Neurotisch krank?

2011-01-Neurotisch1

Sie gelten neben Depressionen, Befindlichkeits- und Persönlichkeitsstörungen als die häufigsten seelischen Leiden unserer modernen Zeit: Neurosen bzw. neurotische Störungen. Allein in Deutschland sind schätzungsweise 14 bis 15 Millionen Menschen neurotisch krank. Neurotische Störungen gipfeln im dritten Lebensjahrzehnt, Frauen sind häufiger betroffen als Männer.
Der Heilpraktiker für Psychotherapie Abbas Schirmohammadi geht den Neurotischen Störungen aus psychologischer und physiologischer Sicht auf den Grund und zeigt Symptome, Ursprünge, Umgang, Wege und Lösungen auf, wie mit ihnen richtig umzugehen ist.

Eine „Neurose“ ist eine psychosozial bedingte Gesundheitsstörung ohne nachweisbare organische Grundlage, eine krankhafte Störung der Erlebnisverarbeitung, eine Betriebsstörung des psychischen Apparates. Nicht gelöste Konflikte, meist aus der Kindheit, werden zum Problem und äußern sich in seelischen, psychosozialen oder körperlichen Krankheitszeichen. Obwohl das Verhalten des Betroffenen stark beeinträchtigt sein kann, bleibt es – im Allgemeinen – innerhalb sozial akzeptierter Grenzen. Die Persönlichkeit bleibt also erhalten. Die neurotischen Krankheitszeichen sind unmittelbare Folge oder symbolischer Ausdruck des krankmachenden seelischen Konfliktes, der aber unbewusst bleibt.

Neurotische Störungen zeigen sich durch auffallende, Mitmenschen beunruhigende Verhaltensweisen, Symptome oder Befindlichkeitsstörungen, deren Entstehung der Psychoanalytiker Sigmund Freud auf die Verdrängung von Triebwünschen zurückführt. Das auffallende Verhalten ist Symptom dafür, dass die Verdrängung nicht vollständig geglückt ist.

Der Neurotiker schleppt also einen nicht ausreichend verarbeiteten oder verdrängten Konflikt mit sich herum. Er will seine Mitmenschen mit seinen Symptomen auf sich aufmerksam machen und bittet sie um Hilfe. Diese reagieren aber meist mit Abwehr auf das auffallende, negative Verhalten des neurotischen Kranken.

Trieb-Abwehr-Konflikt

fotolia©Suprijono SuharjotoNeurotische Anteile hat jeder Mensch in sich. Der eine hat sie im Griff, der andere nicht. Wenn eine neurotische Störung Krankheitswert besitzt, haben sich die seelischen Mechanismen der Symptomentstehung verselbstständigt und sich dem Bewusstsein entzogen. Eine neurotische Störung hat auch fast immer einen lebensgeschichtlichen Bezug. Seit frühester Kindheit besteht in uns eine intrapsychische und unbewusste Konfliktkonstellation, die in der Auslösesituation durch Erhöhung der seelischen Spannung zur Symptombildung führt.

Merke: In der Spannung steckt immer ein (unbewusster) Trieb-Abwehr-Konflikt.

Symptome einer neurotischen Störung

Seelische Symptome: Angst, Depression, Zwangsgedanken/-handlungen

Emotionale Symptome: Spannungsgefühle, Stimmungsschwankungen, Schuldgefühle, gestörtes Selbstwertgefühl, allgemeine Ängstlichkeit, Unsicherheit, Schamgefühl, Probleme im zwischenmenschlichen Bereich, nachlassendes Leistungsverhalten

Körperliche Symptome: Schlafstörungen, sexuelle Störungen, Schmerzzustände

Auslöser einer neurotischen Störung

… sind bestimmte Belastungssituationen, äußere Lebensereignisse, wichtige Veränderungen im Leben. Das Ausmaß der Vorschädigung sowie die individuelle Persönlichkeitsstruktur bestimmen im Zusammenhang mit dem Lebensereignis im Zusammenspiel, ob der Mensch gesund bleibt oder ob er eine neurotische Störung entwickelt. In diesem Kampf spielen mehrere Faktoren eine Rolle: die individuellen Lebenserfahrungen, die inneren Kräfte, Abwehrmöglichkeiten, Kompensationsmechanismen, Kompetenzen, Ich-Stärke, soziale Umstände und das Vorhandenoder Nichtvorhandensein bestimmter Hilfs-/Unterstützungssysteme.

