„Kurs finden 50plus“ – eine gelungene Alternative

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Seit Januar 2010 kooperiert die Arbeits(losen)- verwaltung (heute: Jobcenter) in und um Augsburg im Rahmen der „Beschäftigungsinitiative Süd“ und unter dem oben genannten Projekttitel mit der ansässigen Volkshochschule. Dabei geht es um hohe Ziele: Ältere Menschen (50 plus), die in mehr oder weniger aussichtloser Lebenslage weder Arbeit haben noch ohne Weiteres in der Lage sind, Arbeit zu finden (weil dem zahllose Vermittlungshemmnisse entgegenstehen), zur selbstverantwortlichen Neu- oder Umstrukturierung ihrer Biografie zu befähigen – natürlich auch, um bei einigen Betroffenen eine Eingliederung in den Arbeitsmarkt zu erreichen. Der Arbeitsverwaltung erscheint ein Anteil von etwa10% wünschenswert. Zu den spezifischen Grundlagen des Auftrags gehören eine intensive Anleitung und Begleitung zur Selbstexploration informell erworbener Lebensfertigkeiten und Kompetenzen (mittels „ProfilPass“), die Förderung von (Selbst-)Wertschätzung und (Selbst-)Akzeptanz, Eigenverantwortung und Dialogfähigkeit, Unterstützung im Bestreben um angemessene Selbstorganisation und organisatorische Hilfen bei der Bewältigung widriger äußerer Umstände, jedenfalls dort, wo die Selbstorganisation noch nicht greift. Meine Frage als Gestalttherapeut (HPG) war dabei, ob und wie weit sich meine Haltung, meine Kenntnisse und Erfahrungen sowie Ansätze einer humanistischen Psychotherapie in diesem Projekt einbringen und realisieren lassen.

Alle Beteiligten sind mehr als zufrieden

fotolia©ArToIn der Freien Psychotherapie 03/2010 sind die hierfür eingesetzten Mittel, die Struktur und die Zielgruppe des Projektes detailliert beschrieben worden. Heute geht es um eine erste Bilanz. Kurz: Alle Beteiligten sind mehr als zufrieden. Ein großer Teil unserer Klienten wirkt gelöst und ist aktiv (teilweise auch als Honorardozenten an der VHS oder als Tutoren im laufenden Projekt), einige Klienten haben sich in längst überfällige medizinische und zahnmedizinische Behandlungen begeben, ihren aufgeschobenen Rentenantrag gestellt, eine (kassenärztlich finanzierte) Psychotherapie begonnen oder sich hier dafür geöffnet und auf mich eingelassen, unbefriedigende Verhaltensweisen korrigiert und bessere Alternativen entdeckt. Viele Klienten haben neue Aufgaben (z. B. in Ehrenämtern) und Arbeit gefunden, andere lösen sich von ihren drückenden Schulden durch Inanspruchnahme des privaten Insolvenzverfahrens. Nur wenige Teilnehmer sind dort stehen geblieben, wo sie bei Projektbeginn zwischen Januar und März 2010 verharrten.

Die Arbeits(losen)verwaltung sieht sich einem Ergebnis gegenüber, das nahezu doppelt so gut ist wie erhofft – und hat eine Fortsetzung über eine Laufzeit von weiteren fünf Jahren und einen Transfer des Projektes an die Volkshochschulen Ulm, Kempten und Weilheim gefordert und beauftragt.

fotolia©ArToHinsichtlich der Akzeptanz meiner Arbeit darf ich mir heute sicher sein, dass sie von meinen unmittelbaren Kollegen und dem Leiter der VHS geschätzt, von der beteiligten Förderagentur und dem strategischen Führungspersonal der Jobcenter gewollt und zugelassen wird. Die offene Struktur des Projektes und die insbesondere im Rahmen meiner Arbeit zu Tage tretenden Ergebnisse lassen sich allerdings nicht ohne Weiteres dokumentieren. Dem stehen ethische Werte, moralische Verpflichtungen und gesetzliche Vorschriften gegenüber. Um Inhalt und Form der Dokumentationen wird daher unter den beteiligten Instanzen und Personen gerungen. Die Anpassung an das vorhandene Regelwerk – das eben doch noch ziel- und vermittlungsorientiert ist – fällt schwer. Ich arbeite aus ganzheitlichem Denken und Fühlen und sehe in erster Linie die Prozesse, die meine Klienten durchlaufen, unabhängig von ihrer unmittelbaren Arbeitsmarktrelevanz. Und da spielen Vertrauen und Vertraulichkeit, Ergebnisoffenheit, Akzeptanz und Würdigung bisheriger Lebensweisen (auch wenn das manchmal schwerfällt), vor allem aber auch Zeit und freie Handlungsräume sowohl für mich als auch für meine Klienten die Hauptrollen.

