinder) und mögliches Glück zerstört wird – das ist ja nicht das Problem des „Beraters“, der nur an sein Geld denkt.

Und natürlich geraten gerade heute immer mehr Paare, Beziehungen in Not – wenn sich dort Probleme von zwei Menschen bündeln. In Zeiten, in denen schon jeder einzelne Partner genug zu kämpfen hat mit z. B. Folgen von Wirtschaftskrisen, Stress bei der Arbeit oder bei Arbeitslosigkeit. Allein finanziell sind viele Familien heutzutage ja auch schon genug gebeutelt, woraus wieder Stress in vielen anderen Lebensbereichen resultiert. Diesen Menschen in der Not dann auch noch Unsummen für „Tipps“ o. g. Art abzunehmen, ist meiner Ansicht nach extrem schändlich und unsittlich. Denn es kann Menschen zugrunde richten, wenn ihnen nicht wirklich geholfen wird.

Es geht auch anders – seriöse und kompetente Paarberatung kann sehr hilfreich sein!

Paare bzw. Familien haben aus o. g. Gründen oft wirklich schwere Herausforderungen vor sich. Meist sind diese aber zu bewältigen, ja, an der gemeinsamen Bewältigung können Beziehungen sogar wachsen. Stolz und Selbstbewusstsein lassen sich daraus gewinnen – auch für spätere, neue Herausforderungen – und die Zuversicht für das Paar, diese dann auch wieder meistern zu können.

Natürlich braucht man dazu auch Unterstützung. Aber eben wirklich kompetenten, seriösen Rat! Der hat natürlich auch seinen Preis, muss aber nicht Wucher sein. Leider wird Paarberatung nicht, trotz nachweislicher Erfolge, von Krankenkassen übernommen. Trifft „Liebeskummer“ einzelne Partner aber so sehr, dass sie krank werden und individuelle Behandlung brauchen, ist das natürlich für die einzelnen Personen auch entsprechend abrechenbar, z. B. nach den Heilpraktiker-/Psychotherapie-Gebühren. Dies ist sogar häufig der Fall, da kaum ein Thema Menschen mehr belastet. In „Paarthemen“ spiegeln sich eben oft auch individuelle Probleme. Dass an Einzelberatungen auch gelegentlich ein Partner (oder Freund, Kind, anderer Verwandter ... ) teilnimmt, ist auch möglich, legitim und zweckdienlich.

Seriöse Paarberatung, etwa von ausgebildeten Psychologischen Beratern, ist in der Regel sehr nützlich und oft erfolgreich. Zumindest kann geholfen werden, nichts unversucht zu lassen und ggf. wenigstens „sauber auseinanderzugehen“, zumal wenn Kinder im Spiel sind. Seriöse Paarberatung kann auch helfen, dass nichts unverarbeitet in eine nächste Beziehung „mitgenommen“ wird, was dann dort wieder ähnliche Probleme schafft. Allein die Sicht eines in Mediation geschulten Dritten – der emotional nicht involviert ist – kann oft Gold wert sein und manche Beziehung retten.

