Kletterwald und Schulerfolg

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Fallstudie: Walter Lenz

fotolia©Aenne BauckZu Ende des Schuljahres 2008/09 rief die Mutter eines ehemaligen Schülers an und teilte mir mit, dass ihr Sohn J., 13 Jahre, die Versetzung in die 8. Klasse eines Gymnasiums nicht geschafft habe und nun, wie sie es ausdrückte, „total down“ sei. Das Einzige, was ihn aufrechthielte, sei die Hoffnung auf die Nachprüfung, die am Ende der Sommerferien stattfinden werde und ihm die Versetzung in die 8. Klasse ermöglichen könne.

Wir vereinbarten einen Termin und J. kam in Begleitung seiner Mutter und seines Stiefvaters. Die Frage, ob es sein eigener Wunsch sei, die Nachprüfung absolvieren zu wollen, bejahte er entschieden.

Der erste Eindruck machte aber schon deutlich, dass es sich um mehr als nur ein schulisches Leistungstief handeln musste. Der 13-Jährige war über 1,80 m groß und hatte erkennbar deutliches Übergewicht. Er bewegte sich recht ungelenk und wusste, wie man landläufig sagt, „nicht wohin mit Armen und Beinen“.

In der ersten Sitzung am folgenden Tag erzählte er von den Hänseleien und dem Mobbing in seiner Klasse, gerade wegen seiner Größe und seines Gewichts. Da er auch über ansehnliche körperliche Kräfte verfügte und nach Aussagen der Mutter schon früher durch die körperlich betonte Art seiner Verteidigung auffiel, er aber nicht in der Lage war, sich mit Worten zu wehren, fühlte er sich hilflos den Attacken seiner Mitschülerinnen und Mitschüler ausgesetzt, da ihm physische Aggression strikt untersagt war und er sich auch daran hielt, um seitens der Lehrer- und Elternschaft keiner weiteren Kritik mehr ausgesetzt zu sein.

Der Schüler selbst machte einen äußerst friedfertigen und friedlichen Eindruck und war auch durch einige provokante Bemerkungen des psychologischen Beraters nicht aus der Ruhe zu bringen.

In seiner Selbstdarstellung beschrieb er sich selbst als im Sport etwas ungelenk und im Fach, das mit „Mangelhaft“ bewertet wurde, als etwas „nicht ganz mitgekommen“, wie er es ausdrückte. Außerdem fürchtete er sich vor der „Anmache“ der anderen Schüler und äußerte starke Zweifel sowohl an seinen körperlichen und geistigen Attributen als auch an seinem Selbstbild.

Drei Dinge standen nun im Vordergrund

  1. die Aufarbeitung der Lücken im Unterrichtsfach, das mit „Mangelhaft“ bewertet worden war
  2. die Stärkung des Selbstbewusstseins
  3. die Erhöhung der Koordinationsfähigkeit im Ablauf seiner Bewegungen

Wir besprachen diese drei Problemkreise und formulierten gemeinsam Ziele und Wege, wie wir diese Ziele erreichen könnten. Zum Ersten war klar, dass systematische und qualifizierte Nachhilfe in dem Fach genommen werden musste, in dem die Lücken aufgetreten waren. Hierzu wurden zwei Schülerinnen aus der Oberstufe des gleichen Gymnasiums gefunden und der Verlauf der Nachhilfe wurde von mir begleitet. Eine Nachhilfekraft musste die Tätigkeit aufgeben, da sie nicht auf die Stunden vorbereitet war und eine Woche mit ihr ziemlich erfolglos verlief. Nachdem Ersatz gefunden war, lief alles wunderbar.

Ich konnte die Leistungen der Nachhilfekräfte deshalb beurteilen, weil ich selbst dieses Fach früher als Lehrer unterrichtete. Eine gleichzeitige Tätigkeit als psychologischer Berater und Nachhilfelehrer schien nicht angebracht, da sich gewollt oder ungewollt beide Tätigkeiten überschnitten hätten und die Rollen nicht mehr klar von einander zu trennen gewesen wären.

Der zweite und der dritte Problemkreis, Selbstbewusstsein und Koordination der Extremitäten, waren relativ einfach anzugehen, da am Wohnort des jungen Klienten zu Beginn der Sommerferien ein Kletterwald eingerichtet wurde. Dort konnte man auf insgesamt sechs Schwierigkeitsstufen seinen Mut, seine Kräfte und seine Kletterkünste erproben und entwickeln.

Zunächst besuchte ich den Kletterwald allein, um festzustellen, ob sich diese Einrichtung eignete, um die beiden formulierten Ziele zu erreichen. Schon beim ersten Gespräch mit dem Betreuungspersonal schien es fast ideal zu sein.

Ich schlug dem jungen Klienten einen Besuch vor, er zeigte sich sofort begeistert, gerade auch als ihm eröffnet wurde, dass es auch Anfängerparcours gebe und er jederzeit aussteigen könne, wenn es ihm zu schwierig würde.

Als Einstiegshilfe schlug ich ihm nach EFTKonzept (www.emofree.com) vor, den Karatepunkt seiner linken Hand leicht mit Zeige- und Mittelfinger zu massieren oder zu klopfen und dabei 5 bis 6 Mal laut vor sich hin zu sagen: „Ich will es schaffen und ich werde es schaffen“. Wir übten es gemeinsam, aber ein leichtes Lächeln auf seinen Lippen drückte etwas Erstaunen und Ungläubigkeit aus.