Dazu kommen:

  • Vererbte Bereitschaften: Temperamentslage, Empfindlichkeit, Triebhaftigkeit, Antriebsschwäche


  • Ungünstige Umwelteinflüsse: überstarke Bindung an einen Elternteil, mangelhafte Zuneigung durch die Umwelt, Einschüchterung, Entmutigung, Hemmungen, mangelnde Lernerfahrung, ungünstige Gesamtentwicklung


  • Charaktereigenschaften: Neigung, sich schnell zurückzuziehen und/oder emotionale Regungen zu verdrängen


  • Akute Belastungen: Versagungssituationen, biologische Krisenzeiten wie Pubertät, Nachpubertät, Wechseljahre, Rückbildungsalter


  • Konstitutionelle Faktoren: Entwicklungsverzögerungen, Befindlichkeitsstörungen, psychosomatisch interpretierbare Beschwerden

Die lange dominierende Vorstellung, dass ein einmaliges Ereignis in früher Kindheit für die spätere neurotische Entwicklung bestimmend sein müsse, wurde schon bald als nicht stichhaltig erkannt. Wichtiger erscheinen länger einwirkende Umwelteinflüsse, beispielsweise das Verhältnis zu Eltern, Geschwistern, weiteren Bezugspersonen, (Ehe-)Partnern sowie das Thema Erfolg oder Misserfolg im Beruf.

Diagnose „neurotische Störung”

Von einer neurotischen Störung spricht man, wenn folgende Bedingungen gegeben sind:

  • Die Beschwerden/Störungen beziehen sich sowohl in ihrem zeitlichen Auftreten als auch in ihrem verschlüsselten Beschwerdebild auf eine innere Konfliktsituation. Diese ist unbewusst, d. h. sie kann nicht ohne Weiteres durchschaut werden.


  • Neurotisch Kranke sind in ihrer Einstellung selbstunsicher, ängstlich und gehemmt. Charakteristisch ist ihre konflikthafte und ambivalente Einstellung zu anderen Menschen.


  • Es lässt sich eine Fixierung auf bestimmte infantile Komplexe feststellen, die die Entwicklung elementarer Lebensbereiche verhindert.

Abwehrmechanismen

Bei der Entstehung einer neurotischen Störung spielen auf der einen Seite bestimmte Triebimpulse, auf der anderen Seite Abwehrvorgänge eine Rolle, die diese Triebimpulse neutralisieren sollen. Abwehr ist die Gesamtheit der unbewussten psychischen Vorgänge, die vor gefürchteten oder verpönten Triebimpulsen oder Affekten (Stimmungen, Befindlichkeiten) schützen sollen.

Die wichtigsten Abwehrmechanismen sind:

Identifikation: Persönlichkeitseigenschaften anderer Personen werden sich selbst zu eigen gemacht.

Isolierung: Trennung von Inhalt und begleitenden Gefühlen. Damit werden bestimmte Gedanken von anderen Gedankenverknüpfungen isoliert und unschädlich gemacht.

Projektion: Eigene Konflikte oder Wünsche werden in die Außenwelt verschoben und dort kritisiert, ohne zu wissen, dass man eigentlich selbst gemeint ist.

Psychosoziale Abwehr: Handlungen, zu denen man andere anstiftet, die man sich selbst nicht getraut hat zu tun und sich damit entlastet.

Rationalisierung: Versuch, einem abgewehrten Beweggrund eine moralisch akzeptable Lösung zu geben.

Reaktionsbildung: Verkehrung ins Gegenteil, z.B. besonders freundliche Behandlung eines ungeliebten Menschen.

Regression: Wiederbelebung früherer Verhaltensweisen, Rückzug in frühere, harmonischere Zeiten.

Sublimierung: Triebimpulse werden umgewandelt in sozial, kulturell oder moralisch höher bewertete Formen dieser Aktivität. Eine Ersatzbetätigung.

