Dünnhäutig sein ... oder das „Phänomen“ Hochsensibilität HSP

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Der Begriff „Sensibilität“ hat seinen Ursprung im Lateinischen – „sensibilis“ bedeutet übersetzt einfach „empfinden können“, doch so neutral wird das Wort inzwischen meist leider nicht mehr benutzt. Sensibel zu sein bedeutet für die meisten Menschen, empfindlich zu sein, mimosenhaft, nicht belastbar – und dies hat einen sehr negativen Beigeschmack. Und doch ist unsere Sensibilität (über-)lebensnotwendig: Wie wäre ein Leben ohne das Hören, Schmecken, Riechen, Sehen und Fühlen? So ist simpel betrachtet jeder von uns sensibel. Und doch gibt es Menschen, die stärker sensibel sind, sog. Hochsensible (HSP = High Sensitive Person).

Hochsensibilität ist ein relativ neuer Begriff – jedoch kein neues Thema in der Psychologie. Bereits Ivan Pawlow beschäftigte sich mit der menschlichen Empfindsamkeit. Er setzte Versuchspersonen Lärm aus und stellte fest, dass einige Lärm besser verarbeiteten, während andere schon viel früher Probleme damit hatten, „dichtmachten“ und z. T. sogar bewusstlos wurden. Das Interessante daran ist, dass es keine fließenden Übergänge gab, die Versuchspersonen konnten in 2 Gruppen unterteilt werden: Die weniger Sensiblen und die stärker Sensiblen. Pawlow ging bereits damals davon aus, dass diese gesteigerte Empfindsamkeit erblich sei.

fotolia©Torsten SchonDer Terminus „Hochsensibilität“ wurde erstmals 1997 von der US-amerikanischen Psychologin Elaine Aron genannt. Er bezeichnet ein Phänomen, bei dem die Betroffenen auf Reize jeglicher Art stärker reagieren und demzufolge auch leichter eine „Überstimulation“ auftritt. Es gibt unterschiedliche Angaben über den prozentualen Anteil der Bevölkerung an Hochsensiblen, meist wird er mit etwa 20% angegeben. Entgegen vielen Meinungen sind Männer und Frauen gleichermaßen betroffen, allerdings haben es die Männer in der heutigen Gesellschaft mit dem klassischen Rollenbild des „starken, unempfindlichen Mannes“ meist schwerer, sich mit dem Begriff der Hochsensibilität zu identifizieren.

Es wird vermutet, dass Hochsensibilität angeboren ist. So ist es zu erklären, dass es Säuglinge gibt, die stärker auf äußere Reize reagieren – mit allen Zeichen von Stressauswirkung, wie einer erhöhten Herzfrequenz, geweiteten Pupillen und einem erhöhten Cortisolspiegel im Blut.

Das menschliche Nervensystem verfügt über Reizfilter, um nicht übererregt zu werden. So ist es zu erklären, dass Menschen sich an eine andauernde Geräuschkulisse wie z.B. eine befahrene Straße gewöhnen – das Nervensystem filtert diesen Reiz heraus und somit wird er nicht als störend empfunden. Ab einem individuellen Schwellenwert an Stress – ob durch Lärm oder andere Faktoren, reagiert der Körper darauf. Er schüttet Stresshormone aus, die u.a. eine Erhöhung des Pulses und Blutdruckes auslösen. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass reizoffenere Menschen wie die Hochsensiblen ein höheres Stressniveau haben.

fotolia©Torsten SchonGerade in der heutigen Zeit haben es HSP deshalb nicht gerade einfach, weder als Kind noch als Erwachsener: der Stress, die Hektik und die erhöhten Anforderungen unserer Umwelt sowie steigende Lautstärkepegel und Luftverschmutzung bringen das sensible Nervenkostüm leider nur allzu oft aus dem Konzept.

Dabei ist natürlich auch Hochsensibilität ein sehr individuelles Geschehen: während der eine sehr stark auf Geräusche reagiert, ist bei einem anderen HSP der Geruchssinn besonders stark ausgeprägt; ein anderer wiederum spricht besonders stark auf visuelle Reize oder auf Berührungen an. Oft sind mehrere Sinne gleichzeitig betroffen.