Nachdem ich selbst die ersten vier Stufen des Parcours (Kinder, Anfänger, Einsteiger, Genießer, Fun und Ironman) absolvierte, um die Schwierigkeitsgerade kennen zu lernen, gingen wir in der zweiten Woche gemeinsam das Projekt an. Zunächst absolvierten wir die Anfänger- und Einsteigertour und ich machte Aufnahmen mit der Digicam.

Der Junge hatte keinerlei Schwierigkeiten mit seinen Körperkräften, aber vor einigen Hindernissen hatte er etwas Angst, welche er aber sehr schnell überwand, als er sah, wie ich (in meinem fortgeschrittenen Alter) sie überwand. (Ich hatte vorher mehrfach geübt!)

Am Ende der Woche hatten wir eine normale Gesprächssitzung und ich zeigte ihm einige der Sequenzen und Fotos. Er erzählte dann, was er bei den verschiedenen Übungen empfunden hatte, und ich lobte ihn wiederholt, wie umsichtig, aber mutig er sich verhielte und wie ausgeglichen und schon relativ harmonisch er sich über die Hindernisse bewege. An manchen Stellen musste er über sich selbst lachen. Im Anschluss daran zeigte ich ihm einige Sequenzen, die das Betreuungspersonal vorher von mir gemacht hatte und wie ungeschickt ich mich bewegte, ohne dass ich es bewusst so gestaltete. Durch diesen Vergleich wurde das Gefühl für die Harmonie seiner Bewegungsabläufe gestärkt und er achtete im weiteren Verlauf immer bewusster darauf. Die Besuche wurden wöchentlich wiederholt und die Schwierigkeitsgrade erhöhten sich auf Wunsch des Klienten.

Um die allgemeine körperliche Fitness zu erhöhen, machten wir gemeinsam Waldläufe auf einem Trimmpfad mit entsprechenden körperlichen Übungen. Ziel war nicht primär, das Übergewicht zu reduzieren, sondern dem Klienten ein positives Körpergefühl zu vermitteln.

In den sich abwechselnden Kletterwaldbesuchen und Gesprächssitzungen offenbarte der Klient nicht nur Schwierigkeiten in der Schule, er sprach auch über Probleme in der Familie und er fand, dass alleine schon darüber zu sprechen und Verständnis für seine Lage zu finden, ihm helfen und ihn entlasten würde.

In den Gesprächssitzungen wurden einige einfache Übungen im Rahmen eines Verhaltenstrainings durchgeführt.

Zunächst nahm J. die Rolle eines „bösen“ Mitschülers ein und „machte“ mich „an“, wobei ich einige Abwehrstrategien demonstrierte. Der Klient entschied dann, welche der Strategien zu ihm passten und welche er dann einüben wollte. So wurde ich zum „bösen“ Mitschüler und J. konnte die Abwehrstrategien einüben und mit seinen Worten belegen sowie in seinem Verhaltensrepertoire demonstrieren, damit beides, Sprache und Motorik, authentisch wurden.

Wiederholt bat ich J., den Verlauf von Unterricht und Training kritisch zu reflektieren und Feedback zu geben, damit er seinen Weg verfolgen und nachvollziehen konnte. Er selbst schlug dann vor, am Vortag der Prüfung morgens in den Kletterwald zu gehen, um die höchste Stufe, den „Ironman“ zu versuchen, und am Abend noch mal eine Gesamtwiederholung im Prüfungsfach des nächsten Tages durchzuführen in einer sogenannten „Fake-Prüfung“.

Den Ironman-Parcours schaffte er, zwar nicht mühelos, er gab aber nicht auf. Die Nachprüfung schaffte er auch, aber er erkannte gleichzeitig, dass er in diesem Fach weiter nachzulernen hatte.

Auf meine Abschlussfrage, wie er das alles geschafft habe, antwortete er, dass er anfangs echt gezweifelt habe, als er aber den allmählichen Fortschritt in allen drei Bereichen gespürt habe, habe er fest daran geglaubt, dass er es schaffen werde.

Am Anfang habe er über „den Trick“ mit dem Karatepunkt gelacht, ihn aber trotzdem durchgeführt und aus dem „Ich will es schaffen und ich werde es schaffen“ sein Tagesmotto gemacht, an das er wirklich geglaubt habe.

In der ersten Sitzung in der zweiten Schulwoche befragt, wie es nun in der alten und neuen Klasse laufe, antwortete er: „Na, der eine (er nannte den Namen) versucht’s immer noch, aber der kann mich inzwischen mal.“

J. nimmt weiterhin Nachhilfe und besucht auch bis auf Weiteres wöchentlich die „Gesprächsstunde“, wie er es nennt.

Somit war eine kurzfristige Intervention aus einer Kombination aus einfachen Vorgehensweisen aus Verhaltenstherapie, Gesprächstherapie und Fachunterricht für den Jungen (zumindest vorläufig) erfolgreich.

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Walter Lenz, M. Ed.
Hasslocher Strasse 73, 65428 Rüsselsheim
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