Soziale Ängste und Zwangsstörungen: enge Verwandte …

2011-02-Soziale1

fotolia©Peter AtkinsSie klingen doch so unterschiedlich – und doch gehören sie näher zusammen, als man auf den ersten Blick vermuten mag. Zunächst einmal liegt es rein wissenschaftlich schon nicht fern, soziale Ängste und Zwänge auch aus der psychologischen und psychiatrischen Klassifikation in der Theorie als „verwandt“ zu bezeichnen. Beide Störungsbilder finden sich in den Internationalen Diagnoserichtlinien (ICD 10) in der gleichen Rubrik. Sie gehören gleichermaßen zu den neurotischen (also Krankheiten, die im Gegensatz zu den psychotischen – wahnhaften – Erkrankungen stehen), somatoformen (Krankheitsbilder, bei denen sich die psychische Belastung auch in Form körperlicher Symptome äußert) und den Belastungsstörungen.

Zweifelsohne kann man bereits beim Vergleich des Auftretens eine Gemeinsamkeit zwischen Zwängen und sozialen Phobien erkennen: Sie zeigen sich insbesondere in Phasen, in denen wir besonderer Belastung (Anspannung, Druck, Stress …) ausgesetzt sind. Sozialphobiker kennen dies zu gut: Die Geburtstagsparty, an der man sich von allen beobachtet fühlt; das Referat in der Uni, bei dem man kein Wort rausbringt; oder das Gruppengespräch, bei dem wir erröten und zu zittern beginnen. Alle Situationen bedeuten für den Betroffenen eine unglaubliche Herausforderung.

Das kennen auch Zwangserkrankte: Ihre Symptome verschlechtern sich zumeist in Belastungssituationen oder werden gar durch diese ausgelöst. So können Patienten mit Waschzwängen nur schwer die Türgriffe im Krankenhaus berühren – es könnten sich ja gefährliche Keime übertragen. Oder aber das offene Fenster, welches ich nicht richtig geschlossen haben könnte, verleitet den nächstbesten Dieb zum Einbruch in mein Haus.

Richtig ist auch: Es muss aber nicht unmittelbar einen Zusammenhang mit Stressauslösern geben, die die Krankheit begünstigen. Auch alltäglicher Stress, Zeitdruck, Anforderungen nach Leistung oder Ähnliches haben oftmals bei beiden Krankheitsbildern einen negativen Einfluss auf die Anfälligkeit des Betroffenen.

Schaut man sich die Zwangserkrankung näher an, so wird man entdecken, dass diese noch nicht allzu lange überhaupt von den Angsterkrankungen getrennt war. Die Differenzierung erfolgte vergleichsweise spät, Zwänge galten lange als Untergruppe der Ängste. Dies wird auch verständlich, wenn man sich den Verlauf ihrer Symptome ansieht: Am Anfang jedes Zwangs steht eine Angst. Meist ist es eine unrealistische oder zumindest übertriebene Angst. Gerade die Folgen schätzen Zwangserkrankte ebenso wie Angstpatienten zumeist völlig irrational ein: Die Viren, die auf der Türklinke sitzen, sind eben in den meisten Fällen so ungefährlich, dass unser Körper mit Leichtigkeit mit ihnen fertig wird. Das Haus wird wahrscheinlich auch dann nicht abbrennen, wenn ich vergessen habe, den Elektroherd auszustellen, und zumeist habe ich ihn abgestellt – aber ich bin mir eben nicht sicher. (Die Zwangserkrankung wurde von einem Forscher entdeckt, die er zunächst als die „Zweifelskrankheit“ bezeichnete). Und dass ich in meinen Zwangsgedanken die Befürchtung habe, anderen Menschen etwas antun zu können, ist bei den friedliebenden Zwangserkrankten ohnehin nahezu ausgeschlossen.

Zwänge sind in ihrem Ursprung Ängste, auf die ich reagiere. Betroffene halten den Druck, die innere Anspannung, die mit den Gedanken und Befürchtungen einhergehen, nicht aus – und „neutralisieren“ sie. Das bedeutet, sie rückversichern sich, um Gewissheit zu haben, dass ihre Ängste sinnlos sind: Sie waschen sich mehrmals die Hände, sie kontrollieren immer wieder den Herd oder sie lesen Zeitung, um sicher sein zu können, dass sie nicht für den Unfall an der Ecke verantwortlich sind. Leider lernen sie daraus nicht: Gleiche Situationen erzeugen immer wieder neue Angst – obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Befürchtungen wahr werden, auch bei jedem neuen Zwang gleich gering bleibt. Zu erklären ist dies dadurch, dass Zwangserkrankte ihre Angst nicht auf natürlichem Weg durchstehen. Sie brechen durch ihr Neutralisieren die Anspannung ab – und erzeugen damit immer wieder neue. Ihre Angstkurve kann sich nicht auf üblichem Weg von selbst reduzieren.