In einigen Punkten sind sich alle Hochsensiblen jedoch sehr ähnlich:

  • Verstärkte Wahrnehmung für Gerüche, Geräusche, visuelle Reize oder Berührungen.
  • Stressanfälligkeit: Durch die fehlenden Filter entsteht Stress schneller und hält auch länger an. Hierdurch begünstigt sich auch die Anfälligkeit für Stresskrankheiten.
  • Erhöhte Schmerzempfindlichkeit; diese kann auch auf einzelne Körperpartien bezogen sein, oft ist z. B. der Kopf betroffen.
  • Stärkere Reaktion auf Medikamente und Stimulanzien wie Kaffee, Alkohol und Nikotin.
  • Leistungsdruck: Aufgrund ihrer Genauigkeit und ihres Perfektionismus haben Hochsensible einen meist selbst auferlegten, erhöhten Leistungsdruck und dies führt wiederum zu Stress.

Hochsensibilität ist jedoch viel mehr und so kommen für den Hochsensiblen auch positive Effekte hinzu:

  • Interesse, Verständnis und Genießen schöner Dinge wie Natur, Kunst und Musik.
  • Länger anhaltende Begeisterungsfähigkeit für viele interessante Dinge. Hieraus resultiert auch, dass viele HSP ihr Hobby zum Beruf machen.
  • Einfühlsamkeit und Mitgefühl: Hochsensible sind einfühlsame Mitmenschen, die auch unausgesprochene Gedanken erfühlen und in Worte fassen können. Dadurch sind sie auch gute Zuhörer und Berater.
  • Die Intuition ist meist stark ausgeprägt und befähigt Hochsensible dazu, Entscheidungen mit einem guten Gefühl treffen zu können.
  • Hochsensible können auch die Stimmung anderer erfühlen und sich hierdurch auf viele Dinge besser einstellen, noch bevor diese zur Sprache kommen.
  • Gewissenhaftigkeit, Denken in größeren Zusammenhängen und strukturiertes Arbeiten führen dazu, dass Hochsensible wertvolle Mitarbeiter und Teamkollegen darstellen.

fotolia©Torsten SchonEs ist also bei Weitem nicht als negativ anzusehen, hochsensibel zu sein. Schwierigkeiten ergeben sich meist dann, wenn ein Hochsensibler noch nichts von seiner Hochsensibilität weiß bzw. nicht damit umzugehen weiß. Doch wie findet man heraus, ob man hochsensibel ist?

Dazu gibt es einige Tests – auf diese allein sollte man sich jedoch eher nicht verlassen, sondern besser in Gesprächen und Selbstreflexion herausfinden, ob man mit dem Terminus „Hochsensibilität“ etwas anfangen kann und wie sich dieser anfühlt. Die meisten Hochsensiblen, die ich in meiner Praxis betreue, wussten im gemeinsamen Gespräch sofort, dass sie hochsensibel sind. Sie empfanden sich schon immer als „anders“ und durch das Sprechen darüber erkannten sie sich selbst als hochsensibel.

Der zweite Schritt ist dann, damit umgehen zu lernen, z. B. mit diversen Entspannungstechniken. Hier haben sich aus meiner persönlichen Erfahrung einige Techniken als besonders wirksam herausgestellt, je nach Temperament: progressive Muskelrelaxation nach Jacobson, Meditation, autogenes Training, Yoga oder Reiki – wichtig ist, dass HSP sich selbst in stressigen Situationen helfen können. Zusätzlich haben sich Bachblüten, Homöopathika und Phytotherapeutika als „Notfallmedikation“ in besonders stressreichen Lebensphasen als hilfreich erwiesen.

Ein strukturierter Tagesablauf ist für hochsensible Menschen meist ebenso wichtig wie eine Möglichkeit, ihre Gaben und Talente zu verwirklichen. So habe ich Klientinnen und Klienten erlebt, die Bücher geschrieben haben, wunderschöne Bilder malen oder Musik machen.

Hier ein Fallbeispiel aus meiner Praxis:

Frau M. kommt zum Erstgespräch. Bereits bei der telefonischen Terminvereinbarung merkt sie an, dass sie sehr geräuschempfindlich sei, und fragt, wie laut es in meiner Praxis sei. Als ich ihr erkläre, dass mein Zimmer aufgrund meiner eigenen Hochsensibilität ruhig gelegen sei, ist sie beruhigt.

Zum Termin erscheint Frau M. 30 Minuten früher als vereinbart und erklärt mir, dass sie gerne ein wenig früher komme und lieber dann vor Ort warten würde, weil sie sich sonst gehetzt fühle.

Sie berichtet, dass sie laut den Aussagen ihrer Eltern schon als Säugling „sehr empfindlich“ gewesen sei, vor allem auf laute Geräusche und hektische Bewegungen hätte sie sehr reagiert und auch lange nicht durchgeschlafen. In der Kindheit und im Jugendalter hätte sie als schüchtern und verschlossen gegolten. Oft hätten ihr Mitschüler, Freunde, Eltern und Lehrer gesagt, sie sei „wie eine Mimose“. Sie hätte dies mit den Jahren als Charakterzug abgetan, ebenso wie ihre Abneigung gegen Lärm jeglicher Art und ihre Fähigkeit, sich schnell in andere Menschen einzufühlen, sowie ihre Liebe zur Kunst.

