Fallstudie Angst: Der kleine rote Fisch

2011-01-Angst1

Die 23-jährige Klientin ruft mich an, um einen Termin zu vereinbaren. Sie hat meine Adresse aus dem Internet und wendet sich an mich, da ich mit meiner Praxis ortsansässig bin. Sie hat keinen Führerschein und es ist ihr aufgrund ihrer Symptome nicht möglich, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Sie leidet unter Panikattacken und traut sich kaum noch zu, aus dem Haus zu gehen.

fotolia©Eric IsseléeDie gepflegte und hübsche junge Frau ist verheiratet und lebt mit ihrem Ehemann aus Pakistan bei ihren Eltern. Seit über einem Jahr leidet sie zunehmend an Angstzuständen, vor allem, wenn sie öffentliche Verkehrsmittel benutzen muss. Sie hat Angst, ohnmächtig zu werden oder sich übergeben zu müssen. Begonnen hat die Symptomatik nach einer Operation am Rücken und verstärkte sich nach dem Tod ihres Großvaters, der eine sehr wichtige Bezugsperson für sie war. Sie lebt zusehends isolierter, da sie keinen Führerschein besitzt und immer weniger an sozialem Leben teilnehmen kann. Nach ihrer Ausbildung wurde sie aufgrund vieler Fehlzeiten nicht übernommen.

Sie ist im Kontakt sehr ruhig und schüchtern. Sie spricht mit leiser Stimme. Immer wieder kommen ihr die Tränen. Sie wirkt verzweifelt und mutlos. Ihre Stimmung ist niedergedrückt. Die kognitiven und amnestischen Funktionen scheinen intakt, es ergibt sich kein Hinweis auf formale oder inhaltliche Denkstörungen. Sie ist bewusstseinsklar, räumlich und zeitlich gut orientiert. Sie erwartet Hilfe zur Selbsthilfe, der Kontakt zu mir ist gut, es besteht sehr schnell ein Vertrauensverhältnis und sie sieht die Durchführung der Therapie bei mir als erfolgversprechend an.

Ich ziehe zunächst Agoraphobie mit Panikstörung ICD-10 F40.01 sowie eine mittelgradige depressive Episode ICD-10 F32.1 in Betracht.

Die Klientin ist sich bewusst, dass sie Hilfe braucht. Sie kommt aus eigenem Antrieb. Sie ist bereit und fähig, an der Lösung ihrer Probleme aktiv mitzuarbeiten. Ursprünglich angstauslösend war das für sie traumatische Erleben der Operation am Rücken. Dazu kam der Tod des Großvaters sowie zusätzlich familiäre Belastungen, die nach dem traumatischen Erleben nicht verkraftet werden können. Sie möchte wieder aktiv am sozialen Leben teilnehmen und arbeiten gehen. Sie fühlt sich wert- und nutzlos, hat keine Perspektive und die Angst, ihr Mann könne sich aufgrund ihrer Erkrankung von ihr abwenden.

fotolia©PictureArtDa sie zurzeit keine Arbeitsstelle hat, klären wir ihre Möglichkeiten, die Behandlung zu bezahlen. Sie ist gesetzlich versichert. Der Ehemann ist bereit, die Kosten für die Therapie zu übernehmen, falls die Kasse die Übernahme der Behandlungskosten verweigert.

Wir vereinbaren, dass ich mich mit der Krankenkasse in Verbindung setze und einen Antrag auf Kostenübernahme stelle. Ich gebe ihr den Anamnesebogen mit, der Angaben zu persönlichen Daten, Fragen nach Einnahme von Medikamenten, Symptome, Angaben zur Familie, Therapieziel und einiges mehr umfasst. Ich bitte sie diesen auszufüllen und ihn mir vor der nächsten Sitzung zukommen zu lassen.

In der folgenden Sitzung gehe ich zunächst auf einige Angaben im Anamnesebogen ein und erläutere der Klientin mein geplantes therapeutisches Vorgehen, welches zunächst mit Ressourcen- und Selbstwertarbeit, Entspannungs- und Atemtechniken und Gesprächen beginnt. Weiterhin sind die Bearbeitung der traumatischen Ereignisse (OP, Tod des Großvaters, Arbeitsplatzverlust) sowie Verhaltenstraining, Körperarbeit, Bearbeitung der negativen Gedanken und Hausaufgaben geplant.