Das Konzept ist auf operativer Ebene noch nicht bei allen Behördenmitarbeitern angekommen. Das sorgt manchmal für Reibung und Diskussion bzw. Verunsicherung auf beiden Seiten. Aber auch das ist ein Prozess.

Drei exemplarische Fälle

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Markus F., Lagerist, seit vielen Jahren arbeitslos, trockener Alkoholiker mit zahlreichen Folgesymptomen (u. a. Polyneuropathie und Morbus Crohn) erscheint im Januar 2010 zur Aufnahme in unserem Projekt und formuliert die schöne Frage, ob unser Projekt wohl zur „ultimativen Einäscherung“ aller weiteren Ambitionen gedacht sei. Schlechte Erfahrungen in zurückliegenden Regelmaßnahmen liefern hierfür das Muster.

Im Anschluss an eine intensive Phase der Selbstexploration (u. a. mit dem „ProfilPass“) und in Gesprächen öffnet er sich und berichtet von seinem Hobby, der Herstellung von Gewächshäusern in Tiffany-Technik für die Fensterbank. Mein Angebot, diese Technik im Rahmen eines VHS-Seminars anderen Projektteilnehmern vorzustellen und zu vermitteln, nimmt er zögerlich, aber grundsätzlich gerne an. Aber er erleidet infolge einer Prostataoperation im April, zu deren Nachsorge die Krankenhausärzte Benzodiazepine verschreiben, einen Rückfall in die Suchtgefährdung. Depressionen und Angstzustände überlagern die weitere persönliche Entwicklung für die Dauer von gut zwei Monaten. Gerne kommt Herr F. aber weiter zu unseren gemeinsamen Sitzungen und lässt sich auch zu einem psychologischen Psychotherapeuten vermitteln, wo seiner Suchtgefährdung intensiv entgegengewirkt wird. Darüber hinaus besucht er ein externes Gruppenseminar für entsprechend gefährdete Suchtopfer. Im Rahmen unserer Arbeit formuliert Markus F. bald den Wunsch, selber in der Alkoholikerrehabilitation tätig zu werden, und findet infolge wiedergewonnener Motivation zwei junge Männer, die er in einer Freiwilligenorganisation ehrenamtlich betreut. Im Oktober 2010 wünscht er sich Unterstützung bei der Wiederaufnahme einer Arbeit als Lagerist/ Gabelstaplerfahrer und bedankt sich für meine bisherige Tätigkeit mit einem Tiffany- Gewächshaus für das Büro – er hatte nach wochenlanger Depression sein Hobby wieder aufgenommen und hier eine Anlaufstelle gefunden, wo seine wechselnden Gefühlslagen Würdigung und Akzeptanz gefunden hatten. Ich habe mich über die Geste sehr gefreut.

Wenige Tage später berichtet Herr F., er habe seinen Gabelstapler-Führerschein neu erworben und sei bei einer Firma vorstellig geworden, wo er u. a. auch offen seine Alkoholiker-Vergangenheit angesprochen habe. Markus F. wurde zum ersten November 2010 in ein festes und unbefristetes Arbeitsverhältnis im Wunschberuf übernommen und ist bis heute dort tätig.

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Gerlinde M., Produktionshelferin, seit mehr als zwei Jahren arbeitslos, posttraumatische Belastungsstörung nach Unfalltod ihres Mannes, schwere depressive Episoden und suizidgefährdet bei Aufnahme in das Projekt, sexueller Missbrauch durch den Vater, mehrfach Opfer von Gewaltausbrüchen ihres Lebensgefährten im Projektverlauf. Mehrere Versuche, Frau M. bei kassenärztlich zugelassenen Kollegen extern unterzubringen, scheitern, da diese nach dem Erstgespräch die Kooperationsbereitschaft der Frau M. bezweifeln bzw. eine Unterbringung im psychiatrischen Krankenhaus anraten. Diese Alternative findet bei Gerlinde M. jedoch keine Resonanz. Meine Aufgabe bestand daher zunächst darin, Frau M. bei der Bewältigung ihrer aktuellen Krise im Zusammenhang der Projektaufnahme, des Todestages ihres Mannes und dem ihrer Mutter (alle Termine in der gleichen Woche) zu unterstützen. Im April 2010 lade ich Frau M. daher wöchentlich mehrfach zu kurzen Gesprächen ein, die eine kleinschrittige Planung der jeweils nächsten 48 Stunden zum Thema haben. Ihre Katzen, ihr Garten und letztlich auch Strategien zur Vermeidung von Auseinandersetzungen mit ihrem jetzigen Lebensgefährten sind hierfür geeignete Themen. Frau M. bucht eine Reihe von VHS-Kursen zur Herstellung einer Tagesstruktur und beginnt in den bald auf den „normalen“ 2-Wochen-Rhythmus reduzierten Gesprächsterminen ausführlich über ihr Leben zu erzählen. Tatsächlich bleibt es über lange Zeit hinweg bei einem „Erzählen über“ – aber das schafft Luft und Vertrauen und Ausgleich zu den lebensgefährdenden Situationen, denen sie sich immer wieder ausgesetzt sieht.