Verdrängung: Peinliche Impulse, die von innen kommen, werden ins Unbewusste verdrängt.

Verschiebung: Aggressionen gegenüber einer bestimmten Person, gegen die man sich nicht getraut hat entsprechend aufzutreten, werden auf andere verschoben.

Wendung gegen das Selbst: Bestimmte negative Triebimpulse werden gegen die eigene Person gewendet.

Die neurotischen Störungen

Neurotische Depression/depressive Neurose:
Beruht auf einer depressiven Persönlichkeitsstruktur, die das Erleben und Verhalten bestimmt. Die häufigste Neurosenform (6 bis 8% der Allgemeinbevölkerung). Meist im mittleren Lebensalter, Frauen sind öfter betroffen.

Beschwerdebild: depressive Verstimmung, Minderwertigkeitsgefühle, Hemmungen, Gefühl von Hilf- und Hoffnungslosigkeit, Angst, Leistungseinbruch, vegetative Beeinträchtigungen (Müdigkeit). Selbsttötungsgefahr wenig ausgeprägt. Neigung zu wellenförmigem Verlauf mit Rückfall- und Chronifizierungsgefahr. Verschiedene Psychotherapie-Formen erfolgreich, zeitweise unterstützt durch (antidepressiv wirkende) Psychopharmaka.

Zwangsneurose:
Gepeinigt durch sich ständig aufdrängende Zwangsvorstellungen/-handlungen, die zwar als unsinnig empfunden werden, aber man ist machtlos dagegen. Häufig bei Menschen mit zwanghafter Persönlichkeitsstruktur. In der Bevölkerung zwischen 2 bis 4 %, Tendenz steigend; keine geschlechtsspezifischen Unterschiede.

Beschwerdebild: Zwangsgedanken und -handlungen, auf deren willentliche Unterlassung heftige Angstzustände folgen, deshalb die Neigung, den Zwängen nachzugeben. Heimliche Krankheit, da besonders schambesetzt und eine zeitlang gut zu tarnen, bis es schließlich zu ausgeprägten Beeinträchtigungen am Arbeitsplatz, im Freundes- und Bekanntenkreis kommt. Häufig Beginn schon in der Kindheit, Neigung zu langfristigem Verlauf. Je früher die Psychotherapie interveniert, desto günstiger.

Verhaltenstherapie, anschließend stützende Psychotherapie; nicht selten kombiniert mit antidepressiven Psychopharmaka.

Angstneurose

Generalisiertes Angstsyndrom:
Dauerhafte, mittel- bis längerfristige, unangemessene exzessive Befürchtungen. Diese ständige Sorgenbereitschaft ist nicht zu kontrollieren. Typisch sind ständig erhöhte Anspannung, Nervosität, Überwachheit und vegetative Beschwerden.

Paniksyndrom:
Plötzlicher schwerer Angstanfall ohne äußerlichen Anlass mit einer Vielzahl quälender körperlicher und seelischer Symptome sowie dem Gefühl, extremer Gefahr ausgesetzt zu sein. Angststörungen beeinträchtigen 7 bis 12 % der Bevölkerung, mehr Frauen als Männer. Unbehandelt Rückfall- und Chronifizierungsgefahr. Vorsicht vor Suchtentwicklung (verzweifelte Selbstbehandlungsversuche mit Alkohol und Medikamenten ohne ärztliche Kontrolle!). Im Laufe der Zeit depressive Begleitverstimmung.

Therapeutisch möglichst früh Psychotherapie und bestimmte Psychopharmaka, v. a. bei Panikattacken Antidepressiva.

Phobien:

Krankhafte Befürchtungen, die sich angesichts bestimmter Situationen oder Objekte aufdrängen, obwohl eine völlige oder teilweise intellektuelle Einsicht in ihre Unbegründetheit besteht.

Agoraphobie:
Vermeiden von Situationen, in denen es besonders unangenehm oder gefährlich sein könnte, einen Angstanfall zu bekommen. Auslöser sind individuell furchtbesetzte Situationen, z. B. Angst vor weiten Plätzen, Räumen, Tunneln, Fahrstühlen, Menschenmengen. Dazu kommt Angst vor der Angst.