Frau M. ließ sich nach der Schule zur Heilerziehungspflegerin ausbilden. Als ich sie frage, ob sie denn damals nicht Angst vor dem Lärm der Kinder gehabt hätte, erwidert sie: „Nein, bei Kindern ist das für mich etwas anderes, da kann ich vieles aushalten. Außerdem hätte ich sonst wieder als überempfindlich dagestanden.“

Sie arbeitete in den nachfolgenden Jahren in verschiedenen Einrichtungen mit körperlich und geistig behinderten Kindern und Jugendlichen, was ihr zwar viel Freude bereitete, sie aber auch immer stärker auslaugte. Sie kam abends nicht mehr zur Ruhe, wurde nervös und gereizt. So kam sie dann Ende 2009 zu mir, nachdem sie ihre „Schwächen“, wie sie sie selbst nannte, im Internet eingegeben und auf die Internetseite von hochsensibel.org gestoßen war. Sie hatte sich eingelesen und in vielen Punkten wiedererkannt. Dort hatte sie auch meine Adresse gefunden.

Auf Nachfragen gab sie an, keinen Kaffee zu vertragen und auch keine chemischen Medikamente mehr einzunehmen, da sie oft unter der verstärkten Wirkung bzw. Nebenwirkungen zu leiden hätte. Sie hätte mit Lärm jeder Art Schwierigkeiten, inzwischen auch mit dem Lärm der Kinder. Sie konnte nicht mehr richtig schlafen, schwitzte stark und hatte einen erhöhten Puls und Blutdruck.

Ich teilte ihr mit, dass sie meiner Meinung nach hochsensibel sei, und erläuterte ihr die verschiedenen Techniken zur Entspannung, nannte ihr auch die positiven Aspekte der Hochsensibilität. Ich bot ihr an, ihr eine auf sie speziell zugeschnittene Bachblütenmischung für Notfälle zusammenzustellen, die sie sich in der Apotheke besorgen wollte. Und ich gab ihr Infomaterial zu den verschiedenen Entspannungstechniken mit nach Hause.

Bei unserem zweiten Gespräch wirkte Frau M. schon sichtlich entspannter. Sie gab an, dass sie sich nach unserem Gespräch gefühlt hätte, als „würde sie nach Hause kommen“. Plötzlich ergab alles für sie einen Sinn. Sie wollte gerne eine Reiki-Behandlung, welche sie bei mir erhielt. Dies begeisterte sie so sehr – die tiefe Entspannung, das ruhige Atmen – dass sie 2010 einen Reiki-Kurs bei mir besuchte, um sich selbst jederzeit helfen zu können. Ihre Bachblütenmischung hat sie immer dabei, falls etwas völlig Unerwartetes über sie hereinbricht. Dann nimmt sie die Bachblüten wie ihr empfohlen und innerhalb weniger Minuten sinke der Stresspegel ab und sie sei wieder ruhig.

Vor ca. zwei Monaten telefonierte ich das letzte Mal mit Frau M. Sie macht regelmäßig Reiki-Behandlungen bei sich selbst, nimmt wie oben beschrieben ihre Bachblüten im Notfall, besucht am Wochenende einen Yogakurs und hat wieder begonnen zu malen. Sie malt ihre Gefühle, ihre Stimmung, ihre Gedanken in wunderschöne farbenprächtige Bilder.

Frau M. arbeitet immer noch mit Kindern und hat wieder Freude daran. Sie fühlt sich laut eigenen Aussagen nur noch selten „vom Lärm überwältigt und wenn, dann hätte sie ja das Handwerkszeug, um den Stress wieder abzubauen“.

So hat jede Medaille zwei Seiten. Es ist wichtig, auch die helle Seite zu betrachten, denn sie eröffnet ebenfalls viele Möglichkeiten.

Die Quintessenz der Hochsensibilität ist für mich: „Ich bin nicht besser oder schlechter – ich bin einfach nur anders. Und das ist gut so.“

Sabine Forster Sabine Forster
Jahrgang 1978. Schulmedizinische Ausbildung und Arbeit in Praxen und Kliniken, nachfolgend Ausbildung zur Heilpraktikerin. Eigene Praxis in München, Schwerpunkte: Hochsensibilität, Psychosomatik, Energetische Medizin.
www.praxis-für-naturheilkunde.net