Durch die Hilfe des Beraters ist es dem Paar möglich, vieles einmal aus einer ganz anderen Perspektive zu sehen und z. B. die Ursprünge ewiger Streits zu finden und zu klären, die sich bisher immer im Kreise gedreht haben. Statt wie sonst nur über unzählige „Spitzen von Eisbergen“ zu reden, zu streiten oder zu schweigen, können die Partner lernen, einmal wirklich das anzusprechen und zu lösen, worum es ihnen wirklich geht. Das führt zu oft erstaunlichen Ergebnissen, indem „dumme“ Missverständnisse aufgeklärt werden, die manchmal schon Jahre, teilweise Jahrzehnte alt sind. Diese Dinge waren zuvor nie aufgeklärt, teilweise gar nicht bewusst, nicht angesprochen und haben deshalb zu unendlichen weiteren Missverständnissen geführt sowie zu oft fatalen emotionalen Verletzungen, Enttäuschungen usw. Diese Wechselwirkungen systematisch untersucht und bearbeitet, natürlich mit entsprechender Erfahrung und Feingefühl des Beraters begleitet, kann in vielen Fällen Unglaubliches bewirken und völlig festgefahrene Streitigkeiten oft sogar schnell lösen. Das gelingt den Partnern allein so gut wie nie, denn da sind sie, wenn (glücklicherweise) noch Gefühle im Spiel sind, ja fast nie in der Lage, „klaren Kopf“ zu behalten. Da regieren oft viel mehr Herz und Bauch – was ja auch nicht immer verkehrt ist und ein Zeichen dafür sein kann, dass es auch noch viel „Herz“ (positive Gefühle) gibt in der Beziehung. Meistens reicht das jedoch allein nicht, um zu verhindern, dass wieder Emotionen ungebremst hochkochen und schnell neue starke emotionale Verletzungen produzieren – Grundlage wiederum für weitere Missverständnisse, Enttäuschungen usw.: eine Sackgasse, ein Teufelskreis, für den dann ein Berater nötig ist, auch als Moderator.

Oft werden mit seiner Hilfe dann sogar die gesammelten Fähigkeiten, Ressourcen von zwei Menschen reaktiviert. Werden diese wieder genutzt, stellt das ein großes Potenzial für Lösungen dar – zumal gerade Paare mit sehr viel Potenzial in die Beratung kommen. Das sind die, die noch kämpfen wollen, sich hinterfragen – auch wenn etwas nicht perfekt läuft. Es sind Paare, bei denen es noch viele gute Gefühle gibt bzw. zumindest einmal gab (nun „verschüttet“, aber oft wieder hervorzuholen). Paare, bei denen es das Positive nicht mehr gibt, kommen eher selten in die Beratung – sie trennen sich oft schon viel früher oder gehen destruktivere Wege. Alleine die Erkenntnis, dass „trotz allem“ sehr vieles in der Beziehung bei den Partnern, die Beratung suchen, doch noch positiv ist, kann schon ein erster Schritt sein, um die Beziehung noch einmal ganz anders zu sehen und aufzuarbeiten. So kann verstanden werden, dass z. B. manches vom einen Partner gut gemeint war und dazu dienen sollte, die Wünsche des anderen Partners zu erfüllen – es aber leider nicht den gewünschten Erfolg hatte. Dies zu erleben ist natürlich sehr schade – aber beide können lernen: Es steckt keine „böse Absicht“ dahinter – im Gegenteil! Sich das in Erinnerung zu rufen und bewusst zu machen, ist oft ein wichtiger Schritt, um aus der „feindlichen“ Haltung herauszukommen, in der keine partnerschaftlichen Gespräche und keine Lösungen entstehen konnten. Mithilfe des Beraters finden die Partner wieder eine konstruktivere bzw. zumindest sachliche Beziehung/Kommunikation.

Dem Berater selbst hilft neben seiner fachlichen Qualifikation natürlich auch seine eigene reflektierte Lebenserfahrung, Paaren angemessen zu helfen. Einerseits geht es bei Liebes-Themen natürlich nur begrenzt um „rationale“ Fragen. Andererseits ist gerade deshalb eine psychologische Ausbildung und die laufende Fortbildung, möglichst in Paar- und Familienberatung so wichtig, weil sie viele hilfreiche Tools und Methoden bietet, z. B. auch in kommunikationspsychologischen Ansätzen. In der Tradition der humanistischen Psychologie inkl. der Gestalttherapie, der Psychoanalyse und der (Paar-)Therapie gibt es viele bewährte Konzepte, die sich in einer konstruktiven Paarberatung umsetzen lassen.

Wolfgang Laub Wolfgang Laub
Dipl.-Pädagoge, Systemischer Berater, Heilpraktiker für Psychotherapie, zertifizierter Verfahrensbeistand und Umgangspfleger.
Falkensee (bei Berlin) und Kiel.
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