Mehrere Gewaltausbrüche ihres zwischenzeitlich in Polizeigewahrsam genommenen Lebensgefährten enden mit Knochenbrüchen, Prellungen und Schnittwunden. Ihr bester Freund verunglückt tödlich, eine Katze wird überfahren, ihr ältester Sohn des sexuellen Missbrauchs seiner Tochter angeklagt – und mangels Beweisen freigesprochen. Frau M. rettet sich in ihre Kursarbeit bei der VHS (Englisch, Vorträge zur Geschichte, Buchführung und PC), in Planungen zu einer langfristigen Fortbildung über einen Fernlehrgang und bittet mich um Aufbewahrung eines wertvollen Schmuckstücks – als Anker, wie sie mir später bestätigt. Ich deponiere den Ring in ihrem Beisein in einer Schublade in unserem Besprechungstisch – nicht ohne ihn zuvor in ein Stoffsäckchen zu stecken und entsprechend zu beschriften. Sie zieht um, lässt sich von ihrem Bruder auf eine Auslandsreise einladen und kommt mit dem festen Willen zurück, „von vorne anzufangen“.

In unseren Gesprächen geht langsam ihre innere Auseinandersetzung mit dem Tod und ihren Schuldgefühlen los sowie mit dem sexuellen Missbrauch durch den Vater und der aktuellen Parallele im Leben ihres Sohnes. Sie öffnet sich einer vertieften Trauerarbeit bei einer externen Selbsthilfegruppe und meldet sich zum Fernlehrgang „Mittlere Reife“ an, den ihr ihr Bruder finanziert. Im Herbst 2010 bilanziert sie die gemeinsame Arbeit hier mit den Worten: „Ich habe gelernt, Hilfe anzunehmen“. Sie lässt in den Monaten Juni bis September ihre zuvor katastrophal vernachlässigten Zähne behandeln, färbt sich die Haare und kleidet sich (unangemessen) extravagant – eine Praxis, die sie in der Folge aber wieder ein Stück weit zurücknimmt. Sie lernt, Freizeit zu definieren und diese zu nutzen, z. B. ins Schwimmbad zu gehen, spazieren zu gehen und Ausflüge zu machen, und teilt mir im Januar 2011 mit, dass sie sich erfolgreich um eine Stelle als Produktionshelferin beworben habe. Sie fange am kommenden Montag in Vollzeit damit an.

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Marion G., Sozialpädagogin und Krankenschwester, rezidivierende depressive Episoden, Schlafstörungen, sozialer Rückzug nach Burnout, Mobbing und Umzug von Norddeutschland nach Augsburg, körperliche Symptome, die die Rückkehr in den Krankenschwester-Beruf unmöglich machen; der Wiederaufnahme einer Tätigkeit als Sozialpädagogin steht ihr verlorenes Selbstbewusstsein entgegen, da sie fast 20 Jahre nicht in diesem Beruf tätig gewesen ist. Zu Beginn unserer gemeinsamen Arbeit schildert sie ihre innere Leere, Orientierungsschwäche hinsichtlich eines neuen Anfangs und große Einsamkeit. Frau G. interessiert sich für eine Gestalttherapie, die unter den gegebenen Umständen jedoch extern nicht finanzierbar ist. Daher übernehme ich Frau G. in eine therapeutisch vertiefte Beratung und biete ihr unter anderem die Teilnahme an meinen Wochenendseminaren: „Zu viel und zu wenig. Übungen zum guten Umgang mit Kontakt und Grenzen“ sowie „Die Angst ist eine Kraft. Übungen zum friedlichen Umgang mit Furcht und Angst“ an.