Der Antrag an die Kasse ist gestellt.

In den nun folgenden Sitzungen beginnen wir zunächst mit Körperarbeit und Atemtechniken. Die Klientin ist sehr schüchtern und befangen, alles ist ihr sehr peinlich, aber sie wirkt recht zuversichtlich und vitaler.

Die Krankenkasse hat den Antrag mit einem lapidaren Zweizeiler abgelehnt, obwohl die Klientin nicht in der Lage ist, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, um einen Kassentherapeuten aufzusuchen, und die Folgeschäden für die Klientin bei Nichtbehandlung immens wären. In meiner Prognose hatte ich zunächst etwa 25 Sitzungen veranschlagt. Auf die Kasse wären damit Kosten von ca. 2.000 Euro zugekommen …

Im Laufe der Arbeit zeigt sich der sehr geringe Selbstwert der Klientin sehr deutlich. Körperlich lässt sie niemanden an sich heran, seelisch lässt sie sich von der Familie und ehemaligen Arbeitgebern überrollen. Die Wut darüber ist tief verborgen und wird nicht zugelassen.

fotolia©Goran BogicevicIn Vorbereitung auf die Trauma-Arbeit – in diesem Fall wähle ich Techniken nach EMDR, erarbeitet sie den Sicheren Ort und weitere Ressourcen. Sie bildert sehr leicht.

Im Laufe der Sitzungen öffnet sich die Klientin immer mehr. Inzwischen kann sie in Begleitung ihres Ehemannes mit dem Bus kommen. Sie ist deutlich entspannter und lässt sich immer mehr ein.

Nach einer heftigen Auseinandersetzung mit der Schwester, die die Klientin sehr verstört hat, wählen wir systemische Arbeit als Thema der anstehenden Sitzung. Die Arbeit zeigt, dass die Klientin die Position der Mutter in der Familie übernommen hat, daraus resultieren Schwierigkeiten sowohl mit der Mutter als auch mit der Schwester. Durch die Verantwortung für die Familie, die sie sich selbst auferlegt, entsteht große Überlastung und das Gefühl, sie dürfe nicht von zu Hause weg. Diese Erkenntnis wirkt sehr befreiend für die Klientin und sie erlaubt sich das erste Mal, ihren Zorn darüber zu spüren. Gemeinsam erarbeiten wir Möglichkeiten zum Abbau der Aggressionen.

Nach der 6. Sitzung schafft es die junge Frau, ohne Beeinträchtigung eine Station mit dem Bus hin- und zurückzufahren.

Es gibt noch immer einen verzögerten Antrieb, wie sich herausstellt, aus Angst vor Veränderung. In der Familie versucht die Klientin, die Position in der Familie zur Tochter hin zu verändern. Bei einer Trance bezüglich der Veränderung des negativen Selbstbildes wird sie ganz aufgeregt, bekommt Herzklopfen, ihr wird heiß und kribbelig, ähnlich den Symptomen während einer Angstattacke. Dies gibt uns die Gelegenheit, sofort damit zu arbeiten, und sie kann sich mittels Anleitung zur Imagination und Entspannung selbst beruhigen.

Ich nehme wahr, dass die Klientin beginnt, sich in der Therapie sehr viel Erfolgsdruck zu machen, vermutlich wegen der Finanzen. Wir beginnen auf ihren Wunsch mit der Arbeit an der ersten traumatischen Situation, der Operation. Nach der Sitzung ist die Klientin müde, aber sehr gelöst.

Für die nächste Sitzung hatte mich die Klientin gebeten, mit ihr S-Bahn zu fahren, jedoch geht es ihr momentan auf mein Nachfragen nicht gut damit. Sie hatte Alpträume und beängstigende Gedanken vor dem Einschlafen. Wir arbeiten mit dem Traummaterial und ich bitte sie, zuhause das Lösungsbild zu malen. Inzwischen kann die Klientin gut auf ihre inneren Bedürfnisse hören.

Beim nächsten Termin nach zwei Wochen geht es der jungen Frau sehr gut. Es gab keine Alpträume oder Angstattacken. Ab und zu gibt es „Ausraster“ in Form von Wutanfällen, die ich als heilsam empfinde. Generell ist sie aber unzufrieden mit ihrem Leben, es fehlt der „Sinn des Lebens“.