Auch Sozialphobiker kennen ein „Neutralisieren“: Sie reagieren oftmals mit Rückzug, Vermeidung, Isolation, aber auch körperlichen Signalen wie Schwitzen, Erröten, Zittern und anderem – also mit klassischer Panik. Im Gegensatz zu Zwangserkrankten ritualisiert sich ihr Verhalten weniger und beeinflusst damit auch die Persönlichkeit in geringerem Maße. Sozialphobiker müssen nicht, wie es im Gegenteil Zwangsbetroffene oft sind, Personen mit großem Perfektionismus, mit dem Drang zu Struktur, Sicherheit und Ordnungsliebe sein.

Betrachtet man beide Krankheitsbilder eher tiefenpsychologisch und fragt nach ihrem jeweiligen Sinn und Zweck, kommt man auch hierbei zu Gemeinsamkeiten. Nicht selten weisen Sozialphobiker und Zwangserkrankte ähnliche Lebensläufe, gerade in der Kindheit, auf. Überbehütung durch die Eltern, soziale Ausgrenzung oder gar Mobbing in der Schule, spätes Erlernen von Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein. Ohnehin spielt das Selbstvertrauen – wie bei vielen anderen psychischen Erkrankungen auch – immer eine große Rolle.

Ähnliches gilt für das Thema Emotionen: Sowohl Zwangserkrankten als auch Sozialphobikern wird häufig nachgesagt, sie verfügten über wenig Gefühle. Dies ist in dieser Aussage so sicherlich nicht haltbar. Immer wieder zu erkennen ist zwar, dass beide Betroffenengruppen wenig schwingungsfähig sind, also nur bedingt auf emotionale Einflüsse von außen angemessen reagieren können; dies bedeutet jedoch nicht, dass keine Gefühle vorhanden wären. Viel eher sind die Emotionen durch die Symptomatik verdeckt – oftmals eine Schutzfunktion, um sich nicht mit anstrengenden oder unerwarteten Emotionen auseinandersetzen zu müssen.

Vergleicht man weiter, könnte man auch bei der Frage nach der Ablenkung von inneren Konflikten, Entscheidungsunfähigkeit, Bindungsschwäche, Konfliktenthaltung oder Sicherheitsverlangen auf ähnliche Funktionalitäten beider Symptomatiken stoßen.

Dass Zwängen oftmals soziale Ängste folgen, ist zudem eine logische Erklärung. Zwangserkrankte leiden mit der Zeit – wie auch beispielsweise Depressiverkrankte – unter großen sozialen Interaktionsdefiziten. Eine Grundlage, die den Ausbruch sozialer Phobien hervorragend begünstigen kann. Gleichermaßen befinden sich Sozialphobiker nicht selten in der Lage, sich durch ihren zunehmenden Rückzug sicherheitsliebende Ritualien aufzuerlegen, die schützen und dem Alltag neue Struktur geben. Dies wiederum kommt dem Charakter zwanghafter Persönlichkeitsstile relativ nahe.

Schlussendlich überwiegt bei allen theoretischen Überlegungen ohnehin das Fazit: Ob Zwangspatienten oder Sozialphobiker – sie scheinen aus ihren Erfahrungen heraus so viele Gemeinsamkeiten zu besitzen, dass sie sich stets gegenseitig verstanden fühlen. Aus den Auffälligkeiten des Anderen, den Erfolgen des Gegenübers lernen Betroffene beider Seiten für sich – und für das Annehmen anderer Erkrankter. Zwang und Angst sprechen die gleiche Sprache – das gilt wohl auch für die, die unter ihnen leiden …

Dennis Riehle Dennis Riehle
Psychologischer Berater (VfP), Personal Coach (Euro-FH), Schwerpunkte: Angst, Stress, Persönlichkeit, Familie, Jugend, Schule, Seelsorge, Sozialpädagogik. Dozent, Gruppenleitung
Martin-Schleyer-Str. 27, 78465 Konstanz
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