Gruppenseminar im AllgäuAn beiden Seminaren nimmt sie unter Aufbietung ihrer Energiereserven teil und durchläuft die angesprochenen Prozesse zur verbesserten Wahrnehmung ihres Selbstkontaktes und zur Akzeptanz von Furcht und Angst sichtlich bewegt. Am Ende der beiden Wochenenden schildert sie Wehmut und den Wunsch, diese (Gruppen-)Arbeit fortzusetzen. Infolge dieser Erfahrungen öffnet sich Marion G. auch in den folgenden Gesprächen mit mir und lässt sich nicht nur gelegentlich auf therapeutische Interventionen ein, sondern beginnt auch, diese zu fordern. Darüber hinaus schildert sie ihr Bedauern, dass sie ihre eigene Lebens- und Berufserfahrung in der bestehenden Lebenssituation nicht weitergeben könne. Innerhalb des zunächst angesetzten Projektjahrs scheint eine abschließende Lösung für Frau G. nicht realisierbar, weshalb ich mit dem zuständigen Mitarbeiter des Jobcenters eine Verlängerung für sie vereinbare. Außerdem bitte ich Frau G., mir bei der Aufnahme der neuen Klienten ab Mitte Januar 2011 und bei der Durchführung der ProfilPassgestützten Selbstexplorationsarbeit zu helfen. Diesen Vorschlag nimmt sie zögerlich, aber sichtlich berührt an. Marion G. wird derzeit als ProfilPass-Assisstentin im Rahmen eines Tutoriats eingesetzt und leitet eine Arbeitsgruppe mit ersten Gesprächen rund um die persönlichen und sozialen Widrigkeiten, die die neuen Klienten belasten. Sie erhält im März eine Ausbildung als ProfilPass-Beraterin und macht ihre Arbeit sichtlich gerne und mit fortschreitendem Mut. Das Feedback der neu aufgenommenen Klienten ist durchweg positiv.

2011-01-50plus8Fazit

Meine Fragestellung, ob und wie weit gestalttherapeutische Arbeit in einem institutionalisierten Langzeitarbeitslosenprojekt unter Berücksichtigung der Rahmenbedingungen und der Intentionen des Auftraggebers möglich ist, kann ich heute mit einem klaren Ja beantworten, auch wenn es in Ausnahmefällen Abstimmungsbedarf gegeben hat. Ich habe im vergangenen Jahr 45 Klienten betreut und mit ihnen ca. 1.000 Stunden in Einzelsitzungen verbracht. Außerdem habe ich zwei gut besuchte Wochenendseminare durchgeführt und zusammen mit anderen Beratern einige Veranstaltungen, die dem Projekt auch nach außen hin Gestalt gegeben haben. Unser Projekt ist von den „reisenden Reportern“ im Auftrag der GSUB (Gesellschaft für soziale Unternehmensberatung, die ihrerseits im Auftrag verschiedener Ministerien tätig ist) unter dem Titel „Offenheit zahlt sich aus“ als eines der „Best Practice“-Beispiele in Deutschland beschrieben und publiziert worden.

Meine Haltung „auf gleicher Augenhöhe“, mein Bemühen um (Veränderung durch) Akzeptanz, meine therapeutischen Interventionen zur Stärkung der Wahrnehmung und des Bewusstseins für Prozesse im „Hier und Jetzt“, gelegentliche Arbeiten mit Identifikationen und dem „leeren Stuhl“ sind ebenso angenommen worden wie mein Angebot zum ehrlichen Dialog – wenn der auch manchmal Frustrationen nach sich gezogen hat - sowie meine gelegentlich vorgetragenen Kenntnisse aus dem Bereich der Gestalttheorie, auf ein Mindestmaß reduziert. Ich bin gespannt, ob sich dieser Ansatz in den Folgejahren noch vertiefen und modifizieren lässt. Schon jetzt habe ich infolge der Nachfrage für das laufende Jahr vier Wochenendseminare angeboten: zusätzlich zu den bisherigen noch zu den Themen „Übungen zum bewussten Umgang mit Wertschätzung und Akzeptanz“ und „Übungen zum nützlichen Umgang mit Wut und Aggression“.

Dr. phil. Jürgen KüsterDr. phil. Jürgen Küster
Jahrgang 1958. Nach dem Studium der Germanistik und Volkskunde zunächst in Deutschland, dann mehr als 10 Jahre Lehrtätigkeit in Griechenland. Dort im „Nebenberuf“ mit dem Aufbau einer Bergbauernexistenz auf der Insel Lefkada beschäftigt. Rückkehr nach Deutschland 1996. Jahrelange Tätigkeit als Lehrer für „Deutsch als Fremdsprache/Deutsch als Zweitsprache“, Leitung von Integrationskursen, Aktivierungsseminare für Langzeitarbeitslose, Deutschunterricht für sozial benachteiligte Jugendliche. Schwerpunkt auch immer wieder die Arbeit an der Schnittstelle Sprache/Beruf/Migranten. Ausbildung in Humanistischer Psychotherapie/Gestalttherapie seit 2005. Heilpraktiker für Psychotherapie. Er lebt und arbeitet im Augsburger Stadtteil Spickel.
www.jkuester.de