Dies bringt uns zur Arbeit mit Symbolen. Die Klientin wählt einen kleinen roten Fisch für sich selbst aus: wie sie sagt klein, schwach, hilf- und ziellos – sie wäre aber gern der Gorilla, groß und selbstbewusst, für sich eintretend, seine Meinung sagend. Dazwischen steht, wie ein Kloß, ein Orka.

Auf die Frage, wie der rote Fisch zu dem Gorilla gelangen kann, nimmt sie ihn aus einem Impuls heraus und „schwimmt“ blitzschnell um den Orka herum. Als ich bemerke, dass das ja eigentlich ganz leicht aussah, ist sie selbst erstaunt.

Der weitere Verlauf ist sehr positiv, es geht der Klientin gut, sie hat kleinere Ausflüge mit ihrem Mann unternommen. Sie hat drei wunderbare Bilder gemalt, sehr detailliert, aber beim Betrachten stellt sie fest, dass eines fehlt, nämlich die Verbindung, wie sie von der Stagnation, am Boden liegend, zu dem Idealbild und der Wunschvorstellung, wie ihr Leben sein soll, kommt. Ich bitte sie, das fehlende Bild zu malen.

Inzwischen ist es ihr möglich, den längst überfälligen Zahnarzttermin wahrzunehmen, und sie war beim Friseur. Sie spielt mit dem Gedanken, den Führerschein zu machen und sie hat sich eine Katze angeschafft. Spontan beschließt sie, mit der S-Bahn zu fahren. Auf dem Hinweg sitze ich neben ihr, auf dem Rückweg an einem Platz weiter von ihr entfernt. Ihre Anleitung ist, sich unbedingt zu wünschen, dass sie ohnmächtig wird. Sie ist noch sehr nervös, will aber am gleichen Tag mit einer Freundin noch einmal fahren.

Im weiteren Verlauf steht die Arbeit mit dem Tod des Großvaters an, welche zu ihrer eigenen Angst zu sterben führt. Eine Aussprache mit der Schwester steht ebenfalls an und das Erlernen des Umgangs mit schwierigen Situationen. Die Klientin hat ihren Aktionsradius vergrößert, einiges unternommen und beginnt, Stellenanzeigen zu lesen.

Nach 16 Sitzungen können wir die Therapie abschließen. Die junge Frau kann ihr Leben ohne Einschränkung nach ihrer momentanen Vorstellung leben. Sie hat gelernt, ihre wirklichen Bedürfnisse wahrzunehmen und sich abzugrenzen. Sie hilft in einem Laden aus. Durch was konnte die Klientin den Durchbruch erzielen? In diesem Fall kam ich zu dem Schluss, dass die Arbeit mit Symbolen, das Malen und die systemische Arbeit den größten Effekt auf die Klientin hatten. Die wichtigste Erkenntnis für sie war, dass sie die Wahl hat, Dinge zu tun oder zu lassen, indem sie die Verantwortung für ihr Leben übernimmt.

Interventionen: Gespräch, Atemtechnik, imaginative Techniken, Körperarbeit, Malen, systemische Arbeit, Ritualarbeit (Ahnenarbeit), Arbeit mit Träumen, VT Exposition in vivo, Paradoxe Intention in vivo, Techniken nach EMDR.

Ursula Ingra Wieland Ursula Ingra Wieland
Geboren 1961, zwei Kinder 13 und 18 Jahre, Mittlere Reife, Studium klassischer Tanz und Tanzpädagogik Hochschule für Musik Heidelberg/ Mannheim, Engagements u. a. Pfalztheater Kaiserslautern, Nationaltheater Mannheim. Ausbildung zur Kommunikationsassistentin, 14 Jahre beim Fernsehen im mittleren und höheren Management, Ausbildungen auf dem Gebiet der Psychotherapie seit 1998. Eigene Praxis in der Nähe von München in den Bereichen Einzel-, Paar- und Familientherapie. Leitung von Gruppen und Seminare zu verschiedenen Themen. Veröffentlichungen: CD Selbstheilungsmeditation, Weltbild Verlag. CD Stressfrei durch die Kraft der Elemente, Weltbild Verlag. Kinder- und Jugendbuch „Majane und der weiße Falke“.
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