Tausche Sicherheit gegen Freiheit

2011-03-Sicherheit1

Ela Windels: Praxisgründung

„Wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren“, wusste schon der Schriftsteller und Erfinder Benjamin Fanklin.

Mein inneres Team kämpfte den Kampf Sicherheit gegen Freiheit etwa zwei Jahre lang. Ich hatte eine gute Anstellung als Online-Redakteurin in einem großen Konzern mit solider, finanzieller Sicherheit: 13. Monatsgehalt, jede Menge Vergünstigungen, Betriebsrente. Ich hatte aber auch einen zunehmend langweiligen und nervigen Job. Nach meiner Babypause 2008 kehrte ich zurück in ein Unternehmen, das sich innerhalb eines Jahres so gewandelt hatte, dass es mir fremd schien (oder hatte ich mich so gewandelt?). Ich wurde mit einem neuen Chef konfrontiert, der selbstgefällig und arrogant war und die Ansicht vertrat, mit 20 Stunden die Woche könne man keine Verantwortung mehr übernehmen. Weil ich mich abgestempelt und angeödet fühlte, polierte ich mein Selbstbewusstsein mit einer Weiterbildung auf und bestand im Januar 2010 die Prüfung als Heilpraktikerin für Psychotherapie.

Je stärker die Begeisterung für die neuen Menschen und Inhalte wuchs, desto mehr schrumpfte das Interesse für meinen alten Beruf. Der Weg ins Büro wurde zur Qual. Die Arbeit erschien immer sinnloser. Die Idee der Selbstständigkeit kam aus Angst bis dahin nicht in Frage. Vielmehr versuchte ich, mein zweites Standbein nebenberuflich aufzubauen. Das raubte mir den Schlaf, denn neben Kleinkind und Teilzeitjob stellte ich einen ersten Marketingplan auf die Beine, erarbeitete einen Businessplan, rechnete meine verfügbare Arbeitszeit durch, entwickelte Flyer und Internetseite, brachte mich mit einem Vortrag über Burnout ins Gespräch, warb erste Kunden, baute Kontakte auf, empfing erste Klienten und gab Kurse zum Therapeutischen Schreiben.

Die Wochenenden verbrachte ich mit Weiterbildungen und Lernen. Mein Familienleben wurde zur Nebensache. Ich wollte einfach nur schnell eine gute Alternative zu meinem Job finden, um die innere Leere zu füllen, ohne die finanzielle Sicherheit aufzugeben. Wie ein Marathonläufer hastete ich durch meine Tage: pauken, aufbauen, aquirieren – bis zur totalen Erschöpfung. Dann ging mir die Puste aus. Der Vorteil daran war: Ich war innerhalb kürzester Zeit an einem Punkt, an dem ich auch in die komplette Selbstständigkeit gehen konnte. Der Nachteil war: Ich stand kurz vor einem Burnout.

Meine Hausärztin schrieb mich einige Wochen krank. Ich berichtete ihr von den Zuständen in der Firma, meiner Schlaflosigkeit, der Mehrfachbelastung bei gleichzeitiger Unterforderung im Job, dem ignoranten Chef und von dem sehnlichsten Wunsch, aus meinem bisherigen Berufsleben auszusteigen. Wir führten viele Gespräche und es flossen viele Tränen. Und dann kamen plötzlich die Klarheit, der Mut und das Selbstvertrauen, ein Eigenschaften-Trio, das mich dazu brachte, im April 2011 meine finanzielle Sicherheit aufzugeben und zu kündigen. Seitdem herrscht Frieden bei meinem inneren Team.

Nun genieße ich die Freiheit, meinen Tag nach meinem familiären und persönlichen Rhythmus zu gestalten. Neben anfänglichen Kommentaren wie: „Wie kannst du in der heutigen Zeit einen sicheren Job schmeißen?”, treten mir die meisten Menschen mittlerweile mit Bewunderung entgegen. Ja, der Schritt war mutig, aber auch gut vorbereitet. Mit ein wenig Erspartem und einem Mann in Festanstellung ist das Risko überschaubar. Die Angst vor dem Scheitern hatte ich nie, denn meine Erfahrung ist, dass es im Leben immer irgendwie weitergeht. Das tat es auch direkt nach meiner Kündigung – und zwar wieder im Eiltempo: Plötzlich tat sich ein günstiger Raum zusammen mit zwei Heilpraktikerinnen auf. Dann riefen Frauen an, die meine Flyer gesehen hatten. Ich gab einen ersten Entspannungskurs in meiner alten Firma und in meinem Fitnessstudio und trat mit dem Bildungsverein für Seminare in Kontakt. Mein Verteiler wächst seitdem langsam aber stetig.

Seit einigen Wochen sitze ich nun in meinem eigenen Raum, erfreue mich an der Atmosphäre, meiner neu gewonnenen Zeit und dem fröhlichen „Guten Morgen“ meiner Mitstreiterinnen. Mit meiner Methode der Poesietherapie habe ich eine perfekte Nische gefunden. Mit 38 Jahren habe ich meinen Traumberuf gefunden. Einen Beruf, der Berufung ist, bei dem ich endlich meine Leidenschaften – das Schreiben, Beraten, Helfen, die Faszination für das menschliche Seelenleben und meine Neugier auf Geschichten – ausleben kann. Natürlich ist oft genug Ängstlichkeit da und es gibt viel zu tun: vorbereiten, nacharbeiten, neu erarbeiten, sodass ich mich an manchen Tagen wie ein Berufsanfänger fühle. Doch das bringt Spannung ins Leben. Täglich lerne ich neu. Und um noch einmal auf Benjamin Franklin zu kommen: Der galt damals als ein Musterbeispiel dafür, wie man sich aus eigener Kraft und Disziplin emporarbeiten kann.

Ich bin sehr zuversichtlich!

Ela Windels Ela Windels
Sozialpsychologin, Heilpraktikerin für Psychotherapie Praxis in Hannnover, Therapiezentrum List. Methoden: Poesietherapie, Arbeit mit Märchen, Progressive Muskelentspannung (Jacobson), Phantasiereisen für Kinder, Burnout-Beratung, Gesprächstherapie (Rogers) – Einzel, Gruppen und Firmen. Dozentin für Therapeutisches Schreiben & Märchenarbeit an der Paracelsus Schule.
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!