Soziale Phobie:
Krankhafte Angst vor anderen Menschen. Auslöser sind zwischenmenschliche Situationen. Besonders beeinträchtigend sind Furcht vor der Bewertung durch Andere, Angst zu versagen und gedemütigt zu werden. Dadurch ausgeprägte Erwartungsangst, Vermeidungs- und Rückzugstendenzen. Isolationsgefahr!

Spezifische Phobien:
Exzessive, unangenehme, aber nicht unüberwindbare Furcht vor bestimmten Situationen, Gegenständen, Lebewesen, z. B. Türmen, Gewittern, Dunkelheit, Flugreisen, Tieren, Blut. Folge: Erwartungsangst, Vermeidungstendenz, Rückzugs- und Isolationsgefahr.

Phobien sprechen gut auf verhaltenstherapeutische Verfahren an, v. a. die Systematische Desensibilisierung.

Hysterische Neurose/dissoziative Störung:
Grundlage ist eine hysterische Persönlichkeitsstruktur mit typischen Konversionssymptomen, die v. a. an der willkürlichen Muskulatur und an den Sinnesorganen ansetzen. Zusammengehörige Denk-, Handlungs- und Verhaltensabläufe zerfallen und werden der willentlichen Kontrolle entzogen.

Behandlung und Therapie

Neurotische Störungen können in leichteren Fällen ggf. in eigener Initiative, in mittelschweren Fällen schon nicht mehr und in schweren Fällen nur mit einer professionellen psychotherapeutischen Behandlung gelindert oder gar behoben werden.

Die wichtigsten Verfahren

  • Verhaltenstherapie: Systematische Desensibilisierung, Reizkonfrontation, Training sozialer Kompetenz, Kommunikations- und Problemlösungs-Training


  • Zudeckende Psychotherapie: psychagogische, direkte, suggestive, Ich-stärkende Verfahren, Hypnose


  • Aufdeckende Psychotherapie: vertiefte Erhebung der Vorgeschichte, therapeutisches Gespräch, analytische Kurztherapie, Psychoanalyse, Humanistische Psychotherapie, Logotherapie


  • Entspannungsmethoden: Autogenes Training, Yoga, Progressive Muskelentspannung, Biofeedback


  • Katathymes Bilderleben


  • Gesprächspsychotherapie


  • Spiel- und Aktivitätstherapie: Musiktherapie, Ergotherapie, spielerische Verfahren


  • Rollenspiel, Psychodrama, Gestalttherapie, kognitive Therapie, bildnerische Verfahren (Zeichnen, Malen, Modellieren)

Mit einer Psychotherapie kann man der Neurosen-Ursache auf den Grund gehen, das Problem an der Wurzel packen und erfolgreich therapieren.

Neurotische Störungen können auch medikamentös behandelt werden. Serotonin-Wiederaufnahmehemmer z. B. gleichen das Ungleichgewicht im System der Botenstoffe aus. Auch Clomipramin, Fluoxetin, Fluspi und Sulpirid können vorübergehende Erleichterung bewirken. In manchen Fällen sind auch Maßnahmen zur gesellschaftlichen Wiedereingliederung erforderlich.

Grundsätzlich ist aber zu bedenken, dass Medikamente lediglich die Neurosen-Symptome unterdrücken, sie therapieren aber nicht die Ursache der Neurose! Daher ist eine Psychotherapie deutlich empfehlenswerter und auch erfolgreicher!

Abbas Schirmohammadi Abbas Schirmohammadi
Heilpraktiker für Psychotherapie (Mitglied im VFP), Personality Coach, Psychologischer Management-Trainer und Mediator. Der ehemalige TV-Moderator ist seit vielen Jahren Dozent der Deutschen Paracelsus Schulen und Buchautor. Seine Bücher:
Der ultimative „Coaching für Paare“-Ratgeber
Der ultimative „Coaching für Singles“-Ratgeber
Das ultimative „Sprücheklopfer“-Buch
Das Erfolgsbuch Das Leben ist ein Skandal! 2 Männer – 2 Meinungen
Sprücheklopfer reloaded – Psychologie & Philosophie für jedermann
www.abbas-schirmohammadi.de
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